Der letzte Hinweis dieses Wochenendes geht nach Brooklyn. Hier werkeln die Monograms, ein vierköpfiges Kollektiv, denen Bands wie New Order und Joy Division (man hört es schnell) nicht fremd sind. Ursprünglich als Soloprojekt des Multiinstrumentalisten Ian Jacobs gestartet, kamen nach und nach Rich Carrillo (Drums), Michelle Feliciano (Keyboards) und Bassist Sam Bartos hinzu, das Debütalbum "Fade Down Silence" erschien im Dezember 2018. Der dunkle Post-Punk wird sich am 20. September in frischer Aufmachung via PaperCup Music auf dem Album "Living Wire" finden, von welchem wir hier die beiden Stücke "Don't Fight For It" und "Sounds Like Mean Spirit" streamen.
Sonntag, 8. September 2019
Samstag, 7. September 2019
Lankum: Ein Tag, lebenslang
Bei allem Lob für die neue, irische Klasse sollte man diejenigen nicht vergessen, die sich auch an die traditionellen Klänge der grünen Insel halten. Und da sind wir schnell bei der Band Lankum, deren Album "Between Earth And Sky" wir hier in anderem Zusammenhang schon erwähnt hatten. Das Quartett aus Dublin hat gerade sein neues Werk "The Livelong Day" für den 25. Oktober angekündigt, die erste Single ist eine traditionelle Volksweise namens "The Wild Rover", die Lankum zusätzlich mit einem Video von Ellius Grace in beeindruckender Kulisse versehen haben.
Freitag, 6. September 2019
MUNA: Der Reiz der dunklen Seite
MUNA
„Saves The World“
(RCA)
So richtig bahnbrechend ist diese Erkenntnis zwar nicht, aber sind wir mit unserem andauernden Hang zur Etikettierung nicht ständig dabei einzuteilen, zu kategorisieren und – ja: auszugrenzen? Auch da, wo wir das gerade vermeiden wollen? Warum beispielsweise muss das hier Queer-Pop heißen, nur weil die, die ihn machen, andere oder anders lieben? Wenn uns das nämlich egal sein soll, dann wäre die Musik von MUNA aus Los Angeles einfach nur wunderbarer Pop – gefühlvoll, leidenschaftlich, zuweilen auch pathetisch. Die Hamburger Musikerin Ilgen-Nur Borali hat gerade in einem Interview gemeint, sie selber sähe sich schon unter dem besagten Label, möchte aber ungern von dritten darauf reduziert werden. In diesem Sinne verwenden wir also besser den Slogan der Band selbst, mit dem sie so treffend eine Klammer um ihre bisherige Karriere legt: „Sad soft pop songs for sissies emo queers and crybabies.“
2017 erschien das Debütalbum der drei, schon auf „About U“ gelang es Katie Gavin, Josette Maskin und Naomi McPherson auf bemerkenswerte Weise, Melancholie mit elektrifizierenden Beats zu verknüpfen, schon damals gab es herrlich überzeichnete Theatralik, große Worte, viel Emotion und geschmeidige Melodien im Überfluss. Das also, was großen Pop eben ausmacht. Und der Nachfolger hat davon nicht weniger zu bieten: Der Einstieg mutig – kein Dancetrack, sondern die kurze Powerballade „Grow“ als Ausdruck des Willens, erwachsen zu werden, das Kindliche abzulegen, dem Partybluff endgültig Lebewohl zu sagen. Eine Absicht, ein Ausblick vorerst, denn natürlich führt schon der zweite Song, ihre Single „Number One Fan“, zumindest musikalisch unter die Glitzerkugel – dicke Synths, Gavins unverwechselbar dunkle Stimme besingt die trügerischen Seiten und Verführungen des Stardoms.
Und auch die nächste Vorauskopplung „Stayaway“ ist nach diesem Erfolgsrezept gestrickt – schillernde, überaus eingängige Chords, die Vocals schwelgen, opulente Takte wechseln mit reduzierten Momenten, es geht um die Unabänderlichkeiten der Liebe, um Sehnsüchte und Gefahren des Selbstbetrugs, das Leben also. Die dunklen Seiten, das war vom Start weg so, überwiegen bei MUNA stets gegenüber den hellen, machen aber auch den Reiz der Stücke aus. Ein Song wie „Never“, ein Requiem auf die Liebe, von der Gavin nichts mehr wissen will, wäre ohne die tragische Komponente nicht halb so gut, die Stimme schwankt zwischen Düsternis, wütendem Ausbruch und verzerrtem Crescendo (und kommt da nicht sogar eine Gitarre ins Spiel)?
Es gibt schmerzhafte Kindheits- und Jugenderinnerungen („Taken“), den Clinch zwischen Bindungsangst und Selbstbestimmung („Hands Off“) und ein paar bitterböse Gedanken zu wohlmeinender Fürsorge („Good News“), verpackt in ungewohnt lockere Sommerrhythmen. Der Abschluss dann aber durchaus versöhnlich – „It’s Gonna Be Okay, Baby“ stellt den tröstlichen Mutmacher, soll Zweifel verscheuchen, einen Schuss Zuversicht bringen. Es sind wohl autobiographische Zeilen, die Gavin hier singt, der Weg, den sie beschreibt, führt sie durch Abgründe und Verirrungen, zeigt aber auch Auswege und heilsame Erfahrungen. Es scheint, als sei ihre Welt gerettet worden, im besten Falle kann diese Platte für andere ein Anstoß sein, dasselbe zu schaffen. Und das ist fast schon mehr, als man von guter Popmusik erwarten kann.
„Saves The World“
(RCA)
So richtig bahnbrechend ist diese Erkenntnis zwar nicht, aber sind wir mit unserem andauernden Hang zur Etikettierung nicht ständig dabei einzuteilen, zu kategorisieren und – ja: auszugrenzen? Auch da, wo wir das gerade vermeiden wollen? Warum beispielsweise muss das hier Queer-Pop heißen, nur weil die, die ihn machen, andere oder anders lieben? Wenn uns das nämlich egal sein soll, dann wäre die Musik von MUNA aus Los Angeles einfach nur wunderbarer Pop – gefühlvoll, leidenschaftlich, zuweilen auch pathetisch. Die Hamburger Musikerin Ilgen-Nur Borali hat gerade in einem Interview gemeint, sie selber sähe sich schon unter dem besagten Label, möchte aber ungern von dritten darauf reduziert werden. In diesem Sinne verwenden wir also besser den Slogan der Band selbst, mit dem sie so treffend eine Klammer um ihre bisherige Karriere legt: „Sad soft pop songs for sissies emo queers and crybabies.“
2017 erschien das Debütalbum der drei, schon auf „About U“ gelang es Katie Gavin, Josette Maskin und Naomi McPherson auf bemerkenswerte Weise, Melancholie mit elektrifizierenden Beats zu verknüpfen, schon damals gab es herrlich überzeichnete Theatralik, große Worte, viel Emotion und geschmeidige Melodien im Überfluss. Das also, was großen Pop eben ausmacht. Und der Nachfolger hat davon nicht weniger zu bieten: Der Einstieg mutig – kein Dancetrack, sondern die kurze Powerballade „Grow“ als Ausdruck des Willens, erwachsen zu werden, das Kindliche abzulegen, dem Partybluff endgültig Lebewohl zu sagen. Eine Absicht, ein Ausblick vorerst, denn natürlich führt schon der zweite Song, ihre Single „Number One Fan“, zumindest musikalisch unter die Glitzerkugel – dicke Synths, Gavins unverwechselbar dunkle Stimme besingt die trügerischen Seiten und Verführungen des Stardoms.
Und auch die nächste Vorauskopplung „Stayaway“ ist nach diesem Erfolgsrezept gestrickt – schillernde, überaus eingängige Chords, die Vocals schwelgen, opulente Takte wechseln mit reduzierten Momenten, es geht um die Unabänderlichkeiten der Liebe, um Sehnsüchte und Gefahren des Selbstbetrugs, das Leben also. Die dunklen Seiten, das war vom Start weg so, überwiegen bei MUNA stets gegenüber den hellen, machen aber auch den Reiz der Stücke aus. Ein Song wie „Never“, ein Requiem auf die Liebe, von der Gavin nichts mehr wissen will, wäre ohne die tragische Komponente nicht halb so gut, die Stimme schwankt zwischen Düsternis, wütendem Ausbruch und verzerrtem Crescendo (und kommt da nicht sogar eine Gitarre ins Spiel)?
Es gibt schmerzhafte Kindheits- und Jugenderinnerungen („Taken“), den Clinch zwischen Bindungsangst und Selbstbestimmung („Hands Off“) und ein paar bitterböse Gedanken zu wohlmeinender Fürsorge („Good News“), verpackt in ungewohnt lockere Sommerrhythmen. Der Abschluss dann aber durchaus versöhnlich – „It’s Gonna Be Okay, Baby“ stellt den tröstlichen Mutmacher, soll Zweifel verscheuchen, einen Schuss Zuversicht bringen. Es sind wohl autobiographische Zeilen, die Gavin hier singt, der Weg, den sie beschreibt, führt sie durch Abgründe und Verirrungen, zeigt aber auch Auswege und heilsame Erfahrungen. Es scheint, als sei ihre Welt gerettet worden, im besten Falle kann diese Platte für andere ein Anstoß sein, dasselbe zu schaffen. Und das ist fast schon mehr, als man von guter Popmusik erwarten kann.
Secret Shame: Berufung [Update]
Beginnen wir unsere Wochenendrubrik Sundays Spotlights heute in Asheville, North Carolina. Der Ort ist dem durchschnittlichen Mitteleuropäer vielleicht nicht ganz so geläufig, Literaturliebhabern allerdings sollte er als Geburtsort von Thomas Wolfe schon ein Begriff sein, der Schriftsteller hat seiner Heimatstadt in seinem Roman "Look Homeward, Angel" (hier genannt Altamont) ein ewiges Denkmal gesetzt. Was Ashevilles Jugend höchstwahrscheinlich weniger interessiert, zumindest die fünf Leute, mit denen wir es bei der Band Secret Shame zu tun haben. Lena, Nikki, Matthew, Nathan und Billie jedenfalls schreiben in ihrer Kurzbio den Satz "Some people like to make music - others have to" und wem das noch nicht ernsthaft genug klingt, dem genügt ein Blick auf das obige Bild, um die Grundstimmung ihrer Musik zu ahnen. Düsterer, lauter Post-Punk ist es, dem sie sich seit 2017 verschrieben haben, da erschien ihre erste EP, nun haben sie via Portrayal Of Guilt Records für den 6. September ihr Debütalbum "Dark Synthetics" angekündigt. Und wer hiervon die erste Single "Dark" hört, weiß, dass Lena und ihre Freunde ihren Beruf resp. ihre Berufung tatsächlich sehr ernst nehmen.
Update: Mit "Calm" kommt heute ein weiterer Song vom Debütalbum - ebenso gut natürlich und auch mit Videoclip.
Update: Mit "Calm" kommt heute ein weiterer Song vom Debütalbum - ebenso gut natürlich und auch mit Videoclip.
Hater: Entspannte Zwischenmeldung [Update]
Die vier hier können es mal ganz entspannt angehen: Ende des vergangenen Jahres ist die zweite Platte von Hater aus dem schwedischen Malmö erschienen, wie auch ihr Debüt war "Siesta" der erwartete Erfolg, sie wurden gefeiert und werden weiterhin geliebt. Daran wird sich auch nach Veröffentlichung ihrer neuen Double-A-7" "Four Tries Down/It's A Mess" nichts ändern, denn der zarte Gitarrensound ist weiterhin verführerisch gestrickt, verhaltenes Tempo, schöne Stimmen, was will man mehr - physischer Release am 6. September via Fire Records.
Update: Am Tag der Veröffentlichung hier auch noch die Flipside der 7".
Update: Am Tag der Veröffentlichung hier auch noch die Flipside der 7".
Donnerstag, 5. September 2019
Swans: So neu wie altbekannt
Hier kommt es tatsächlich auf genaues Lesen an: Weil Michael Gira nicht nur ein genialer Kopf ist, sondern auch der Mann, der den Begriff des Banddiktators wenn nicht gerade erfunden, so doch mit viel Engagement zur neuen Blüte gebracht hat, hätte man ihm wohl auch die bedingungslose und endgültige Auflösung seiner Formation Swans zugetraut. Zu Ende ging aber nur die Zeit der letztbekannten Besetzungen, mit denen er so tolle Alben wie "My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky" (2010), "The Seer", "To Be Kind" (2014) und "The Glowing Man" (2016) zuwege gebracht hat. Nun also neue KampfgefährtInnen, allesamt laut Gira "people who's work I admire and who's company I personally enjoy". Dazu zählen dann u.a. Ben Frost, Anna und Maria von Hausswolff, Mitglieder der Angels Of Light, Larry Mullins (Ex-Stooges) und Jennifer Gira (siehe unten). Zwölf neue Stücke werden sich auf dem Album finden, das auch in diversen Spanplatten-Verpackungen erhältlich sein soll. Die erste Vorauskopplung "It's Coming It's Real" gibt es mit dem Hinweis auf eine bevorstehende Deutschlandtour im kommenden Jahr gleich hier.
Dienstag, 20. August 2019
Deichkind: Rumpelstilzchen mit Arschritze
Okay, der Lars gibt also noch mal alles. Deichkind hatten den Eidinger ja schon bei "Richtig gutes Zeug" dabei, so mit Spaß aus dem Kühlregal und so, jetzt wütet er zu "Keine Party", der aktuellen Single, als Rumpelstilzchen samt Arschritze in der Pampa, ganz so, als gäbe es kein Morgen mehr. Und die Hamburger zitieren sich selbst, kokettieren mit Vergnügungsverweigerung - wer's glaubt. Die Tour steht ja soweit, die Rollatoren können getrost zu Hause gelassen werden, Album "Wer sagt denn das?" kommt am 27. September. Und jetzt: Bumm, bumm, bumm!
Montag, 19. August 2019
Badgirl$: Böse, laut und ziemlich sexy
Klar, die drei Jungs sind unglaubliche Poser vor dem Herrn und es gibt mit Sicherheit jede Menge Leute, die ihnen den Erfolg gerade neiden. Aber die Badgirl$ machen eben auch ziemlich clevere Mucke - einprägsame Hooks, feine Beats, sexy Vocals, abgefuckte Outfits, die richtige Kreuzung aus Krach und Glamourpop. Angefangen haben Cooks, Billi und Bubz letztes Jahr in ihrer Geburtsstadt Manchester mit dem Demo "Jorts" und hatten damit ziemlich schnell ziemlich viel Erfolg, es folgten die erste offizielle Single "Only 1" und das Mixtape "Bethnal". Heute nun mit "Stella" ein brandneuer Track, den wir hier gemeinsam mit den älteren "Juice" und "Click" teilen wollen - Vermutung: Bis zum ersten gemeinsamen Auftritt mit Billie Eilish kann es nicht mehr lang dauern.
Sonntag, 18. August 2019
Sleater-Kinney: Kleine Hoffnung, großer Wille
Sleater-Kinney
„The Center Won’t Hold“
(Caroline)
Also dann doch keine Online-Petition? Gut so. Man hatte ja in den letzten Wochen den Eindruck, Carrie Brownstein und Corin Tucker müssten sich weitaus öfter zum überraschenden Ausstieg ihrer Langzeit-Freundin und -drummerin Janet Weiss rechtfertigen als über das neue, neunte Album ihrer Band Auskunft zu geben. Was einem wiederum den so wütenden wie albernen Protest der Anhänger der TV-Serie „Game Of Thrones“ ins Gedächtnis rief, die sich lauthals über den Ausgang der letzten Staffel „ihres“ Fantasie-Epos‘ beschwerten und allen Ernstes einen erneuten Abschlussdreh einforderten – Misery ließ grüßen. Nun, wir können es kurz machen – die Fans von Sleater-Kinney scheinen die weitaus vernünftigeren zu sein, niemand hat Weiss‘ Weiterbeschäftigung eingeklagt und so bleibt der eigentümliche Titel der aktuellen Platte die einzige Parallele zwischen Westeros und Washington. Denn der erinnert etwas an den tapsigen Hodor und die Herkunft seines Namens, das dringliche Mantra „Hold The Door!“.
Ungewohnt denn auch der Beginn des Albums, man hört und soll es wohl hören – hier hat Neuproduzentin Annie Clark alias St. Vincent Regie geführt: Maschinenlärm, kühle, metallische Schläge (die erste, aber nicht die einzige Reminiszenz an den Sound von Depeche Mode), dröhnende Synthesizer und dahinter der unheilvolle Chor proklamierend: „The center won’t hold!“, Verzweiflung macht sich breit. Und somit auch das bestimmende Thema dieses so düsteren Werkes. Sicher wäre es für Brownstein, Tucker und Weiss (sie war ja bei Produktion noch an Bord) ein Leichtes gewesen, einfach ein wütendes Anti-Trump-Album hinzurotzen, Mittelfinger raus, Zeigefinger vor. Erwartungen erfüllt? Doch Sleater-Kinney sind zu klug, sie wissen, dass die Welt nicht so einfach tickt, dass die Wut in beide Richtungen ausschlägt, hüben wie drüben überzogen, überdreht, reflexartig zurückgebissen wird, Reflektionen Mangelware. Schwarz oder weiß, gut oder böse, wo ist die Trennlinie, wo hält wer ein, besinnt sich, stoppt die Hysterie?
Sie wissen es selbst nicht, gleich die drei ersten Songs machen das klar. Die Gitarren laut, die Stimmen fiebrig, alles scheint zusammenzubrechen, alles steht auf dem Spiel, die Dunkelheit ist auf dem Vormarsch und wir können nicht dagegenhalten. Zumindest nicht allein. Das destilliert die Band als den wohl einzigen Hoffnungsschimmer – den Zusammenhalt, den gemeinsamen Widerstand, „reach out, touch me, I can’t fight without you, my friend“. Die Beschwörung der Gemeinschaft zieht sich zugleich mit der Hoffnungslosigkeit als roter Faden durch die elf Stücke, durch das rastlose Leben, die Entfremdung und Vereinsamung des medialen Overkills, der Zusammenhalt vorgaukelt, uns aber am Ende doch allein zurücklässt („Can I Go On“). Ein Auf und Ab durch Ruinen, hinfallen, aufstehen, weitermachen. Und an das denken, was verbindet: „Love“ als anrührende Würdigung der eigenen, fünfundzwanzigjährigen Bandgeschichte, bezeichnenderweise mit einem beherzten „Fuck!“ am Ende. Aufgeben? Niemals!
So dunkel hier grundiert wurde, so gelungen ist der Sound. „The Center Won’t Hold“ ist einmal mehr eine musikalische Referenzsammlung, ein wilder Ritt durch die Jahrzehnte. Wir hören Blondie, Bikini Kill, B‘52s, Go Go’s, Bangles – natürlich und nicht ohne Grund hauptsächlich weibliche Vorbilder, denn so selbstverständlich wie Sleater-Kinney Anti-Trump sind, so wichtig ist ihnen natürlich auch die Betonung des Kampfes um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frau. Den herrlichen „Bad Dance“ tanzen sie ganz und gar toxisch mit einem Britney-Spears-Zitat, das abschließende „Broken“ dann als bitter-traurige Erinnerung Tuckers an das öffentliche Scharmützel um Christine Blasey Ford im amerikanischen Fernsehen. Wenig Hoffnung vielleicht, viele Anregungen trotzdem, die Band vermittelt ein selten ehrliches Bild der Zerrissenheit unserer westlichen Gesellschaft(en) und ebenso den Grund für ihren unbedingten Willen, dennoch weiterzumachen: „The stakes always have to be high; there is no reason to get onstage and not have something to say“, sagte Brownstein kürzlich auf NPR, sie haben die Mitte also noch nicht aufgegeben.
18.02. Berlin, Astra
22.02. Frankfurt, Batschkapp
„The Center Won’t Hold“
(Caroline)
Also dann doch keine Online-Petition? Gut so. Man hatte ja in den letzten Wochen den Eindruck, Carrie Brownstein und Corin Tucker müssten sich weitaus öfter zum überraschenden Ausstieg ihrer Langzeit-Freundin und -drummerin Janet Weiss rechtfertigen als über das neue, neunte Album ihrer Band Auskunft zu geben. Was einem wiederum den so wütenden wie albernen Protest der Anhänger der TV-Serie „Game Of Thrones“ ins Gedächtnis rief, die sich lauthals über den Ausgang der letzten Staffel „ihres“ Fantasie-Epos‘ beschwerten und allen Ernstes einen erneuten Abschlussdreh einforderten – Misery ließ grüßen. Nun, wir können es kurz machen – die Fans von Sleater-Kinney scheinen die weitaus vernünftigeren zu sein, niemand hat Weiss‘ Weiterbeschäftigung eingeklagt und so bleibt der eigentümliche Titel der aktuellen Platte die einzige Parallele zwischen Westeros und Washington. Denn der erinnert etwas an den tapsigen Hodor und die Herkunft seines Namens, das dringliche Mantra „Hold The Door!“.
Ungewohnt denn auch der Beginn des Albums, man hört und soll es wohl hören – hier hat Neuproduzentin Annie Clark alias St. Vincent Regie geführt: Maschinenlärm, kühle, metallische Schläge (die erste, aber nicht die einzige Reminiszenz an den Sound von Depeche Mode), dröhnende Synthesizer und dahinter der unheilvolle Chor proklamierend: „The center won’t hold!“, Verzweiflung macht sich breit. Und somit auch das bestimmende Thema dieses so düsteren Werkes. Sicher wäre es für Brownstein, Tucker und Weiss (sie war ja bei Produktion noch an Bord) ein Leichtes gewesen, einfach ein wütendes Anti-Trump-Album hinzurotzen, Mittelfinger raus, Zeigefinger vor. Erwartungen erfüllt? Doch Sleater-Kinney sind zu klug, sie wissen, dass die Welt nicht so einfach tickt, dass die Wut in beide Richtungen ausschlägt, hüben wie drüben überzogen, überdreht, reflexartig zurückgebissen wird, Reflektionen Mangelware. Schwarz oder weiß, gut oder böse, wo ist die Trennlinie, wo hält wer ein, besinnt sich, stoppt die Hysterie?
Sie wissen es selbst nicht, gleich die drei ersten Songs machen das klar. Die Gitarren laut, die Stimmen fiebrig, alles scheint zusammenzubrechen, alles steht auf dem Spiel, die Dunkelheit ist auf dem Vormarsch und wir können nicht dagegenhalten. Zumindest nicht allein. Das destilliert die Band als den wohl einzigen Hoffnungsschimmer – den Zusammenhalt, den gemeinsamen Widerstand, „reach out, touch me, I can’t fight without you, my friend“. Die Beschwörung der Gemeinschaft zieht sich zugleich mit der Hoffnungslosigkeit als roter Faden durch die elf Stücke, durch das rastlose Leben, die Entfremdung und Vereinsamung des medialen Overkills, der Zusammenhalt vorgaukelt, uns aber am Ende doch allein zurücklässt („Can I Go On“). Ein Auf und Ab durch Ruinen, hinfallen, aufstehen, weitermachen. Und an das denken, was verbindet: „Love“ als anrührende Würdigung der eigenen, fünfundzwanzigjährigen Bandgeschichte, bezeichnenderweise mit einem beherzten „Fuck!“ am Ende. Aufgeben? Niemals!
So dunkel hier grundiert wurde, so gelungen ist der Sound. „The Center Won’t Hold“ ist einmal mehr eine musikalische Referenzsammlung, ein wilder Ritt durch die Jahrzehnte. Wir hören Blondie, Bikini Kill, B‘52s, Go Go’s, Bangles – natürlich und nicht ohne Grund hauptsächlich weibliche Vorbilder, denn so selbstverständlich wie Sleater-Kinney Anti-Trump sind, so wichtig ist ihnen natürlich auch die Betonung des Kampfes um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frau. Den herrlichen „Bad Dance“ tanzen sie ganz und gar toxisch mit einem Britney-Spears-Zitat, das abschließende „Broken“ dann als bitter-traurige Erinnerung Tuckers an das öffentliche Scharmützel um Christine Blasey Ford im amerikanischen Fernsehen. Wenig Hoffnung vielleicht, viele Anregungen trotzdem, die Band vermittelt ein selten ehrliches Bild der Zerrissenheit unserer westlichen Gesellschaft(en) und ebenso den Grund für ihren unbedingten Willen, dennoch weiterzumachen: „The stakes always have to be high; there is no reason to get onstage and not have something to say“, sagte Brownstein kürzlich auf NPR, sie haben die Mitte also noch nicht aufgegeben.
18.02. Berlin, Astra
22.02. Frankfurt, Batschkapp
Samstag, 17. August 2019
Big Thief: Noch lange nicht fertig
Eine richtige Überraschung für manchen war die Meldung, dass Big Thief aus Brooklyn in diesem Jahr eine weitere, zweite Platte veröffentlichen werden. Im Mai war gerade erst ihr Album "U.F.O.F." erschienen - ein mal zartes, mal poppiges, selten auch mal lautes Dokument der Liebe zu Natürlichkeit und Natur. Offensichtlich sind Adrianne Lenker, der charismatischen Frontfrau der Band, und ihren Kollegen die Ideen lange dabei noch lange nicht ausgegangen und so setzten sie sich gleich nach Fertigstellung des ersten Schwungs an die Finalisierung der nächsten zehn Songs. Einer davon heißt "Not" und kommt hier im Vorabstream, der Rest folgt dann auf "Two Hands" am 11. Oktober bei 4AD.
07.03. Köln, Luxor
08.03. Hamburg, Uebel und Gefährlich
09.03. Berlin, Astra
07.03. Köln, Luxor
08.03. Hamburg, Uebel und Gefährlich
09.03. Berlin, Astra
Freitag, 16. August 2019
MUNA: Back and forth
Es braucht tatsächlich noch ein wenig Geduld, bis wir das komplette Album zu hören bekommen: Am 6. September steht mit "Saves The World" endlich die zweite Platte des Queer-Pop-Duos MUNA im Regal und die beiden bisherigen Vorauskopplungen "Number One Fan" und "Who" lassen ahnen, dass der Nachfolger von "About U", dem Debüt aus dem Jahr 2017, keinen Deut schlechter geworden ist. "Stayaway", die dritte Single, kommt nun mit einem Video von Regisseurin Minnie Schedeen daher und ist als eine Art Back-And-Forth-Trip angelegt, es geht um Konsequenzen von Entscheidungen, die niemand voraussehen und planen kann, aber doch oft so gern möchte.
Surf Curse: Inspiration [Update]
Auch bei diesen beiden Herren fallen die eigenwilligen Haare sofort auf, auch bei diesen beiden macht die Musik jede Irritation sofort wieder wett: Das Duo Surf Curse kommt aus Los Angeles, besteht aus Nick Rattigan und Jacob Rubeck und spielt Lieder, die sich ohne große Schwierigkeiten sofort da einnisten, wo im Hirn der Platz für Ohrwürmer vorgesehen ist. Schon als vor einigen Wochen ihre erste neue Single "Disco" erschien, hat es uns mächtig in den Fingern gejuckt, nun mit "Midnight Cowboy" gibt es keine Ausreden mehr (inspiriert wurden Surf Curse zum Video des Songs im Übrigen von John Schlesingers gleichnamigem Film mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle). Und spätestens am 13. September, wenn bei Danger Collective ihr Album "Heaven Surrounds You" erscheint, wird jeder wissen, was er an den beiden hat.
Update: Mit "Hour Of The Wolf" gibt es jetzt die dritte Single vom neuen Album und dazu noch zwei Livetermine für den November - Surf Curse bleiben in Sachen Gitarrenrock eine erfreuliche Ausnahmeerscheinung.
11.11. Berlin, Urban Spree
12.11. Hamburg, Hafenklang
Update: Mit "Hour Of The Wolf" gibt es jetzt die dritte Single vom neuen Album und dazu noch zwei Livetermine für den November - Surf Curse bleiben in Sachen Gitarrenrock eine erfreuliche Ausnahmeerscheinung.
11.11. Berlin, Urban Spree
12.11. Hamburg, Hafenklang
Donnerstag, 15. August 2019
RVG: Begründetes Anliegen
Nur eine kleine, kurze Randnotiz, aber für die Besucher der kommenden Konzerte der Sleaford Mods in Deutschland nicht ganz ohne Bedeutung: Als Support für die Termine hierzulande wurde nämlich die australische Post-Punk-Kapelle RVG eingeladen. Die Band aus Melbourne heißt eigentlich Romy Vager Group und hat ihr Debütalbum "A Quality Of Mercy" vor zwei Jahren bei Fat Possum veröffentlicht, im Mai diesen Jahres gab es ganz frisch die 7" mit den Titeln "Alexandra" und einem Cover des wunderbaren John-Cale-Songs "Dying On The Vine" zu hören. Wir werden also pünktlich bei dem Mods erscheinen müssen - aus Gründen.
Montag, 12. August 2019
Jason Lytle: Anders als gedacht
Vor ein paar Wochen hat der Onlinedienst Brooklyn Vegan ja schon für ein paar kleinere Luftsprünge gesorgt, als es verkündete, Jason Lytle bereite gerade auf Dangerbird Records die Veröffentlichung eines Werkes namens "Arthur King Presents Jason Lytle: NYLONANDJUNO". Denn auch wenn eine Nachricht über das Wohl und Wehe seiner Hauptband Grandaddy erwartet worden war, so geben wir uns dann doch erst mal mit diesem Lebenszeichen zufrieden, verschieben die Pläne für einen Nachfolger von "Last Place" für's erste und wenden uns dem Verfügbaren zu. Für die Zusammenarbeit mit dem Kunstkollektive Arthur King aus Los Angeles hat der Mann, ausgerüstet mit einer nylonbespannten Gitarre und eine Juno-Synthesizer, acht Stücke aufgenommen, von denen zwei bislang bekannt sind - "Dry Gulched On Rodeo Drive" und gerade eben noch "Don't Wanna Be There For All That Stuff".
CocoRosie: Von Lämmern und Wölfen
Die Rückkehr der beiden Schwestern ins angestammte Geschäft war dann doch eine halbwegs spektakuläre: Sierra und Bianca Casady, besser bekannt unter dem Namen CocoRosie, ließen Ende Juli aufhorchen, als sie auf der Single "Roo" von Chance The Rapper neben Taylor Bennett ein Feature übernahmen. Andererseits kann der Gastauftritt wirklich nur die überraschen, die mit der Lust der schillernden Damen nicht vertraut sind, denn eigentlich lieben die Geschwister das Experiment und die Irritation. Ihr letztes Album "Heartache City" hatte ja schon einige vorsichtige Raps zu bieten und auch der erste Vorabtrack "Lamb And The Wolf" ihrer gerade angekündigten siebten Langspielplatte klingt verrückt genug. Dem Magazin Fader haben sie zu dem Werk mitgeteilt: "Our new material is very beat-based and the vocals tend to be more and
more rap verses and sung hooks. It's kind of our roots… poetry all that.
Heartbreak, swag, frogs, roosters, and old-timey hooks" - wir sind gespannt.
Sonntag, 11. August 2019
The Golden Dregs: Smarter Starter
Wir beginnen unseren sonntäglichen Rundgang heute auch sonntäglich angemessen entspannt, und zwar mit der Musik des Londoner Projektes The Golden Dregs. Dahinter verbirgt sich Benjamin Woods, ein junger, sehr eleganter Mann, der die Tindersticks genauso schätzt wie Lou Reed und Tom Waits. Und was soll man sagen - es ist leicht herauszuhören. Aus seinem letztjährigen Debüt "Lafayette" ebenso wie aus seiner aktuellen Single "Just Another Rock". Letztere stammt vom Folgealbum "Hope Is For The Hopeless", das am 27. September erscheinen soll und auch die beiden zuvor geteilten Stücke "Nobody Ever Got Rich" und "The Queen Of Clubs" enthält. Den Tag recht spät damit begonnen, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen.
Yeah But No: Erfahrungswerte
Verwiesen sei an dieser Stelle auf das neue, zweite Album des Berliner Synthpop-Duos Yeah But No, angekündigt für den 18. Oktober bei Sinnbus Records. "Demons", so der Titel, vereinigt, wie auch schon das selbstbetitelte Debüt aus dem Jahr 2017, elf fein verwobene, kunstvoll arrangierte elektronische Stücke. Diese befassen sich auf sehr persönliche Weise mit den Ängsten, Kämpfen, Brüchen und Gefühlen im Leben der beiden Musiker Douglas Greed und Fabian Kuss - stellvertretend gibt es vorab davon die Songs "I Don't Want To Know" und "Caught Between Stations" zu hören. Ebenfalls empfehlenswert sind im Übrigen die Arbeiten von Daniel Brandt, Karmon (siehe unten) und Marc Holstege, die sich wie einige andere des Erstlings angenommen und zu eigenen Interpretationen umgearbeitet haben. Eine längere Tour der Band ist, so liest man, für den Spätherbst in Planung.
21.11. Berlin, KaterBlau
21.11. Berlin, KaterBlau
TEROUZ: Zeit für neue Wege
Und noch mal eine Art Soloarbeit: Karim Terouz stammt ursprünglich aus der ägyptischen Hauptstadt Kairo, ging 2008 ins kanadische Montreal und gründete dort seine Band The Rising Few, mit der er zwei Platten einspielte. Nun, nach dem schmerzvollen Verlust seines Vaters, war es offenbar Zeit für eine Neuerfindung und so änderte er den Sound in Richtung Synthrock und nahm sich, wie unschwer herauszuhören, vor allem David Bowie zum Vorbild. Herausgekommen ist die Single "Outstanding", begleitet von einem Video unter Regie von Alexandre Desrochers-Coderre - er selbst, jetzt nur noch unter dem Namen TEROUZ unterwegs, sagt zu dem Stück, es klinge wie "Leonard Cohen auf einem Fitness-Laufband". Ein wenig verrückt also das Ganze und nicht ohne einen gehörigen Schuss Selbstvertrauen, man darf auf weitere Neuigkeiten gespannt sein.
Freitag, 9. August 2019
Gotts Street Park vs. Zilo: Sanfte Wucht
Der Track wäre doch tatsächlich fast untergegangen, verdient hätte er's gewiß nicht: Das Hip-Hop-Kollektiv Gotts Steet Park aus Leeds hat uns nämlich schon vor zwei Jahren mit einer ersten EP namens "Volume One"und einigen formidablen Tracks mehr begeistert, alles sehr deep, dunkel und für Debütanten dennoch erstaunlich vielseitig. Genau das stellen sie auch jetzt wieder unter Beweis, denn gerade ist ihre neueste Single "Bad" erschienen, deutlich näher am RnB als die vorangegangenen Stücke und gemeinsam mit der Londoner Künstlerin Zilo eine wirklich Wucht - wenn auch eine angenehm sanfte.
James Blake: Entwaffnung [Update]
James Blake
„Assume Form“
(Polydor)
Gerade schlägt ja der Werbespot eines amerikanischen Rasierklingenherstellers besonders in den USA hohe Wellen, es geht einmal mehr und sehr aufgeregt um die neue Männlichkeit, um Geschlechterrollen und -klischees und augenscheinlich ist diese Debatte sowohl bei Gegnern als auch Befürwortern des Wandels kaum noch ohne den Begriff „toxisch“ zu haben. Stellt sich die Frage: Taugt das neue Album von James Blake denn als Beitrag zum Diskurs? Antwort: Ja und nein. Ja, weil eigentlich alles, was irgendwo auf unserem hektischen Planeten passiert, Veränderungen der Gesellschaft mal mehr und mal weniger schnell beeinflußt, alles wird hinterfragt, ins Verhältnis gesetzt und bewertet, da macht auch diese Platte keine Ausnahme. Zumal sie natürlich von einem Mann vorgelegt wird, der mit seinem zarten Falsett, seiner Innerlichkeit und bewußten Verletzlichkeit so gar nicht in das Raster alter Männerversteher passen und noch immer so manch grob gezimmertes Weltbild zum Wanken bringen dürfte. Nein deshalb, weil Blake ja beileibe kein überraschendes Phänomen mehr ist. „Assume Form“ ist mittlerweile sein viertes Album und auch die vorangegangenen fanden ihr Publikum mit dieser bemerkenswerten Mixtur aus Dubstep, klassischem Songwriting und LoFi-Pop – over the top, klar, aber eben auch sehr berührend. Der einzige seiner Art ist er damit zwar nicht mehr, wohl aber der talentierteste.
Das überraschend kurzfristig veröffentlichte Album hat nun einige behutsame Änderungen im Programm, manche zum Vor-, andere zum Nachteil. Die Vermählung seines Sounds mit trippigem Hip-Hop-Rhymes, 2013 gemeinsam mit Chance The Rapper und dem grandiosen „Life Round Here“ gestartet, erfährt hier seine konsequente Fortsetzung – jetzt finden sich Kollaborationen mit André 3000 („Where’s The Catch“), Metro Boomin/Travis Scott („Mile High“) und dem Neo-Soul von Moses Sumney („Tell Them“) auf der Platte, allesamt sehr gelungen und catchy. Neu dagegen die spanisch-britische Variante, für „Barfood In The Park“ hat Blake die Katalanin Rosalía ins Studio gebeten, herausgekommen ist der wohl spannendste Track des Albums, weil zur bekannten Palette noch der kontrastreiche Gesang der jungen Spanierin hinzukommt, mal gefühlvoll gehaucht, mal rau und leidenschaftlich intoniert. Anderes dagegen gerät weniger zwingend: Wenn Blake im Stile eines gutgelaunten Crooners bei „Can’t Believe The Way We Flow“ den Barjazz beleiht, dann klingt das bei allem Respekt eine Ecke zu kitschig, als Grübler im Halbschatten macht er eine überzeugendere Figur denn als verliebter Charmeur.
Thematisch ist James Blake im Gegensatz zum sphärischen, deepen Klang seiner Tracks dann doch sehr diesseitig, dreht sich vieles um die Liebe mit all ihren Verirrungen, Schmerzen und dem Hochgefühl, welche/s sie für einen bereithält. Im wunderbaren „Power On“ mahnt er die Demut in Partnerschaften an, lobt die Fähigkeit, den anderen mit allen Fehlern und Schwächen zu akzeptieren und als Bereicherung zu erfahren. Das Titelstück wiederum meint die Liebe zur Körperlichkeit an sich eingedenk der Gefahr, sich der medialen Übermacht, der digitalen Verheißung hin- und die Verbindung zum realen Welt aufzugeben – Form annehmen also, hier sein, im Jetzt. Passend dazu der Aufruf an die Zuhörer (und sich selbst) gegen Ende („Don’t Miss It“), sich besser den Moment zu vergegenwärtigen, als ihm später hinterher zu trauern. Um den Bogen zum Anfang zu finden – toxisch ist an all dem gar nichts. Vielmehr geht es um Abrüstung, bestenfalls Entwaffnung, darum, Gefühl zuzulassen, Fehler zu dulden. Zum Rolemodel eines scharf kalkulierenden Markenartiklers eignet sich sich Blake dennoch nicht – in diesem speziellen Falle wäre er (ein Blick auf’s Cover genügt) für den Job auch einfach zu schlecht rasiert. https://www.jamesblakemusic.com/
Update: Wenn James Blake ein neues Video - und sei es auch nur zu einem Song von seinem bereits erschienenen Album - veröffentlicht, ist Aufmerksamkeit angebracht. Dieses hier zu "Can't Believe The Way We Flow" stammt aus einer Zusammenarbeit mit Frank Lebon (A$AP Rocky, King Krule, Skepta, FKA twigs), es wurde an sechs Tagen in London mit dreißig unterschiedlichen Paaren gedreht und hat man sich einmal auf das Tempo eingestellt hat, ist es äußerst spannend.
„Assume Form“
(Polydor)
Gerade schlägt ja der Werbespot eines amerikanischen Rasierklingenherstellers besonders in den USA hohe Wellen, es geht einmal mehr und sehr aufgeregt um die neue Männlichkeit, um Geschlechterrollen und -klischees und augenscheinlich ist diese Debatte sowohl bei Gegnern als auch Befürwortern des Wandels kaum noch ohne den Begriff „toxisch“ zu haben. Stellt sich die Frage: Taugt das neue Album von James Blake denn als Beitrag zum Diskurs? Antwort: Ja und nein. Ja, weil eigentlich alles, was irgendwo auf unserem hektischen Planeten passiert, Veränderungen der Gesellschaft mal mehr und mal weniger schnell beeinflußt, alles wird hinterfragt, ins Verhältnis gesetzt und bewertet, da macht auch diese Platte keine Ausnahme. Zumal sie natürlich von einem Mann vorgelegt wird, der mit seinem zarten Falsett, seiner Innerlichkeit und bewußten Verletzlichkeit so gar nicht in das Raster alter Männerversteher passen und noch immer so manch grob gezimmertes Weltbild zum Wanken bringen dürfte. Nein deshalb, weil Blake ja beileibe kein überraschendes Phänomen mehr ist. „Assume Form“ ist mittlerweile sein viertes Album und auch die vorangegangenen fanden ihr Publikum mit dieser bemerkenswerten Mixtur aus Dubstep, klassischem Songwriting und LoFi-Pop – over the top, klar, aber eben auch sehr berührend. Der einzige seiner Art ist er damit zwar nicht mehr, wohl aber der talentierteste.
Das überraschend kurzfristig veröffentlichte Album hat nun einige behutsame Änderungen im Programm, manche zum Vor-, andere zum Nachteil. Die Vermählung seines Sounds mit trippigem Hip-Hop-Rhymes, 2013 gemeinsam mit Chance The Rapper und dem grandiosen „Life Round Here“ gestartet, erfährt hier seine konsequente Fortsetzung – jetzt finden sich Kollaborationen mit André 3000 („Where’s The Catch“), Metro Boomin/Travis Scott („Mile High“) und dem Neo-Soul von Moses Sumney („Tell Them“) auf der Platte, allesamt sehr gelungen und catchy. Neu dagegen die spanisch-britische Variante, für „Barfood In The Park“ hat Blake die Katalanin Rosalía ins Studio gebeten, herausgekommen ist der wohl spannendste Track des Albums, weil zur bekannten Palette noch der kontrastreiche Gesang der jungen Spanierin hinzukommt, mal gefühlvoll gehaucht, mal rau und leidenschaftlich intoniert. Anderes dagegen gerät weniger zwingend: Wenn Blake im Stile eines gutgelaunten Crooners bei „Can’t Believe The Way We Flow“ den Barjazz beleiht, dann klingt das bei allem Respekt eine Ecke zu kitschig, als Grübler im Halbschatten macht er eine überzeugendere Figur denn als verliebter Charmeur.
Thematisch ist James Blake im Gegensatz zum sphärischen, deepen Klang seiner Tracks dann doch sehr diesseitig, dreht sich vieles um die Liebe mit all ihren Verirrungen, Schmerzen und dem Hochgefühl, welche/s sie für einen bereithält. Im wunderbaren „Power On“ mahnt er die Demut in Partnerschaften an, lobt die Fähigkeit, den anderen mit allen Fehlern und Schwächen zu akzeptieren und als Bereicherung zu erfahren. Das Titelstück wiederum meint die Liebe zur Körperlichkeit an sich eingedenk der Gefahr, sich der medialen Übermacht, der digitalen Verheißung hin- und die Verbindung zum realen Welt aufzugeben – Form annehmen also, hier sein, im Jetzt. Passend dazu der Aufruf an die Zuhörer (und sich selbst) gegen Ende („Don’t Miss It“), sich besser den Moment zu vergegenwärtigen, als ihm später hinterher zu trauern. Um den Bogen zum Anfang zu finden – toxisch ist an all dem gar nichts. Vielmehr geht es um Abrüstung, bestenfalls Entwaffnung, darum, Gefühl zuzulassen, Fehler zu dulden. Zum Rolemodel eines scharf kalkulierenden Markenartiklers eignet sich sich Blake dennoch nicht – in diesem speziellen Falle wäre er (ein Blick auf’s Cover genügt) für den Job auch einfach zu schlecht rasiert. https://www.jamesblakemusic.com/
Update: Wenn James Blake ein neues Video - und sei es auch nur zu einem Song von seinem bereits erschienenen Album - veröffentlicht, ist Aufmerksamkeit angebracht. Dieses hier zu "Can't Believe The Way We Flow" stammt aus einer Zusammenarbeit mit Frank Lebon (A$AP Rocky, King Krule, Skepta, FKA twigs), es wurde an sechs Tagen in London mit dreißig unterschiedlichen Paaren gedreht und hat man sich einmal auf das Tempo eingestellt hat, ist es äußerst spannend.
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