Freitag, 12. März 2021

Pan Amsterdam: Gesammelte Zuarbeiten

Das fällt dann in die Kategorie "Unverhoffte Fundstücke": Im vergangenen Jahr ist uns Leron Thomas, der geheimnisvolle Produzent, Musiker und Komponist hinter dem Projekt Pan Amsterdam, auch nur deshalb aufgefallen, weil er sich für zwei Tracks seines Albums "HA Chu" Jason Williamson von den Sleaford Mods ins (virtuelle) Studio geholt hatte, ansonsten war uns, das geben wir gern zu, diese Nische noch zu wenig ausgeleuchtet. Wer sich allerdings etwas eingehender mit der Platte beschäftigt hat, wird sehr viel Gefallen am Sound des New Yorkers gefunden haben. Bleiben wir also dran und verweisen hier nun auf einen Remix, den Thomas von der ersten Singleauskopplung der Platte "Carrot Cake" bastelte. Seinerseits nämlich hält er große Stücke auf die Arbeit der japanischen Brüder Satoshi und Makoto Tomino, sein Ansinnen, mit den beiden nun das Stück nochmals einzuspielen, hat denn auch funktioniert, ebenso wie das Rework des Tracks "Kun G Chicken" unter Mithilfe des britischen Multitalents Sebastien Jones alias Bastien Keb, welches wir dem Post ebenfalls noch beilegen wollen.



Donnerstag, 11. März 2021

Isolation Berlin: Wahre Liebe kennt keinen Spott

Wohl jenen, die sich mit Freude daran erinnern können, wie ihre Eltern ihnen die heimische Plattensammlung näherbrachten - gespannte, erwartungsvolle Blicke, ob denn der Nachwuchs diese intimen Offenbarungen auch zu würdigen weiß, ob er in dem Moment, wenn der Saphir die Rille trifft, auch die nötige Ehrfurcht zeigt. Oder doch nur müde und gelangweilt abwinkt. Denn nicht selten gab's statt Beatles, Aretha Franklin, Miles Davis oder Black Sabbath nur bleischweren Wagner, sülzige Smokie oder im schlimmsten Falle Heino, Heintje, Illic etc., nicht alle hatten soviel Glück wie Tobias Bamborschke, Sänger von Isolation Berlin. Dessen Erziehungsberechtigte nämlich machten den Sohn früh mit Nina Hagen bekannt und seit dieser Zeit war und ist der Zögling schwer verliebt. Und hat deshalb nun, da es an das nächste Album der Band (nach "Und aus den Wolken tropft die Zeit" und "Vergifte dich") geht, ein Liebeslied geschrieben: "(Ich will so sein wie) Nina Hagen". Wohl wissend, welche Diskussionen die Erwähnung des Namens der Urmutter des deutschen Punk heute immer noch auslösen kann - Esoterik, Ufo-Glaube, dies, das. Bamborschke allerdings liegt nichts ferner, als Hagen hierfür zu verspotten, wenn er am Schluss des Songs mantraartig wiederholt "Ein UFO und ein Boy": "Mir ist [...] wichtig zu betonen, dass sich unser Song keinesfalls über Nina Hagen und ihre UFO-Fixierung lustig macht. Im Gegenteil, für mich ist Nina Hagen eine Gottheit! Die Textzeile 'Ich will so sein wie Nina Hagen' ist also ernst gemeint! Sie ist eine Projektionsfläche für mich. Ich wäre gern so mutig, so kompromisslos, so schön, so cool, so stark - und eine Diva wie sie. Ich wollte immer eine Diva sein", und weiter: "Im Grunde ist Nina Hagen auch einer der Gründe, dass wir auf deutsch singen. Als ich mit Max die Band gegründet hatte, wussten wir noch nicht, in welcher Sprache wir singen wollen. Deshalb haben wir uns auch Isolation Berlin genannt, was man deutsch und englisch aussprechen kann. Aber spätestens nach dem dritten Bier habe ich immer angefangen, Max meine liebsten Nina-Hagen-Songs vorzusingen und so sind wir dann zu Isolation Berlin geworden." Viel mehr Information über ein anstehendes Album gibt es noch nicht, das Label Staatsakt hat aber mit dem 1. Oktober zumindest schon mal einen Erscheinungstag benannt und verkündet, dass die neue Single mitsamt der B-Seite "Alien" ab sofort bestellbar ist.



Mittwoch, 10. März 2021

Jeans For Jesus X Steiner und Madlaina: Zeit danach

Eine ungewöhnliche Verbindung, aber nur auf den ersten Blick: Dass die Schweizer Ultrastyler von Jeans For Jesus mit Steiner und Madlaina für ihre neue Single "2000 etc." gemeinsame Sache machen, ist gar nicht so verrückt, schließlich lieben beide Parteien das Eigenwillige, was sich schon in ihrer gemeinsamen Vorliebe für die heimatliche Mundart, das Schwyzerdütsch, ausdrückt. Das Quartett aus Bern hat seine bisherigen drei Alben mit selbigem eingespielt, Nora Steiner und Madlaina Pollina geben sich auf ihren Alben und EP ebenfalls maximal polyglott. Dass sie den Text für den aktuellen Song dann doch in Hochdeutsch eingesungen haben, ist natürlich für uns sprachlich Unkundigen von unleugbarem Vorteil, ansonsten kommt in dem Stück auf wunderbare leichte Weise zusammen, was offenbar zusammengehört. Ein Sehnsuchtslied an die Zeit danach, von der niemand so genau weiß, wann sie denn endlich beginnt. Der dazugehörige Longplayer "Germany's Next Jeans For Jesus" soll noch in diesem Frühjahr erscheinen, mit dabei dann auch Auskopplung Nummer eins "In Deinem Garten".





Sonntag, 7. März 2021

Sprints: Durchschlagskraft

In einer ganz anderen Ecke findet man die irische Band Sprints. Wie der Name vermuten lässt, geht es hier etwas weniger gemächlich und getragen zur Sache - das Quartett aus Dublin spielt krachigen Post-Punk und ist gerade dabei, bei Nice Swan Records die Debüt-EP "Manifesto" zu veröffentlichen (VÖ 26. März). Produziert hat im Übrigen kein Unbekannter - mit Daniel Fox von Girl Band stand ausreichend Kompetenz an den Reglern, damit die Stücke ihre Durchschlagskraft auch nach der Aufnahme im Studio nicht verlieren. Hört man sich die drei Tracks an, dann sollte das wohl gelungen sein - neben dem Titelsong wären da noch "Drones" und die aktuelle Single "Swimming", ein ordentlich gezwirbeltes Gitarrenbrett. Auf die Live-Auftritte der Formation darf man sich jedenfalls, sobald es wieder losgeht, jetzt schon mal vorfreuen.




Svarts: Licht ins Dunkel

Wirklich oft findet die Schweiz hier ja nun wirklich nicht statt, aber wenn, dann dunkler als gemeinhin vermutet, denken wir an Künstler wie Autisti, Sophie Hunger, Faber, Steiner und Madlaina oder den Goth-Schlager von Dagobert. In eine ähnliche Richtung weist auch der Sound von Svarts, eine vierköpfigen Band, deren selbstbetiteltes Debüt schon eine ganze Weile zurückliegt. 2014 ist die Platte bei Hummus Records erschienen und wer sich die Songs darauf anhörte, hatte mit der Bezeichnung Dark Pop sicher kein Problem. Nun, das hat sich im Laufe der Jahre vielleicht ein wenig geändert, denn die Stücke, die vom neuen Album "Geography" bislang bekannt sind, lassen zumindest eine vorsichtige Hinwendung zu den helleren Seiten des Lebens erahnen. Zwar gibt es mit "Asylum" noch diese elegischen Klangwelten, aber eben auch den liedhaften Dreampop von "Snake Friend". Irgendwo dazwischen jetzt die aktuelle Single "Gift", verträumt und zart, aber eben auch hochmelodisch und eingängig. Gitarrist Romain Siegenthaler, der auch mit produziert hat, Sängerin Saskia von Fliedner, Cléa Pellaton am Bass und Drummer Francois Christe vermessen die Pole ihrer Band zwischen "Loveless" von My Bloody Valentine und "Geogaddi" der Boards Of Canada - am 12. März soll das ganze Album der vier erscheinen und es wird sich zeigen, wo die Reise hingegangen ist.





Freitag, 5. März 2021

Billy Nomates: Neue Töne aus dem Schuppen

Billy Nomates
„Emergency Telephone“

(Invada Records)

Die Haare sind jetzt also blau. Man darf spekulieren, warum. Dass es die Plattenverkäufe nach oben treibt (weil blaues Cover, blaues Vinyl), ist eher unwahrscheinlich, denn wer die Musik von Tor Maries aka. Billy Nomates liebt, wird diese EP auch unabhängig von der aktuellen Färbung kaufen. Vermuten wir also mal eher einen Zusammenhang mit den recht alternativlosen, wohl aber lästigen Einschränkungen des täglichen Lebens, an denen wir alle europaweit zu kauen haben. So wenig, wie Maries in ihren Songs kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um ihr Verständnis von Gerechtigkeit, Gleichstellung der Geschlechter und um politische Auswüchse geht, so mitteilsam ist sie im Netz, was ihren Gemütszustand betrifft. Es hat da durchaus gute Tage, aber eben auch ziemlich schlechte – der Schriftsteller Andreas Steinhöfel spricht hier gern vom „grauen Gefühl“, das einen heimsucht und manchmal auch zu überwältigen droht. Als Künstlerin hat Maries in dieser Hinsicht besonders feine Antennen, setzt deshalb vielleicht – nennen wir es Zäsur oder Zeichen der Selbstermunterung – strahlendes Blau gegen tristes Grau.

Grund zu Frust und Trübsal gibt es für Billy Nomates allemal, vor zwei Wochen sollte sie im Berliner Urban Spree ihre neue 12“ promoten, dies wurde aus Pandemiegründen gestrichen und auch die Konzerte in Brüssel und Paris Mitte März werden wohl leider in Zenne und Seine fallen. Bleiben ihr also neben Freunden, dem sorgsamen Label Invada und ihrem Vater nur noch die See vorm und der Schuppen hinterm Haus, wo ihre Musik entsteht. Nach dem furiosen Debüt, das im vergangenen Jahr erst digital und mit etwas Verspätung auch physisch erschien, ist „Emergency Telephone“, wenn auch nur mit viereinhalb Tracks bestückt, ein weiterer, hörbarer Entwicklungsschritt. Zur bekannt rauflustigen Schroffheit und den sarkastischen Zwischentönen kommen nun das Dunkle und auch das Weiche. Zu Beats und Geräuschen (Maries ist eine begnadete Field-Recorderin) gesellen sich schon im Titeltrack ein warmer Basslauf und sogar eine verkappte Knopfler-Gitarre. Ungewohnt, das schon, aber sehr gelungen.



Eine gewisse Soulfulness und eben diese schön abgemischen Gitarrenspuren – die Stücke wirken nun etwas geschmeidiger, tanzbar waren sie ja schon. Und auch ihrer Stimme scheint Maries mehr zuzutrauen, wo vorher der zornige Sprechgesang dominierte (und so ja auch prächtig zum Sound ihrer Protegers, den Sleaford Mods, passte), wagt sie auf der neuen EP auch neue Schattierungen und erzeugt so einen bisher nicht gekannten Drive. Inhaltlich ist Billy Nomates dagegen keinen Deut zurückhaltender geworden, mit dem Herz auf der Zunge fährt eine wie sie noch immer am besten. Und so gibt es auch hier in aller Kürze Ansagen zum weiblichen Selbstverständnis („I've no duty to be all smiles or nice … I do not do heels“/Heels), zum allgemeinen Alarmzustand und der eigenen Befindlichkeit. “‘Emergency Telephone‘ is predominantly about communication breakdowns; personally, mentally, physically“, sagte sie kürzlich. „A strange thing to happen while communication has never had so many channels. Perhaps we need a direct line.“ Uns und ihr ist zu wünschen, dass sie noch für lange Zeit am Apparat bleibt.

Donnerstag, 4. März 2021

The Wedding Present: Das spezielle Glück

The Wedding Present
„Locked Down And Stripped Back“

(Scopitones)

Man kann eine neue Platte der britischen Schrammelformation The Wedding Present nicht besprechen, ohne das spezielle Glücksgefühl zu erwähnen, das einen live beim Anhören dieser Musik befällt. Obwohl David Gedge und Band ihren Sound seit Gründung Mitte der 80er sehr wohl maßvoll verändert haben, läuft es für den Großteil der Songs – und hier besonders jener, die einem als die stilbildenden Hits in Erinnerung sind – zumeist nach dem gleichen, liebgewonnenen Schema ab. Sind die Texte gesungen, folgt stets ein Instrumentalteil, bei dem sich folgendes Bild ergibt: Auf der Bühne kümmert sich jede/r Musiker/in mit größtmöglicher und ungeteilter Hingabe um sein bzw. ihr Instrument, gesenkte Blicke, gekrümmte Rücken, dann wird geschrubbt und gedroschen, als gäbe es kein Morgen. Da, wo andere nach ein paar Takten die Akkordarbeit wieder einstellen, erweist sich die Band aus Leeds als gnadenlos ausdauernd – schneller, lauter, länger, The Wedding Present kennen keine Limits. Und weil das so ist, sieht man unten, also vor der Bühne, lauter Menschen mit geschlossenen Augen, Köpfe werden geschüttelt, vereinzelt verzückte Jubelschreie ausgest0ßen – so sieht es aus, das Glücksgefühl.



Die bange Frage war deshalb, ob sich dieses Empfinden ohne weiteres auf eine Lockdown-Platte pressen lässt, wo doch die Momente der gemeinschaftlichen Ektase jetzt spurenweise und vereinzelt im Heimstudio aufgenommen werden mussten, wo die akustische Gitarre meistenteils die elektrische ersetzte. Skepsis war angebracht. Grundsätzlich ist „Locked Down And Stripped Back“ eine recht gelungene Arbeit geworden. Wenn es auch den Stücken manchmal an der gewohnten Power fehlt, so bleiben sie doch unterm Strich einfach gute Songs, denen die Änderung des Arrangements nicht viel anhaben kann. Über die Auswahl für die Tracklist aus einem wahrhaft riesigen Fundus ließe sich sicher trefflich streiten, vielleicht hätte man sich ein paar mehr von den ikonografischen Stücken gewünscht, inwiefern diese dann ins annähernd Stromlose übersetzbar gewesen wären, steht auf einem anderen Blatt. Dass Gedge das komplette Spektrum der Bandgeschichte anbietet und gleich vier Stücke aus den Anfängen bringt, muss man ihm dagegen hoch anrechnen.



Besonders die Wahl von „You Should Always Keep In Touch With Your Friends“ (der Song fand sich 1987 auf einem Tape der Gründertage gleichen Namens) erfreut und ist im Hinblick auf die derzeitigen Lebensumstände sicher kein Zufall. Wenn Gedge eine winzige Textpassage anpasst und singt: „A smile, in these uncertain times, makes all that you left me seem more worthwhile…“, dann hat das etwas sehr Tröstliches. „George Best“, „Bizarro“ und „Seamonsters“ also werden beliehen, auch weniger bekannte Songs kommen zur Aufführung, allesamt stimmungsvoll und durchaus charmant. Von den Spätwerken nur „Deer Caught In The Headlights“ (Valentina, 2012) dabei, dazu zwei bislang unveröffentlichte Lieder, mehr oder weniger enge Kollaborationen mit der Londoner Kapelle Sleeper. Deren Sängerin Louise Wener taucht auf der Platte gleich mehrmals auf, bei „Sports Car“ hat sie das Mikro sogar für sich allein, die Überdramatisierung der Stimme macht den Song aber leider nicht wirklich besser. Eine schöne Platte ist es trotzdem geworden - das vollumfängliche Glück werden wir allerdings auch weiterhin nur live finden können.

Ganser: Verdammter Konjunktiv

Es ist die Zeit der Konjunktive. Derer, die in die Vergangenheit reichen und vor allem jener, die sich an eine unklare, kaum planbare Zunkuft richten. Auch und gerade für Künstler*innen. Was für eine Lesereise, was für eine Ausstellung, was für eine Tour das wohl geworden wäre, wenn ... Und die Vorausschau ist nicht eben einfacher zu ertragen, denn wann genau man die Lacher des Publikums in einer gut gefüllten Buchhandlung bei bestimmten Textpassagen wieder hören wird, wann sich wieder Menschen vor einem Kunstwerk drängeln werden, wann eine Band wieder in die beseelten, staunenden, glücklichen Gesichter ihres tanzenden Anhangs wird blicken dürfen - wir wissen es nicht. Und das ist traurig. Ganser aus Chicago sind also beileibe kein Einzelfall, sie trifft das gleiche Schicksal wie viele. Sie hätten im Frühjahr 2020 eine ganze Reihe von Konzerten mit den Gospel-Punks von Algiers gespielt, leider kam es anders. Und auch wenn es kein wirklicher Ersatz ist, so hat das Quartett aus Atlanta wenigstens mit "Told You So" einen Song des Ganser-Albums "Just Look At That Sky" für die Remix-EP "Look At The Sun" bearbeitet. Nach den Versionen von GLOK und Sad13 ist dies die dritte von fünf, in der Gesamtheit sollen sie dann am 30. April erscheinen.

Ein paar Statements zum Track gibt es natürlich auch noch. So gibt Algiers-Gitarrist Lee Tesche, gerade auch mit dem Projekt Nun Gun im Gespräch, zu Protokoll: "'Told You So' was one of our favourite tracks from Just Look At That Sky. A fantastic song that was dancey, angular and filled with hooks. I really wanted to see if we could push some of those rhythmic elements even further, hoping to land somewhere between the proto-disco of Arthur Russell's Loose Joints and the British-edging-on-disco Britpop anthems of Pulp." Und Ganser-Drummer Brian Cundiff ergänzt für die Band: "We were quite excited that we would be finishing off a spring 2020 tour with some dates supporting Algiers, but alas those shows are still hanging in limbo somewhere until the world opens up again. Meanwhile, we've gotten a bit of lemonade from the lemons in the form of this remix, which to my ears sounds a bit like a collab between Ennio Morricone and Jan Hammer. Be sure to listen to it during your night-time speedboat rides on Miami's waterways."




Mittwoch, 3. März 2021

Jane Weaver: Verpackungskünstlerin

Jane Weaver
„Flock“

(Fire Records)

Klingt einfach, ist aber harte Arbeit. Was soll sie auch machen? Jane Weaver hat im Laufe ihrer Karriere, ob solo oder mit Band, eine ganze Reihe fabelhafter Alben aufgenommen. Und wenn sie gut geworden sind (was bei ihr die Regel und nicht die Ausnahme ist), steht sie, wie andere Künstler*innen auch, vor dem Dilemma, dass die nächste Platte eben an der vorangegangenen gemessen wird. Nehmen wir eine ihrer letzten Veröffentlichungen „Modern Kosmology“. Erschienen 2017, fanden sich darauf neben einer Reihe gelungener Stücke auch solche, die hervorstachen, in besonderer Erinnerung blieben – backskip, mehrmals. Da war der kantige Technotrack „The Architect“, für ihre Verhältnisse von geradezu auftrumpfendem Charakter, und da waren so wunderbare Songs wie „Slow Motion“, „Did You See Butterflies?“ und „I Wish“ (eine Reihe davon hat sie übrigens zwei Jahre später noch einmal überarbeitet). Die Messlatte lag weit oben.

Und deshalb hat Weaver genau das Richtige getan. Sie hat ihre Kernkompetenz gefestigt, bewegt sich stilistisch also zur Hauptsache noch immer zwischen den Polen Kraut- und Post-Rock, alternativem Elektrofolk und psychedelischen Einschüben, auch „Flock“ klingt stellenweise wie die wohlbekannte Mischung aus Stereolab, Velvet Underground und den Cocteau Twins. Besitzstandswahrung also auf der einen, vorsichtige Neuerung auf der anderen Seite. Wo jetzt die harten Beats fehlen, wird Platz geschaffen für den frankophilen Pop der 60er oder überraschend funkige Gitarrenklänge. Letztere klingen gerade so, als hätte sich Prince – siehe „The Revolution Of Super Visions“ – kurz für ein paar Takte aus dem Jenseits dazugeschaltet, Ähnliches läßt sich auch in leicht abgebremster Form bei „Sunset Dreams“ heraushören.



Kluge, punktuelle Ergänzungen demnach, hier mal den Titelsong mit zarten Harfen- und Flötenklängen verziert, für den entspannten Schwung des wundervollen Openers „Heartlow“ scheint mit Serge Gainsbourg ein anderer Großer Pate gestanden zu haben. Der Schlußakkord „Solarised“ wiederum klingt so verführerisch und anmutig, dass man fast vergisst, dass Weaver auf „Flock“ den Texten eine Art Tarnkappe überzieht – haben sie sich erst einmal im Ohr verfangen, können sie im Ganzen wirken. So ist „Modern Reputation“ bei aller Eingängigkeit ein deutliches Plädoyer für den Kampf gegen toxische Männlichkeit und für die Gleichstellung der Geschlechter, eines allerdings, aus dem auch viel Enttäuschung und Frust herauszuhören ist. Und auch besagtes „The Revolution Of Super Visions“ beschäftigt sich mit unserem Umgang miteinander, zunehmender Oberflächlichkeit und der Penetration sozialer Medien in alle Bereiche unseres Lebens. Schwerer Stoff, verführerisch verpackt – macht große Kunst.

Pom Pom Squad: Gebotene Übersetzung

Es bleibt dabei: Der Quiet-Girl-Punk von Pom Pom Squad ist etwas Besonderes. Die New Yorker Band um Frontfrau Mia Berrin hatte ja in den vergangenen zwei Jahren mit den EP "Hate It Here" und "Ow" für reichlich griffige Gitarrenbretter gesorgt, dazwischen gab es ein paar Demos und Coverversionen und die Freude auf eine mutmaßlich neue 12" oder vielleicht sogar ein komplettes Album können und wollen wir hier gar nicht verhehlen. Grund dafür ist die gerade erschienene Single "LUX" (City Slang, Cover unten). Berrin ist ja seit Beginn ihrer Karriere um keinen mißverständlichen Covershot verlegen, sie weiß um die Sexualisierung der Bilder und kennt die Gefahren dahinter. Dass sie auch im neuen Song entsprechende Irritationen heraufbeschwört, liegt sicher auch am bewußten Bezug zum von ihr sehr verehrten Film "The Virgin Suicides" von Sofia Coppola nach dem gleichnamigen Buch des Autors Jeffrey Eugenides. Abgesehen davon, dass sie den Plot allgemein sehr reizvoll findet, hat es ihr, so sagt sie, besonders die Szene auf dem nächtlichen Football-Feld angetan, auf welchem Hauptfigur Lux (gespielt von Kirsten Dunst) ein zutiefst demütigendes Erlebnis hat. Berrin dazu: "It’s about the fear of intimacy I felt as a teen that stemmed from negative early experiences of male attention. 'The Virgin Suicides', one of my very favorite movies, captured that fear in a way that deeply resonated – the scene where Trip leaves Lux alone on the football field. He had gone through the effort of making her love him and then, when he got what he wanted, he left." Man muß keine Frau sein, um den Schmerz und die Schmach dieses Augenblicks erkennen zu können, die Übersetzung für den Track ist so gelungen wie aktuell (leider noch immer) geboten.




Dienstag, 2. März 2021

Arlo Parks: Sanfte Überwältigung [Update]

Arlo Parks
„Collapsed In Sunbeams“

(Transgressive Records)

Natürlich macht man sich nicht gerade beliebt, wenn man sich im allgemeinen und völlig berechtigten Jubel um diese Platte mit dem erhobenen Zeigefinger und einem vorsorglichen „Ja, aber…“ bemerkbar machen will. Genaugenommen können das auch nur die Menschen nachvollziehen, die Ende der 80er schon im Vollbesitz ihres musikalischen Urteilsvermögens waren und also eine Künstlerin namens Tracy Chapman erleben durften. Die junge und schwarze Songwriterin debütierte 1988 mit einem Album, dass einer Sensation gleichkam – Bestplatzierungen in allen europäischen Hitlisten, Nummer eins der US-amerikanischen Billboard-Charts, man konnte diesen wunderbar weichen und doch brüchigen Songs damals nicht entkommen – und wollte es auch gar nicht. Zumindest anfangs. Denn mit solchen Sensationen ist es immer so eine Sache. Sie begeistern zunächst einige wenige, die dann die Euphorie weiter in die Magazine, Radios und TV-Stationen tragen und irgendwann landen sie dann in der VOGUE als akustisch passende Ergänzung zum neuen Designer-Couchtisch, in der heavy rotation diverser Kaffeehausketten (gab es in den Achtzigern zum Glück kaum welche) und im formatierten Dudelfunk – vorbei der Zauber.



Die Angst also, es könnte Gleiches mit der Musik von Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho, jetzt Arlo Parks, passieren, ist nicht ganz unberechtigt. Den Dudelfunk gibt es nach wie vor, maßgeblich wird dieser aber jetzt von der gefräßigen Intelligenz allmächtiger Algorithmen bestückt, der auch die Hitlisten von Streamingportalen füllt. Und selbst, wenn das mittlerweile als authentisch gilt, weil Realität, klingt es doch etwas traurig. Andererseits ist eben jene junge Londoner Künstlerin eine Ausnahmeerscheinung, betont queer, anfänglich eher Slam-Poetin als Liedermacherin. Schon ihre ersten Stücke, 2018 noch beim Kleinlabel Beatnik Creative veröffentlicht, ließen aufhorchen, waren vielversprechende Perlen des Indiepop, kaum entdeckt, aber schon in den Rubriken der Breakthrough-Empfehlungen für die kommenden Jahre gelistet. Und schon da wusste man, dass ein ganzes Album voll von diesen melancholischen, sanft pochenden Songs die Musikwelt im Sturm nehmen würde.



Und das tut es dann jetzt auch. „Collapsed In Sunbeams“ ist genau die Art von Album geworden, die man sich von Arlo Parks erhofft hatte, ein Seelenstreichler, ein tröstlicher Rückzugsort. Zur bekannten Klasse der vorab erschienen Stücke wie „Eugene“, „Caroline“ und „Black Dog“ gesellen sich nun unwiderstehlich groovende Tanznummern – „Too Cool“ und „Just Go“ sind eigentlich in der falschen (Jahres)Zeit gelandet, sollten eher die Ausgelassenheit eines unbeschwerten Sommers feiern als den miesepetrigen Lockdown-Winter. Und doch tun sie natürlich gut, verführen, stiften an, ziehen einen mit. Der Flow, den die Songs von Arlo Parks erzeugen, ist schon bemerkenswert und natürlich ist man da schnell bei Referenzen wie Massive Attack, Morcheeba oder auch den Klangmagieren von Everything But The Girl. Einen Verweis nach Bristol hat die Künstlerin dann tatsächlich im Programm – „For Violet“ wummert in gewaltiger Portishead-Manier, nur ihre weiche Stimme gibt der Nummer einen anderen Dreh als der zerbrechliche Gesang von Beth Gibbons. Es wird eine der Platten des Jahres werden, daran besteht nun kein Zweifel mehr, unsere Befürchtungen legen wir einstweilen erst mal zu Seite.

Update: Tourdaten jetzt dort, wo sie wahrscheinlicher sind - die Clubtour wird auf den Herbst verschoben.

13.08.  Hamburg, MS Dockville
18.11.  Berlin, Columbia Theater
21.11.  Frankfurt, Zoom
22.11.  Köln, Gebäude 9
24.11.  München, Ampere
26.11.  Zürich, Mascotte
13.12.  Hamburg, Mojo Club  



Montag, 1. März 2021

Smerz: Radikaler Verschnitt

Smerz
"Believer"

(XL Recordings)

Es wären wohl kaum Beschwerden gekommen, hätte sich das norwegische Duo Smerz für ihr erstes Album ein weiteres Mal auf ihr Erfolgsrezept Minimal-Electro verlassen. Nice to have, sagt man in solchen Fällen, vom Formatpop für Menschen, die nur Musik hören, weil sie nicht hinhören wollen, sind die Tracks von Catharina Stoltenberg und Henriette Motzfeldt ohnehin Lichtjahre entfernt. Soll heißen, experimentell waren die beiden schon immer, angefangen bei ihrer ersten EP "Okey" (2016), stärker noch auf "Have Fun" zwei Jahre später. Disruptive, verschränkte Technoklänge, weißes Rauschen, Noise plus Beats, dazu die zarten Stimmen - das hätte man auch jetzt wieder dankend genommen. Wollten sie aber nicht, war ihnen zu wenig. Der Anspruch von Smerz, so erzählten sie es gerade der Seite Kulturnews, bleibt unbedingte Radikalität, Genregrenzen halten sie für hinderlich. Und so kamen sowohl aktuelle Vorlieben als auch Erfahrungen ihrer musikalischen Sozialisation in den kreativen Mixer - herausgekommen ist ein Album, dass es so tatsächlich selten zu hören gibt. 

Denn wer traut sich schon, klassische Choräle und barocke Kammermusik mit kühler Synthetik, HipHop, RnB und traditioneller, skandinavischer Liedkunst zu verschneiden? Dass daraus eine ganz eigene, wunderbare Klangästhetik entstehen kann, beweisen Stoltenberg und Motzfeldt hier ein ums andere Mal. Auf den hitverdächtigen Großspur-Pop des Titelsongs "Believer" folgt die erste klassische Miniatur "Versace Strings" aus Piano, Cello und Violine, begleitet von einem glockenhellen Sopran. Gleich darauf herrlich träge Trapp-Rhymes, wieder mit Streichern kombiniert ("Rain"). Weiter mit verzerrt fiebrigen Prodigy-Beats ("Hester"), den anmutigen Tranceklängen von "Flashing", stampfende Drums auf schwermütigen Bratschentönen bei "Glassbord" und dem sagenhaften Technobeast "I Don't Talk About That Much". Dem sie dann auch sofort den Schlussakkord "Hva Hvis" entgegenstellen, der ohne verfremdende Effekte, ohne Hast auskommt und einmal mehr jede Erwartung bricht. Diese bewußt gewählten Gegensätze, dieses Spiel mit den Kontrasten und die andauernde Grenzüberschreitung, das macht Smerz so schnell niemand nach, für diesen Mut haben sie sich in der Endabrechnung des Jahres jetzt schon einen Ehrenplatz gesichert.



Sonntag, 28. Februar 2021

shatten: Wilde Umarmung

Neuer Rock aus Hamburg, endlich mal wieder. Es ist ja nicht so die Zeit für spontane  Kontaktaufnahmen. Wo man früher einfach mal in die Clubs gegangen ist, auf ein Bier an der Bar und dann schauen, was der Abend so bringt und ob die auf der Bühne tatsächlich so gut sind, wie alle sagen - heute wühlen wir uns im Netz durch eine Unzahl von Versprechen und dabei genau das eine, richtige zu finden, ist die große Kunst. shatten könnten eines sein, bei dem sich das Dranbleiben lohnt. Danny, Kristian, Simeon, Stefan und Jonas haben bis vor einiger Zeit größtenteils noch gemeinsam bei Findus gespielt, nun also mit neuer Band und neuem Anlauf - für Ende April ist ihr selbstbetiteltes Albumdebüt über Rookie Records angekündigt und gleich die erste Single "Loecher im Himmel" ist ein ordentliches Brett mit wichtiger Message zwischen den Zeilen. Es geht gegen Homophobie und Ausgrenzung, eine wilde Umarmung soll der Song sein. Hoffen wir mal, dass das auch live bald wieder drin ist.




Messer: Die neue Lust

Gibt es sie denn tatsächlich, die neue Lust an der Elektrifizierung im Allgemeinen, an der Clubmusik im Speziellen? Wenn man offenen Ohres durch die Musiklandschaft dieser Tage wandert, dann hört man auffällig oft von Beispielen, die diese These stützen. Und zwar von Künstler*innen, denen man einen solchen Schritt nicht unbedingt zugetraut hätte. Nun gut, dass die Sleaford Mods tanzbarer, poppiger geworden sind, hatte sich über einen längeren Zeitraum angedeutet, ihr Equipment bestand ja ohnehin schon kaum aus klassischem Instrumentarium, die Beats stammten also schon vorher - um es mal unzulässig zu verallgemeinern - meistenteils aus der Steckdose. Dass allerdings Nick Cave und auch die Tindersticks auf ihren neuen Alben mit Tanzmusik im weiteren Sinne überraschen, ist neu. Und beidenteils erfreulich. Auch eine eher traditionell verortete Post-Punk/Art-Rock-Band wie Ganser aus Chicago hat derzeit viel Spaß daran, die Stücke ihrer letzten Platte ambitionierten Remixern zur Nachbearbeitung zu überlassen. Mit der Pandemie hat das alles wohl nur bedingt zu tun, denn Neugier und Experimentierfreude entspringen schließlich nicht den äußeren Umständen, sondern sollten dem Selbstverständnis der Musiker*innen geschuldet sein. Und doch - elektronische Musik ist bei weitem lockdown-tauglicher als ein komplettes Band-Outfit, Proberäume sind für diesen Fall vernachlässigbar und, noch wichtiger, es gelingt auf diese Weise, im Gespräch, in Bewegung zu bleiben.

Neuestes Beispiel: die Münsteraner Band Messer. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie ihr viertes Album "No Future Days" und schon das erschien uns, anders als noch die beiden ersten Platten, als Gestaltenwandler zwischen den Genregrenzen. Keine Ausschließlichkeit mehr, sondern Durchlässigkeit, viel Raum für experimentelle Klänge, Spannungsaufbau durch Stilvermischung. Ihr Drummer Philipp Wulf war es dann, der den fruchtbaren Kontakt zum Freund und Kollegen Kimmo Saastamoinen aka. Toto Belmont, seines Zeichens finnischer Produzent, herstellte. Und gemeinsam mit der restlichen Band wurde so langsam die Idee geboren, das komplette letzte Album als Dub-Version neu zusammenzusetzen und einzuspielen. Das Ergebnis ist, soviel wollen wir hier schon mal spoilern, ein wahrer Glücksfall geworden, die Songs, jetzt eher Tracks, spiegeln einen neuen Kontext und erhalten ein ungekannte Tiefe und, auch das soll kein Geheimnis bleiben, einen wunderbaren Groove. Ein erstes Beispiel können wir aber von Erscheinen des ganzen Werkes am 9. April bei Trocadero heute schon präsentieren, hier gern auch in der Gegenüberstellung - "Versiegelter Dub II" 2021 meets also "Versiegelte Zeit" 2020.  






Samstag, 27. Februar 2021

Marianne Faithfull: Zeit für Poesie

Vielleicht ist das ja auch so ein Pandemie-Ding, dass die Menschen jetzt Zeit für Dinge haben, denen sie vorher weniger Beachtung geschenkt haben. Poesie zum Beispiel. Auf Masha Qrella trifft das jetzt nicht unbedingt zu, denn ihr Thomas-Brasch-Projekt "Woanders" hatte schon weit vor Covid19 an Kontur gewonnen. Aber Marianne Faithfull soll ihr neues Album "She Walks In Beauty", das später in diesem Jahr erscheinen wird, während des Lockdowns erarbeitet und aufgenommen haben. Zusammen mit Warren Ellis, dem Musik-Kumpanen von Nick Cave, hat sie elf Stücke zu Gedichten von Lord Byron, William Woodsworth und John Keats eingespielt, der hier gestreamte Titelsong kommt mit gesprochenem Text und sanfter Untermalung. Die Platte folgt Faithfulls letztem Studiowerk "Negative Capability" aus dem Jahr 2018, mit dabei neben Ellis auch Cave selbst und Brian Eno.




Freitag, 26. Februar 2021

Nick Cave: Allmähliche Loslösung

 Nick Cave And Warren Ellis
„Carnage“

(Goliath Records)

Es gibt wahrlich nicht viele Künstler wie Nick Cave. Auf der einen Seite schreibt der Mann seit über vierzig Jahren mit bemerkenswerter Konstanz Songs, die man zum besseren Verständnis allesamt auf einem zerstörungssicheren Tonträger den Wesen hinterlassen möchte, die uns Menschen dereinst, wenn wir den Planeten endgültig in Grund und Boden gewirtschaftet haben, folgen werden (der einzige Grund, warum sie 1977 auf den sog. Voyager Golden Records keinen Platz fanden, muss die mangelnde Verfügbarkeit gewesen sein). Songs sind das von erhabener Schönheit, von sakraler Anmut, Songs mit einer Schwärze, die mitsamt ihrer Wut, ihrem Schmerz und ihrer Erosionskraft direkt dem Hades entrissen scheinen. Zugleich ist es Cave (trotz oder wegen der persönlichen Schicksalsschläge) aber auch gelungen, nahbar zu bleiben. Nicht als joviale Plaudertasche in den Netzwerken – er hat mit seiner Seite The Red Hand Files einen ganz eigenen Weg gefunden, einen, den er noch dazu selbst gut kontrollieren kann. Cave antwortet dort auf die Fragen zumeist junger Fans und er tut dies mit einer Lebensklugheit, einer Herzenswärme und Klarheit, die man sich selbst oft wünscht, wenn der eigene Nachwuchs mal wieder mit unsicherem Blick in der Tür steht.

Unvergessen aber auch, wie er einem Anhänger, der sich über das Aussehen anderer Besucher*innen auf Caves Konzerten ziemlich abschätzig äußerte und der irrigen Annahme war, den Künstler auf seiner Seite zu haben, in aller Unmissverständlichkeit mittteilte, dass dieser selbst ein ausgemachter Idiot sei. Tröstlich eben, wie gesagt. Der Australier scheint einen beneidenswerten inneren Kompass zu haben, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun und zu sagen. Auch deshalb waren leiseste Zweifel daran, die mehrfach verschobene Welttournee zugunsten einer neuen Platte abzusagen, völlig unangebracht. Denn Cave wusste wohl, was uns erwartete. Dass er für sein aktuelles Album dann nicht die volle Besetzung der Bad Seeds an die Instrumente rief, sondern „nur“ seinen kongenialen Partner Warren Ellis, spielt dabei nicht so die große Rolle, ohnehin ist die Klangfülle von „Carnage“ auch so schon beeindruckend groß.



Was die beiden Herren hier an Klangvielfalt hervorgezaubert haben – man kann es nicht anders benennen – ist bemerkenswert. Allein der Einstieg „Hand Of God“: Mit ein paar Takten am Harmonium machen uns Cave und Ellis glauben, es handele sich um eine Art Verneigung vor der morbiden Liedkunst von Nico, gleich darauf fällt die Struktur jedoch in sich zusammen, es folgt ein Dancebeat, wie man ihn so kaum erwarten durfte. Das Stück pulsiert, Stimmen werden verfremdet und geloopt, einzig die elektrifizierten Tracks von Grinderman fallen einem da als Vergleich ein. Später werden noch Backgroundchor und dramatische Streicher ergänzt – eine erste Überraschung. Die ist auch „Old Time“ gleich im Anschluss, denn hier hat man den Eindruck, Cave habe zu einem Zeitsprung durch die 80er und 90er angesetzt, so sehr erinnern die hypnotischen Klänge, die kratzigen Gitarren an den dürren Goth und seinen Höllenblues, an „Tupelo“ oder „The Carny“ (und mit „By The Time I Get To Phoenix“ folgt dann auch gleich noch das passende Zitat).

Natürlich werden wir den alten Cave niemals zurückbekommen, er singt es uns in anderem Kontext ja auch höchstselbst: „Just like the old time, just like old time, baby, and I'm not coming back this time, ah, like the old days, darling, like the old days, I'm not coming back this time.“ Was dagegen folgt, sind Choräle und Gospelgesänge, sind die bösen und brutalen Gewaltfantasien verbitterter alter Männer, die sich um ihre Vormachstellung und um ihre Ansprüche geprellt sehen („White Elephant“), sind traurig sehnsüchtige Erinnerungs- und zarte Liebeslieder. Cave wird gleich mehrmals zum Beobachter auf dem Balkon, in den Schmerz von „Ghosteen“ (2019) mischen sich jetzt etwas Milde und Distanz, aber auch Leere und Loslösung, am eindrucksvollsten ins Szene gesetzt bei „Shattered Grounds“. Vielleicht doch noch ein Zitat aus seinen eingangs erwähnten Antworten, hier zum Zustand unserer Welt: „The world is not only very good, it is perfect - so wholly perfect that it has the capacity to hold within it profoundly imperfect things. It is a masterpiece folded around an essential and energising flaw - our humanity.”

Donnerstag, 25. Februar 2021

Die Kerzen: Liebe ist für immer


Marketingtechnisch ist da wohl einiges schiefgelaufen, schließlich ist der Valentinstag gerade eine gute Woche vorbei und wenn man einen solchen Song hat, dann bringt man den wohl am 14. Februar. Andererseits - wir reden hier von der Band Die Kerzen aus Ludwigslust und denen ist der Markt und seine Gesetze mutmaßlich schnurzpiepegal. Warum? Nun, zum einen haben sie eigentlich nur solche wunderbar zarten Schmachtpopfetzen im Programm - im Sommer 2019 gab es auf ihrem Albumdebüt "True Love" ein knappes Dutzend solcher Tearjerker. Desweiteren darf man Jelly Del Monaco, Die Katze, Fizzy B und Super Luci durchaus zutrauen, die Sache mit der Promo antizyklisch anzugehen, soll heißen: Wenn keiner dran denkt, dann kommen wir. Deshab nun vielleicht "Für immer" und das Video aus dem Massagesalon mitsamt Pediküre und Selfmade-Tattoo. Gut für die Ohren, gut für die Augen, man muß sie einfach lieben - an jedem Tag!




Mittwoch, 24. Februar 2021

Gazelle Twin feat. NYX Drone Choir: Neuer Kosmos


So ist das wohl, wenn man neue Sachen für sich entdeckt, man taucht in einen komplett fremden Kosmos ein und steht zunächst einmal fasziniert vor der Fülle an Unbekanntem. Gerade so geschehen mit der Musik der britischen Künstlerin Elizabeth Bernholz, bekannter unter ihrem Moniker Gazelle Twin. Experimentelle Elektronik mit Anleihen bei Industrial und Art Pop - so sagt zumindest das allwissende Netz. Bernholz stammt aus Brighton, wohnt aber in Leicestershire, hat in Sussex Musik studiert und (hier schwanken die Angaben etwas) zwischen drei und fünf Platten aufgenommen. Gestolpert sind wir über sie in Zusammenhang mit ihrer aktuellen Single "Fire Leap", eingespielt gemeinsam mit dem NYX Drone Choir, den man sich wiederum nach eigenen Angaben als Mischung aus Le Mystére De Voix Bulgares, Holly Herndorn und SUNN O))) vorstellen kann. Und natürlich gibt es entsprechende weiterführende Notizen zu dem siebenminütigen Stück beim für solche Sachen zuständigen Fachportal The Quietus: Das dazugehörige, kollaborative Album wird "Deep England" heißen, der eigentlichen Aufführung des Projektes in der Londoner Queen Elizabeth Hall in 2019 folgen und am 19. März 2021 erscheinen. Desweiteren steht geschrieben, dass sich darauf Kompositionen des NYX-Chores, von Paul Giovanni und William Blake befinden sollen, der Sound wird als eine Art elektronisch-chorale Fortsetzung des letzten Studio-Albums "Pastoral" beschrieben. Grund genug, bis dahin noch etwas tiefer in das bisherige Werk einzutauchen und natürlich angemessen neugierig zu bleiben.
 
Update: Die Neugier ist noch immer groß, genaugenommen wächst sie jeden Tag und mit dem gerade erschienenen Titelsong ist sie nicht eben kleiner geworden.
 







Dienstag, 23. Februar 2021

PAAR: Aus guten Gründen

Täuscht der Eindruck oder ist die Sorge um das Überleben der liebgewonnenen Clubs und kleineren Konzerthallen hierzulande eher ein Randthema? Wird schon irgendwie klappen, die schaffen das schon, gehen wir halt woanders hin - wann machen eigentlich die Friseure wieder auf? Man kann über die Briten und ihre Schrullen viel und oft lachen, in Sachen Soliaktionen für Indepenent Venues haben sie uns so einiges voraus. Sorgen gibt es in den deutschen Städten aber sehr wohl, in Berlin, Köln, Hamburg, Leipzig oder München ging es der Sub- und Clubkultur auch vor Corona schon an den Kragen, jetzt liegt noch mehr in Argen. So wundert es nicht, dass auch ein Szenekleinod wie die Milla am Glockenbach Existenznöte plagen - es gibt in Bayern und seiner Landeshauptstadt wohl keinen Veranstaltungsort, der ein derart vielgestaltiges, ambitioniertes und hochgelobtes Programm anzubieten vermag wie der Kellerschlauch mit angeschlossenem Bar- und Tanzbetrieb. Noch halten die Macher*innen durch, aber schon bald könnte auch dieser Laden dicht machen. Grund genug, ihnen ein wenig Unterstützung zukommen zu lassen und sei es auch nur mit dem Kauf (via Bandcamp) des extra aufgelegten und streng limitierten Vinylsamplers, auf dem sich langjährige Freundinnen und Freunde des hiesigen Kulturbetriebs tummeln, mit dabei u. a. Angela Aux, Mira Mann, Fallwander und Bleib Modern. Und auch die Münchner Coldwave-Formation PAAR spendiert zum guten Zweck einen Song ihres aktuellen Albums "Die Notwendigkeit der Notwendigkeit" - passenderweise ist auch gerade das Video zu "EIS" unter Regie von Das Diktat erschienen. Zwei Fliegen, eine Klappe also, was will man mehr...



Montag, 22. Februar 2021

Nun Gun: Durch die Hölle gehen

Nun Gun
„Mondo Decay“

(Algiers Recordings)

Wenn wir bei dem zeitgleich erschienenen Album der schottischen Band Mogwai gerade davon gesprochen haben, dass sich ihre meistenteils instrumentalen Stücke anfühlen wie eine Reise ins Ich, dann dürfen wir für diese Platte feststellen: Jene Reise geht weitaus tiefer, nämlich ins Unterbewußte. Dahin, wo unsere dunkelsten Seiten verborgen sind, unsere Sorgen und Ängste, im schlimmsten Falle auch Wahnvorstellungen, Phobien, Traumata, wo der Mensch dann eben doch des Menschen Wolf ist und niemand so gern hindenkt und -schaut. Dass hierbei keine zarte Liedkunst zu erwarten ist, sollte einleuchten, Ryan Mahan und Lee Tesche geben sich denn auch alle Mühe, den düsteren Erwartungen gerecht zu werden. 

Die beiden Musiker kennt man ja schon als Teil der nicht minder experimentellen Gospel-Punk-Formation Algiers, auch dort haben sie sich im Laufe der Jahre den Ruf der unbequemen Wüstenrufer gegen Neokolonialismus, Machtmissbrauch und Rassismus erworben. Und nun haben sich die beiden für das Projekt Nun Gun mit dem amerikanischen Foto- und Aktionskünstler Brad Feuerhelm zusammengetan, einem Mann, der als Partner der unabhängigen Plattform American Suburb X unter anderem mit seiner Berlin-Arbeit „Dein Kampf“ für einiges Aufsehen gesorgt hat. Bei diesem Trio Infernale ist er für die Drums und vor allem für die visuelle Umsetzung des Sounds zuständig – zeitgleich zur Veröffentlichung der Musik erscheint also auch ein umfangsstarker Katalog, dessen Bilder den irren Tripp von „Mondo Deacy“ gebührlich begleiten. 

Man kann Nun Gun ohnehin am besten als genreübergreifendes Projekt verstehen, als Verschmelzung verschiedener Künste und Professionen. So sind eine Reihe bekannter Persönlichkeiten auf unterschiedliche Weise in die zwölf Tracks eingebunden, die Schriftsteller Michael Salu und Blake Butler, der Grafiker/Gestalter Farbot Kokabi, das Industrial-Kollektiv ONO aus Chicago, Musiklegende Mark Stewart, Forscher und Autor Souhail Daulatzai und die brasilianische Transkünstlerin Louiza Prado. So bunt die Gästeliste, so wild (und oft auch krude) die Mischung, die man zu hören bekommt: Drone-Jazz, brachialer Industrielärm, trocken hämmerndes oder bleiern-behäbiges Schlagwerk, alles hier wirkt bedrohlich, apokalyptisch. Tiefschwarze Monologe über eine Welt im Endzeit-Modus – sie selbst nennen es Death Disco mit direkten Bezügen zu den Zombie- und Horrorfilmen der Mondo-Ära der 60er und 70er, von Regisseuren, deren Namen wirklich nur Fachleuten und/oder Freaks ein Begriff sind. 

Würden sich zwischen die gewaltigen und gewalttätigen Klänge, zwischen die verzerrten Stimmfetzen nicht ab und an auch ein paar leichtere Pianomelodien wagen, man müsste wohl verzweifeln. Als starkes Doppel stechen dennoch vor allem die beiden Tracks „On Neurath’s Boat“ und „The Aesthetics Of Hunger“ heraus, erst straff wummernder Techno, dann krasser Doom-Rap – eine Textprobe dazu? „A nation regenerates itself only on heaps of corpses, the last shall be first and the first last, the vessel of revolution can only arrive upon seas of blood, the last shall be first and the first last. In these shadows from whence a new dawn will break, it is you who are the zombies. At the end of capitalism, there is Hitler.“ Eine Stunde in vollkommender Anspannung, eine Stunde der Provokation und des Anstosses, die letzten zehn Minuten dagegen nurmehr als flackernde und tonlose, fast unmenschliche Leere. 

25.10.  Berlin, Lido
02.11.  Hamburg, Knust
02.12.  Bern, ISC Club
03.12.  Zürich, Bogen F