Donnerstag, 12. September 2019

Billy Nomates: Der bessere Weg

Billy Nomates
„No“

(Bandcamp)

Bald geht es nun also wieder los, hierzulande, irgendwo, überall. Nächste Staffel (sorry: season) nächste Casting-Show. Hoffnungsvolle, ambitionierte Talente mit Superstimmen treffen Superstars zum Anfassen auf dem Weg zu endlosen Superfame, so die Gaukelei. Wahrheitsgemäß ist das dann nicht ganz so super, müßte man bekennen, dass nicht eine/r der angetretenen Kandidaten*innen jemals eine Chance im gierigen Bizz bekommt, dass die Show nur deshalb läuft, damit sich alternde Ex-Sternchen in ihrem Esprit und/oder ihrer Schlagfertigkeit vor einem Millionenpublikum sonnen dürfen und so vielleicht den einen oder anderen Tonträger mehr unters Volk bringen. Im schlimmeren Fall dienen die weniger begabten Kandidaten als Witzfiguren – gedemütigt, verlacht, Folgeschäden nicht ausgeschlossen, aber egal.

Kann man so machen, regelt der Markt, der Nachgeschmack bleibt bitter. Warum der Text? Nun, weil es Beispiele wie eben jene Billy Nomates gibt: Ehrgeizige, mutige Frau, knapp 30, die bereitwillig zugibt, von Musikinstrumenten keine und von Computertechnologie und -sampling ziemlich wenig Ahnung zu haben. Die aber unbedingt wissen wollte, wie sich der Versuch anfühlt und das Ergebnis klingt, wenn man es trotzdem macht, so ganz ohne Budget und die üblichen Steigbügel.

Die Alternative, weiter zu studieren, mit schlechter Laune von einem crap job zum nächsten zu ziehen, war offenbar keine, Versuche, in einer Band unterzukommen, scheiterten ebenfalls (zu viele Leute wollten zu viel mitreden, solche Sachen). Also schnappte sie sich ein billiges Interface, ein tragbares Mini-Keyboard und einen gebrauchten Mac und spielte die Songs ihres Debüts im eigenen Schlafzimmer, in der Küche ihrer Schwester, in einem leerstehenden Büro ein. Unterstützung überschaubar, der Bruder, selbst Musiker, bastelte ein paar Live-Drums dazu und half bei der Produktion, vier der Tracks erhielten zusätzliche Bass-Spuren, das war’s.



Und das Ergbenis kann sich durchaus hören lassen: LoFi-Sound, Electroblues, DIY-Punk, trockene Beats, Gitarren auch, alles elektrisch, reduziert, noisy. Der Gesang rau und zornig, voller Trotz, nur kein Selbstmitleid, aber Wut en masse. Nomates hadert mit den Umständen, aber sie beklagt sich nicht bei anderen, sie schimpft über eine Gesellschaft, die Menschen an den Rand drängt, in die mies bezahlten Jobs, die einen krank machen und abstumpfen lassen. Sie sieht die „hippy elite“ mit alle den hübschen, nachhaltigen (und oft unnützen) Dingen, die für ein gutes Gewissen sorgen, solange man sie sich leisten kann. Alle anderen sind auf ihr eigenes, graues Selbst zurückgeworfen, wohl denen, die sich und den Humor nicht verlieren – „happy misery“.

Das klingt schroff, hat nichts Einschmeichelndes, Elegantes. Wie sollte es auch, working class poetry, mate! Manchmal wird die Stimme dann doch mal weich und rund, bei „modern hart“ beispielsweise oder später in „supermarket sweep“: „Maybe the monotony is here, to stay he thought, in every dead end job, in every dead end town…”, dann bricht die Traurigkeit die Härte für ein paar Takte auf, wird’s richtiggehend gefühlig. Ein schöne Platte ist es geworden, jeden Retweet wert. Weil hier – nenn es Nostalgie, nenn es Naivität – ein Weg aufgezeigt wird („Don’t take the easy way out“, Ilgen-Nur), der sich wohltuend abhebt von der blankgewienerten, oberflächlichen Schnelldreher-Mentalität, die sich unablässig nur ums sich selbst dreht und keine Fehler kennt. „It's not a perfect thing, but I'm glad”, so Nomates, “It shouldn't be. It’s my zero budget flag and it’s just the start.”

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