Donnerstag, 16. Juli 2009

Gehört_43



Rotfront „Emigrantski Raggamuffin“ (Essay)
Erinnert sich noch jemand an die Zeit, als der Focus auf den Plan trat und ein jeder schrie, dass es neben dem Spiegel kein zweites Nachrichtenmagazin geben könne? Nun, leider hat damals der dicke Markwort recht behalten und der Focus sein Stück vom Kuchen abbekommen. Abgesehen davon, dass die Geschichte den Nörglern ein wenig Recht geben mußte, denn der Focus ist heute kein Nachrichtenmagazin mehr, sondern ein besserer Ratgeber für Haus, Hof und Handyvertrag – abgesehen davon kommt der Vergleich in diesem Zusammenhang natürlich nicht nur auf Krücken, sondern gleich im Vollgips daher. Denn die Gegensatzpaare heißen hier Spiegel/Seeed vs. Focus/Rotfront – uiuiuihhh ... Eigentlich wollte ich aber nur sagen, dass im Schatten der mittlerweile etablierten Seeed sehr wohl noch die eine oder andere Alternative im Dancehallbiotop heranwachsen konnte. So eben das Emigrantski Raggamuffin Kollektiv Rotfront, 2003 gegründet von den beiden Wahlberlinern Yuriy Gurzhy, bekannt als die eine Hälfte von Kaminers Russendisko, und Simon Wahorn. Zu behaupten, Rotfront wären quasi Seeed von unten, würde dieser multiligualen Kombo nur ungenügend gerecht werden. Zwar treten sie bei Konzerten in ähnlicher Formationsstärke auf, beschränken sich aber bei ihrer Musik nicht nur auf die Mixtur von Reggae, Dub und Raggamuffin, sondern lassen auch gekonnt Spielarten von Klezmer, Hip Hop und deftigem Rock einfließen. So vielfältig wie die Nationalitäten der Besetzung sind auch die Texte gemischt, hier wird in deutsch, russisch, englisch und ungarisch stetig durchgewechselt. Die weiblichen Vocals kommen im Übrigen von Dorka Gryllus, deren Gesicht manchem vielleicht aus diversen Filmproduktionen wie dem „Knochenmann“ oder dem ARD-Tatort bekannt ist. In jedem Falle gibt es fetten Sound und mächtig Spaß, so bei „Sovietoblaster“ und „Zhiguli“, einem zünftigen „Remmidemmi“-Cover von Deichkind, einer schönen Piaf-Variation mit „Red Mercedes“ und viel, viel Tanzfutter für rappelvolle Clubs an der Spree oder auch anderswo. Das eingangs erwähnte Duell – jetzt runtergebrochen auf „Dickes B.“ vs. „B-Style“, steht einstweilen auf Unentschieden und die Herren um Peter Fox aka Pierre Baigorry gehören nun wieder – wie sagt man – „an den Start“.

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