Dienstag, 16. Juli 2019

Automatic: Beste Voraussetzungen

Und noch eine Neuheitenmeldung für den heutigen Tag: Die drei Damen von Automatic hatten wir hier mit ihrem ziemlich skurrilen Werksvideo zur Single "Calling It" bereits vorgestellt, daß die Musik von Izzy Glaudini (Synths, Vocals), Lola Dompé (Drums, Vocals) und Halle Saxon (Bass, Vocals) kühl und reizvoll ist, wußten wir also schon. Nun dürfen wir für den 27. September via Stones Throw das Erscheinen ihres Debüts "Signal" verkünden, was die Band wiederum mit dem neuen Song "Too Much Money" feiert. Und ein Paar Konzerttermine gibt es heute auch noch. Zwei kleine Geschichten noch am Rande, die in der Vita des Trios zu finden waren - der Bandname geht auf einen Song der kalifornischen Go-Go's zurück (Belinda Carlisle, you know?), der einzigen All-Girl-Formation ever, die ein komplettes Album geschrieben und auf Platz 1 der amerikanischen Charts platziert hat. Und nicht nur dass Lola Dompé's Großmutter die Eigentümerin einer alten Alu-Bude (siehe oben) ist, ihr Vater Kevin Haskins war lange Zeit Schlagzeuger bei Bauhaus. Na, wenn das mal keine Vorschusslorbeeren sind.

27.10.  Hamburg, Goldener Salon
28.10.  Berlin, Urban Spree

Squid: Nachgelegt

Kürzlich hatten wir die britische Post-Punk-Band Squid noch mit dem österreichischen Kabarettisten Josef Hader in Verbindung gebracht, etwas abwegig, das geben wir gern zu, aber ihre Topfpflanzenhommage lud einfach dazu ein. Heute kündigen die fünf Herren aus London eine neue EP mit dem Titel "Town Centre" an, darauf werden sich neben der aktuellen Single "The Cleaner" (Spiellänge schlappe siebeneinhalb Minuten!) noch drei weitere Songs befinden, erscheinen soll sie am 6. September bei Speedy Wunderground.

Wilco: Nicht zu toppen

Die letzten Nachrichten? Waren nicht wenige: Jeff Tweedy mit einem Soloalbum, dazu ganz aktuell ein Tribute-Sampler zum All-Time-Liebling "Yankee Hotel Foxtrot", dessen Erlöse zugunsten der Aids Foundation Chicago gehen und worauf sich Bands wie Meat Wave, Adult Mom und Slow Mass finden. Nicht zu vergleichen allerdings mit der Ankündigung einer neuen Platte. Und die kommt nun also hier: Wilco werden am 4. Oktober als Nachfolger von "Schmilco" ihr nächstes Werk "Ode To Joy" veröffentlichen, begleitet von einer anständigen Tournee (mit drei Deutschlandterminen) und einer ersten Single namens "Love Is Everywhere (Beware)". Noch Fragen?

12.09.  Berlin, Tempodrom
13.09.  Köln, Carlswerk Victoria
14.09.  Hamburg, Elbphilharmonie
18.09.  Zürich, Volkshaus

LIFE: Heilige Dinge [Update]

Wer sein erstes Album "Popular Music" nennt, der hat schon mal eines: Humor. Und den nötigen Abstand zum eigenen Werk. LIFE aus dem englischen Hull jedenfalls würden wohl beides unterschreiben, 2017 ist ihr Debüt erschienen und über Nachfrage können sich die vier seitdem wohl kaum beklagen. Vor einigen Wochen hatten wir hier ihre neue Single "Moral Fibre" vorgestellt, dieser gesellt sich nun eine weitere hinzu plus Ankündigung für ein weiteres Album. Am 20. September wird "A Picture Of Good Health" (Coverart unten) bei Afghan Moon (PIAS) erscheinen und "Hollow Thing" nennt sich die besagte Auskopplung. [Update: Video plus Tourdaten]

29.09.  Köln, MTC
30.09.  Hamburg, Molotow
05.10.  Berlin, Musik und Frieden
08.10.  München, Kranhalle
10.10.  Zürich, Dynamo Werk



Frankie Cosmos: Treuepunkte [Update]

Das wird die vielen freuen, die sich mit dem entspannten Gitarrenpop der Band über die Jahre vertraut gemacht haben und Gefallen daran fanden, mit welcher Leichtigkeit Greta Simone Kline solch feine Songs aus dem Ärmel zu schütteln scheint: Frankie Cosmos, von denen wir hier reden, haben sich nicht erst im vergangenen Jahr mit ihrem Album "Vessel" eine treue Anhängerschaft aufgebaut, es ist davon auszugehen, dass diese mit dem gerade angekündigten "Close It Quietly" nicht von der Fahne gehen wird. Am 6. September soll also ihre vierte Studioplatte bei Sub Pop Records erscheinen, begleitet wird sie von auserlesenen Liveterminen und der ersten Single "Windows" samt Videoclip.

08.10.  München, Heppel und Ettlich
09.10.  Wien, Chelsea
11.10.  Köln, MTC

Update: Und hier kommt dann mit "Rings (On A Tree)" eine zweite Single vom Album.





Montag, 15. Juli 2019

Trettmann: Schon gehört?

Am Wochenende wussten es diejenigen, die auf dem Splash! in Gräfenhainichen vor der Bühne tanzten, mittlerweile ist die Sache auf allen Kanälen rum: Am 13. September wird bei KitschKrieg das neue Album von Trettmann erscheinen, dem Mann also, der mit seiner letzten Platte "#DIY" eine ganze Generation verblüfft und angeschoben hat - und, was Wunder, aus Chemnitz kommt. Man bräuchte das eigentlich nicht extra betonen, aber in Zeiten, in denen viele (von den Guten und den Bösen) den deutschen Osten schon für eine komplett national befreite Zone halten, sind Standort- und Standpunktfragen und die Antworten darauf wichtiger denn je. Es gab ja in den letzten Monaten immer wieder feinen Klangstoff vom Trendlabel, wurde der "Standard" gesetzt, machten "5 Minuten" den Unterschied" und der Gringo war ohnehin sauer. Jetzt jedenfalls steht dieser eine Termin und wer sich den Stream vom Festival via Arte anschaut, der wird dort schon neues Material finden.

Idles: Einstecken und Austeilen

Das ist jetzt eine willkommene Gelegenheit, nochmals auf die unglaublichen Live-Quailitäten der Punktruppe Idles aus Bristol hinzuweisen, auch wenn vorerst keine deutschen Termine mehr ins Land stehen. Vor einigen Tagen ging ja das legendäre Glastonbury Festival von Bauer Michael Eavis über die Bühnen und natürlich gab es auch in diesem Jahr wieder einige atemberaubende Auftritte, die sogar einen sonst seelenlosen Videostream lohnen. Da wäre zum einen der Gig von Grime-Rapper Stormzy und eben vor allem das unglaublich intensive Konzert von Joe Talbot und Kollegen. Viel besser kann man einen Termin bei Tageslicht nicht hinbekommen, in Sachen Emotionalität läßt er sich ohnehin (wie gesagt, reinschauen!) kaum toppen. Und die Gelegenheit - btw. - die Idles haben heute ein Video zu ihrer Single "Never Fight A Man With A Perm" veröffentlicht, der Illustrator Russell Taysom hat den herrlichen Splatter-Fight Talbot vs. Barry Fiffa und Timmy Thyroid gemalt, der dann doch recht überraschend endet.

PS: Im Netz gibt es übrigens eine eigene Petition, um Michael Eavis zum Ritter schlagen zu lassen - aus Gründen.



Babeheaven: Unüberhörbar

Nein, wir werden nicht müde werden, die Musik der wunderbaren Band Babeheaven hier offensiv anzupreisen. Dafür ist die Stimme von Nancy Anderson einfach zu smooth und der Sound von Jamie Travis zu eingängig. Zu Beginn dieses Jahres gab es von den beiden ja schon die EP "Circles" zu hören, nun ist von einem Debütalbum noch in dieser Saison die Rede (siehe Clash Magazin), eingeleitet wird diese erfreuliche Nachricht mit der bezaubernden Single "Jalisco". Das Video stammt von Saorla Houston, die Maniküre lieferte Sylvie Macmillan.

Sonntag, 14. Juli 2019

Secret Shame: Berufung

Beginnen wir unsere Wochenendrubrik Sundays Spotlights heute in Asheville, North Carolina. Der Ort ist dem durchschnittlichen Mitteleuropäer vielleicht nicht ganz so geläufig, Literaturliebhabern allerdings sollte er als Geburtsort von Thomas Wolfe schon ein Begriff sein, der Schriftsteller hat seiner Heimatstadt in seinem Roman "Look Homeward, Angel" (hier genannt Altamont) ein ewiges Denkmal gesetzt. Was Ashevilles Jugend höchstwahrscheinlich weniger interessiert, zumindest die fünf Leute, mit denen wir es bei der Band Secret Shame zu tun haben. Lena, Nikki, Matthew, Nathan und Billie jedenfalls schreiben in ihrer Kurzbio den Satz "Some people like to make music - others have to" und wem das noch nicht ernsthaft genug klingt, dem genügt ein Blick auf das obige Bild, um die Grundstimmung ihrer Musik zu ahnen. Düsterer, lauter Post-Punk ist es, dem sie sich seit 2017 verschrieben haben, da erschien ihre erste EP, nun haben sie via Portrayal Of Guilt Records für den 6. September ihr Debütalbum "Dark Synthetics" angekündigt. Und wer hiervon die erste Single "Dark" hört, weiß, dass Lena und ihre Freunde ihren Beruf resp. ihre Berufung tatsächlich sehr ernst nehmen.



FUR: The fabulous four

Bei dem britischen Quartett FUR ist es eher die sehr spezielle Frisur von Sänger Will Murray, die einem zuerst ins Auge fällt. Vermutungen, Murray habe eine große Affinität zur Musik der 60er und 70er, lassen sich mit solch einem außergewöhnlichen Schnitt wohl kaum von der Hand weisen. Und erhärten sich sofort, hört man sich ein paar Songs der Band an - hier jangled und swingt alles ganz wunderbar, so daß es schwer wird, sich dem Beat zu entziehen. Vor vier Jahren starteten FUR mit ein paar Singles (die man sich bei Soundcloud anhören kann), es folgten einige hübsche Videos und eine selbstbetitelte EP Anfang dieses Jahres. Und nun also mit "Nothing (Until Something Else Comes Along)" eine erste neue Single. Merke: Die Frisur sitzt weiterhin, der Sound stimmt, wir dürfen gespannt sein.





Surf Curse: Inspiration

Auch bei diesen beiden Herren fallen die eigenwilligen Haare sofort auf, auch bei diesen beiden macht die Musik jede Irritation sofort wieder wett: Das Duo Surf Curse kommt aus Los Angeles, besteht aus Nick Rattigan und Jacob Rubeck und spielt Lieder, die sich ohne große Schwierigkeiten sofort da einnisten, wo im Hirn der Platz für Ohrwürmer vorgesehen ist. Schon als vor einigen Wochen ihre erste neue Single "Disco" erschien, hat es uns mächtig in den Fingern gejuckt, nun mit "Midnight Cowboy" gibt es keine Ausreden mehr (inspiriert wurden Surf Curse zum Video des Songs im Übrigen von John Schlesingers gleichnamigem Film mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle). Und spätestens am 13. September, wenn bei Danger Collective ihr Album "Heaven Surrounds You" erscheint, wird jeder wissen, was er an den beiden hat.



Lola Marsh: Echokammer

Nach Israel hat uns unsere Perlentaucherei noch selten geführt, doch diese beiden lohnen die lange Anreise: Das Duo Lola Marsh kommt aus Tel Aviv und besteht aus Sängerin Yael Shoshana Cohen und Multiinstrumentalist Gil Landau. Für das Video zu ihrer neuen Single "Echoes" haben sie mit Regisseur Indy Hait zusammengearbeitet und eine verblüffende Lookalike-Choreografie erarbeitet, die zeitversetzt, eben wie ein Echo, agiert. Live treten die beiden übrigens mit einer Gruppe erstklassiger Musiker auf, wer sie in diesem Sommer bzw. Herbst sehen möchte, sollte sich die folgenden Termine notieren.

22.08.  Hamburg, Sommer in Altona
23.08.  Pütnitz am See, About You Pangea
11.10.  Wien, Rote Bar
12.10.  Nürnberg, Nürnberg Pop
18.10.  Basel, Sommercasino

Samstag, 13. Juli 2019

IDER: Emotionaler Imperativ

IDER
„Emotional Education“
(Glassnote)

Okay, Björn und Benny stören bei der Geschichte jetzt etwas. Aber wenn man über Großbuchstaben (für Freunde des Latinums: Versalien) in Bandnamen reden möchte, dann darf man natürlich ABBA nicht unter den Tisch fallen lassen. Sei’s drum, in der neueren Geschichte sind die dicken Lettern jedenfalls wieder sehr in Mode gekommen und zwar auffällig oft bei Formationen, die nur aus Frauen bestehen. Die Geschwister HAIM haben damit angefangen, vor ein paar Jahren legte das kalifornische Queer-Pop-Trio MUNA mit seinem Debüt „About U“ die Messlatte auf eine neue und beachtliche Höhe. Nun kommen IDER aus London und wie bei den beiden anderen Beispielen darf man die Schreibweise gern als eine Art Imperativ, als Ausrufezeichen verstanden wissen. Als Ausdruck des Selbstverständnisses, mit dem sich weibliche Künstler mittlerweile im noch immer männlich dominierten Musikbusiness zu bewegen und zu behaupten wissen.



Eben weil sich die Sichtweise endlich entscheidend geändert hat, weil der überwiegende Anteil an innovativen Ideen, Trends und Strömungen female ist – eine Kette, die über die Glieder Holiday, Piaf, Fitzgerald, Callas, Simone, Franklin, Harry, Smith, Ciccone, Knowles bis ins Heute führt und deren Bedeutung und Einfluß mal um mal spürbarer wird, jetzt, da sich tagtäglich neue Namen einreihen. Eine Tradition, der sich sicherlich auch Megan Markwick und Lily Somerville gern anschließen. 2013 schon veröffentlichten IDER ihre ersten Songs, als kurze Zeit später ihre EP „Gut Me Like An Animal“ erschien, hatten sie sich den Status als Geheimtipp schon erarbeitet. Das jetzt erschienene Debütalbum, bestückt mit den Singles der letzten beiden Jahre, sollte ihnen mühelos den nächsten Schritt voranbringen. Denn der facettenreiche, opulente Synthpop, den sie mit ihrem betörenden Doppelgesang und sorgsam eingestreuten Gitarren- und Bläserarrangements veredeln, hat genügend Potential fürs heißhungrige, hitverwöhnte Radio, ohne sich dem Mainstream an den Hals zu werfen.



IDER kommen mit großen Gefühlen, mit Leidenschaft und gelegentlich auch mit zarter Intimität, die Harmonien von „Mirror“ sind ebenso ansteckend wie die großspurigen Bekenntnisse bei „Wu Baby“ packend. Anrührend wiederum, wie sie versuchen, den Ängsten und Befürchtungen entgegenzutreten, die ihrer Generation in die Lebensplanung geschrieben sind: „I'm in my 20s, so I'm panicking every way, I'm so scared of the future, I keep missing today“, heißt es etwa an einer Stelle und weiter: „They keep telling me ‚You've got your whole life ahead of you, baby, don't worry, don't stress, do your best‘ - What if that doesn't save me?“ Emotionaler Höhepunkt dann der Song „Saddest Generation“, dem auch der Albumtitel entlehnt ist – trauriger hat wohl lange niemand mehr darüber gesungen, wie hilflos wir oft in schmerzvoller Erinnerung verharren, wenn wir von anderen Menschen enttäuscht wurden. Wahrscheinlich kennen auch IDER kein Rezept gegen gelegentliches Gefühlschaos. Manchmal hilft es aber auch schon, Musik zu hören, die im gleichen Takt auf und nieder schwingt wie unser eigenes Herz. http://weareider.com/

31.10.  Berlin, Frannz Club
01.11.  Hamburg, Molotow
10.11.  München, Milla

Freitag, 12. Juli 2019

Xul Zolar: Getanztes Drama

Kurz vor dem Wochenende läßt die Domstadt mal wieder von sich hören - und zwar in Sachen Feinkost-Pop: Aus Köln stammt bekanntlich das Quartett Xul Zolar, das im vergangenen Jahr mit dem Debütalbum "Fear Talk" für überraschte Blicke und reichlich Gesprächstoff gesorgt hat. Nun haben die Herren via Asmara Records eine neue EP mit dem Titel "Nightfalls" angekündigt und mit "Perfume" auch gleich eine offizielle Single geteilt (zuvor gab es schon einen ersten Track namens "Even"). Das Video dazu, ein ziemlich dramatischer Tanz, stammt von Stee van Stark, die Solisten sind Marje Hirvonen und Kelvin Kilonzo.

25.09.  Köln, Bumann und Sohn
26.09.  Darmstadt, Schlosskeller
27.09.  Nürnberg, Club Stereo
28.09.  München, Heppel und Ettlich
29.09.  St. Gallen, Grabenhalle
02.10.  Berlin, Berghain Kantine
03.10.  Dresden, Groovestation
04.10.  Leipzig, Moritzbastei
05.10.  Hamburg, Nachtasyl
10.10.  Göttingen, Freihafen
11.10.  Frankfurt, Lotte Lindenberg



Pumarosa: Gelungene Überraschung

Ursprünglich stand auf ihrem Etikett ja groß und breit Post-Punk drauf, doch schon mit dem Debütalbum "The Witch" ließ sich das eigentlich nicht mehr halten: Pumarosa aus London sitzen gern zwischen den Stühlen, die da Funk, Drum'n Bass, Jazz und Indierock heißen und wenn nicht alles täuscht, dann wird sich daran auch mit dem neuen Album nichts ändern - zum Glück. Denn die erste Single "Fall Apart", die Isabel Munoz-Newsome und Kollegen gerade vorgestellt haben, stolpert björkish (sagt man so?) dahin, Überraschung gelungen. Die ganze Platte heißt im Übrigen "Devastation", also Verwüstung, was genau das nun wieder bedeutet, werden wir spätestens am 1. November bei Fiction Records erfahren.




Just Friends And Lovers: Dreimal vier plus provokant

Es gilt an dieser Stelle etwas nachzuholen, das zu versäumen mehr als schade wäre: Das kleine Wiener Label Cut Surface hat Mitte Juni ein neues Album der Post-Punk-Kapelle Just Friends And Lovers veröffentlicht - drei mal vier Buchstaben (Vero, Lina und Lena) mit angenehm schiefen, gern auch mal lauten LoFi-Klängen. Seit 2011 machen die drei Damen aus Graz gemeinsame Sache, neben einer Reihe von Samplern, Singles und Kassetten erschien 2013 der Longplayer "What, Colour?", mit "Her Most Criminal Crimes" folgt nun also der zweite. Dass Angst keine Alternative und Provokation ihnen ein Anliegen ist, läßt sich unschwer an dem eigenwilligen Bandfoto oben erkennen, wem der Sound gefällt, der darf sich auch gleich noch ein paar Termine für den Herbst notieren.

28.09.  Darmstadt, tba
30.09.  Berlin, Schokoladen
02.10.  Prag, Kasárna Karlín
03.10.  Nürnberg, Flit Bar
04.10.  Wien, Venster 99





Marika Hackman: To Hell mit Problemzonen [Update]

Sie ist nicht als besonders ängstliche Frau bekannt, dennoch ist dieser Schritt ein beachtlicher: Marika Hackman, britische Songschreiberin, zeigt sich auf dem Cover ihres neuen Albums "Any Human Friend" in ungeschminkter Nacktheit, sie zwingt zum Hinschauen, zur Auseinandersetzung. In Zeiten, da selbst Kinofilme schon nachbearbeitet und -geschönt werden und das Frauenbild in der Musik- und Modebranche noch immer von durchgestylten, geglätteten Normkörpern dominiert wird, ist das ein Schritt, den man ihr nicht hoch genug anrechnen kann. Denn den Mut, sich auf diese Weise der Öffentlichkeit auszusetzen und einen Fick daruf zu geben, was wer als angebliche Problemzonen definiert, traut sich nicht eine jede (und ein jeder schon gleich dreimal nicht), Lena Dunham läßt grüßen. Der Nachfolger von "I'm Not Your Man" (2017) wird am 9. August bei Sup Pop erscheinen, die erste Single "I'm Not Where You Are" kommt schon heute samt Video von Will Hooper (Idles, Our Girl).

Wer sich für Marika Hackmans Erklärungen zur Cover Art ihrer Platte - das Foto stammt von Joost Vandebrug und ist auf Inspiration der Künstlerin Rineke Dijkstra entstanden - interessiert, kann gern ihre Auskünfte auf der Website des Labels nachlesen. Dort kann man im Übrigen auch das lachsfarbene Vinyl samt Unterbuchse und Schweinchensticker ordern.

Update: Mit "The One" kommt heute ein zweiter Song vom neuen Album dazu, über den sie selbst laut DIY sagt: "Probably the poppiest song I've ever written." Und visuell ein Hingucker: In dem Clip von Louis Bhose entwickelt sich Hackman vom schüchternen Kopiermädchen zum Discovamp.





Donnerstag, 11. Juli 2019

John Paul: Explorations in Pub

Schon geraume Zeit in Umlauf, hier aber sträflicherweise noch nicht erwähnt: John Paul, Musiker, Buddy und Kollaborateur der Sleaford Mods aus Bristol, wird am 7. September beim Duisburger Label In A Car Records eine neue 12" mit drei Tracks veröffentlichen. Zum ersten "Nuts" gibt es das nachfolgende Video, ergänzt wird mit dem Song "Subjects" und einer Dub-Version von "Chin In", eines Stücks vom Debütalbum "No Filter". Glaubt man dem Gezwitscher im Netz, ist ein zweiter Longplayer auch nicht mehr fern.

Paper Buoys: Kein Grund zum Schämen

Also wenn sie dieses Merkmal zum Prinzip erheben, dann könnte es mit der Band noch recht spannend werden - zwei Singles, zwei glasklare Assoziationen, die Paper Buoys aus Birmingham machen aus ihren Vorbildern offenkundig kein Hehl. Als im Mai ihre neue Single "Chasing Ghosts" erschien, waren The Cure mit die ersten, die sich nach den Anfangstakten in Erinnerung brachten. Und nun beim nächsten Song "Time Won't Wait" muß man nach Joe Strummer und The Clash auch nicht lange kramen. Beides fabelhafte Referenzen, für die man sich nicht schämen muß. Mit ihren selbstbetitelten Debüt haben die vier Herren 2018 den Musikaward ihrer Heimatstadt gewonnen, könnte gut sein, dass sie bald etwas größer planen müssen.



Party Hardly: Kulisse als Statement

Abgefuckte Wohnblocks haben nicht nur einen unleugbaren künstlerischen Aspekt, in England gelten sie spätestens seit Grenfell auch als Sinnbild der Tatenlosigkeit der regierenden Klasse bzw. als Anklage gegen selbige. Nicht verwunderlich also, dass sich so viele aufstrebende Bands vor solchen Bauten ablichten lassen, so auch die Formation Party Hardly aus Leeds. Tom Barr, Lachlan Banner, Matt Pownall und Stanley Braddock werden nicht nur wegen des Titels ihrer neuen EP "Modern Strife Is Snobbish" gern mit Blur verglichen, ihr Sound ist ähnlich roh plus melodisch. 2017 erschien mit "Friendly Feeling/Jobs" ihre erste 7", ein Jahr später dann die Debüt-EP "Cycle Of Life" (mit der Single "Football"). Vom aktuellen Kurzformat gibt es hier das Stück "Rats In The Kitchen" zu hören, dazu noch das etwas ältere "Hopskotch Man".


Dry Cleaning: Schön schräg

Schön kalkuliert: Natürlich bekommt man bei der Suche nach Dry Cleaning auf den einschlägigen Videoportalen zunächst nicht das Video zu ihrer Single "Magic Of Meghan" zu sehen, sondern eine Unmenge an Wasch- und Bügeltutorials. Für manche/n sind diese ebenfalls schräg und aberwitzig, gleiches kann man von dem Clip sagen, um den es hier geht. Die Band aus London wurde im vergangenen Jahr zum Gesprächsthema, nachdem sie von den New Yorker Post-Punk-Shooting-Stars Bodega als Support gebucht waren. Nun also ein erster Tonträger - ihre Debüt-EP "Sweet Princess" enthält neben der besagten Auskopplung noch weitere fünf Songs und erscheint am 16. August bei It's OK.





Swedish Death Candy: Harter Brocken

Mal was Neues aus einer Ecke, aus der in der letzten Zeit überschaubar wenig kam - dem Stoner Rock: Die Viermann-Kombo Swedish Death Candy, wohnhaft in London, gibt es seit dem Jahr 2014, nach einer ersten EP erschien 2017 ihr selbstbetiteltes Debütalbum. Nun hat das Quartett für den 27. September seine zweite Platte mit dem Titel "Are You Nervous?" via Hassle Records angekündigt, laut Sänger Louis Perry, selbst ein großer SciFi-Fan, geht es auf diesem hauptsächlich um den anghaltenden Technologiewandel und die möglichen Gefahren, die die rasante Entwicklung für jeden einzelnen für uns birgt. Nach den beiden Vorabveröffentlichungen "Green" und "A Date With Caligula" kommt heute Single Nummer drei "Modern Girl", ein Stomp allererster Güte, im Herbst geht es auf Clubtour durch Deutschland.

23.10.  Köln, MTC 
24.10.  Leipzig, Ilses Erika
25.10.  Hamburg, Hafenklang 
26.10.  Dresden, Groovestation 
29.10.  München, Milla  
30.10.  Nürnberg, Z-Bau
31.10.  Ulm, Kradhalle





Mittwoch, 10. Juli 2019

The Murder Capital: Nicht lange zögern [Update]

Fakten schaffen ist manchmal nicht die schlechteste Lösung: Es hat sich ja eingebürgert, vor dem großen Wurf Debütalbum eine ganze Reihe Versuchsballons - hier EP oder 12" - fliegen zu lassen, um erst dann abzuliefern, wenn der letzte Zweifel verflogen ist. Nicht so The Murder Capital aus Dublin. Die Musiker um Sänger James McGovern halten sich nicht solcher Art Kleinteilung auf sondern bringen nach den beiden Vorabsingles "Feeling Fades", "More Is Less" und "Green And Blue" am 16. August via Human Season Records gleich den ersten Longplayer ins Geschäft. Produziert hat Marc Ellis aka. Flood, bekannt für seine Arbeiten mit New Order, Nick Cave, PJ Harvey oder Warpaint, der Titel des Werkes heißt "When I Have Fears" und neben dem Artwork können wir auch noch drei Termine für Deutschland bekanntgeben.

12.11.  Hamburg, Molotow
13.11.  Berlin, Musik und Frieden
14.11.  Köln, Artheater

Update: Mehr und mehr erscheinem einem die Jungs aus Dublin als eine ernstzunehmende Alternative zu den Fontaines D.C. - auch ihre neue Single Don't Cling To Life" ist ein feines Stück Indierock, der Clip kommt von Ethan Barrett und Tom Gullam.



Dienstag, 9. Juli 2019

Pinero|Serene: Gothic chic replay

Eine ordentliche Entschuldigung ist das zwar nicht, aber als der erste Song "Take My Soul" der beiden Damen die Runde machte, wollte man sich noch auf die getragenen Pianoakkorde rausreden. Das geht nun nicht mehr so einfach. Denn was das Duo Pinero|Serene mit der zweiten Single "Dead Flowers" abliefert, ist gothic chic in Reinkultur, monochrom in Szene gesetzt, erste Sahne also. Es musizieren hier gemeinsam die Deutsch-Philippinerin Cheryl Pinero am Bass und Sängerin Neeq Serene, beide aktuell wohnhaft in London und ab Freitag dieser Woche mit ihrer Debüt-EP "Dark Matter" garantiert ein Dauergespräch.





On Video: Laute Jungs [Update]

Den Rundumschlag am Sonntag beginnen wir wie so oft in London. Aus dem Osten der Metropole stammt die Vier-Mann-Kombo On Video. Okay, reden wir erst mal nicht von Männern, sondern von Jungs als da wären Hassan Anderson (Gesang/Gitarre), George Williams (Bass), Neil Goody (Gitarre) und Yuli Levtov (Drums). Vor ein paar Wochen kam ihre Debütsingle "Ghee" heraus, nun schicken sie "Past Tense" hinterher - beide Songs stammen von ihrer ersten 12" namens "Clap Trap", die im Laufe des Jahres bei AWAL/Rex River Bay erscheinen soll.

Update: Das Brautpaar im Infight, der Priester als Ringrichter - so manche Ehe würde besser laufen, wenn zuvor ein paar Dinge auf diese Art geklärt wären. Die neue Single "Adversary" mit Prügelclip.





Dizraeli: Collapsing people [Update]

Toller Track, tolles Video: Rowan Alexander Sawday, besser bekannt unter seinem Pseudonym Dizraeli, hat für August diesen Jahres sein neues Album "The Unmaster" angekündigt. Der in Bristol geborene Rapper, der mittlerweile in London lebt, hatte im Februar schon die erste Vorabsingle "Madness" veröffentlicht, nun schiebt er "Oi Oi" hinterher und wieder kommt dazu ein so simpel wie eindrucksvoll arrangierter Clip. Die Idee zu dem Smartphone-Kurzfilm kommt von ihm selbst, gedreht hat Ben Hooper - hier noch ein Kommentar von Sawday zum Hintergrund: " I had a sense I've had often [since], that the world around me was falling to fragments. I think there's a lot of collapse happening at the moment, within and between people, and this song is about that."

Update: Und mit "My Mama" haben wir seit heute einen weiteren Track vom neuen Album draußen - hier zeigt und fordert der Sohn Respekt für seine Mutter, wie man es von Männern wahrlich nicht allzu oft zu hören bekommt.





Montag, 8. Juli 2019

SAULT: Großes Geheimnis

Wenn selbst die gewöhnlich bestens informierten Fachleute von Gorilla vs. Bear nicht viel mehr wissen, dann könnte es sich wirklich - höchst selten in diesen leider komplett geheimnislosen Zeiten - um eine Art Mysterium handeln: Es gibt da also eine neue Band, ein Kollektiv namens SAULT, die Londoner Grime-Künstlerin Little Simz hat sie in einem Tweet in höchsten Tönen gelobt, die einen vergleichen sie mit Santigold und Tune-Yards, andere empfehlen sie allen, die sonst Anderson .Paak oder The Internet mögen. Fakt ist: Der Sound von SAULT ist eine äußerst infektiöse Mixtur aus Funk, Soul, Big Beat und allem, was sich tanzen läßt. Erschienen ist das Debütalbum mit dem Titel "5" auf dem Label Forever Living Originals und indem wir es hier als Stream teilen, geht es genau auf die Weise viral, die sich die Macher hinter dem Hype wohl vorgestellt haben. Recht haben sie.

Sonntag, 7. Juli 2019

Neil Young And The Promise Of The Real: Spätberufen

Neil Young And The Promise Of The Real
Support: Bear’s Den
Olympiahalle, München, 6. Juli 2019

Es wäre natürlich ein Leichtes, das Ganze zeitgemäß ironisch zu verpacken. Die Dichte alter weißer Männer war einfach zu hoch, als dass man sie hätte einfach ignorieren können, sie traten in gutgelaunten Gruppierungen auf, wie man sie in dieser Stadt sonst nur von Baumaschinen- oder Handwerksmessen kennt. Einziger Unterschied: Hier trugen viele stolz zur Feier des Tages (oder eben Abends) ihre alten, aber frisch aufgebügelten Tourshirts von Crosby, Stills und Nash, Crazy Horse, vereinzelt waren auch die Ramones, Pearl Jam oder Nirvana zu sehen. So muß das wohl sein, wenn der Urahn des Grunge, Noise-Pate, Gottvater der verzerrten Folkgitarre, seine Füße für zwei Stunden auf irdischen Bühnenboden setzt und seinen Jüngern gemeinsam mit einer juvenilen Truppe eine Auswahl hymnisch verehrter Standards darbietet. Man kann aber auch die Ironie beiseitelassen und die Geschichte aus persönlicher, spätberufener Sicht erzählen: Wer wie der Rezensent (mittlerweile auch ein einigermaßen alter, weißer Mann) in der ostdeutschen Provinz aufgewachsen ist, der hat die Musik von Neil Young in der Jungendzeit vielleicht auch eher etwas abschätzig und aus sicherer Distanz wahrgenommen. Dann nämlich, wenn sich an den Wochenenden im Dorfgasthof die immergleichen langhaarigen, etwas heruntergekommenen Gestalten zum Ritual der Rockerrunde auf dem Parkett versammelten und ihre Mähne zum immergleichen Dreiklang aus „San Francisco“, „Country Roads“ und „Heart Of Gold“ schüttelten. Dann durfte, dann wollte man nicht stören, stand mit verständnislosem Blick am Rand und fühlte sich, naja, irgendwie überlegen, etwas weiter halt.

Den Zugang gab’s dann erst lange Zeit später, als man erstaunt vernahm, wie Kurt Cobain und Eddie Vedder Anfang der Neunziger den mittlerweile ergrauten Mann als ihre eigentliche Inspiration, ihre Erweckung priesen. Wie recht sie doch hatten. Seitdem waren Young und sein Songbook nicht mehr wegzudenken, gehörten und gehören seine Lieder in den heimischen Schrein, genießen gerade seine Live-Alben einen Status an Verehrung, den andere Musiker niemals mehr erreichen werden. Vielleicht war es dennoch ganz gut, dass für jeden Abend seiner Tour mit den jungen Burschen die Playlist variiert wurde und eben jenes besagte „Heart Of Gold“, obgleich mittlerweile ebenfalls in den Reigen der Lieblinge aufgenommen, in München nicht auf dem Programm stand – aus Gründen. Alternativen gab es ja reichlich. „Powderfinger“ ein Knaller, „Harvest Moon“ sowieso, der erste Höhepunkt jedoch kam mit dem nicht ganz so populären „Words (Between The Lines Of Age)“. Youngs Werk kennt ja grob vereinfacht vier Kategorien – den locker dahinrollenden Folksong, die zarte Ballade, den knackigen Rockfetzen und den ewig rückkoppelnden, ausufernden Midtempoblues. Und nicht wenige behaupten, nur in der letztgenannten sei er einzigartig, ungeschlagen.

Genau dahin gehört „Words“. Nicht enden wollendes Starkstromgegniedel, die Saiten malträtiert, alles wummert, kreischt, sägt und jault – und zwar nicht bloß als ohrenbetäubender Lärm, sondern in schönsten Melodien verbaut. Die einem, das darf man ruhig sagen, schon mal Tränen in die Augen treiben können, wenn sie im richtigen Moment die richtige Stimmung treffen. Klar, „Rockin‘ In The Free World“ und „Throw Your Hatred Down“ geben ordentlich Gas, „Winterlong“ ist anrührend schön und „Fuckin‘ Up“ spricht für sich selbst. In Erinnerung aber bleiben am ehesten die fabelhaften Soli von „Cortez The Killer“, „Change Your Mind“ und natürlich der unglaublichen (weil unverhofften) Zugabe „Like A Hurricane“. Songs, deren Wirkung man nur schwer erklären kann, die aus dem Resonanzraum seiner Gitarre herausschwingen, die so kraftvoll brummen und vibrieren, dass einem vor Freude das Herz aufgeht. Hendrix hat damit angefangen, Dylan wurde deswegen zur Legende und der nun auch schon gänzlich weißhaarige J. Mascis offenbarte vor Jahrzehnten, dass er das Prinzip am besten verinnerlicht hatte. Dass Young seine Songs (trotz der teilweise neuen Arrangements) noch immer so unvergleichlich kraftvoll über die Bühne bekommt, verdient nicht nur Respekt. Es zeigt auch, dass diese spezielle Form von Altersstarrsinn, für die er ja in vielerlei Hinsicht berühmt und berüchtigt ist, dieses stoische „Immer weiter“, durchaus von Sinn und Nutzen sein kann. Und wenn auch nur für ein paar Tausend Menschen, die ihm an solchen Abenden in Dankbarkeit und Genugtuung zujubeln können.

Samstag, 6. Juli 2019

Ilgen-Nur: Wechselspiel

Die erste Vorankündigung für die Hamburgerin war vor Wochen schon raus, heute kommt die Fortsetzung: Ilgen-Nur, Songwriterin mit Vorliebe für laute Gitarren, hatte im Vorfeld der Veröffentlichung ihres Debütalbums "Power Nap" am 30. August zusammen mit den Tourplänen die erste Single "In My Head" präsentiert, nun geht mit "Easy Way Out" die zweite samt Kurzfilm auf Sendung. Stimmlich wählte die Künstlerin in Kim Gordon ein honoriges Vorbild, sie wollte bei dem Song die Strophen eher sprechen als singen, der Clip von Constantin Timm nimmt uns in einer Art Sammeltaxi mit auf eine nächtliche Reise, man assoziiert mal bedrohliche Spannung, mal Geborgenheit - ein Wechselspiel. Konstant hoch bleibt die Vorfreude auf eine mutmaßlich großartige Platte.

Silverbacks: Gleich nebenan [Update]

Es wäre weit mehr als ungerecht, wenn wir bei dem ganzen (gleichwohl völlig berechtigten) Hype um die Dubliner Post-Punk-Kapelle Fontaines D.C. eine Band vergessen würden, die in der gleichen Stadt wohnt und schon ein paar Takte eher auf dem Radar erschienen ist. Und bevor jetzt alle gleich zusammenzucken - nein, wir reden selbstverständlich nicht von U2. Sondern von den Silverbacks. Die Silberrücken nämlich hatten schon in den vergangenen drei Jahren immer wieder feine Singles veröffentlicht, zuletzt die Songs "Just For A Better View" und "Dunkirk". Und gerade eben kam nun das neue Stück "Pink Tide" um die Ecke, produziert ein weiteres Mal von Daniel Fox (Girl Band).

Update: Und hier auch noch das Video zur Single.



Donnerstag, 4. Juli 2019

Die Kerzen: Poesiealbum

Die Kerzen
„True Love“
(Staatsakt)

Vielleicht hat der olle mecklenburgische Herzog Christian Ludwig II. ja damals irgendwie geahnt, dass das nicht anginge. Dass also eine so wunderbare Band wie Die Kerzen unmöglich aus einem Ort Names Klenow kommen könne. Das macht sich zwar im berlinerischen Dialekt ganz dufte, würde aber dem Charakter des Quartetts in keinster Weise gerecht werden. Und so hat der Hochwohlgeborene schon Mitte des 18. Jahrhunderts ein paar Prunkbauten in der Nähe errichten lassen und die Gegend dann ausgesprochen weise zu Ludwigslust umgetauft. Und das wiederum trifft die Kerze oder besser den Nagel auf den Kopf. Denn mit Lust assoziiert man die Musik von Jelly Del Monaco, Die Katze, Fizzy B und Super Luci sofort, dem Adel sei Dank. Soll heißen: Wahre Liebe, New Romantic, Schmachten, Schwelgen – Wham? Bham! Und es wird einige geben, die behaupten wollen, diese Platte wäre wie gemacht für einen heißen Sommer – stimmt ja. Aber sie macht sich ebenso gut vor einem knisternden Kamin an graufrostigen Wintertagen, man kann sich zu den Songs mit schweißperlenbesetzter Haut in der Sonne aalen oder unter meterdicken Wolldecken verkriechen, sie wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Allwetterplatte sozusagen.



Denn unabhängig von der jeweiligen Witterung spielt sich bei „True Love“ wie schon zuvor auf der ebenso fabelhaften EP „Erotik International“ vieles im Kopf ab, werden bei manchem Erinnerungen heraufbeschworen aus einer Zeit, wo die Liebe noch Herzen zerriss, schmerzte wie die Hölle oder Glücksgefühle auslöste, die man bis dato gar nicht für möglich gehalten hätte. Emotions im Überfluß, das sind Die Kerzen, ganz ohne falsche Scham und Schwülstigkeit, sondern weich, warm, rührend. Und denkbar einfach gemacht: Der Ostrock der späten Achtziger wird ja nicht nur im Besserwesten stets belächelt, hatte aber Qualitäten, die heute gern wieder ausgegraben werden und allemal eine zweite Chance verdienen. Wer sich frühe Stücke von City, Silly, Pankow oder selbst IC Falkenberg anhört, entdeckt dort viel, was eine Band wie die Die Kerzen heute so gut und unverwechselbar macht – simple Soundmuster, hübsche Melodien und vor allem ungekünstelte, im Kleinen wirklich große Poesie.



Inwiefern dieser Bezug bewusst gewollt oder nur zufällig ist, sei dahingestellt, die zehn Songs des Debüts jedenfalls sind übervoll davon, man kann sie aber auch ganz ohne diese Erinnerungsbrille genießen. Sie wippen nicht nur zum feinem Synthpop aus längst vergangenen Tagen von Cola-Whisky, Diskokugel und Trockeneisnebel, sie wollen mit allem Kitsch und überzeichnetem Gefühl auch ernst genommen werden, weil das Leben nicht nur damals so war, sondern auch heute (hoffentlich) ab und zu noch so ist. „Saigon“, „Al Pacino“, „In der Nacht hast Du geweint“ und „Desole“, um nur einige der schönsten zu nennen, besingen Leidenschaft, Sehnsucht, Einsamkeit, Trübsinn, Verzweiflung, Verzückung, solche Dinge. Und wo eine/r sich daran erinnert, wie weh das alles mal getan hat und trotzdem einiges dafür täte, solches noch einmal zu erleben, da steckt der oder die andere mitten in ebenjenem Strudel und verliert sich darin gerade so hoffnungslos – beides vermögen diese Songs zu spiegeln. Wer Schwäche zu zeigen bereit ist, wer Mut hat zum großen Gefühl, gern auch den Überschwang feiert, muß dieses Jahr keine Lieblingsplatte mehr suchen – sie ist soeben erschienen.

13.07.  Chemnitz, Musikmeile
14.07.  Frankfurt/Oder, Hansestadtfest
22.08.  Berlin, Frannz Club
18.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
18.10.  Berlin, SO36
19.10.  Schorndorf, Manufaktur

MUNA: Nur die wenigsten [Update]

Sie kam quasi über Nacht, die neue Single. Wenn auch nicht ganz so überraschend. Denn die Anzeichen, dass sich beim Trio MUNA aus Los Angeles etwas tut, mehrten sich in den letzten Wochen - Profilbildwechsel, Studiobilder, reichlich Anspielungen über die üblichen Kanäle. Und nun also "Number One Fan": trockene Drumbeats, fette Synths, Katie Gavins überraschend dunkle Stimme, fürwahr ein Killer. Nach dem wunderbaren Debüt "About U" gab es vor gut einem Jahr noch eine Akkustik-EP zu hören, sie waren im Vorprogramm von Harry Styles in ganz Europa unterwegs. Neben einem neuen Album wünscht man sich nun aber eine ausgedehnte Headlining-Tour, denn auch wenn sich mittlerweile viele an ihrer Art von Dark-Pop versuchen - so gut wie Muna bekommen es nur die wenigsten hin.

Update: Wunsch Nummer 1 ist mittlerweile erfüllt - am 6. September wird das Album "Saves The World" mit zwölf neuen Stücken bei RCA Records erscheinen. ... Und gerade kommt mit "Who" die zweite Auskopplung des Albums plus Video.



Dienstag, 2. Juli 2019

The Dead Sound: Neuanfang

Jedem Ende wohnt ein Anfang .. ja, kennt jeder. Scheißspruch manchmal. Dachten sich vielleicht auch die Anhänger der Punkband Freiburg aus Gütersloh, als die vor einem Jahr ihre Auflösung bekanntgaben. Aber irgendwo stimmt's halt dann doch - einige Zeit später sitzt zumindest Lars Borrmann wieder hinter dem Schlagwerk und macht gemeinsame Sache mit zwei Buddies, die sonst ihren Dienst bei Love A tun, Karl Brausch (Gesang/Gitarre) und Dominik Mercier am Bass. Die drei haben sich für ihr einigermaßen neues Projekt The Dead Sound dem Noiserock und Shoegazing verschrieben, Bands wie A Place To Bury Strangers, My Bloody Valentine oder The Jesus And Mary Chain standen zweifellos Pate. Ihr Debütalbum wird unter dem Titel "Cuts" am 19. Juli bei Crazysane Records erscheinen, neben den älteren Stücken "Into The Dark" und "No Tomorrow" haben wir hier das aktuelle Video zur Single "Do You Fear?" parat.

19.07.  Trier, VillaWuller
30.08.  Köln, Stereo Wonderland
31.08.  Berlin, Zukunft am Ostkreuz





The Screenshots: Kleine Freuden

Nicht selten sind die kleinen und unverhofften Nachrichten die erfreulichsten. Diese hier zum Beispiel ist geradezu eine winzige und doch hat sie das Zeug, den Tag zu retten: Die fabelhafte Krefelder Punkrockkapelle The Screenshots nämlich geht noch in diesem Jahr auf "Liebe Grüße an alle"-Clubtour - einfach so. Im November 2018 ist ihr letztes Album "Übergriff" erschienen, darauf so tolle Hammerhits wie "Fußball ist cool", "Hey" oder "Männer", Stücke, die sich auch auf dem Vinyl-Sammelsurium "Europa" finden. Hier also die sehnlichst erwarteten Termine und ein Video-Rundumschlag vom Feinsten.

19.11.  Bremen, Lagerhaus
20.11.  Berlin, Zukunft am Ostkreuz
21.11.  Leipzig, Ilses Erika
22.11.  Chemnitz, Atomino
23.11.  Wien, GrillX
24.11.  Salzburg, Rockhouse Bar
26.11.  München, Milla
27.11.  Karlsruhe, Kohi
28.11.  Stuttgart, Merlin
29.11.  Mainz, Schon schön







Sonntag, 30. Juni 2019

Vandebilt: Durchstarter

Beginnen wir unser sonntägliches Bildungsprogramm heute im englischen Norden, genauer im Städtchen Sunderland. Von dort stammen Jordan Miller, Jack Crack, Jack Wade und Daniel Martin - 2018 haben sie unter dem Namen Vandebilt ihre ersten Demos aufgenommen, stilistisch könnte man ihren Sound als elektrifizierten Funk-Punk bezeichnen. Die erste Single "Dream In Colour" kam im März ins Netz, schon diese sehr poppig und tanzbar, und auch das aktuelle Stück "Pushing Through" hat einen gleich mit den ersten Takten. Wäre verwunderlich, wenn die vier damit nicht gleich durchstarten würden.



Hideous Sun Demon: Big News, erster Teil

Etwas kompromissloser und knackiger gehen dieser drei Kerle zu Werke: In ihrer Heimat Australien sind Hideous Sun Demon eine feste Garage-Punk-Größe, drei Alben haben Vincent Buchanan-Simpson, Andrew Blackman und Jake Suriano aus Melbourne bzw. Perth bereits veröffentlicht (das letzte "Fame Erotic Dream" 2018), nun steht für die kommende Woche via Hell Beach ihre neue 4-Track-EP "Good Time" an und die erste Single "Can't Live Like That" brettert schon mal ordentlich los. Ihr Label hat übrigens verlautbart: "You can expect a lot of big news from the band over the next few weeks" - dann warten wir einfach mal ab, was noch so kommt.



Nobody's Baby: Gut zugehört

Das hier nennt sich Death-Doo-wop und kommt aus der kalifornischen Bay Area, und damit kommen endlich auch einmal ein paar Frauen ins Spiel: Nämlich Katie Rose (Gesang/Gitarre) und Penelope Leegeten (Bass), die von Peter Niven (Gitarre) und Ryan Feras (Drums) unterstützt werden. Die vier werden am 16. August unter dem Namen Nobody's Baby ihre gleichnamige Debüt-EP veröffentlichen, einen von fünf Tracks, die Single "Life Of A Thousand Girls", stellen wir hier schon mal vor und wer meint, sie würden damit in die Fußstapfen von Garbage oder den Cramps treten, hat schon mal ganz gut zugehört.

Harry Mold: Keinen Respekt

Wieder zurück auf der Insel und einen kurzen Ausflug nach Basildon in der Grafschaft Essex gemacht. In der Stadt an der englischen Ostküste, 40 Kilometer von London entfernt, sind nicht nur Alison Moyet und Gemma Ray geboren, sondern stand auch die Wiege von gleich vier Gründungsmitgliedern der Synthpop-Formation Depeche Mode (Clarke, Gore, Fletcher, Gahan), mächtig viel 80er-Tradition, möchte man meinen. Der Junge Harry Mold hat damit so gar nichts am Hut, beschäftigt sich lieber mit zackigem Gitarrenrock und teilt gerade seine Debütsingle "Drain" via Touch Recordings. Keinen Respekt also - gut so, möchte man meinen.

Anna Wiebe: Immer in Bewegung

Ganz zum Schluß noch ein vergleichsweise ruhiger Ausklang dieses heißen Sommertages. Er stammt von der Künstlerin Anna Wiebe aus dem kanadischen Ort Guelph inmitten der großen Seenplatte. Wiebe macht seit 2013 Musik, veröffentlichte 2016 mit einer Reihe versierter Studiomusiker ihr Debütalbum "New Behavior" und hat nun für den 12. Juli die nächste Platte mit dem Titel "All I Do Is Move" geplant. Angelehnt ist der Titel an ein Zitat des Autors Douglas Coupland, das Wiebe sich im Vorfeld der Aufnahmen notiert hatte und das ihr nun wieder in den Sinn kam: "The act of endless motion itself is a substitute for any larger form of thought." Nachdem vor zwei Monaten der Song "Fortune" erschien, geht nun mit "I Felt It In The Wind" ein zweiter vorab in die Runde.

Freitag, 28. Juni 2019

Le Butcherettes: Kaum zu bändigen

Le Butcherettes
„Live At Clouds Hill“
(Clouds Hill)

Dachgeschosswohungen haben ja in den letzten Jahren einen etwas zweifelhaften Ruf erlangt, auch und besonders in Hamburg. Denn gerade dort schlägt die Gentrifizierung über alle Stadtviertel erbarmungslos zu, Schanze, Altona, St. Pauli – der Kiez in seiner ursprünglichen Form geht langsam aber sicher vor die Hunde, alles wird kern- und luxussaniert, mach’s gut, alte Hanse. Auch in Veddel an den Elbbrücken wird das nicht anders aussehen, allerdings hat man dort schon vor Jahren zumindest eine Adresse einer sehr lobenswerten Verwendung zugeführt. Gleich in der Nähe des sogenannten Entenwerders befinden sich nämlich in einem altehrwürdigen Backsteinbau die Studios und Aufnahmeräume von Clouds Hill Recordings. Und unter diesen Dachschrägen, zwischen allerlei nerdigem, musikalischen Liebhabergerät, treffen sich in unregelmäßigen Abständen verschiedenste Künstler zu Sessions vor Kleinstpublikum – Pete Doherty war zu Besuch, Omar Rodriguez-Lopez ließ sich dort von Jean-Hervé Perón (Faust) um ein Haar das Bein absägen und auch Oberarzt Bela B Felsenheimer musizierte in denkwürdiger Atmosphäre. Zuletzt im März zu Gast die fabelhaften Le Butcherettes aus dem mexikanischen Guadalajara.



Nun weiß, wer Teri Bender Gender jemals mit ihrer Band live erleben durfte, um die kaum zu bändigende Wildheit und Wucht des Garagenpunk-Quartetts. Denkbar schwierig also, diese Energie in einem Take auf Tape (denn das ist die Philosophie der Reihe) und hernach auf limitiertes Vinyl zu bannen. Und dennoch scheint es gelungen. Die Aufnahmen sind in Anbetracht der selbstverordneten Spontaneität vielleicht nicht gerade ein Klangwunder, aber die acht Stücke der 12“, allesamt vom aktuellen Album „bi/MENTAL“, kommen trotzdem roh und räudig genug daher, so dass man eine Ahnung davon bekommt, wieso Konzerte der SchlachterInnen sonst eher kultischen Opferzeremonien als durchgeplanten Genußevents gleichen. Eingezählt wird das Ganze mit Benders furiosem Monolog – mutmaßlich direkt aus dem Kopf ihrer Mutter, die eine laute Klage über rastlose Einsamkeit und unstillbare Lust führt. Danach schwankt alles, wie auf dem Original, zwischen monströsem, schartigem Riffgetrümmer und eingängigen Rocknummern, getrieben von Benders Stimmgewalt. Ein wirklich lohnenswertes Dokument ungebremsten Spieltriebs.

30.06.  Berlin, Bi Nuu
03.07.  Dresden, Chemiefarik
04.07.  München, Feierwerk

Yung Hurn: Dada im Spaßbad

Yung Hurn
Airline Show
München, Tollwood Festival, 27. Juni 2019

Die eigentliche Herausforderung ist ja nicht der Besuch selbst. Wenn man in gesetztem Alter ist und sich dazu entschließt, bei Yung Hurn vorbeizuschauen, dann kann man davon ausgehen, daß die übergroße Mehrheit des Publikums höchstens halb so alt ist wie man selbst. Sich davon abschrecken zu lassen wäre keine Alternative, gute Mucke bleibt gute Mucke, auch wenn die Haare schon grau sind und der Rücken schmerzt. Im Zweifelsfall kann man sich ja damit herausreden, dass man halt den eigenen Nachwuchs vorbeibringe und der Einfachheit halber gleich auf ein, zwei Bier dageblieben ist. Im Normalfall (die angenehme Variante) wird man ohnehin ignoriert, ein wenig peinlicher ist die zwar seltene, aber sehr freundliche Respektbekundung („Sie gehen also tatsächlich auf sooo ein Konzert?!“), naja, laß mal besser stecken… Nein, richtig schwierig wird es erst, wenn man darüber schreiben will, denn die Fettnäpfe sind so groß wie die Fallstricke lang. Zur Auswahl steht einerseits der verspannte Oberlehrermodus, der stets vergleichen und ins Verhältnis setzen will und deshalb häufig mit Sätzen beginnt wie: „Also, zu meiner Zeit …“ oder „Bei uns damals hatte/mußte/durfte/brauchte …“ Nicht weniger schlimm: Rezomäßig rankumpeln. Geht immer schief, selbst wenn’s superironisch gemeint ist (siehe Beispiel Sächsische Zeitung). Die Fremdschamquote ist in beiden Fällen ziemlich hoch.

Also dann der Mittelweg, denn einige Dinge gäbe es schon zu sagen. Dass auch die Organisation solch eines Gigs Stolpersteine bereithalten kann, beweist die Einlasskontrolle. Zwei Zugänge zunächst, an beiden jeweils eine Schlange von bis zu einem halben Kilometer Länge (die sich ganz am Ende wieder zum Kreis schließen müssten), Kontrolltempo: keines. Dass dann später noch weitere Tore geöffnet wurden, bekommt nur mit, wer hinten nicht bereits verdurstet und/oder weggedimmt ist, das Einlaßtempo ändert sich nur marginal, viel wichtiger ist, dass der nachlässige Schlangenbenutzer auf den vorgeschriebenen Abstand von genormten 123,5 Zentimetern zum passierten Verkaufstand hingewiesen wird, hier muß dringend verwarnt werden. Einmal drinnen im Zelt, weiß man, dass sich Ärger und Eile nicht gelohnt haben. Ein DJ knüppelt der wachsenden Menge mäßig abwechslungsreichen Techno um die Ohren, es füllt sich und es dauert. Lange – bis zum Hauptact jedenfalls. Denn mit dem Support gibt es ein Wahrnehmungsproblem: Man sieht sie nicht, man versteht sie nicht, man weiß nicht so recht, was sie wollen. Sie hatten wohl gerade nichts Besseres vor. Die Stimmung hält sich in Grenzen.



Das ändert sich zum Glück schlagartig, als Yung Hurn die Bühne entert – infernalisches Geschrei, im Handumdrehen wird aus der Menge ein wogendes Spaßbad aus schwitzenden Körpern, unbedingt textsicher und feierbereit, es kann losgehen. Und das tut es auch, spätestens ab dem dritten oder vierten Song drehen alle frei, „FDP“, „Bianco“, „Ok Cool“, "Cabrio" und „Y. Hurn Wieso?“ sind erwartungsgemäß einige der stärksten. Die Tracks kommen live trotz madiger Zeltakkustik erstaunlich klar und kantig rüber, werden nicht wie befürchtet einfach weggenuschelt. Überhaupt: Allerspätestens ab Ü40 erntet man ja wahlweise Schulterzucken, gehobene Augenbrauen oder verzweifelte Ratlosigkeit, spielt man im Freundeskreis eines der genannten Stücke an, die meisten scheitern, weil sie versuchen, den Inhalt einzig über den Wortlaut, den Text zu begreifen, ohne dem dadaistischen Aspekt, dem Spaß an der Vermengung von Musik, Lautsprache, Dialekt, Geräusch Raum zu geben. Jüngeren Menschen gelingt das offenkundig weitaus besser, unbekümmerter. Es klappt also gut an dem Abend, auch wenn’s scheiße heiß ist – oben lässig, unten entspannt, keine Wünsche offen. Draußen vorm Zelt stehen dann alle, ausgepumpt, dampfend, mit hochroten Köpfen, aber glücklich und für einen Moment zufrieden mit dem Leben.

Felix Kummer: Mit anderen Mitteln

Keine Schrammelgitarren, keine zackigen Drums, stattdessen schleppende Beats und düstere Reime - Felix Kummer, Frontmann der Chemnitzer Truppe Kraftklub, hat eine Solosingle veröffentlicht und dafür das Metier gewechselt. Dass er rappen konnte, wußte man aus diversen Gastauftritten ohnehin, jetzt ist mit "9010" die erste eigene Veröffentlichung raus und zwar eine mit klarer Botschaft. Dass seine politische Heimat links der Mitte liegt, ist jetzt keine so große Überraschung, dennoch sind ein paar deutliche Worte in dieser Zeit sicher gut zu gebrauchen. Kummer wählt dennoch nicht Verachtung und Hass, sondern Abscheu, Ratlosigkeit, gar Mitleid. Kein Geheimnis, dass der Song mit der früheren Postleitzahl seiner Heimatstadt betitelt ist, die einstmals bekanntlich Karl-Marx-Stadt hieß. Was dem Song folgt, ist noch unklar, ein Interview mit Kummer findet sich unter anderem bei Spiegel Online.

Automatic: Tiefgekühlt [Update]

Zunächst einmal sind es nur knappe zweieinhalb Minuten. So kurz nämlich ist die erste Single von Automatic, einer recht neuen Post-Punk-Kapelle aus Los Angeles, die gerade bei ihrem neuen Label Stones Throw veröffentlicht wurde. Das Trio besteht aus Izzy Glaudini (Keyboard), Lola Dompé (Drums) und Halle Saxon (Bass) - singen tun sie alle drei - und begann als DIY-Projekt vor zwei Jahren zusammenzuarbeiten. Der Sound von "Calling It" kommt als tiefgekühlte LoFi-Variante der frühen 80er daher, ein Album, so erzählten sie gerade dem Onlinemagazin Flaunt, ist zwar geplant, im Vordergrund stehen aber eher die gemeinsamen Auftritte. Und die sollen, so liest man weiter, farbenfroh und durchaus konzeptionell angelegt sein.

Update: Den Clip zum Song hat Ross Harris in einer alten Aluminium-Gießerei gedreht, die seit den 70er Jahren der Großmutter von Schlagzeugerin Lola Dompé gehört und nur von Frauen bewirtschaftet wird - das Storybook dazu ist, nun ja, einigermaßen eigenartig.