Dienstag, 11. April 2017

Saint Etienne: Nichts verlernt [Update]

Humor und Eleganz, wo geht das besser zusammen als in der britischen Hauptstadt: Das Trio Saint Etienne verbindet diese beiden Eigenschaften seit über einem Vierteljahrhundert auf das vorzüglichste, gepaart natürlich mit maximaler Tanzbarkeit. Da das letzte Album "Words And Music By Saint Etienne" nun auch schon wieder fünf Jahre zurückliegt, dürfen wir uns um so ausgiebiger auf ein Lebenszeichen freuen - für den 2. Juni ist eine neue Platte mit dem Titel "Home Counties" via Heavenly Recordings angekündigt und Cover, Presseshots und erste Single "Heather" beweisen, daß keine ihrer lobenswerten Eigenschaften verloren gegangen ist. "Manufactured in East Germany", "Skilled musicians with over twenty five years experience", "Records are your best entertainment value", so lauten ein paar der stilisierten Aufkleber des Covers und schon dafür muß man sie lieben.

Update: Und auch Vorauskopplung Nummer zwei groovt schön - "Magpie Eyes".

Timber Timbre: Menetekel

Timber Timbre
„Sincerely, Future Pollution“

(City Slang)

Was für ein wunderbarer Satz! Da hatte sich Taylor Kirk für eine aktuelle Lagebesprechung mit dem Netzportal NPR zusammengesetzt und auf die Frage nach der Grundstimmung des neuen, mittlerweile sechsten Albums geantwortet: “I had the idea that we could do something that was fun. Which ... we can't.” Recht hat er. Schon auf den vorangegangenen Platten, deren letzte 2014 die formidable “Hot Dreams” war, präsentierten sich die Kanadier ausnahmslos als Meister der dunklen Töne und mögliche Alternative zu den Tindersticks, den Bad Seeds oder The National. Wobei die vier Männer aus Montreal selten elegisch, sondern gern energisch zu Werke gehen, der kernige Blues auf ihrer Prioritätenliste weiter oben zu finden ist. So auch hier: Nach sanftem Einstieg werden die Gitarren etwas härter angefaßt – “Grifting” mimt den kratzigen Electro-Boogie, im fabelhaften “Sewer Blues” treffen sich Vergänglichkeit, Vergeblichkeit und pure Lust zu schwer rollenden Akkorden und selbst das getragene Liebeslied “Moment” jault zur Hälfte herrlich schief.

Die Ratlosigkeit der Welt angesichts ungelöster globaler, sozialer Probleme ist das große Thema gleich zweier Stücke von Timber Timbre: “Western Questions” wirkt nicht nur mit seiner kruden LoFi-Instrumentierung verstörend und düster, der Song will auch das Chaos, die zunehmende Ohnmacht und den allgemeinen Sittenverfall angesichts so vieler ungelöster Probleme ansprechen. Auch der Titelsong, ähnlich bedrohlich arrangiert und mit dronigen Gitarren und scheppernden Drums ausgestattet, setzt das Menetekel fort, auch an Kirk ist also der Machtwechsel in den USA nicht spurlos vorübergegangen und manchmal, so sagte er kürzlich der INTRO, sei er schon froh, im Nachbarland zu wohnen. Timber Timbre bleiben auch mit diesem Album eine sehr eigenwillige Band. Ihre Musik mag etwas mehr Zeit erfordern, bevor sie ihre ganze Vielfalt preisgibt – die Mühe hat sich bis jetzt, das neueste Werk inbegriffen, allerdings ein jedes Mal gelohnt. http://www.timbertimbre.com/

11.04.  Berlin, Huxleys
15.04.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
13.07.  Fribourg, Les Georges
23.08.  Bochum, Jahrhunderthalle

Kendrick Lamar: Nur nicht übertreiben [Update]

Das Wochenende steht vor der Tür und alle kommen sie wieder um die Ecke, um schnell noch ein paar Neuigkeiten loszuwerden. Die schönste von allen ist wohl die Nachricht, daß Kendrick Lamar eine neue Single mit dem Namen "Humble" am Start hat (Video in Zusammenarbeit mit Dave Meyers) - letztens gab es ja schon den Track "IV" zu hören, die Ankündigung eines neuen Albums, Nachfolger für das grandiose "To Pimp A Butterfly", wäre dann aber wohl zu viel des Guten gewesen.

Update: Jetzt mit Artwork und Tracklist - das neue Album von Kendrick Lamar, das diese Woche noch erscheinen soll, wird also "DAMN." heißen und hat jetzt auch ein Cover. Vierzehn neue Stücke inklusive "Humble" finden sich darauf, für den Song "XXX" ist wie schon vor Tagen kolportiert ein Featuring von U2 vermerkt.





Girlpool: Doch zu dritt [Update]

Da hatte man sie so gelobt für die Idee, als Zwei-Mädchen-Band ganz ohne Schlagzeug Punk zu spielen - und nun das: Girlpool, also Cleo Tucker und Harmony Tividad aus Philadelphia, haben sich dann doch entschlossen, es mal mit einem Drummer (Miles Wintner) zu versuchen. Nach dem Debüt "Before The World Was Big" ist nun für den 12. Mai bei ANTI- die neue Platte "Powerplant" angekündigt und gleich im ersten Video zur Single "123" (Regie: Nicholas Rattigan) geht es gruselig, traurig und tröstlich zugleich zu, da darf man sich auf den Rest schon mal vorfreuen.

Update: Eine weitere Single mit Video (und Schlagzeug) gilt es zu vermelden, hier kommt der Clip zu "It Get's More Blue".



Montag, 10. April 2017

Ceiling Demons: Kein Entkommen

Wir bleiben auf der Insel - aus Leeds nach Richmond: Von dort stammen die Ceiling Demons und wer hier aufmerksam mitliest wird wissen, dass Psy Ceiling, Dan und Beat Demon ziemlich genau vor einem Jahr ihre EP "Belly Of The Hopeless" veröffentlicht haben - ein schwarzer, schwerer und durchaus faszinierender Mix in der Tradition von Massive Attack und Tricky. Und nun schicken die drei dieser Tage einen Vorboten für das möglicherweise bald folgende Debütalbum ins Netz, "March Forward" beginnt mit einer Horn Section, die einen sofort in den Track hineinzieht und auch später ist kaum ein Entkommen. Dauert also hoffentlich nicht so lange mit dem Nachschub.

Diet Cig: Mehr Empathie! [Update]

Diet Cig
„Swear I’m Good At This“

(Frenchkiss Records)

Man konnte ja in den letzten Monaten leicht den Eindruck gewinnen, dem Indierock sei die Leichtigkeit abhanden gekommen. Alles müsse groß und bedeutsam gedacht werden, jetzt, da sich die Welt immer schneller dreht und Menschen ihren Fortgang maßgeblich verantworten, die mit einem einzigen Tweet oder Haßkommentar mehr Unheil anrichten als alle kalten Krieger des vergangenen Jahrtausends zusammen. Keine Zeit also mehr für den überschaubaren und dennoch so verwirrenden Gefühlsstrudel der eigenen Jugend? Gäbe es Alex Luciano und Noah Bowman aka. Diet Cig aus New York nicht, man müßte wohl verzweifeln. So aber darf man das Debüt des Duos hören, fühlt sich gegenwärtig und gleichzeitig auf wunderbare Weise zurückversetzt in die eigene, chaotische und dennoch unbeschwerte Welt schmerzhafter Erfahrungen, ungeschönter Gefühle und der ganz großen Liebe – kein Tinder, kein Snapchat, kein Instagram, alles ganz real. Zumindest ein bisschen.

Wenn Luciano mit zarter, sympatisch verwackelter Stimme von ihren Alltagsnöten singt, dann klingt das weniger naiv als ehrlich, dann wird aus dem Klein-Klein plötzlich das lebenswichtige Große, ganz so wie man es von sich selbst kannte, damals, als die Welt noch an der Stadtgrenze endete und zwischen Himmel und Hölle auf Erden nur ein sehnsuchtsvoller Blick auf der letzten Party lag. Dazu poltern die Drums und scheppern die Gitarren, der Sound von Diet Cig kommt direkt aus der Hinterhofgarage. Dabei denken die beiden durchaus weiter – ihre Definition von Punk zum Beispiel, die sie kürzlich im Gespräch mit The Skinny erklärte, klingt jedenfalls ziemlich einleuchtend: „We like to think that it’s punk as hell to make sure everyone’s safe at a show, and it’s really punk to look out for your friends who are marginalised. I think caring about people and saying how you feel and being empathetic is way more punk than being aggressive.” Dieser Satz, diese Musik – man muß sie einfach gern haben. http://dietcig.com/

Update: Ja, und da sind sie dann, die Livetermine der Band für diesen Herbst.

02.10.  Wien, B72
04.10.  München, Orange House
05.10.  Berlin, Berghain
07.10.  Hamburg, Molotow
09.10.  Köln, Blue Shell
10.10.  Münster, Gleis 22

Sonntag, 9. April 2017

Familienalbum # 24: Wooing

Man möchte es ja kaum glauben, welche Hobbies der Blick ins weltweite Netz für einen bereithält. Von all den unappetitlichen oder kreuzblöden unterscheidet sich eines durch seine unbedingte Harmlosigkeit, seltsam ist es dennoch: Stickereien von Plattencovern. Nahezu jede berühmte Hülle wurde schon mit Nadel und Faden in einen runden Holzrahmen gezwungen, kein noch so berühmter Künstler ausgelassen. Da haben es die hier gezeigten Exemplare einfacher, denn sie sind schon als Handarbeiten angelegt und man stößt bei der Gelegenheit auf polnisches Kleinkunstgewerbe, skandinavische Teppichknüpferei und natürlich kommt man auch nicht an der erst kürzlich erschienen Platte von Diet Cig vorbei.

Aufhänger (oder sollten wir besser Aufnäher sagen?) aber ist die gerade von Rachel Trachtenburg und ihrem neuen Projekt Wooing veröffentlichte Single "In Colour", ein Stück Psychrock allererster Güte. Die junge Dame aus Seattle hat augenscheinlich ein Faible für das, was man bei ihr daheim embroidery nennt, schließlich wird auch die zum Song dazugehörige Platte "Daydream Time Machine", die demnächst erscheinen soll, ähnlich hübsch gestaltet sein. Hier nun also das nächste Familienalbum, wie immer von links nach rechts und oben nach unten:

Wooing "Daydream Time Machine", Diet Cig "Swear I'm Good At This", Those Dancing Days "Home Sweet Home", Miss Montreal "Christmas Hearts", Los Trabantos "Między Rabarbarem A Pomidorem", Okkervil River "The Stage Names", Okkervil River "The Stand Ins", The Silver Apples "The Garden", Jenny O. "Home", Bright Eyes "I'm Wide Awake, It's Morning", Fargo "O.S.T.", Joanna Newsom "The Milk-Eyed Mender", Moloko "Things To Make And Do".

Giant Rooks: Unausweichlich

Giant Rooks
Support: Albert af Ekenstam
Milla, München, 8. April 2017

Man möchte nun wirklich nicht ständig auf dem Alter der Jungs herumreiten und tut dies wahrscheinlich auch nur, weil man mutmaßlich als Einziger mit weit weit über dreißig im Publikum steht. Aber nach zwei Dritteln der ausverkauften Show schicken sich die Giant Rooks an, einen Song von Bob Dylan zu covern. Nicht Coldplays "Yellow" oder "I Will Wait" von Mumford und seinen Söhnen, sondern "I Shall Be Released" also, einen Song, den der frisch geehrte Nobelpreisträger schrieb, als noch nicht einmal der Rezensent auf der Welt war. Und zwar als durchaus mutige Mixtur aus Reggae und Bluesrock. Nicht das Naheliegende jedenfalls, sondern gern auch mal das Unerwartete. Ein großes Risiko gehen sie damit dennoch nicht, denn wie alle Stücke zuvor gelingt dem Quintett aus Hamm auch dieses mit einer Reife, die staunen macht. Wie Sänger Frederik Rabe seine Mitmusiker Finn Schwieters (Gitarre), Jonathan Wischniowski (Keyboard), Luca Göttner (Bass) und Finn Thomas (Drums) im Stile eines erfahrenen Bandleaders durch den Abend führt und selbst noch Gitarre und Percussions bewältigt, ohne die Konzentration vermissen zu lassen, wie er die großen Gesten nicht nur vorsichtig probt, sondern schon wie selbstverständlich ins Repertoire übernommen hat, das nötigt selbst dem abgebrühtesten Konzertjunkie einigen Respekt ab.



Noch vor einigen Monaten tourten die Jungs im Vorprogramm von The Temper Trap und Rabe verkaufte am Merchandising-Stand türkisfarbene Socken für Von Wegen Lisbeth - daß sie nun mit nur einer einzigen EP schon als Headliner auf Reise geschickt wurden, erstaunt trotzdem kaum. Sind doch die Songs von "New Estate" (Haldern Pop Recordings, 2017) allesamt hochfeine Indiepop-Perlen, die auch live schon sehr erwachsen und ausproduziert klingen. Den Rest füllt die Band mit älterem Material und ein, zwei Neuankömmlingen, die laut Selbstauskunft auf einem Kurzurlaub in Schweden entstanden sind. Ihre Affinität zu Skandinavien hatten sie ja schon mit einem ihrer ersten Tracks unterstrichen - auch das wunderbare "Småland" gehörte natürlich mit auf die Setlist dieses Abends. Und auch wenn dieser dann irgendwann mangels weiterer Lieder zu Ende gehen musste, kann man sich nur wiederholen: Sollten sich die fünf in der nächsten Zeit keine groben Schnitzer erlauben, dann ist eine Blitzkarriere eigentlich unausweichlich.

09.04.  Wien, B72
10.04.  Leipzig, Täubchenthal
11.04.  Bochum, Bahnhof Langendreer
12.04.  Köln, Gebäude 9

Freitag, 7. April 2017

Sleaford Mods: Von der Rolle

Das geht erst mal an Berlin (ist ja klar): Denn in der Hauptstadt, genauer auf dem Filmfestival "Achtung Berlin" wird im Rahmen des Wettbewerbs endlich auch die Deutschland-Premiere der lang erwarteten Sleaford-Mods-Doku "A Bunch Of Kunst" unter Regie von Christine Franz zu sehen sein. Drei Vorführungen sind geplant (s.u.), der Rest der Republik wird wohl noch eine Weile warten müssen. Aber ein paar Tage später gehen die beiden Herren mit dem aktuellen Album "English Tapas" ohnehin auf Tour.

23.04.  Berlin, Babylon 1, 21:45 Uhr
24.04.  Berlin, Lichtblick-Kino, 20:00 Uhr
26.04.  Berlin, Tilsiter Lichtspiele. 22:15 Uhr

Second Still: Nicht nur für Historiker

Second Still
„Second Still“

(Manic Depression Records)

Ja, und dann gibt es noch das Darkwave-Trio Second Still. Alex Hartman, Ryan Walker und Sängerin Suki San kommen aus Los Angeles und haben gerade zusammen mit Hillary Johnson ihr Debütalbum abgemischt. Um diese Nische ist es ja in letzter Zeit ziemlich ruhig geworden und würde Wesley Eisold aka. Cold Cave nicht gerade durch die Lande touren, man hätte sie fast aus dem Auge verloren. Was bei der vorliegenden Platte reichlich schade wäre, ist den dreien damit doch eine ganz feine Reminiszenz an die düsteren Töne der 80er gelungen – Siouxsie Sioux, Bauhaus, Cocteau Twins, die Erinnerungen sind sofort präsent und wer dazu noch über Fachwissen zum Sound des französischen Underground dieser Zeit verfügt, wird auch da reichlich Anknüpfungspunkte finden. Kühl klirrende Gitarren mischen sich mit dickem Bass und dumpfen Computerbeats, zwei der acht Songs fanden sich schon auf der EP “Early Forms”, die Second Still im vergangenen Jahr veröffentlichten – mit dabei das wundervolle “Jo”, in welchem Suki San ihre sonst recht gleichförmige Stimme in ungewohnte Höhen schickt und die Gitarren ordentlich schreddern. Mithin also ein Stück Zeitgeschichte, die hier wiederbelebt wird – es wird nicht nur die Historiker freuen. https://secondstill.bandcamp.com/



Billionaire: Rückzug

Nennen wir es mal antizyklisch: Kaum wird das Wetter draußen freundlicher, kümmern wir uns heute zum Wochenausklang mal um die dunkle Seite des Lebens. Und da kommt uns John Sterry, Sänger der aktuellen Besetzung der legendären Gang Of Four, gerade recht. Sterry nämlich hat unter dem Moniker Billionaire gerade seine EP "Cheap Credit!" bei Blue Mary Records veröffentlicht und darauf finden sich wunderbar dunkle LoFi-Kompositionen, die - je nach aktueller Verfassung - auch ein bisschen verinnerlicht, zurückgezogen daherkommen. Hier jedenfalls die Videoclips zu den Stücken "Reason To Be Fearful" und "World Loves A Trier", dazu noch die Tracks "Bridge To The Living" und "You Owe Me" im Stream.





Donnerstag, 6. April 2017

Future Islands: Eine Frage der Vervielfachung

Future Islands
„The Far Field“

(4AD)

Da müssen wir dann doch mal kurz in die Untiefen der Küchenpsychologie eintauchen. Dort nämlich ist der Kalenderspruch vermerkt, daß geteiltes Leid halbes Leid sei. Frage dazu: Wie ist das mit der Freude – wenn man die Ursache verdoppelt, ist dann die Freude auch doppelt so groß? Oder: Kann man Freude beliebig oft wiederholen? Hintergrund: Die Future Islands haben gerade ihr fünftes Album abgeliefert, ihre Zeitrechnung beginnt allerdings erst so richtig im Jahr 2014, noch genauer, am 3. März diesen Jahres. Da nämlich trat Samuel T. Herring gemeinsam mit seinen beiden Kollegen bei Mr. Latenight David Letterman auf und mit diesem Abend ging die Band, die zuvor ziemlich unbeobachtet vor sich hinmusizierte, und ihr Album „Singles“ mit lauten Getöse durch die Decke. Warum? Nun, es kamen viele Dinge zusammen. Die Platte war tatsächlich voll von überaus geschmeidigen, maximal poppigen Hitsingles, dazu offenbarte Herring einem begeisterten Primetime-Publikum seinen markanten, schmachtend-brüchigen Gesang und, noch besser, einen einzigartigen, tiefergelegten Hüftschwung. Interessante Randnotiz: Der Mann konnte, ganz und gar branchenfremd, seinen Stimmbändern dazu noch das gutturale Grunzen eines Schwermetallers entlocken – gewinnend, bezaubernd, überraschend, im Nu waren die Future Islands die neuen Darlings der Indiepopszene. Nur gerecht, hatten sie doch lang genug warten müssen auf diesen großen Auftritt.

Was aber tun mit einer Platte wie der aktuellen, die sich keinen Deut von der vorangegangenen unterscheidet, deren Songs selbst untereinander das Gefühl vermitteln, sie seien unter Zuhilfenahme kleinerer Änderungen per Copy and Paste einfach nur vervielfältigt worden? Nun, schön bleiben sie ja trotzdem. Und mit „Time On Her Side“, „Ran“ und „Day Glow Fire“ gibt es sogar ein paar ganz besonders gelungene Exemplare zu hören. Aber das Muster ist halt immer das gleiche: Einschmeichelnder Basslauf, feine Synthesizer-Hooks und Herring umgarnt unsere Ohren mit barmenden Versen – kein Ausbruch, kaum Kanten und wenn man weiß, daß der Mann sogar leidlich rappen kann, nicht das kleinste Wagnis. Gut, bei „Cave“ wird er kurz mal etwas energischer und, das wenigstens eine willkommene Abwechslung, für „Shadows“ tut er sich mit Debbie Harry zusammen, die ihm in Sachen Coolness noch um einige Jahre voraus ist. Enttäuschung sollte man das Ganze nicht nennen, dafür wäre es noch zu früh und so richtig daneben ist den dreien, das muß man zugeben, ja nichts gegangen. Ein wenig spannender, herausfordernder hätte es dann aber schon werden dürfen. Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, ein wenig von der streitbaren Meinung der Musiker zur Situation in ihrer Heimat, wie gerade in der INTRO geschehen, zu thematisieren. Wer jetzt entgegnet, das passe halt nicht zu ihrem Stil, dem kann man nur beipflichten. Und ergänzen: Vielleicht liegt ja genau da das Problem. Die beiden Fragen oben müssen wir dann aber leider verneinen. http://www.future-islands.com/

21.03.  Berlin, Columbiahalle
27.06.  Köln, Live Music Hall
06.11.  Hamburg, Docks
08.11.  München, Theaterfabrik

Paul Weller: Sanfte Revolution [Update]

Müssen's halt wieder mal die Alten richten: Der Brief mit der Kündigung ist gerade raus, daheim geht's drunter und drüber und so recht weiß niemand, wie es mit dem einst so stolzen Königreich weitergehen soll. Paul Weller hat dazu mit Sicherheit eine dezidierte Meinung und wenn man den Titel seines neuen Albums "A Kind Revolution" nicht ganz schwer missversteht, so wird man dort einiges davon hören. Die Platte wird am 12. Mai, also ziemlich genau vierzig Jahre nach dem ersten The-Jam-Album und fünfundzwanzig nach dem ersten Solowerk, bei Parlophone erscheinen, mit im Studio, so ist zu lesen, waren neben den Soulsängerinnen P. P. Arnold und Madeleine Bell auch das altehrwürdige Soft-Machine-Idol Robert Wyatt und Popikone a.D. Boy George.

Update: Als erste Single gibt es nun den Song "Long Long Road" zu hören und zu sehen.

30.05.  Hamburg, Markthalle
31.05.  Berlin, Huxleys
02.06.  Darmstadt, Centralstation
03.06.  Köln, Kantine
04.06.  Bielefeld, Ringlokschuppen

Mittwoch, 5. April 2017

Show Me The Body: Just believe the hype

Sie sind wohl momentan die gehypteste Hardcore-Kapelle und wer behauptet, das läge nur an dem mitgeführten Banjo, braucht dringend noch etwas Nachhilfe. Die bringen Show Me The Body aus NYC höchstselbst in die Clubs - für den Sommer steht eine umfangreiche Tournee auch durch deutsche Städte an (Start VVK am Freitag dieser Woche). Mit dabei wohl auch "Hungry (Dreamcrusher)", eine Take aus dem kürzlich veröffentlichten Mixtape "Corpus I", zu dem heute ein Wackelbild erschienen ist.

04.06.  Dudingen, Bad Bonn Kilbi
05.06.  Munich, Sunny Red
06.06.  Berlin, Urban Spree
07.06.  Hamburg, Nachtwache
08.06.  Münster, Gleis 22
12.06.  Wiesbaden, Schlachthof
13.06.  Köln, Blue Shell



Kraftklub: Zu spät

Da war wohl einer früher dran: Im neuen Videoclip zu "Fenster" von Kraftklub macht sich ein offenkundig ziemlich angefressener Zeitgenosse auf, im Stile von Joel Schumachers "D-Fens" die Menschheit zu meucheln. Allein - da hat schon vor ihm jemand ziemlich gründliche Arbeit geleistet, Schauspieler Jens Schäfer, bekannt aus/von allerlei Tatorten, verzweifelt letztendlich daran, daß ihm die Möglichkeit zur Selbstjustiz genommen wurde und - ach, einfach selber schauen. Der Song ist allemal gelungener als die Einstiegssingle "Dein Lied" und hat deutlich mehr Zug zum Tod, ähh, Tor.

Dienstag, 4. April 2017

The Drums: Lieblingssachen

Manchmal kann es so einfach sein: "I hate making music videos,” sagte Jonny Pierce, Sänger von The Drums, kürzlich seinem Label, “But, alas, sometimes you need to feed the beast, and I decided to make a music video that explores some visual fetishes of mine - mainly sportswear and a new exploration of colors that I’ve long-loved but hadn’t been a part of the band’s aesthetic until now.” Aha. Den offenkundig etwas gelangweilten Pierce hat also Werbefilmer CPX Sanders (Vogue, Replay, L'Oreal) für die Single "Blood Under My Belt" in Szene gesetzt, das Album "Abysmal Thoughts" erscheint dann am 16. Juni bei ANTI-.

28.09.  Berlin, Lido

Candelilla: Zerfall und Staub

Sie bleiben ihrer Linie treu, auch dieses Mal: Das neue Video von Candelilla zu "Trocken und Staubig" folgt dem experimentellen Duktus der Vorgänger und präsentiert sich gewohnt ungewohnt - wo Su Steinmassls Clip der Vorabsingle "Intimität" mit nackter Haut und modernem Tanztheater daherkam, kombinieren Juno Meinecke und Moritz Geiser hier scheinbar wahllos grobkörnige Reiseaufnahmen agiler Seniorentruppen mit animierten AIDA-Mündern, die Tristesse läßt die Steine bröckeln, der Staub legt sich auf die Lungen, "der Sommer der jungen Wilden ist vorbei." Das Album "Camping" ist im März bei Trocadero Records erschienen.

H.Grimace: Weit gefasst [Update]

Das ist dann für die (sicher unfreiwillige) Hauptstadt des Brexit wieder sehr sympathisch, und für die Band sowieso: Unter Herkunft steht auf der Bandcamp-Seite von H.Grimace, einer vierköpfigen Post-Punk-Formation, nämlich 'Greater London' - was ein sehr weitgefaßter Stadtbegriff ist, wenn man weiß, daß Teile der Band aus Australien stammen. Hannah Gledhill, Asher Preston, Syed Shan Pasha und Marcus P Browne jedenfalls haben seit 2012 diverse EP veröffentlicht, am 7. April soll nun das Debütalbum "Self Architect" erscheinen, neben der aktuellen Single "Call It Out" haben wir hier mit "Land/Body" und "Royal Hush" noch zwei frühere Stücke hinzugefügt, hörenswert sind sie alle drei.

Update: Und hier mit "Lipsyncer" noch ein weiterer Take vom neuen Album.

Montag, 3. April 2017

At The Drive-In: Tatsache [Update]

Die Hoffnung war also doch nicht umsonst: Als Anfang Dezember des vergangenen Jahres At The Drive-In mit dem bislang unbekannten Song "Governed By Contagions" kamen, traute man sich kaum, auf mehr zu hoffen, nun wird es, soviel ist sicher, sogar ein ganzes Album geben. "in.ter a.li.a", so der Titel, wird ab dem 5. Mai beim Händler stehen und "Incurably Innocent" ist die nächste Single davon - einer von elf brandneuen Tracks wohlbemerkt.

Update: Und hier kommt Song Nummer drei vom lang erwarteten Album - "Hostage Stamps". Und Achtung - ein erster Konzert-Termin für Deutschland.

23.08.  München, Zenith



Sonntag, 2. April 2017

Soulwax: Quecksilber

Soulwax
„From Deewee“

(Pias Recordings)

Chromglanz, überall. Das ist es, was einem durch den Kopf geht, wenn die fünfzig Minuten das erste Mal vorüber sind. Quecksilberbeats, funkelnde Maschinenmusik, und danach gleich: Wirklich Soulwax? Das belgische Brüderpaar also, das sich – man weiß das ja eigentlich, insofern ist die Frage eher rhetorisch zu verstehen – für sein Leben gern neu erfindet. Das, nur als Beispiel, mit „Much Against Everyones Advice“ und „Any Minute Now“ zwei ziemlich unterschiedliche Platten gemacht hat, beschwingter Indiepop die eine, schwer fassbares Technorock-Mashup die andere. Richtig weg waren sie ja nie, es hat nur über zehn Jahre gedauert, bis Stephen und David Dewaele wirklich Lust darauf hatten, der Konvention Genüge zu tun und ihren wild wuchernden Ideenreichtum in die herkömmliche Form eines Albums zu pressen. Leicht gefallen ist es ihnen nicht, allein daß sie den Flow des Nonstopmixes für die Vinylversion mehrmals unterbrechen mußten, bereitete den beiden arges Kopfzerbrechen – Konventionen sind nicht so ihre Sache. Lieber hüpfen sie bienengleich von Blüte zu Blüte, veredeln die schönsten Songs mit ihren Remixkünsten, basteln wunderbare Bild- und Klangcollagen für mobile Apps und das hauseigene Radio – psychedelisches Popcornfutter, das erstaunlicherweise nie zur Übersättigung führt, nichts also von wegen too many DJs.

Jetzt also komplett ohne Gitarren. Dafür um so mehr Percussion. Ganze drei Musiker sind, so hört man, im Studio am Schlagzeug gesessen. Soulwax hatten sich vorgenommen, jeden Track in nur einem einzigen Take aufzunehmen – eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe. Wie strikt sie sich daran gehalten haben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben, aber selbst wenn das Dogma am Ende etwas aufgeweicht werden mußte, passierte die Produktion in Rekordzeit. Zwölf Stücke, ansatzlos ineinandergemischt, flirrender Discofunk hier, Synthpop, House dort, alles dabei, was so zwischen Donna Summer und Depeche Mode Platz hat. Und natürlich: Kraftwerk. Im letzten Drittel findet sich mit „Transient Program For Drums And Machinery“ eine Art Essenz des aktuellen Sounds und man muß sich nicht sonderlich bemühen, um die Roboter aus Düsseldorf durch die Kulisse marschieren zu hören. Selbst schuld, wer nach einem Durchlauf schon Schluß macht – das Album ist, so die Brüder in nachdrücklicher Empfehlung, der ideale Begleiter für lange Autofahrten: „Listen to it in a moving way“, so Stephen Dewaele im Interview. Anders läßt sich dieser hochgradig infektiöse Musikmix ohnehin nicht verfolgen. Und was danach kommt, wissen wir wohl spätestens in zehn Jahren … http://www.soulwax.com/