Freitag, 4. November 2016

Lambchop: Aus der inneren Mitte

Lambchop
„FLOTUS“

(City Slang)

Kurt Wagner scheint ein sehr zufriedener Mensch zu sein. Seit er wegen kaputter Knochen seinen Job als Fliesenleger an den Nagel hängen musste und daraufhin sein vielköpfiges Klangkollektiv Lambchop gründete, macht der Mann aus Nashville Musik aus der inneren Mitte heraus. Zumindest darf man annehmen, daß er diese recht bald gefunden hat, denn Lambchop-Alben, egal ob frühe oder späte, vermitteln dem Zuhörer unablässig Gefühle wie Vertrautheit, Wärme und Geborgenheit. Selbst wenn es dabei so traurig zugeht wie auf „Damaged“ oder „Mr. M“. Und weil das Wohlbefinden fast eines jeden zum Großteil von dem seines Partners oder seiner Partnerin bestimmt wird, wollte Wagner eben zum vollendeten Glück eine Platte machen, die seiner Frau gefällt. Da diese zudem im Lager der Demokraten ein politisches Amt bekleidet, darf man den Titel derselben mit seiner Zustimmung, so entspannt ist er also, auf zweifache Weise deuten. In einem Frage- und Antwortspiel mit mit dem Netzportal Stereogum räumte er ein, daß der Weg von POTUS (President Of The United States) zu FLOTUS, also der First Lady Of The United States, gar kein so falscher ist – schließlich erwartet er bald Bill Clinton in ähnlich dienender Funktion.

Doch auch wenn Wagner aus seiner Verehrung für Michelle Obama gar kein Hehl macht und er sich selbst ja auch ein Stück weit in der besagten Unterstützerrolle sieht, scheint ihm die Verkürzung der Textzeile „For Love Often Turns Us Still” die passendere Übersetzung. Trägt diese doch eine tiefere, ja fast romantische Bedeutung in sich, die über das komplette Album zum Schwingen kommt: Daß Liebe eben kein Alter und auch keinerlei Abnutzung kennt, wenn sie den oder die richtige trifft. Viel Trost und Gefühl also in einem so kurzen Wortgebilde und es kommt noch besser. Denn das eigentlich Erstaunliche an “FLOTUS” ist der Inhalt selbst. Andeutungsweise hatte Wagner in den letzten Jahren ja hier und da schon mal ein kleines Bleep oder Plopp in seine traumhaften Kompositionen einfließen lassen, nun aber geht er die Sache radikaler an und versieht gleich das komplette Werk mit einer elektronischen Textur. Das liegt zum einen an seiner Arbeit mit dem Lambchop-Ableger HeCTA, wo ja schon mit Beats und Hip Hop experimentiert wurde, hauptsächlich aber an seiner Bewunderung für Künstler wie Flying Lotus (auch eine Art FLotus), Kendrick Lamar und vor allem die Shabazz Palaces.

Von letzteren hat er auch die Idee mit der Stimmakrobatik mittels eines Maschinchens namens TC-Helicon Voicelive 2 gekapert, mit deren Hilfe man eine Stimme gleich einem Instrument verfremden und verschlaufen kann und von der unser überaus aufgeschlossenes Genie hellauf begeistert ist. Und so treffen synthetisch pluckernde Sounds auf Wagners sacht behandelte Stimme, wird geloopt und geschichtet, daß man sich nicht wundern würde, wenn auch Daft Punk mal kurz die Regler übernähmen. Das Ergebnis ist nicht weniger als großartig, Wagner schafft die Verbindung zweier Welten mit einer Souverenität, die staunen läßt – ob nun bei der sanften und überlangen Werkeinführung “In Care Of 8675309” oder dem gut achtzehnminütigen Schlußstück “The Hustle”. “I’m things I couldn’t have dreamed of when I was a guy with a guitar in the closet or wherever I wrote songs” sagt er über Auto-Tune und die neuen Klänge seiner Band, und später: “I can’t get enough of that.” Ob das Album nun seiner Frau gefallen würde, könne er nicht so recht sagen, wohl aber dies: “I think there’s enough of me in there. I’m really singing my ass off.” Und deshalb gibt es jetzt ganz einfach mal plattes, uramerikanisches “Awesome!” zu hören. http://www.lambchop.net/

05.02.  Erlangen, Markgrafentheater
06.02.  Kriens, Südpol
08.02.  Zürich, Schauspielhaus
12.02.  Mainz, Frankfurter Hof
14.02.  Wien, WUK
15.02.  München, Kammerspiele
17.02.  Dortmund, Konzerthaus
18.02.  Berlin, Heimathafen Neukölln
20.02.  Hannover, Capitol
21.02.  Köln, Gloria
22.02.  Hamburg, Elbphilharmonie
28.02.  Leipzig, Felsenkeller
01.03.  Mannheim, Capitol
02.03.  Linz, Posthof

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