Donnerstag, 26. November 2020

Christine And The Queens X Indochine: Neudeutung

Hier mal ein kurzer Gruß aus der Sparte "Was waren das doch für schöne Zeiten!" Klar dass es sich hier nur um die 80er handeln kann. Das Jahrzehnt also, an dem sich die Geister scheiden - für die einen musikalisch so wertvoll wie keines danach, für andere eine verlorene Dekade und einzig den Retromanisten heilig. Zu den wichtigsten Vertretern aus unserem Nachbarland zählten damals bekanntlich Indochine um Nicola Sirkis und Dominique Nicolas. Letzterer ist Mitte der Neunziger ausgestiegen, Sirkis immer noch am Ball. Und hat gerade zusammen mit Heloise Letissier alias Christine And The Queens den Song "3e sexe" vom dritten Album der Band aus dem Jahr 1985 neu eingespielt, jetzt unter dem Titel "3SEX" und als Wiederentdeckung für die Queer-Bewegung gedacht. Und weil schon das Original toll war, ist es natürlich auch das Rework. Zuletzt war von der Französin übrigens die EP "La Vita Nuova" erschienen.



Mittwoch, 25. November 2020

Gazelle Twin feat. NYX Drone Choir: Neuer Kosmos


So ist das wohl, wenn man neue Sachen für sich entdeckt, man taucht in einen komplett fremden Kosmos ein und steht zunächst einmal fasziniert vor der Fülle an Unbekanntem. Gerade so geschehen mit der Musik der britischen Künstlerin Elizabeth Bernholz, bekannter unter ihrem Moniker Gazelle Twin. Experimentelle Elektronik mit Anleihen bei Industrial und Art Pop - so sagt zumindest das allwissende Netz. Bernholz stammt aus Brighton, wohnt aber in Leicestershire, hat in Sussex Musik studiert und (hier schwanken die Angaben etwas) zwischen drei und fünf Platten aufgenommen. Gestolpert sind wir über sie in Zusammenhang mit ihrer aktuellen Single "Fire Leap", eingespielt gemeinsam mit dem NYX Drone Choir, den man sich wiederum nach eigenen Angaben als Mischung aus Le Mystére De Voix Bulgares, Holly Herndorn und SUNN O))) vorstellen kann. Und natürlich gibt es entsprechende weiterführende Notizen zu dem siebenminütigen Stück beim für solche Sachen zuständigen Fachportal The Quietus: Das dazugehörige, kollaborative Album wird "Deep England" heißen, der eigentlichen Aufführung des Projektes in der Londoner Queen Elizabeth Hall in 2019 folgen und am 19. März 2021 erscheinen. Desweiteren steht geschrieben, dass sich darauf Kompositionen des NYX-Chores, von Paul Giovanni und William Blake befinden sollen, der Sound wird als eine Art elektronisch-chorale Fortsetzung des letzten Studio-Albums "Pastoral" beschrieben. Grund genug, bis dahin noch etwas tiefer in das bisherige Werk einzutauchen und natürlich angemessen neugierig zu bleiben.







Arab Strap: Zeichen der Zeit

Das ist jetzt gar nicht bös gemeint, aber wenn man sich Aidan Moffat und Malcolm Middleton von Arab Strap so ansieht, im Park mit Parka, Bart und Strickmütze, dann weiß man mal wieder, wie schnell die Zeit vergeht. Auf der Suche nach aktuellen Fotos fallen einem naturgemäß auch ein paar frühere in die Hände und ja, wie wir alle, haben sich auch die beiden Schotten optisch ein wenig verändert. Doch darum geht es hier nur am Rande - viel wichtiger ist, dass das Duo aus Falkirk für den März des kommenden Jahres ein weiteres Album angekündigt hat. Erst vor einem Monat gab es ja die feine Single "The Turning Of Our Bones" samt Splattervideo zu hören/sehen, nun folgt neben Plattentitel "As Days Get Dark" und gelungenem Coverartwork ein zweiter Track namens "Compersion #1".





Nadine Shah: Die Unruhestifterin [Update]

Nadine Shah
„Kitchen Sink“

(Infectious Music)

Schon verwunderlich, dass große Supermarktketten für Künstler*innen nicht längst Aufkleber haben produzieren lassen, auf denen sie ihre Kunden mit folgendem Hinweis zu warnen: „Achtung – der übermäßige Genuss dieses Produktes könnte sie nachhaltig verunsichern!“ Klar wäre dann: Nadine Shah, gebürtige Britin mit norwegischen und pakistanischen Wurzeln, hätte sich ein Dauerabonnement darauf ehrlich verdient. Und würde sie wohl als Auszeichnung verstehen. Seit sie ihre Karriere 2012 mit der EP „Aching Bones“ startete, hat sie sich in punkto direkter Ansprache und bitterbösem Sarkasmus nie zurückgehalten, schon auf ihren beiden Alben „Love You Dum And Mad“ (2013) und „Holiday Destination“ (2017) beschäftigte sich die streitbare Frau mit Themen wie Feminismus, Antiislamismus, Flüchtlingselend und Rassenhass. Toxische Männlichkeit in Verbindung mit überkommenen weiblichen Rollenbildern – hier als angeborene, tradierte Allmachtsfantasie, dort die Unterordnung, das Schamgefühl und der Rückzug – all diese Auswüchse und Verirrungen gelten ihr als dauerhafte Angriffsziele und gerade die neueste, dritte Platte „Kitchen Sink“ ist voll von wütenden Grußadressen.



„If anyone takes offence to anything on Kitchen Sink, they’re the one with the problem, not me“, hat sie gerade dem Guardian gesagt und es ist anzunehmen, dass viele Menschen beim Anhören der Platte – auch wenn sie in ihren Texten vieles bewusst pointiert und überhöht – durchaus das mulmige Gefühl beschleicht, ertappt worden zu sein. Schon das Cover spricht Bände: Sorgsam arrangierte Langeweile im Stile der Dinnerparties der 60er, brav, öde, traurig (als Deutsche/r würde man wahrscheinlich noch Mettigel und Erdbeerbowle ergänzen). „Ladies for babies and goats for love“, heißen die beißenden Zeilen dazu, aufgegeilter Jagdinstinkt trifft servile Gefügigkeit, so soll es laufen, so macht es Spaß. Man hat die Bilder dazu vor Augen und sie stammen nicht unbedingt aus der miefigen Spießerhölle vergangener Jahrzehnte, man findet sie ebenso hinter den Vorhängen gutbürgerlicher Reihenhäuser. Dort also, wo die Gerüchte aus den Spülbecken wabern wie giftige Dämpfe – schöner Reim dazu: „Don't you worry what the neighbours think, they're characters from kitchen sink, forget about the curtain-twitchers, gossiping boring bunch of bitches“ („Kitchen Sink“).



Und das alles mit tiefer, ungemein sinnlicher Stimme vorgetragen, wir sind durcheinander, David Lynch läßt freundlich grüßen. Shah wäre also nicht die Kämpferin, wenn sie nur die Männer im Blick hätte, auch ihresgleichen bekommt ordentlich was zum Nachdenken. So singt sie in „Trad“ (Update: Video) von der mutlosen Genügsamkeit, mit der sich manche Frau aus Angst vor Alter und finanzieller Notlage in den Ehe-Kokon zurückzieht, unzufrieden, lustlos, aber abgesichert. „Shave my legs, freeze my eggs, will you want me when I am old? Take my hand, whilst in demand and I will do as I am told“, heißt es dort, und weiter: „Take me to the ceremony, make me holy matrimony“. Natürlich weiß Shah um die Sorgen und Nöte der Frauen, wenn sie ihnen ins Gewissen redet. Der Song also eher ein Spiegel, der zeigen soll, wohin Bequemlichkeit und Kapitulation führen können. Der Sound dazu ist im Übrigen nicht weniger spannend, mal jazzig groovende Bigband, mal dreckiger, elektrischer Blues, auch Piano und Blockflöte dürfen nicht fehlen. Eine Platte, die Unruhe stiftet, aufwühlt, antreibt. Sicher nicht das Schlechteste für all jene die meinen, der Kampf sei schon gewonnen – auf welcher Seite auch immer.

For Those I Love: Nach dem Schmerz [Update]

Das könnte noch interessant werden. Na ja, eigentlich ist es das schon, aber weil wir von David Balfe noch nicht so wahnsinnig viel wissen, bleibt es vorerst beim Konjunktiv. Der Junge aus dem Norden Dublins hat vor einigen Jahren mit der Musik begonnen, damals noch gemeinsam mit seinem besten Freund Paul Curran. Als dieser 2018 auf tragischer Weise zu Tode kam, zog sich Balfe in seinem Schmerz komplett zurück und nahm Unmengen von Songs auf - die Soundskizzen und Demos kann man sich heute in einem siebenundvierzigminütigen Zusammenschnitt mit dem Titel "Into A World That Doesn't Understand It, Unless You're From It" anhören (siehe unten und Bandcamp). Das Projekt, unter dem Balfe seit dieser Zeit firmiert, nennt sich For Those I Love und nachdem er unter diesem Pseudonym vor einem Monat mit dem ersten offiziellen Track "I Have A Love" debütierte, schickt er nun die Single "Top Scheme" an den Start, ebenfalls ausgestattet mit eine selbstgedrehten Videoclip. Das dazugehörige, selbstbetitelte Album ist für nächstes Jahr via September Recordings in Planung.

Update: Hatten wir schon erwähnt, dass es von "I Have A Love" einen feinen Overmono-Remix gibt?









Arlo Parks: Mit langem Anlauf [Update]

Was die gerade erwähnte Nilüfer Yanya schon geschafft hat, steht dieser Künstlerin noch bevor. Und doch ist wohl mit einem ähnlich durchschlagenden Erfolg zu rechnen: Denn Arlo Parks, ebenfalls in London daheim, hat mit ihren bislang erschienenen Songs die Kritik derart verzaubert, dass die Erwartungen nicht gerade klein sein werden, wenn im Januar ihr Debütalbum "Collapsed In Sunbeams" erscheinen wird. Gerade veröffentlichte die junge Songwriterin den Song "Green Eyes", der zusammen mit Clairo entstanden ist, erst kürzlich waren von ihr die Stücke "Black Dog" und "Eugene" im Netz aufgetaucht. 

Update: Mit "Caroline" gibt es heute einen neuen Song vom Debüt zu hören.






Dienstag, 24. November 2020

Masha Qrella: Vertontes Vermächtnis

Es gibt immer noch Nachrichten, die einen unvermittelt erwischen und sogleich elektrisieren. Wie die des Berliner Labels Staatsakt. Dort nämlich wurde gerade bekanntgegeben, dass die Künstlerin Mariana Kurella, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Masha Qrella, im Februar kommenden Jahres eine neue Soloplatte veröffentlichen wird. Wer die Arbeiten dieser umtriebigen Musikerin und Songschreiberin kennt, dem/der wird dies allein schon zur Vorfreude reichen, wirklich spannend aber sind die Notizen zu Inhalt und Entstehungsgeschichte des Doppelalbums. Denn das neue Werk fußt auf einer literarischen Entdeckung und Leidenschaft - Kurella hat vor ungefähr acht Jahren den biografischen Roman "Ab jetzt ist Ruhe" der Autorin und Radiomoderatorin Marion Brasch in die Hände bekommen und darüber nicht nur die beeindruckende und bewegte Lebensgeschichte der ganzen Brasch-Familie wiederentdeckt, sondern auch einen neuen Zugang zum lyrischen Werk des großen ostdeutschen Poeten Thomas Brasch gefunden. Und das wiederum hat einen so nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterlassen, dass sie nun ihren elektronischen Postrock-Sound mit Braschs Texten kombiniert.

Herausgekommen ist "Woanders" - siebzehn Stücke in deutscher Sprache, die von Entfremdung, Suche nach Orientierung und Halt, von Verlorenheit und deutscher Tristesse erzählen. Und die sie 2019/2020 auch schon diverse Male live aufgeführt hat. Unterstützt wurde sie bei dem Projekt und den folgenden Studioaufnahmen nicht nur vom Suhrkamp-Verlag, sondern musikalisch auch von Chris Imler, Tarwater und Andreas Bonkowski, am Mikrophon waren u.a. Dirk von Lowtzow und Andreas Spechtl zu Gast und selbst Marion Brasch hat einen kurzen Text beigesteuert. Jedem und jeder, der/die sich etwas eingehender mit Braschs Gedichten, mit seinem Leben und der dazugehörigen Tragik beschäftigt hat, vielleicht sogar das Glück hatte, Marion Braschs Lesereise-Performance oder vielleicht sogar einen von Kurellas Auftritten in den letzten Monaten zu erleben, wird sofort klar, dass dieses Unterfangen ein ungemein schwieriges gewesen sein muss. Zugleich kann auf diese Herausforderung, quasi als die Summe der einzelnen Teile, nur Beachtliches, Wunderbares in Form ebenjener Veröffentlichung folgen. Einen ersten Vorgeschmack bietet die Vorauskopplung des Stückes "Geister", wie man vom Label erfährt, geht Masha Qrella mit dem kompletten Programm, sobald es die äußeren Umstände denn erlauben, nochmals auf eine ausgiebige Clubtour. Wir können's kaum erwarten!

Immer noch legendär - Thomas Braschs Rede zur Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981 aus den Händen von Franz Josef Strauß, so auch zu sehen auf Marion Braschs Leserreise im vergangenen Jahr.

Montag, 23. November 2020

LIINES: Gute Wahl

Über Coverversionen, insbesondere über die von Joy Division, der wohl berühmtesten Post-Punk-Band aus Manchester, ließen sich Doktorarbeiten verfassen und weil es nichts gibt, was es nicht gibt, liegen sicher schon ein Dutzend davon in den Hochschulen und Universitäten dieser Welt. Unbestritten wird sich aus diesen herauslesen lassen, dass "Love Will Tear Us Apart" der mit Abstand beliebteste Song ist, wenn es um das Nachspiel geht - wer sich die Mühe machen will, kann ja mal auf der Fan- resp. Funfacts-Seite joydiv.org nachzählen. Ziemlich weit abgeschlagen jedenfalls landet "Shadowplay" auf der Liste, was den nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt hat, dass man das Stück sehr wohl noch hören kann, aber LWTUA schon fast zu Tode gespielt ist. Sei's drum, einen schlechten Song von Joy Division gibt es - um das Sprichwort oben mal in seine Schranken zu weisen - ohnehin nicht und wenn eine Band aus Manchester selbst ein Rework zum großen Kanon beisteuert, ist Zuhören Ehrensache. Erst Recht wenn es die LIINES sind - diese haben nämlich kurz nach Veröffentlichung ihrer neuen Single "Sorry" dem Radiosender XS besagtes "Shadowplay" für die Serie Manchester:Covered überlassen. Halb so lang wie das Original und zehnmal besser als der matte Versuch der Killers vor ein paar Jahren. Den noch verbliebenen Mitgliedern von Joy Division sollte die Version gefallen.





Sonntag, 22. November 2020

Dry Cleaning: Fortsetzung folgt

Von der Londoner Post-Punk-Kapelle Dry Cleaning haben wir hier noch ihre Debüt-EP "Sweet Princess" aus dem August vergangenen Jahres zu Buche stehen. Nun, zwischen dieser Meldung und heute liegen, dem doofen Virus sei Dank, bekanntlich Welten, vieles hat sich geändert und das meiste nicht unbedingt zum Besseren. Wenigstens haben die vier Freund*innen mittlerweile ihr erstes Album fertig, ihr Label 4AD zumindest schickt mit "Scratchcard Lanyard" einen ersten Vorgeschmack samt Video von Rottingdean Bazaar ins Rennen, mehr Informationen werden in Kürze erwartet. Vorhang auf!




Lael Neale: Die Summe der einzelnen Teile

Bevor die neue Woche mit ihrer Hektik wieder hereinbricht, hier noch ein Fundstück aus dem Netz, zufällig aufgegabelt und gleich für schön befunden: Die Künstlerin Lael Neale hat in den letzten Jahren eigentlich Los Angeles als Wohnort favorisiert, auch wenn sie eigentlich aus Virginia stammt. Die puristischen, akustischen Folksongs waren ihr Ding, auch und gerade auf ihrem Album "I'll Be Your Man" aus dem Jahr 2015. Eigentlich. Denn nun ist sie wieder auf den Hof der Eltern zurückgekehrt, dreht dort fleißig Videofilme und nimmt Songs auf, die etwas anders klingen als gewohnt. Das liegt zum einen an Guy Blakeslee von der Band Entrance, der ihr bei den Arrangements zur Seite steht und zum anderen Teil auch an einem elektronischen Gerät namens Omnichord, mit welchem sie seit einiger Zeit arbeitet. Alles zusammen lässt sich bei den beiden Songs bestaunen, die ihr neues Label Sub Pop bislang veröffentlicht hat - vor einigen Wochen "Every Star Shivers In The Dark" und nun aktuell der nicht weniger schöne Track "For No One For Now". Dranbleiben Ehrensache.



Babeheaven: Über die Musik hinaus

Babeheaven
„Home For Now“

(AWAL)

Wenn es denn so gut passt, warum sollten wir das Zitat nicht noch einmal verwenden? Vor zwei Jahren hat Nancy Andersen, Sängerin und Songschreiberin des Londoner Duos Babeheaven, der Modezeitschrift VOGUE ein Interview gegeben. Dabei ging es nur am Rande um die richtige Lotion, die man zum Abschminken am Abend wählen sollte, sondern eher um Andersens Rolle in der Band und ihr Musikverständnis. „Our music sounds better in winter“, sagte sie dem Magazin und deshalb ist es eine glückliche Fügung, dass die Veröffentlichung ihres und Partner Jamie Travis‘ längstens erwarteten Debüts genau in diese Jahreszeit fällt, noch dazu in einen Winter, der mutmaßlich ein sehr schwieriger werden wird. Soll heißen: Man wird diese Musik noch brauchen in den nächsten Wochen und Monaten. Denn die anschmiegsamen Grooves, die sanften Beats und vor allem Andersens betörender Gesang sind wahre Seelenstreichler, sie umfangen einen, umhüllen mit Melancholie, Zärtlichkeit, Wärme. Gegen Vergleiche mit Massive Attack, London Grammar, den Cocteau Twins oder Morcheeba hat die Band, so liest man, nichts einzuwenden, wer wehrt sich schon gegen Komplimente ... 

Wo der Sound angenehm vertraut scheint, drücken sie dem Ganzen textlich ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stempel auf. Die Songs von Babeheaven sind sehr intime Bilder erlebter Gefühlswelten, es geht um Familie, Freundschaft, um Zweisamkeit, Sehnsüchte, Verletzlichkeiten. Andersen singt von den dunklen Momenten, mit denen wir konfrontiert werden, die uns entmutigen, ja zerstören („Cassette Beat“), denen wir aber unsere innerste Hoffnung und Zuversicht entgegensetzen können. Auch wenn, wie in „Craziest Things“, wir selbst es sind, die durch Ungeduld, Trotz und Unachtsamkeit die Geduld der anderen auf eine harte Probe stellen. Der Verlust spielt nach wie vor eine große Rolle – beide Musiker*innen haben früh ihre Mutter verloren, beide haben mit „Heaven“ und „It’s Not Easy“ schon früher versucht, den Schmerz darüber in ihrer Musik zu verarbeiten und auch auf „Home For Now“ tauchen Ängste und die anhaltende Suche nach Geborgenheit immer wieder auf. Politische Zeilen findet man auf dem Album dagegen so gut wie keine, dem Radiosender FM4 hat Andersen erzählt, dass ein Stück wie „Swimming Up River“, das sie im Hinblick auf die Black-Lives-Matter-Bewegung geschrieben hat, für sie unheimlich schwierig war. 

Trotzdem geht sie sehr offen mit ihrer Rolle als Künstlerin um, in einem Statement aus den Linernotes des Albums schildert sie den inneren Kampf um Standpunkt und Selbstverständnis: „Als POC und plus-size-woman habe ich mich auf der Bühne noch nie so wohl gefühlt", berichtet sie. „Während des Lockdowns habe ich viel mehr Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie ich wahrgenommen werden möchte. Früher hatte ich wirklich schlimme Angst vor einer Show - ich stürzte mich regelrecht in einen Song und schaute erst am Ende des Liedes auf, um die Reaktionen von Band und Publikum zu sehen. Es war für mich sehr wichtig, daran zu arbeiten und zu erkennen, dass ich aus einem bestimmten Grund dort oben stehe, insbesondere als farbiger Mensch. Ich weiß jetzt um die Bedeutung, dass eine Band von jemandem geführt wird, den man im Alltag normalerweise übersieht - ich muss nicht übersexualisiert zu werden, unsere Musik braucht keine RnB-Schublade, nur wegen meines Haut- oder Körpertyps.“ Sätze, die heute, da Rassismus, Misogynie und Bodyshaming noch immer an der Tagesordnung sind, nicht oft genug ausgesprochen gehören. Und die diese Platte über das bloße Hörerlebnis hinausheben.

Samstag, 21. November 2020

Waves Of Dread: Selbstbezichtigung

Als Rezensent ist man ja oft genug versucht, zu gängigen Mustern der Marke "klingt wie eine Mischung aus X und Y" zu greifen (auch hier ist das leider schon oft genug passiert), obwohl allgemein bekannt sein dürfte, dass Musiker*innen nichts mehr hassen als die ständigen Vergleiche mit angeblichen Vorbildern, der unausgesprochene Vorwurf der bloßen Abkupferei wiegt einfach zu schwer. Selten genug und deshalb herzlich willkommen, wenn die Künstler in einer Art Selbstbezichtigung den offenkundigen Bezug ohne unser Zutun ins Spiel bringen. So geschehen bei der "neuen" Single "Stars" der Waves Of Dread aus Newcastle Upon Tyne. Das Shoegazing-Trio hatte zuletzt ja seine EP "II" veröffentlicht und hernach noch den eigenständigen Song "Colour Of Eden", allesamt schön verschlungene, elegische Gitarrenpopstücke. Songschreiber Nick JH hatte allerdings zumindest zu besagtem "Stars" noch eine andere Idee und so erscheint dieser nun im sogenannten Beach Cut, einer elektrifizierten, drumlastigeren Variante, die ein bisschen an - nun, an wen erinnert? Das sagt er uns dankenswerterweise gleich selbst:

"I'm very happy to be bringing out this new version of Stars. I've had the idea to do a new take of the song since its original release and I'm over the moon with the results. Initially, I wanted the song to have a similar feel to Waves of Mutilation (UK Surf) by Pixies - the bass and drums driving throughout is certainly taken from their style of playing, but the song naturally took on a bigger, more dreamy feel during recording, not unlike the band namechecked in the song, Slowdive." 

Freitag, 20. November 2020

Slowthai: Noch Fragen offen

Die Sache mit Tyron Kaymon Frampton ist ja noch nicht ausgestanden. Bekanntlich hatte sich der durchaus talentierte junge Mann, der auch auf den Namen Slowthai hört und im vergangenen Jahr mit seinem fabelhaften Debüt "Nothing Great About Britain" überraschte, einen nicht unerheblichen Fehltritt erlaubt, als er sich bei den NME Awards gegenüber der Moderatorin Kathrine Ryan respektlos und übergriffig zeigte. Danach kam viel Schelte und man weiß jetzt nicht so genau, wo er inzwischen steht, wie weit ihm dieser Skandal karrieretechnisch geschadet hat, obschon ihn ja selbst die Leidtragende später in Schutz nahm. Vor einigen Wochen ist dann seine neue Single "Feel Away" zusammen mit James Blake und Mount Kimbie erschienen, nun folgt die offizielle Bekanntgabe seines zweiten Albums "TYRON" und die Veröffentlichung eines weiteren Tracks namens "nhs". Man liest dazu, dass die kommende Platte auch Slowthais ruhige, ja weiche Seite zeigen werde, im übrigen stehen auf der Gästeliste noch Künstler wie Skepta, A$AP Rocky, Denzel Curry, Dominik Fike und Deb Never. Nun ja, es bleibt also abzuwarten, spätestens am 2. Mai 2021 sind wir dann schlauer.






Donnerstag, 19. November 2020

Bluthund: So gar nicht artverwandt

Bluthund
"StromGitarrenWutRap"

(OMN Label Services)

Ja was denn nun?! Grundsätzlich ist es ja so, dass Bands mit Tiernamen eine schwierige Sache sind. Denn meistens passt das Tier nicht zum Menschen (auch wenn das angeblich eine eiserne Regel sein soll), es entstehen Missverständnisse. Das gilt weniger für die harmlosen unter den Artgenossen wie Vögel, Käfer, Pferde und selbst Ziegen, sondern im Speziellen für Hunde und Hundeähnliche - wenn wir da mal auflisten, ergeben sich schon so einige Fragezeichen: Dog Eat Dog beispielsweise, Dackelblut, die Lassie Singers und eben auch die doch recht alberne, präpubertäre Chaotentruppe von der Bloodhound Gang. Der Bluthund also, da sind wir beim Thema. Unsere vierköpfige Kapelle hier, die wir vor einiger Zeit schon mal angespielt haben, hat nämlich mit der Spaßtruppe aus Amerika genauso wenig zu tun wie mit dem ihrem Wappentier. Diese Rasse mit dem vermeintlich martialischen Namen wird im Lexikon nämlich als "sanftes und anhängliches" Tier beschrieben, das "ruhig, freundlich, zurückhaltend und umgänglich" im Kontakt mit Menschen sei. Und da beißt sich - äh, der Hund in den Schwanz, denn von diesen Eigenschaften ist auf der neuen EP "StromGitarrenWutRap" so gar nichts zu hören. Das Quartett brüllt vielmehr seine Wut in vierfacher Potenz aus den Boxen, das ist laut, das ist dreckig und von Zurückhaltung oder Sanftmut fehlt jede Spur. Vielmehr geraten die fünf Stücke zur zornigen und natürlich politischen Abrechnung - mit militaristischen Saubermännern und Scheitelträgern ("Soldatinnen und Soldaten"), fehlgeleiteten, gern auch anonymen Hasspredigern jeder Coleur ("Halt die Fresse ja!!!"), schärfer als Die Ärzte gehen sie mit dem Punk selbst ins Gericht und Leute, die wegen jedem Mist gleich Amok laufen und einen auf Michael Douglas machen, kriegen auch gleich auch eine mit ("Scheisswut"). Für den aktuellen Track "Wir fackeln alles ab" haben sich Bluthund übrigens mit den Berliner Krawallos The Toten Crackhuren im Kofferraum zusammengetan, Regie von Boris Saposchnikov. Stilistisch bewegt sich der Lärm irgendwo zwischen Deichkind und Turbostaat, Metall-Rap auf hoher Drehzahl also. Irgendwann aber sollten sie mal im Tierheim vorbeischauen, eine Entschuldigung wäre dann doch fällig.



Mittwoch, 18. November 2020

Shame: Gezielte Irritation

Das hatte sich Anfang September schon abgezeichnet, als die ersten aktuellen Töne über das Netz kamen, nun also Gewissheit: Shame werden am 15. Januar via Dead Oceans ihr zweites Album veröffentlichen. Geraunt wird von einer Neuausrichtung, von Überraschungen und dass kaum ein Stein auf dem anderen geblieben sei in der Zeit der Entstehung - fest steht jedenfalls der Titel der Platte "Drunk Tank Pink" und der Name des Songs, der "Alphabet" heute folgt. "Water In The Well" kommt mit einem Video von Pedro Takahashi und wurde wie auch die restlichen zehn Stücke von James Ford produziert, der wiederum schon mit den Arctic Monkeys, Foals, Florence And The Machine und Depeche Mode gearbeitet hat. Grund genug zur Freude ist das allemal, denn langweilig wird es mit dieser Platte und dieser Band sicher nicht werden.




Dienstag, 17. November 2020

Bleachers aka. Jack Antonoff: Auf eine neue Stufe

Wow. Was für ein Song. Das hat man nicht oft, dass man ein Stück hört und es wächst und wächst und irgendwann weiß man, dass jetzt etwas passieren muss und - das tut es dann auch. Jack Antonoff hat in seinem noch jungen Leben schon ziemlich viele wegweisende Platten produziert, Künstlerinnen wie die Dixie Chicks, St. Vincent, FKA Twigs, Lorde, Taylor Swift und Lana Del Rey wurden mit seiner Hilfe noch besser als sie ohnehin waren und sind. Dass er auch mit seinem Soloprojekt Bleachers feine Platten (bislang zwei) abgeliefert hat, gerät dabei leicht in Vergessenheit. Nun, Antonoff hat heute daran erinnern können und zwar auf wirklich wunderbare Weise. Weil er nämlich mit "Chinatown" ein Stück veröffentlichte, das schon in der ersten Hälfte so zu Herzen geht, wie es (siehe oben) nur wenige schaffen. Und dann - kommt auf einmal Bruce Springsteen daher und übernimmt einfach den Chorus und man weiß plötzlich, dass genau das den Song auf eine neue Stufe hebt und dass nur Springsteen selbst (wegen New Jersey und all dem anderen Kram) das schaffen konnte. Antonoff hat für "Chinatown" und die dazugehörige Flipside "45", die mutmaßlich von seinem neuen, dritten Album stammen sollen, ein längeres Statement geschrieben, das wir hier gern ungekürzt notieren wollen:

“‘Chinatown’ starts in NYC and travels to New Jersey. That pull back to the place I am from mixed with terror of falling in love again. Having to show your cards to someone and the shock when you see them for yourself. Thinking you know yourself and where you are from…. having to see yourself through somebody who you want to stay… I started to write this song with these ideas ringing in my head. To further understand who you are pushes you to further understand where you are from and what that looks and sounds like. There are pieces in that that are worth carrying forever and pieces worth letting die. ‘Chinatown’ and ‘45’ are both the story of this—‘Chinatown’ through someone else, ‘45’ through the mirror. As for Bruce, it’s the honor of a lifetime to be joined by him. He is the artist who showed me that the sound of the place I am from has value and that there is a spirit here that needs to be taken all over the world.”



Martin Gore: Der dritte Affe

Es gibt Dinge, die ändern sich nicht. So wie eben eine Rose immer eine Rose ist bleibt zum Beispiel ein Trump immer dumm, Kim Gordon die beste Bassistin und César Luis Menotti der wohl klügste Fussballtrainer aller Zeiten. Naturgesetze halt, unerschütterlich. Und wenn Martin Gore neue Musik macht, dann wird alles stehen und liegen gelassen und sofort ein Text aufgesetzt. Denn der Lockenkopf von Depeche Mode ist nicht nur deren weitaus sympathischstes, sondern auch kreativstes Mitglied und seine letzte Soloplatte "MG" mittlerweile so alt (2015), dass dringender Nachholebedarf bestand. Gore hat nun für Ende Januar tatsächlich eine 12" mit dem Namen "The Third Chimpanzee" bei Mute Records platziert, fünf neue Titel sollen sich darauf finden und wer die drei berüchtigten Affen vor Augen hat, der wird auch verstehen, warum die EP aus rein instrumentalem Material besteht. Nee, ist natürlich fürchterlicher Quatsch - die Story geht folgendermaßen: Gore hat kürzlich Jared Diamonds 1991 erschienene, populärwissenschaftliche Abhandlung "The Rise And Fall Of The Third Chimpanzee" gelesen, in welchem es um den Vergleich der Entwicklung des Menschen zu der seiner beiden Vorfahren, dem Gemeinen Schimpansen und dem Bonobo, geht. Wie gut wir da abschneiden, muss jede/r nun aber selbst nachlesen, wir dürfen jedoch verraten, dass alle Tracks auf Affennamen hören - neben der ersten Single "Mandrill" gibt es noch Stücke zu einem Kapuzineräffchen, der Grünmeerkatze und dem Brüllaffen. Womit wir wieder bei Donald ... - nein, da täten wir dann dem Primatentier doch sehr unrecht ...




Montag, 16. November 2020

Haiku Hands: Simpler Plot, Klasse Pop

Okay, die Story des neuen Films von Christopher Landon ist nicht allzu kompliziert und auch nach drei bis fünf Gläsern Erdbeerbowle noch problemlos zu kapieren: In "FREAKY" tauschen ein ziemlich unbekanntes Highschool-Mädchen und ein ziemlich brutaler Serienkiller aufgrund wunderlicher Umstände ihren Körper und hernach - naja, ihr wißt schon, heilloses Durcheinander, Splatterblut, Gekreische und noch mal ziemlich viel Splatterblut. Und jede Menge Spaß. Dass die australische Dancepop-Band Haiku Hands, die gerade erst ihr selbstbetiteltes Album veröffentlicht hat, den Song "Suck My Cherry" zum Soundtrack beisteuerte, dürfte dem Erfolg der Komödie zuträglich sein, in Deutschland kommt der Film am 23. Dezember ins - naja, irgendwohin halt.



Sonntag, 15. November 2020

Kala Brisella: Schöpferische Hysterie

Für die neue Folge unserer in letzter Zeit etwas vernachlässigten Sunday Spotlights müssen wir heute wieder mal nicht so weit fahren, alles kommt irgendwie aus der Nähe, quasi von um die Ecke, na wenigstens aus dem deutschsprachigen Raum. Den Anfang machen Kala Brisella aus Berlin. Über das neue Album des Trios "Lost In Labour", das gerade bei Tapete Records erschienen ist, hatten wir ja schon berichtet, als die erste Single "Working Star" erschienen ist, Anfang Oktober schickten Anja Müller, Dennis Peter und Jochen Haker noch "Dark Star" hinterher und weil auch dieser Track wieder reichlich mit dem versehen ist, was das Label als Mischung aus "Wucht und Wahnsinn" anpries, fällt es uns wiederum nicht sonderlich schwer, zum Kauf der ganzen Platte zu raten. Denn was könnten diese Zeiten wohl nötiger gebrauchen als junge Menschen, die der Krise mit schöpferischer Hysterie begegnen.




The Notwist: Fragen stellen

Zu diesen Herren sollte man nun wirklich nicht mehr viel erklären müssen, The Notwist aus Weilheim sind hierzulande eine Institution von internationalem Rang, letzteres können bekanntlich nicht viele Künstler aus Deutschland von sich behaupten. Erst in einer der letzten Ausgaben der Spotlights hatten wir von ihrer neuen EP "Ship" berichtet, der ersten aktuellen Wortmeldung nach dem fabelhaften Studioalbum "Close To The Glass" aus dem Jahr 2014. Nun wissen wir, dass Größeres folgen wird, denn gerade hat die Band um Marcus und Michael Archer die Veröffentlichung einer weiteren Studioplatte namens "Vertigo Days" via Morr Music bekanntgegeben. Und dort finden sich neben besagtem "Ship" noch dreizehn weitere Stücke, so auch Kollaborationen mit Juana Molina, Zayaendo, Ben LaMar Gay und Angel Bat Dawid, was genau für die Art von Vielfalt steht, die man von The Notwist auch als Kuratoren ihrer Festivalreihe Alien Disco kennt. Thematisch will das neue Album einiges in Frage stellen, die Band meint in den Linernotes dazu: "We wanted to question the concept of a band by adding other voices and ideas, other languages, and also question or blur the idea of national identity." Das nächste Beispiel dazu heißt übrigens "Where You Find Me" und kommt hier im Stream.

BETTEROV: Das Leben in Liedern

Jetzt aber doch mal zu einem waschechten Neuzugang, zumindest was diesen Blog anbelangt. Denn Manuel Bittorf alias BETTEROV macht ja nicht erst seit heute Musik, sondern ist als Liedermacher schon geraume Zeit unterwegs. Geboren Mitte der Neunziger im thüringischen Bad Salzungen, hat er zunächst erste Bühnenerfahrung beim Freien Theater Eisenach gesammelt, nebenbei aber auch schon Unterricht für Klavier, Geige, Gitarre und Gesang genommen, Dinge, die ihm später bei seinem Soloprojekt hörbar zugute kommen. Seit 2015 schreibt Bittorf Songs, er zieht nach Berlin, spielt dort in Clubs und Kneipen und nimmt zusammen mit dem Produzenten Tim Tautorat (Provinz, Faber, AnnenMayKantereit) eine Reihe melancholischer Rocksongs auf, von denen "Platz am Fenster" der aktuellste ist. Immer wieder spiegeln sich in den Liedern die Brüche von Kindheit und Jugend, klingen traurige Erinnerungen und zarte Hoffnung nach. Die ungeschönte Poesie nimmt den Zuhörer schnell in ihren Bann, gut möglich, dass sich hier eine veritable Überraschung für das kommende Jahr ankündigt. Was gerade zu der Zeit, da wir wieder viel von Gerd Gundermann aus Weimar lesen und hören, nicht die schlechteste Nachricht ist.







Disarstar: Keine Reise

Über seine Pläne hatten wir ebenfalls erst kürzlich berichtet - der Hamburger Disarstar hatte ja zusammen mit der Veröffentlichung seiner neuen Single "Sick feat. Dazzit" das nächste Album "Deutscher Oktober" angekündigt. Und schickt nun einen weiteren, düsteren Track hinterher - "Australien" ist alles andere als eine Reisebeschreibung für Insta-Junkies, sondern derbe Reimarbeit über fehlende Chancen und verpasste Gelegenheiten, über Ungerechtigkeit und Vorurteile.




Mira Mann: Komm einfach

Ihr erstes Buch war noch rot und hieß "Gedichte der Angst". Mira Mann, Sängerin und Bassistin der Münchner Band Candelilla, verarbeitete dort die Wochen, als sie von ihrer Krankheit erfuhr - ein dünnes Bändchen voller starker Worte und chaotischer Gedanken, ein Auf und Ab widerstrebender Gefühle, Schockstarre, Aufstehen, Funktionieren, weiter leben wollen. Es folgte die EP "Ich mag das". Im vergangenen Jahr dann, wieder bei der Kölner Parasitenpresse, die Fortsetzung, jetzt in sonnengelb. "Komm einfach" schließt an das Debüt an, erzählt von der Bewältigung des Alltags und der Bereitschaft, den eigenen Körper neu anzunehmen, zu spüren und die Zeit als wertvolles Geschenk zu verstehen. Zusammen mit Produzent und Musiker Martin Brugger hat Mann nun einen Text daraus zu dem gleichnamigen Song "Komm einfach" vertont, zum Stück, das erneut bei Problembär Records erscheint, gibt es auch ein Video, gedreht von Thomas Gothier und Anna Lena Keller. 

"Komm einfach. Ausatmen ausatmen ausatmen, warten, dass alles stillsteht. Sonne, sanfte frische Sonne. Komm einfach, keine Grenze, keine Gefahr. Komm einfach zu mir und dann bleib Haut an Haut. Wir fangen an zu entspannen. Wir spüren die Kraft, den Platz, den Spielraum. Hey Baby das ist der Sommer an der Küste mit der Luft und dem Wind und den leichten Tagen. Kleine Wasserkörner liegen in der Luft, kühl. Wir sitzen rum und schauen und warten zwanzig Minuten. Der leichte Muskelkater im Nacken. Ich leg den Kopf schief, ich dehne. Ich spüre den hellen schönen Schmerz. Mein Körper ganz da, unerforscht, wechselhaft. Mein Körper dein Körper verändert sich ständig. Und du streichst über meine weichen Stellen und Spucke und Zähne. Und Sonne Sonne Sonne. Sanfte frische Sonne. Wasser. Luft. Komm einfach, keine Grenze, keine Gefahr. Komm einfach zu mir und dann bleib Haut an Haut."




Samstag, 14. November 2020

Kruder und Dorfmeister: Frische Erinnerung

Kruder und Dorfmeister
„1995“

(G Stone Recordings)

Das ist also das Album, das uns zu Nostalgikern macht. Weil es trotz aller Beteuerungen eben weniger eines für Menschen ist, die 1995 geboren sind, sondern eher für jene, die in dieser Zeit in den Bars und Clubs die Nacht feierten. Und einem/einer jeden fallen jetzt unzählige Orte und Begebenheiten ein, die mit der Musik von Peter Kruder und Richard Dorfmeister zu tun haben, die davon erzählen, wie man damals diesen unglaublich coolen und smoothen Sound nicht nur erlebt, sondern regelrecht aufgesogen hat. Ob hierzulande auf dem Dancefloor des Hamburger MOJO-Clubs oder bei Michael Reinboths Into Somethin‘ in der Münchner Muffathalle, das Duo war für ein paar Jahre sprichwörtlich tonangebend – dass die Platten der beiden dann den Weg von der Nacht in den Tag fanden und fortan auch immer öfter in Coffeeshops dem schwatzhaften Gastrovolk zur Ablenkung und Unterhaltung dienten, dafür kann man den zwei Wienern kaum einen Vorwurf machen. Die Qualität ihrer Arbeit schmälerte das ohnehin nicht, die nutzte sich nur leider etwas schneller ab. Es hätte Nachschub gebraucht, doch wie sie gerade in Interviews erzählen, war der Hype so überwältigend und allumfassend, dass für mehr keine Zeit blieb – und so kam es, dass einiges an Material ungehört auf Bändern in Kisten verschwand, das nun, über zwanzig Jahre später erst mit großem Aufwand aufpoliert und wieder zugänglich gemacht wurde. Eben „1995“. 

Wer sich schon damals nicht darauf beschränkte, das Werk des Duos nur als entspannte Klangkulisse wahrzunehmen, sondern das Vergnügen schätzte, den Klangkosmos aus Dub, Downtempo, Jazz, Trip-Hop und Drum And Bass näher zu ergründen, wird auch an den wiederentdeckten Tracks viel Freude haben. Denn die Einflüsse von Morricone, Mancini, Barry, Brubeck, Davis und vielen mehr sind wieder überdeutlich zu hören und kommen, garniert mit den eleganten Beats und äußerst präzisen Arrangements, so frisch daher, als hätte sich dazwischen nichts Wesentliches getan, als könnte die Zeit all dem nichts anhaben. Die Singles „Johnson“, „Swallowed The Moon“ und vor allem „Kingsize“ wurden mit Bedacht gewählt, weil sie exemplarisch das feine Gespür von Kruder und Dorfmeister für klug abgemischtes Hitfutter unterstreichen, die besagten Referenzen finden sich dann aber vor allem in den restlichen Stücken, die zudem mit einer Vielzahl kluger Effekte glänzen können. Ganz besonders gelungen ist das gut dreizehnminütige „One Break“, bei dem sich aus einer maximal relaxten Trancenummer allmählich knackige Breakbeats schälen. Nicht ganz ohne eine gewisse Ironie übrigens kommt das Album gerade jetzt in die Läden – das Erlebnis ausgelassener Tänze bis in die frühen Morgenstunden ist aus Gründen derzeit legal nicht zu haben, die Sehnsucht danach dürfte dem Erfolg einer Platte wie „1995“ noch einen zusätzlichen Schub geben.

Donnerstag, 12. November 2020

Billie Eilish: Allein unterwegs

Was passiert ist, wenn der eigene Nachwuchs in einer Mischung aus Hysterie und Euphorie durch die Wohnung kreischt? Nun, der naheliegendste Grund lautet: Billie Eilish hat einen neuen Song draußen. Das Mädchen also, das - Achtung: Opawitz! - ein Telefonbuch einsingen und damit dennoch die Charts toppen würde, schickt also ihrem einigermaßen okayen, aber doch recht vorhersehbaren Bondsong wieder eine Eigenkomposition hinterher. Und diese wiederum folgt den Singles "Everything I Wanted" und "My Future". "Therefore I Am" muss sich dabei nicht verstecken, ist sogar vergleichsweise locker geraten und nachdem die Künstlerin kürzlich viel Technik in ihren ersten Corona-Lockdown-Livestream-Gig investiert hatte, ist das Video zum aktuellen Track wohl vergleichsweise preiswert gewesen - sie brauchte dazu nicht mehr als ein Kamera und eine leere Shoppingmall (ebenso wie Jimmy Fallon). 








Teenage Fanclub: Scottish Harmonists

Sie waren in den 90ern wohl die mit den schönsten Harmonien: Die schottische Band Teenage Fanclub um Bandgründer Norman Blake hatte bekanntlich ihre Glanzjahre deutlich vor der Jahrtausendwende, es gab einige schöne Alben und viele Hitsingles. Doch obwohl sie sich offiziell nie aufgelöst hatten, wurde es in den letzten Jahren seltsam still, die Alben nach dem 2000er "Howdy" konnten an den Erfolg der Vorwerke nicht mehr ganz anküpfen. Nun schickt sich das Quintett an, mit "Endless Arcade" im März kommenden Jahres ein neues Album zu veröffentlichen und die erste Single "Home" lässt vermuten, dass sie wohl die alten Zeiten wieder aufleben lassen wollen - nun, wir haben nichts dagegen einzuwenden.





Dienstag, 10. November 2020

The Clockworks: Neues Zuhause

Man hatte ja in den letzten Tagen ein wenig den Eindruck, die Welt müsse nach dem anstrengenden CNN-Wochenende mal etwas durchatmen, es ist ja schließlich einiges passiert. Im englischen Inselreich hat sich außer einem sehnsuchtsvollen Blick auf den großen Bruder überm Wasser nicht so viel getan, der alte Trott, der alte Ärger. Kein Wunder, dass der Hashtag #BorisNext die Runde machte. Die Iren allerdings in ihrem gottgegebenen Optimismus legen jetzt wieder los - The Clockworks aus Galway können mit einer sehr schönen, neuen Single aufwarten, sie feiern mit "Enough Is Never Enough" nicht weniger als die Unterschrift beim legendären Label Creation 23 von Alan McGee. Dort sind immerhin epochale Werke von Oasis, My Bloody Valentine und Primal Scream erschienen. Für uns ist das nebenbei eine willkommene Gelegenheit, noch einmal auf ihre ebenso formidablen Songs "Can I Speak To The Manager?", "The Future Is Not What It Was", "Bills And Pills" und "Stranded in Stansted" zu verweisen - lohnt sich.

Sonntag, 8. November 2020

Chilly Gonzales: Frohe Botschaft

Okay, face the truth: Weihnachten naht. Auch wenn die Temperaturen da draußen nicht danach sind, auch wenn wir gerade erst die mutmaßlich wichtigste frohe Botschaft bekommen haben - das Fest kommt trotzdem. Und obwohl wir nicht gerade als der Ort für beseeltes Klingelingeling bekannt sind, die folgende Nachricht ist schon eine schöne. Denn der personifizierte Musiksachverstand, -liebhaber und geniale Künstler Chilly Gonzales aus Kanada hat ja bekanntlich vor kurzer Zeit ein Buch über Enya (KiWi) veröffentlicht und gerade weil er der ist, der er ist, kann man davon ausgehen, dass sich die Lektüre lohnt (auch wenn man mit der Musik erst einmal superdollen Kitsch verbindet). Doch damit nicht genug, nun schickt sich der eleganteste Bademantelträger seit Udo Jürgens an, auch noch ein Weihnachtsalbum zu veröffentlichen. "A Very Chilly Christmas" wird am 13. November auf seinem eigenen Label Gentle Threat erscheinen und neben Duetten mit Jarvis Cocker und Feist auch ein Cover von Mariah Careys Oberschnulze "All I Want For Christmas Is You" enthalten. Dazu kommen noch Klassiker wie "O Tannenbaum", "Jingle Bells", "Silent Night" und "Last Christmas", selbst an das vor einiger Zeit von Helene Fischer verunstaltete "Maria durch ein Dornwald ging" hat er sich herangetraut. Und, das sagen wir jetzt nicht einfach so daher, wir sind mächtig gespannt!



Freitag, 6. November 2020

All diese Gewalt: Im Zweifel für den Zweifler

All diese Gewalt
„Andere“

(Glitterhouse)

Vor zehn Jahren sang einmal ein kluger Kopf diese Zeilen: „Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn, im Zweifel fürs Zerreißen der eigenen Uniform. Im Zweifel für Verzärtelung und für meinen Knacks, für die äußerste Zerbrechlichkeit, für einen Willen wie aus Wachs. Im Zweifel für die Zwitterwesen aus weit entfernten Sphären, im Zweifel fürs Erzittern beim Anblick der Chimären.“ Es ist nicht anzunehmen, dass Dirk von Lowtzow, Sänger und Texter der Hamburger Kapelle Tocotronic, schon damals wusste, was Max Rieger im Jahr 2020 umtreiben würde. Er wollte wohl einfach eine Lanze brechen für die scheinbar Schwachen, Unentschiedenen, Zögerlichen. Und er brach sie unbewusst eben auch für den Mann, der sich hinter dem Pseudonym All diese Gewalt verbirgt, der sonst mit seiner Band Die Nerven deutlich härtere Töne anschlägt. Und der ganze vier Jahre an diesem, seinem zweiten Soloalbum arbeitete, mit ihm haderte, kämpfte und selbst zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht gänzlich davon überzeugt war. Rieger hat dieses zähe Ringen mit sich selbst öffentlich gemacht und für einiges Erstaunen gesorgt, schlussendlich übergab er das Werk, wie er dem Radiosender detektor.fm sagte, aber dann doch dem Produzenten, wohl wissend, dass seine Arbeit getan war und diese so schlecht nicht sein konnte.

Tiefstapelei kann man das angesichts des nun hörbaren Ergebnisses nennen. Wo von Lowtzow dem Zweifel einen Song widmet, orchestriert ihm Rieger eine Hymne. „Andere“ ist, zusammen mit dem Film von Nicolas Ohnesorge und David Spaeth, eine dramatische, auch romantische Würdigung unserer eigenen Unvollkommenheit und Befangenheit geworden: Endloser Wald, dunkle Fluchten, dann gleißendes Licht, dazu das fahle, ernste Gesicht von Luzia Oppermann und die eingespielten Stimmfetzen aus dem Automaten, deren künstlichen Klang Rieger „suizidal“ nennt. Das alles ist im besten Sinne großes Kino, starke Bilder treffen wuchtige, fast mystische Klänge, ein wahrhaft faszinierendes Schauspiel. Bis man dort ankommt, hält Rieger für die Zuhörer*innen ähnlich Wundersames und viel Abwechslung bereit. „Erfolgreiche Life“ beispielsweise, die aktuelle Auskopplung, kommt als synthetischer Wavepop daher, das Video spielt mit verstörenden Bezügen zu den Folterszenen aus Guantanamo und der geheimnisvollen Düsternis von Kubricks „Eyes Wide Shut“.



„Etwas passiert“ (und später „Blind“) wiederum reicht ein vergleichsweise sparsamer Pianopart, um die Unentschlossenheit und Ohnmacht des Erzählers zu illustrieren – „Alle die ich kenne, sind längst nicht mehr hier“, singt er und sieht sich dennoch außer Stande, für sich selbst etwas daran zu ändern. Rieger hat in besagtem Interview versucht, das eingangs erwähnte Zitat von der Unzufriedenheit aufzulösen, er sei ohne das sonst gewohnte Korrektiv seiner Mitmusiker teilweise verloren gewesen mit all den Möglichkeiten und Wendungen, die solch eine Soloproduktion mit sich brächten. Für uns stellt sich, bei seinem Genie wohlgemerkt, dieses Suchen und Wechseln zwischen den Stilen als Segen heraus. Ob klackernder Synthpop (á la Depeche Mode zu Violator-Zeiten) bei „Gift“, der Waverock von „Grenzen“, die zarten Hooks mit künstlich gebrochener Stimme in „Dein“ oder das verhallt-verschwommene „Echokammer“, es bleibt ein spannender Kosmos, in den er uns mitnimmt. Die Ungewissheit, mit der sich Rieger während der Arbeit an „Andere“ konfrontiert sah und die dieses Album als roter Faden durchzieht, ist letztendlich auch Teil unseres eigenen Ichs. Und vielleicht ein oder auch der Grund, warum dieses Ablum so berühren kann.

Liines: Gar nicht so schwer

Den Aufschlag zu den empfehlenswertesten Tracks des bevorstehenden Wochenendes machen heute drei Damen aus Manchester - beileibe keine unbekannten: Wer die Liines, also Zoe McVeigh (Gitarre, Gesang), Leila O'Sullivan (Drums) und Anna Donigan (Bass) schon live erlebt hat, die/der weiß, mit wieviel Energie das Trio von der Bühne kommt, eine Energie, die die Band im Übrigen eins zu eins auf ihrem Debütalbum "Stop/Start" von 2018 umzusetzen vermochte. Nachdem Tamsin Middleton die Band kürzlich verlassen hat, wurde in Donigan (wie man unschwer hören kann) glücklicherweise gleichwertiger Ersatz gefunden und so können die drei mit neuer Power das Rennen fortsetzen. Erstes Ergebnis: Zur letztjährigen Veröffentlichung der Single-Flipside "On And On" geht heute "Sorry" an den Start und auch wenn olle Elton vor langer Zeit meinte, dieses Wort sei eines der am schwersten aussprechbaren, so beweisen sie hier locker das Gegenteil. Ein Smasher also, gehört in jede Playlist.

Donnerstag, 5. November 2020

Clipping: Land of Hate and Fury

Clipping
"Visions Of Bodies Being Burned"

(Sub Pop)

Gemacht für Tage wie diese: Es gibt wohl kaum einen besseren Moment, um über Clipping und ihr aktuelles Album zu sprechen. Da schickt sich eine der ältesten Demokratien dieses Planeten an, im Chaos zu versinken, weil ein durchgeknallter Egomane meint, mal eben alle über die Jahrhunderte gewachsenen und bislang verbindlichen Regeln außer Kraft setzen zu dürfen. Und die Hälfte der Bewohner dieses einst so stolzen Landes hat ihn genau dafür ins Amt gehoben und schaut ihm nun begeistert dabei zu, wie er ihrer aller Untergang herbeiregiert. Aus Hope and Glory ist längst Hate and Fury geworden - es ist der Horror. Und wenn man zu diesem Szenario noch einen Soundtrack braucht, dann ist dies unbedingt „Visions Of Bodies Being Burned“. Im Zweifelfall, wenn also nicht zur Hand, würde es natürlich auch der Vorgänger „There Existed An Addiction Of Blood“ tun, denn schon 2019 haben Daveed Diggs, William Hutson und Jonathan Snipes mit ihrer dritten Studioplatte Bahnbrechendes in Sachen Noise Rap abgeliefert. 

Nun gibt es in diesem Jahr beispielsweise mit Run The Jewels oder auch Algiers schon brilliante Beispiele politischer Wortmeldung, allerdings erscheinen diese im Vergleich nicht ganz so verstörend, wie sich die Realität gerade darstellt. Clipping dagegen haben genügend Albtraumhaftes im Programm, um hier bestehen zu können: Es knistert, raschelt, pfeift und kreischt, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen, zu dröhnenden, furchterregenden Klangkulissen mischen sich wuchtige, metallische Beats („Pain Everyday“), dissonantes Durcheinander („“Eaten Alive“), übersteuertes Feuerprasseln, Schafherdengeblöke und natürlich haufenweise böse Reime in teilweise atemberaubendem Tempo.

Dass sich Clipping neben dem Hip-Hop-Duo Cam And China auch Tonkünstler wie Greg Stuart oder die Jazzer Jeff Parker und Ted Byrnes ins Studio geholt hat, spricht für ihre ungebremste Experimentierfreude, die Kollaboration mit theOGM und Eaddy von der Hardcore-Truppe Ho99o9 aus Los Angeles ist dagegen fast zwangsläufig, verfolgen die beiden doch einen ähnlich kontroversen Ansatz. Unbedingt erwähnen müssen wir noch das Video zu „Enlacing/Pain Everyday“: Wie auch schon für „All In Your Head“ (2019) übernahm hier die Filmemacherin Sarah C Prinz Regie und Choreographie und hat hier (auch dank der sagenhaften Performance von Matthew Gibbs) abermals ein beeindruckend düsteres, elektrisierendes Kunstwerk geschaffen. Wären die Umstände nicht so bedrückend, es bestände Grund zu ausgelassenem Jubel – so gruseln wir uns im Stillen und hoffen inständig, dass es nicht noch schlimmer kommt.

Danube: Nicht nur laut und grell

Weil unsere Zeiten so sind wie sie sind, gilt ja oftmals das Laute, Grelle, Extreme als das neue, trendige Ding der Stunde, alles andere darf sich gern hinten anstellen oder wird erst gar nicht zur Kenntnis genommen. Auf unsere Hauptstadt trifft diese Einschätzung, wen wundert es, im Besonderen zu. Die Berlin Music Comission tickt da vielleicht etwas anders, 2007 als genossenschaftliches Netzwerk der sog. Musikwirtschaft gegründet, hat sie sich die Vertretung kleiner und mittelständischer Unternehmen der Branche zur Aufgabe gemacht und fördert hier bewußt Künstler*innen, die nicht über die Lobby der Mediengiganten und Majorlabels verfügen. Auf einem aktuellen Sampler ("Berlin Music Comission - Unexpected Sounds") versammeln sie gerade sechszehn Bands und Musiker*innen, die gern auch mal andere Töne anschlagen als die oben genannten, mit dabei sind unter anderem We Will Kaleid, Tom Baldauf, dfumh, uon oder das Technoprojekt Flirren. Und auch Stella Lindner, bekannter unter ihrem Pseudonym Danube, hat ein Lied zur Compilation beigesteuert - "Eggshells" kommt als feinfühlige Liebeskummer-Ballade daher, produziert haben wie gewohnt Tobias Siebert und Simon Frontzek und auch die beiden Slut-Buddies René Arbeithuber (früher mit Lindner als Gender Bombs unterwegs) und Rainer Schaller waren mit von der Partie. Wem's gefällt, der/die darf gern auch noch die beiden letzten Singles der Wahlberlinerin "Touch Mahal" und "Sense Is Where You Find It" vor Ort anhören.

Dienstag, 3. November 2020

Haiyti: Weiter austeilen

Ob sie zu schnell ist? Nun, vielleicht sind ja wir auch einfach zu langsam? Dass jedenfalls Haiyti nach "Sui Sui" schon wieder eine neue Platte raushaut, ist zwar überraschend, andererseits aber auch gut. Weil die letzte nicht schlecht war. Düster, hart, angriffslustig sollen die aktuellen Tracks sein, sagt zumindest das Label, es geht nicht mehr um "100.000 Fans", sondern die gleiche Anzahl Feinde und weil der Titel "Influencer" (VÖ 4. Dezember) heißt, darf man annehmen, dass es einmal mehr jede Menge derber Sprüche an verschiedene Adressen geben wird. Ein paar von den Reimen sind ja auch schon draußen - in der Reihenfolge "Tak Tak", "100.000 Feinde", "Sweet" und das brandneue "Comeback".










Sonntag, 1. November 2020

Mogwai: Tatsächlich Liebe

Auch wenn man's nicht sofort übereinanderbringt - das ist tatsächlich ein neuer Song der schottischen Kapelle Mogwai. Weil aber die Herren um Stuart Braithwaite ohnehin stets Gefallen daran finden, Grenzen zu durchbrechen und Erwartungen zumindest in Frage zu stellen, ist die Nachricht, dass am 19. Februar via Temporary Residence Inc. ein neues Album des Postrock-Quartetts (das mit diesem Etikett ja bekanntlich so seine Schwierigkeiten hat) zunächst einmal eine gute. "As The Love Continues" soll die Studioplatte Nummer zehn heißen und dem 2017er Opus "Every Country's Sun" folgen - es finden sich darauf elf Tracks und "Dry Fantasy" ist einer von ihnen.