Freitag, 19. März 2010

Gehört_120



Goldfrapp „Head First“ (Mute)
Es gibt Platten, da macht es gar keinen großen Sinn, um den heißen Brei herumzureden, nur weil einem der Verriß in der Seele wehtut oder man sich das zumindest einbildet – das neue Album von Goldfrapp gehört, da hilft kein lamentieren, für mich dazu. Und auch wenn manchen diese ewigen Referenzen fast schon körperlich schmerzen, so muß man doch darauf hinweisen, dass „Head First“ – mittlerweile ja Studiowerk Nummer fünf – so gnadenlos und meilenweit von der Magie des Erstlings „Felt Mountain“ entfernt ist, dass alle selbsthypnotisierenden Entschuldigungen und Schönredereien, mit denen man sich in den letzten Jahren noch trösten konnte – von wegen „intelligent disco“ und so – hier nicht mehr weiterhelfen: Diese Platte ist eine einzige Enttäuschung! Man sitzt davor und hofft von Titel zu Titel auf den einen, den unschlagbar mystischen Moment und hört doch nur, neun mal hintereinander, ganz platte, beliebige Tanzmusik ohne jede Inspiration, lauwarmen Bubblegumpop, den selbst Madonna, Annie oder La Roux besser hinbekommen haben. Bar jeder halbwegs ansprechenden Idee bleibt ohne das früher zweifellos vorhandene Genie nur noch ein Fistelstimmchen, umrahmt von halbgarem Retrosoundbrei. Viel mehr fällt mir gar nicht dazu ein, außer dass kurz vor Schluß mit „I Wanna Life“ der bisherige Tiefpunkt erreicht scheint – Allison Goldfrapp wispert in ihr Mikro, was wahrscheinlich irgendwie lasziv wirken soll, aber eigentlich nur billig klingt – Querverweise auf Boytoy Sabrina oder Postergirl Mandy Smith drängen sich förmlich auf. Irgendwie hätte man Goldfrapp diese Blamage gern erspart und sich gewünscht, dass sie damals mit dem weißen Pferd abgehauen wären, aus heutiger Sicht wäre es einfach die klügere Enscheidung gewesen.
http://www.goldfrapp.com/

Kommentare:

HJPhilippi hat gesagt…

Nur mal am Rande: wie viele neue Platten/CDs hörst Du eigentlich im Monat? Wenn man die schiere Menge Deiner Kritiken liest, doch locker 10. Oder 20? Oder mehr...? Und Du bist sicher, Deinen eigenen Rezensionen noch trauen zu können?

Es gab Zeiten, da hat man sich vom gesparten Taschengeld im Monat eine Vinylscheibe gegönnt und die dann ca. 1 Mio. mal gehört, bis sich ein Eindruck von Dauer entwickelt hatte. Heute -dem Netz sei's gedankt- strömt der mediale Overkill aus allen Rohren unablässig auf uns herein und die Meinung zu einer Platte steht nach 30 Minuten (weil 5 Titel vorzeitig weg geskippt wurden). Das nächste halbe Dutzend Muss-man-unbedingt-hören-Scheiben ist in derselben Zeit schon wieder aufgelaufen, prima. Hat nur alles überhaupt nix mehr zu bedeuten, wie so vieles heute.

Will damit sagen, dass jemand mit Deinem Talent und Deinen Ohren sich mehr Zeit lassen sollte. Weniger neue Scheiben hören, die Wenigen dafür öfter. Spendiere einer CD wie der Head First Geduld und beim 25. Hören fühlt sie sich auf einmal in vielen Nuancen ganz anders an. Mit großer Wahrscheinlichkeit besser als beim ersten hören. Und wenn sie sich nicht besser anfühlt, war es trotzdem gut investierte Zeit - in eine Meinung, die fundiert ist.
Sowas ist schwer geworden in der Superspeed- und Überdruck-Welt heute. Aber es geht noch immer, genau wie damals, als man Platten-kaufender Teenie war. Das ist bei mir weiß Gott lange her.
{{{Seufz}}}

Mapambulo hat gesagt…

Zunächst besten Dank für den ausführlichen Kommentar - ist auch nicht selbstverständlich im "Netz-Zeitalter".
Das geschilderte Problem ist eines, was mich durchaus auch beschäftigt. Ein Blog braucht aber, das ist ein Zeichen dieser Zeit, genügend Futter, um gelesen zu werden. Das Futter heißt hier Rezension, heißt auch vorndran zu sein, da die alten Sachen nicht viele wirklich lesen wollen. Im Übrigen verfahren Musikzeitschriften nicht anders, können sie auch nicht, der Zeitdruck diktiert auch da die Veröffentlichung. Das mag man gut oder schlecht finden, als Fakt steht es fest.
Dass ich hier mit meiner Meinung auch mal kräftig danebenliegen kann, steht außer Frage. Für manchen Abriß nehme ich mir durchaus auch mal länger Zeit. Ich behaupte allerdings, dass ich auch bei längerem Anhören beim überwiegendem Teil der Besprechungen nicht anders urteilen würde.
Und - das am Ende - ganz subjektiv bleibt das neue Goldfrappalbum ein schlechtes, sorry.