Mittwoch, 10. Februar 2021

Dry Cleaning: Fortsetzung folgt [Update]

Von der Londoner Post-Punk-Kapelle Dry Cleaning haben wir hier noch ihre Debüt-EP "Sweet Princess" aus dem August vergangenen Jahres zu Buche stehen. Nun, zwischen dieser Meldung und heute liegen, dem doofen Virus sei Dank, bekanntlich Welten, vieles hat sich geändert und das meiste nicht unbedingt zum Besseren. Wenigstens haben die vier Freund*innen mittlerweile ihr erstes Album fertig, ihr Label 4AD zumindest schickt mit "Scratchcard Lanyard" einen ersten Vorgeschmack samt Video von Rottingdean Bazaar ins Rennen, mehr Informationen werden in Kürze erwartet. Vorhang auf!

Update: Und da sind sie dann , die Informationen. Das Debütalbum wird "New Long Leg" heißen und am 2. April erscheinen, mit dabei die neue Single "Strong Feelings".






Montag, 8. Februar 2021

Milliarden: Größtmögliche Fallhöhe

Milliarden
„Schuldig“

(Zuckerplatte/Membran)

Das kommt selbst im Land der Dichter und Denker nicht so häufig vor, dass sich eine Band, von der nicht wenige behaupten, sie sei Punk, ihre Zuhörerschaft so deutlich mit Exkursen in Sachen Poesie herausfordert. Wir reden von Milliarden, der Truppe aus Berlin also, denen laut Selbstbezichtigung aus Gründerzeiten die Sonne aus dem Arsch scheint, das Herz übervoll, aber nichts zu fressen. Und genau die haben auf ihrem neuen Album, von dem wir jetzt einfach mal behaupten, es sei ihr bestes, gleich zweimal aus der Hochkultur zitiert – ein Wagnis, das nicht jedermanns Sache ist. Nehmen wir zum Beispiel den Song „Die Gedanken sind frei“. Natürlich denkt der bildungsbürgerliche Auskenner da gleich an Hoffmann von Fallersleben, an von Arnim und Brentano, Wecker und Scholl. Aber so weit oben muss man gar nicht ins Fach greifen, denn Ben Hartmann bleibt zum Glück im Sinngemäßen und dichtet seine eigenen Zeilen zur historischen dazu. Anders in „Wonderland“ – hier wird tatsächlich ausführlich zitiert und zwar aus dem Werk des großen Lyrikers Thomas Brasch und seinem Zyklus „Der Papiertiger“, geschrieben Mitte der 70er Jahre.



So herausgeschrien hat man das Gedicht noch selten gehört, dennoch passt in den Kontext. Und zum Zeitpunkt sowieso, jährt sich in ein paar Tagen doch Braschs Geburtstag und dieser Song wird nicht der einzige sein, der ihn feiert (auch Masha Qrella wird zu diesem Anlass bei Staatsakt eine entsprechende Würdigung in Form des Albums „Woanders“ veröffentlichen). Was Brasch von Milliarden gehalten hätte, kann man nur vermuten, so fremd sollten sie ihm aber nicht gewesen sein. Schließlich verkörpert Hartmann, schlaksig, mit spärlichem Flusenhaar und also von der Natur nicht gerade als Beau verwöhnt, das, was der Dichter sonst gern mag: Brennende Leidenschaft, verortet im Augenblick, mal bitterböse, gradheraus, mal liebestoll und in Träumereien entrückt. Seit Bestehen malträtiert der Mann seine Stimmbänder mit Hingabe, keift er, johlt, brüllt, barmt und zittert, ganz Gefühl, ganz Körperlichkeit.



Und auch in den neuen Stücken schont er sich und andere nicht. Die Fallhöhe, die seine Texte ausmessen, ist erstaunlich – von weltumarmender Begeisterung bis zum Sturz ins Bodenlose ist wieder alles dabei, Hartmann verneint und bejaht im Minutentakt, ist jetzt verzückt, dann verrückt und gleich darauf verzweifelt. Den Songs schadet dieses Auf und Ab kein bisschen, sie sind ein Nachempfinden, Nachspüren dessen, was ihn und natürlich auch uns umtreibt. Und das ist selten nur gut oder nur schlecht, sondern immer irgendwie beides: Die Masken und Verkleidungen, die wir mit uns herumtragen, die uns schützen, verwandeln, aber auch zu Lügnern machen können („Die Fälschungen sind echt“), die Zwänge, die uns binden und denen wir uns nicht entziehen können, auch wenn sie uns manchmal Halt geben („Die Gedanken sind frei“), all das Wollen, Fliegen, Scheitern, Stürzen, das tägliche Mühen halt. So schön wie Milliarden erzählt davon gerade kaum jemand – mag Henning May mit noch so toller Stimme durch monochrome Kulissen schlurfen, er wird sich diese Tiefe so schnell nicht herbeisingen können.

03.03.22  Nürnberg, Z-Bau
04.03.22  Wien, Arena
05.03.22  Jena, Kassablanca
09.03.22  Rostock, Mau Club
10.03.22  Bielefeld, Forum
12.03.22  Göttingen, Musa
13.03.22  Dortmund, FZW
17.03.22  München, Backstage
18.03.22  Zürich, Bogen F
19.03.22  Bern, ISC
30.03.22  Frankfurt am Main, Das Bett
31.03.22  Stuttgart, Im Wizemann
01.04.22  Erfurt, Kalif Storch
02.04.22  Dresden, Beatpol
07.04.22  Köln, Gloria
08.04.22  Hannover, Musikzentrum
09.04.22  Berlin, C-Halle



Sonntag, 7. Februar 2021

Waves Of Dread: Die Kunst der richtigen Balance

Unter den ältesten Bekannten dieses Blogs zählen die britischen Waves Of Dread zu den an Jahren jüngsten - das Trio begleitet uns mit seinen zahlreichen Songs und EP schon über längere Zeit und es ist schön zu hören, dass sie noch zu überraschen wissen. Nachdem im vergangenen Jahr ihre 12" mit dem simplen Titel "II" erschienen ist, schieben sie an diesem Wochenende "Endless" mit sechs neuen Stücken nach. Und geben in den Songs den Blick frei auf eine weitere Reihe mutmaßlicher Vorbildern. Gleich zu Beginn das siebeneinhalbminütige "The Make-Believe" überrascht zu den geloopten Gitarrensequenzen mit ungewohnt lockerem Beach-Boys-Singalong - dass der sich so gut in den ätherischen Sound der Band einfügt, war so nicht zu erwarten. Nächste besondere Note ist der soulige Charakter von "Blind", auch hier wirken Musik und Gesang als Kontrast und sorgen für ein Aufmerken. Bei "Way It Is" standen dann wohl The Cure und deren dunkle, gothy Klangfärbung Pate, im abschließenden "Twilight" endlich geht's ums Kerngeschäft, sind also die Cocteau Twins und My Bloody Valentine nicht weit weg. Für ihre Bereitschaft, weniger Erwartbares, sondern Ungewohntes zu präsentieren, kann man Nick Hodgson und Kollegen also nur loben, Pandemie und Lockdown haben ihnen im ostenglischen Hafenstädtchen Newcastle Upon Tyne offenbar weder Laune noch Risikobereitschaft verhagelt.

Donnerstag, 4. Februar 2021

TV Priest: Mitschreiben am Soundtrack der Krise

TV Priest
„Uppers“

(Sub Pop)

Das Debüt des Londoner Quartetts TV Priest vorschnell mit dem Hinweis abzutun, hier würde doch wohl allzu offensichtlich an der Nachfolge von Bekanntem gearbeitet, greift zu kurz und scheint deshalb einigermaßen unfair. Die Frage sei gestattet, welcher Künstler, welche Künstlerin heutzutage noch umwerfend Neues, Revolutionäres, Originäres bieten kann, siebzig Jahre nach Chuck Berry und Elvis Presley. Es gelingt so wenigen, dass man die Vielen, denen das Jahrhundertgenie dazu fehlt, nicht verdammen sollte – gute Musik bleibt es nämlich trotzdem. Und wenn, wie bei den vier Herren hier, der Fokus mit einem Debüt auf eine andere Lichtgestalt früherer Tage gelenkt wird, dann ist das doch eine durchaus lohnende Sache. Und die ersten, denen man eine deutliche Nähe zu Mark E. Smith und seiner Band The Fall nachsagt, sind TV Priest ja beileibe nicht. Sie reihen sich eher ein in die große Zahl von Bands, die das Einzigartige des 2018 verstorbenen Musikers aus Manchester noch etwas heller strahlen lassen.



Ohnehin sind auch The Fall nur ein Teil von mehreren, die einem beim Anhören von „Uppers“ durch den Sinn gehen – speziell „Leg Room“ und „Journal Of A Plague Year“ haben viel von der kantigen Rotzigkeit der einstigen Post-Punk-Heroen. Darüber hinaus gehen aber auch Vergleiche mit derzeit ebenso angesagten Formationen wie den Idles, Heavy Lungs und Lice nicht fehl, sie alle eint eine höchst intensive, expressive Bühnenperformance, stampfende Drums, wilde und rohe Gitarrensounds, Wut, Aggression, näher am Punk, näher am Hardcore als The Fall es je waren. Besagte Wut und Aggression speisen sich natürlich aus den derzeit mehr als unbefriedigenden Zuständen auf der Insel, wo sich Brexit und Pandemie eine Art Wettrennen um den Titel des gefährlichsten Brandbeschleunigers für die allgemeine Krise liefern und der Kollaps des Gesundheitssystems nur ein Indiz unter vielen für die bedrohliche Schieflage des kompletten Gesellschaftsgefüges ist. Kein Wunder also, dass der Soundtrack zur britischen Befindlichkeit derzeit aus so vielen und so guten Quellen gespeist wird. TV Priest, die es nicht beim bloßen Brettern belassen, sondern auch recht originelle Interludes, Effekte und Instrumente in und zwischen ihre Stücke bauen, sind da bei weitem nicht die schlechtesten Vertreter.

Kim Gordon: Familienzusammenführung

Das kommt nicht alle Tage vor, dass sich beide Seiten auf solch eine Sache einlassen: Clara Balzary, Tochter von Schauspielerin Loesha Zeviar und Red-Hot-Chili-Peppers-Bassist Flea, lebt als Fotografin und Regisseurin in Los Angeles und hat offenbar großen Gefallen an dem aktuellen Album "No Home Record" von Kim Gordon gefunden. Und da sie, wie die Sonic-Youth-Bassistin erzählt, auf ein ähnlich bewegtes Jugendleben wie ihre Tochter Coco zurückblicken kann, hat sie mit dieser an der visuellen Umsetzung des Songs "Hungry Baby" gearbeitet. Dem Stück also, dass Mutter Gordon als Reminiszenz an den Sound der Stooges beschreibt und das, nicht von ungefähr, Gordons Rolle in der Frauenbewegung manifestiert. Der Videoclip, in dem Mutter und Tochter gemeinsam (allerdings zu ungleichen Teilen) auftreten, hat wohl allen gefallen und landete deshalb heute im Netz.

Mittwoch, 3. Februar 2021

Death From Above 1979: Immer wieder Liebeslieder

Lust auf ein wenig Headbanging zum Feierabendbier? Kann man doch nichts gegen sagen. Musikalische Untermalung bieten für diese Gelegenheit heute Death From Above 1979 mit ihrer neuen Single "One + One" - was soll man sagen, ein richtiges Brett, und trotzdem laut Auskunft des Duos ein 1A-Liebeslied. Jesse F. Keeler und Sebastian Grainger hatten die Band eigentlich 2006 aufgelöst, 2011 ging es dann aber doch weiter und so kommt jetzt die Ankündigung für Album Nummer vier mit dem Titel "Is 4 Lovers" (VÖ 26. März). Warum plötzlich wieder der komplette Bandname dafür verwendet wird, ist dagegen nicht ganz so klar, denn eigentlich sollte die Jahreszahl seit 2017 offiziell verschwunden sein. Nun ja ...




Martin Gore: Einer von vielen

Martin Gore
„The Third Chimpanzee“

(Mute Records)

Der altgedienten Binsenweisheit, nach der man erst erkennt, wie alt man wirklich ist, wenn man den eigenen Kindern beim Wachsen zusieht, kann gern noch eine Ergänzung angehängt werden: Dann nämlich, wenn die Posterboys oder –girls der Jugend selbst schon an der Tür zum Renteneintritt kratzen, dann ist es endgültig vorbei mit Adoleszenz und Überschwang. Nicht wenige von uns werden ihre Zimmerwände damals mit Postern der vier, später drei Herren aus dem englischen Örtchen Basildon tapeziert haben, die sich den Namen einer französischen Modezeitschrift zulegten und neben äußert aufwändig herzustellenden Frisuren und vorzugsweise schwarzgefärbter Kleidung eine große Menge wunderbarer elektronischer Tanzmusik in den Kosmos von uns Heranwachsenden einspeisten. Und nun? Wohnt deren unbestreitbar begabtester Vertreter Martin Lee Gore im klimatisch unbedenklichen, deshalb altersgerechten Küstenort Santa Barbara in Kalifornien, zählt derer fünf Kinder und wird mit ihnen Ende Juli dieses Jahres seinen sechzigsten Geburtstag feiern. Sechzig, das will so gar nicht zu unseren romantisierten Vorstellungen passen, klingt eben schon sehr betagt. Und ist doch irgendwie auch egal, denn der Herr scheint nicht nur bei bester Gesundheit, sondern auch noch recht jung im Kopf geblieben, wenn man das von seinem professionellen Output ableiten darf.

Martin Gore ist uns im Laufe seiner Karriere nicht nur in vielerlei Erscheinungsformen und Persönlichkeiten begegnet, auch sein musikalisches Oevre ist reich an Facetten und Schattierungen. Unbestritten seine Verdienste um die anhaltende klangliche Neuausrichtung von Depeche Mode, die Qualität der Kompositionen und den allgemeinen Zusammenhalt in der Band. Mit dem Buddy aus eigenen Jugendzeiten Vince Clarke frönte er unter dem Label VCMG ein wenig der Freude am Basteln minimalistischer Technobeats, seine Solowerke unter Klarnamen „Counterfeit“ und „Counterfeit²“ glänzten mit vorzüglichen Coverversionen quer durch das Gore’sche Refernzgärtlein (Nick Cave, Tuxedomoon, John Lennon, David Bowie, Lou Reed), als MG wiederum arbeitete er an seiner Vorliebe für synthetische Ambientskizzen. Reichlich Auswahl also – welchem Gore man dann letztendlich den persönlichen Vorzug gibt, bleibt jeder und jedem selbst überlassen.

Ob die neue 12“ bei der Entscheidungsfindung hilft, ist nicht ganz so klar, stilistisch findet sie sich natürlich eher in der Kategorie MG. Im Gegensatz zu den bislang dort erschienenen Tracks haben die fünf aktuellen Stücke allerdings ihren Ursprung im Beat, wie Gore gerade in der aktuellen Musikexpress erläuterte. Ohne Rhythmus kein Groove, ohne Groove kein Spaß. Denn auch wenn der thematische Überbau ein einigermaßen ernster ist – Gore fand ihn in Jared Diamonds Evolutionsabhandlung „The Third Chimpanzee“ aus dem Jahr 1991 – möchte er schon, dass sich was rührt und so wummern alle fünf Primaten-Tunes (Mandrill, Grünmeerkatze, Kapuzineräffchen und ein doppelter Brüllaffe) gar mächtig vorwärts. Die Gedanken, die beim Hören entstehen, dürften recht unterschiedliche sein, Hinweise auf seine persönliche Auslegung gibt Gore im Video zu „Howler“ von NYSU nur bedingt. Dass die Songs und hier gerade der letzte zeitweise wie eine cineastische Untermalung wirken, spornt entsprechende Assoziationen an – der Umstand, dass auch das Cover von einem künstlerisch versierten Affen gestaltet wurde, hilft allerdings kaum weiter. Eine willkommene Fingerübung bleibt das Kurzformat somit schon, für’s nächste Mal aber gern wieder mit dem, was Gore nach dem vorzüglichen Songwriting am meisten auszeichnet – seiner wunderbaren Stimme.

Dienstag, 2. Februar 2021

Divide And Dissolve: Ohne viele Worte

Divide And Dissolve
„Gas Lit“

(Invada Records)

Wer in der glücklichen Lage ist, sich nicht täglich mit dem verbalen Schmutz zu befassen, der die Kanäle diverser Netzplattformen flutet, ist fein raus. Doch selbst jene, die nicht direkt damit konfrontiert werden – sei es, dass sie selbst Adressat*innen solcher Schmähungen sind oder aber als niedrigbelohnte digitale Reinigungskräfte versuchen, den ganzen Mist zu löschen – wer also diesen ganzen Müll, der aus dumpfer Leute Hirne quillt, dann doch einmal liest, dem fehlen oft die Worte ob der Unverfrorenheit, des unstillbaren Hasses und des verstörenden Mangels an Beherrschung, Sachlichkeit und Empahthie, die solche Kommentatoren in diverse Foren bringen. Man darf leider davon ausgehen, dass Takiaya Reed als Frau mit sowohl schwarzen als auch indigenen Wurzeln und Sylvie Nehill als gebürtige Maori selbst in ihrem noch jungen Leben viel von diesen schlimmen Dingen zu lesen und zu hören bekommen haben – die Tatsache, dass sie darüber nicht den Lebensmut verlieren, fordert schon mal ersten Respekt.



Die beiden Australierinnen sind schon seit Jahren vehemente Kämpferinnen gegen systematischen Rassenhass, postkoloniale Unterdrückung, Misogynie und die Allmachtsphantasien weißer Übermenschen. Sicher fehlen ihnen für diese Zwecke nicht die passenden Worte, allerdings haben sich die zwei für ihre Art von Widerstand resp. Kunst dazu entschieden, fast ohne Sprache, heißt hier Gesang, auszukommen. Unter dem Namen Divide And Dissolve spielen sie seit 2017 eine überaus fesselnde Mischung aus Jazz und Drone-Metal. Eine durchaus ungewöhnliche Kombination, zu der sich wenig Vergleiche finden, denn mit den Vertretern der reinen Lehre von Doom oder Sludge wie sun o))), Boris oder Dystopia hat das nicht wirklich viel zu tun.



Angefangen haben Reed und Nehill mit ihrem Debütalbum „BASIC“, die Benennung der einzelnen Titel war schon dort richtungsweisend, hießen sie doch „Black Is Beautiful“, „Black Resistance“, „Black Supremacy“ und natürlich „Black Power“. Ein Jahr darauf folgte mit „Abomination“, auch hier ein Statement, Studioalbum Nummer zwei, 2020 dann der Wechsel zu Invada Records und nun die vorliegende Platte. Die startet in „Oblique“ mit einer Art opernhafter, zarter Overtüre, bevor dann nach anderthalb Minuten die tonnenschweren Gitarren einsetzen. Es ist dieser Gegensatz aus sanften, schmeichelnden Melodien mittels Saxophon, Flöten und anderen Effekten zu den mächtig krachenden Gitarrenwänden, die sie iim Laufe der acht Stücke aufschichten, der diesen Sound so reizvoll und unverwechselbar macht.



„Prove“ an zweiter Stelle ist das vielleicht durchgängigste Metal-Stück des Albums, hernach folgt das ungewöhnlich kurze „Did You Have Something To Do With It“, für welches sie ein Gedicht von Minori Sanchiz-Fung von der Künstlerin selbst vortragen lassen, die auch schon auf ihrem Erstling zu hören war. Ein Poem, Klage und Anklage zugleich über die bedrückende Geschichte von Gewalt und Rassismus, Armut und Entrechtung. Geliehene Worte, die natürlich zum Anliegen der Band passen: "We would like to observe a radical shift in the current paradigm of complacency in regards to oppressive power dynamics, genocide, racism, white supremacy, and colonization. To give weight and validation to voices that are traditionally misrepresented and criminalized before given a chance to speak." Auch in der Folge der Wechsel zwischen sanfter Anmut und bleierner Zersetzung, man lauscht und will nicht, dass es aufhört, selbst wenn ab und an die Ohren schmerzen. Eine wahrhaft großartige Zumutung, das Ganze.

Montag, 1. Februar 2021

Extnddntwrk: Die Ruhe des Tonmeisters

Es ist sicher nicht die Schuld der Sleaford Mods, dass die Aufmerksamkeit der Medien so ungleichmäßig verteilt ist. Offenbar bietet Jason Williamson, der ja oft und gern auf allen Kanälen politische und kulturelle Reizpunkte setzt, für Journalisten eher das Objekt der Begierde als der ruhige Mann im Hintergrund. Andrew Fearn, auf Konzerten oberflächlicherweise oft nur als der Kerl wahrgenommen, der im Halbschatten die Knöpfchen drückt und ansonsten, mit einer Bierflasche in der Hand und dem sympathischen Lächeln auf den Lippen, im Takt seiner eigenen Musik hinterherhört und beseelt mitwippt. Fearn ist wohl nicht der Typ, der sich gern in den Vordergrund schiebt, insofern sind die Rollen in der Band klar und einvernehmlich verteilt, dennoch böte wohl auch er genügend Stoff für spannende Geschichten, auch wenn diese vielleicht nicht ganz so laut und explosiv daherkommen wie die seines partners in crime. Seit seinem Einstieg 2013 bei den Sleaford Mods - zuvor war Williamson unter gleichem Namen, aber mit wechselnden Sidekicks unterwegs - und dem genialen Album "Austerity Dogs" ist das Duo in der Erfolgsspur, Fearn hat einen Sound kreirt, der unverwechselbar den rotzig-scheppernden Post-Punk mit dem elektronischen Dancepop vermengt. Und allerspätestens mit den beiden letzten Alben "Eton Alive" und "Spare Ribs" verschiebt sich die Balance zunehmend in Richtung Clubmusik, nicht das geringste aller Verdienste des Mannes, der sich selbst bewusst als bedroom artist versteht.



Wie gesagt, er schillert nicht oder drängt sich auf, Andrew Fearn scheint überhaupt nichts dagegen zu haben, die Fäden - oder in diesem Falle wohl passender: die Kabel - im Hintergrund zu ziehen. Unvergessen die Sequenz, die Filmemacherin Christine Franz in ihrer Dokumentation "A Bunch Of Kunst" einfing, als sie sich mit Fearn bei einem Kännchen Tee auf dem Hausboot unterhielt - ganz die Ruhe selbst, in fast schon buddhistischer Entspanntheit saß er da. Wie gemacht dafür der Satz aus einem der seltenen Interviews, die Fearn gerade dem Portal The Book Of Man gegeben hat, es ging um die übertriebene Hast, die manchen Musiker auf der Jagd nach dem perfekten Album antreibt: "You want to be going somewhere, you don’t want to be there. You want to be travelling towards something because once you’re there, it’s over." Dass der Mann, der seit langer Zeit als überzeugter Veganer lebt, noch so manch andere Überraschung zu bieten hat, zeigt nicht nur sein kürzliches Outing als leidenschaftlicher Fan der Altmetaller von Black Sabbath, sondern auch seine Vorliebe für Filmmusik aller Art. Fearn veröffentlicht bekanntlich schon seit Jahren unter dem Moniker extnddntwrk im heimischen Studio entstandene Arbeiten, vom Soundtrack über Dancetunes seiner jugendlichen Erstversuche bis hin zu experimentellen Skizzen (wie "Leaving" s.o.) ist alles dabei und lohnt definitiv den längeren Besuch auf seiner Bandcamp-Seite. Gerade heute erschienen zwei neue Stücke mit Namen "Questions" und "Dislocar" und einer Gesamtspielzeit von zwanzig Minuten. Repetitive Klangkunst plus politische Assoziationen, Andrew Fearn ist immer für eine Überraschung gut.

Sonntag, 31. Januar 2021

Madlib: Angenehmes Flirren

Madlib
„Sound Ancestors“

(Madlib Invazion)

So genial diese Art von Musik auch ist, sie birgt – zumindest für uns Normalsterbliche – auch ein nicht zu unterschätzendes, erhebliches Frustrationspotential. Man kennt das im Übrigen auch von der oft als ebenso lebensnotwendig erachteten Literatur. Wer hatte nicht auch schon diesen ernüchternden Moment, wo er/sie feststellen musste, um wievieles die Menge an vorzüglichen Büchern, die in früheren Jahrhunderten, Jahrzehnten oder eben gerade erst geschrieben worden sind, die Zeit übersteigt, die man selbst zur Verfügung hat, um sie alle zu lesen. Selbst wer sich eremitenhaft seiner Umwelt und ihren sonstigen Verführungen respektive Störungen zu entziehen vermag, wird das alles nicht bewältigen können. Es ist, wie gesagt, äußerst frustrierend. 

Nicht anders ergeht es einem mit dieser wunderbaren Platte hier. Die Art von hochintelligentem Patchwork, das Otis Jackson Jr. alias Madlib unter schöpferischer Mithilfe von Produzent Four Tet aka. Kieran Hebden hier präsentiert, ist so überreich an Quer- und Quellverweisen, dass einem, folgt man den glücksverheißenden Verästelungen bis hin zu den besagten ‚Ancestors‘, also Vorfahren, irgendwann die Zeit ausgeht - der Ärger darüber droht, die Freude an der Entdeckung zu überholen. Mit der nötigen Gelassenheit (woher aber nehmen?) muss man es natürlich so weit nicht kommen lassen – wohl denen, welche die dargebotene Palette an verschiedensten Stilen und Sounds mit ungetrübtem Glücksgefühl erleben können. Anlass dazu bietet sich in den vierzig Minuten zu Hauf: Wie auch schon auf vielen seiner vorangegangenen Alben und Kollaborationen erweist sich Madlib als Großmeister aller Bastler beim Verschneiden unterschiedlichster Einflüsse, historischer Bezüge und recht witziger Ideen (die Nummer mit dem Anrufbeantworter ist einfach zu schön). 

Sein epochales Album „Madvillain“ zusammen mit dem gerade verstorbenen MF Doom hat man ohnehin parat, dazu flirren einem unablässig Begriffe wie Blue Note und Motown durch den Kopf, der von der ersten Minute an sowieso schon in ständiger Alarmbereitschaft auf der Suche nach neuen Erinnerungsreizen ist. Wie hier also Zitate aus Jazz, Funk, Soul, Hip-Hop miteinander verwoben werden, wie lateinamerikanische und afrikanische Historie mit einfließen, das hat schon eine ganz besondere Qualität. Eine, die man im letzten Jahr auch vom Klangkollektiv Sault hören und bewundern durfte, eine, mit der in früheren Zeiten auch der legendäre Wu-Tang Clan und die späten Beastie Boys auf unterschiedliche Weise brilliert haben. Und wer für sich aus diesem auf’s feinste verschränkten Klangkosmos noch eine winzige Referenz zu entdecken vermag (hier war es beispielsweise – wahr oder nur der eigenen Phantasie geschuldet – „One More Night“ von Phil Collins in „Theme De Crabtree“), die/der ist danach um so glücklicher. Und vielleicht überwiegt ja dann doch eher die Freude darüber, was an Unbekanntem sonst noch auf einen wartet.

Freitag, 29. Januar 2021

The Notwist: Universalgenies

The Notwist
„Vertigo Days“

(Morr Music)

Es wäre natürlich überaus anmaßend, zu behaupten, Menschen, die sich der Schallplatte und also dem klassischen Musikalbum verweigerten, würden ein äußerst armes Leben führen. Es sei vielmehr jeder/m selbst überlassen, auf welche Weise er oder sie das Klangerlebnis sucht. Es soll zum Beispiel Leute geben, die können die Songs ihrer Lieblinge nur bei geöffneten Fahrzeugdach, auf menschenleerer Strecke und ab einer gewissen Geschwindigkeit erst so richtig genießen; wo die einen zur Vollendung des Hörerlebnisses Rotwein und Tropfkerzen im Dutzend brauchen, genügt anderen ein dunkler, schalldichter Keller mit der Lautstärke einer Anlage, die dritte wiederum umgehend als Folterversuch nach Den Haag weitermelden würden. So viele Genres und Stile, so viele Möglichkeiten, damit glücklich zu werden. Die Musik der Band The Notwist nun war schon immer eine besondere, ihre Alben im besten aller Sinne dafür geeignet, Klang nicht nur zu hören, sondern auch zu zelebrieren. Spätestens seit ihrem Kursschwenk um die Jahrtausendwende und dazugehörigen Meisterwerk „Neon Golden“ möchte man ihre Neuveröffentlichungen mehr als nur erfreut zur Kenntnis nehmen, einschalten, wegsortieren – die Behauptung, dem unglaublich vielschichtigen, reichen Klangkosmos des Weilheimer Kollektivs könnte man nur mit dem nötigen Maß an Muße, Konzentration und Geduld gerecht werden, ist sicherlich nicht allzu gewagt.



Legt man also die Nadel in die Rille, ist eines der ersten Geräusche, die zu vernehmen sind, das wohlvertraute Knistern des rotierenden Vinyls und es zeugt von Humor der Band und ihres genialen Produzenten Olaf O.P.A.L., dass eben jenes Geräusch vom Band zugespielt wurde, also auch in der digitalen Variante nicht fehlt. Ein erster Notwist-Moment, es werden viele Folgen. Die Platte über das Schwanken, das Kippen und Unwägbare unserer Tage öffnet, mehr als noch der Vorgänger „Close To The Glass“, eine Unmenge an neuen Türen, setzt zusätzliche Kolorierungen, probiert Dinge, die einen staunen machen. Der Jazz bekommt, auch mit den wunderbaren Klarinetten-Einspielungen von Angel Bat Dawid („Into The Ice Age“) noch mehr Raum, es krautrockt stellenweise ganz vorzüglich und selbst mit richtig lauten, richtig harten Gitarrenakkorden wird diesmal nicht gespart. Asiatische Stimmsequenzen, afrikanische Percussions, minimalistisch hingehauchte Passagen („Ghost“, „Night’s Too Dark“) und wilde psychedelische Einschübe („Al Sur“) – alles findet hier einen Platz und nichts ist beiläufig oder in seiner Wirkung dem Zufall überlassen.



Zu den überaus klug arangierten Sounds gesellt sich wieder Markus Achers zarte, ja fast übervorsichtige Stimme. Sein Gesang (mit dem eigenwillig deutschen Englisch) klingt stets so, als hätte er Angst, die Andacht der Zuhörer zu stören. Und doch macht erst er die Hypnotik der Songs perfekt, macht sie, tief eingebettet ins melancholische Moll, so anrührend. Apropos anrührend: Je öfter man diese neue Platte hört (und man kann das wirklich sehr, sehr oft tun), desto häufiger stellt man sich die Frage, ob es da draußen überhaupt jemanden geben könne, der sich von dieser Musik nicht einfangen ließe? Könnte man also (seltsamer Gedanke), die Musik der Formation nicht der Völkerverständigung nutzbar machen? Wohl wissend, wie albern und abwegig diese Idee auch klingen mag, im Grunde machen The Notwist als Kuratoren des Festivals „Alien Disko“ nichts Anderes. Und auch die Gäste auf „Vertigo Days“, seien es Saya Ueno, Ben LaMar Gay, Zayaendo oder auch Juana Molina (die der unkundige Rezensent gerade erst in der fabelhaften Netflix-Doku „Rompan Todo“ kennenlernen durfte), befeuern dieses Anliegen. Universeller als diese Band kann eigentlich keine sein, besser als auf diesem Album kann man das kaum verdeutlichen, schöner klingen tut dieser Tage ohnehin kaum etwas – ganz egal, wo man’s denn hört.

Donnerstag, 28. Januar 2021

Martin Gore: Der dritte Affe [Update]

Es gibt Dinge, die ändern sich nicht. So wie eben eine Rose immer eine Rose ist bleibt zum Beispiel ein Trump immer dumm, Kim Gordon die beste Bassistin und César Luis Menotti der wohl klügste Fussballtrainer aller Zeiten. Naturgesetze halt, unerschütterlich. Und wenn Martin Gore neue Musik macht, dann wird alles stehen und liegen gelassen und sofort ein Text aufgesetzt. Denn der Lockenkopf von Depeche Mode ist nicht nur deren weitaus sympathischstes, sondern auch kreativstes Mitglied und seine letzte Soloplatte "MG" mittlerweile so alt (2015), dass dringender Nachholebedarf bestand. Gore hat nun für Ende Januar tatsächlich eine 12" mit dem Namen "The Third Chimpanzee" bei Mute Records platziert, fünf neue Titel sollen sich darauf finden und wer die drei berüchtigten Affen vor Augen hat, der wird auch verstehen, warum die EP aus rein instrumentalem Material besteht. Nee, ist natürlich fürchterlicher Quatsch - die Story geht folgendermaßen: Gore hat kürzlich Jared Diamonds 1991 erschienene, populärwissenschaftliche Abhandlung "The Rise And Fall Of The Third Chimpanzee" gelesen, in welchem es um den Vergleich der Entwicklung des Menschen zu der seiner beiden Vorfahren, dem Gemeinen Schimpansen und dem Bonobo, geht. Wie gut wir da abschneiden, muss jede/r nun aber selbst nachlesen, wir dürfen jedoch verraten, dass alle Tracks auf Affennamen hören - neben der ersten Single "Mandrill" gibt es noch Stücke zu einem Kapuzineräffchen, der Grünmeerkatze und dem Brüllaffen. Womit wir wieder bei Donald ... - nein, da täten wir dann dem Primatentier doch sehr unrecht ...

Update: Mit dem Brüllaffen kommt nun der zweite Primat hinzu - hier also das Instrumental "Howler", vervollständigt um das Video des spanischen Regisseurs NYSU.






Ganser: Überraschungsbesuch

Da ist ihnen dann schon eine Überraschung gelungen: Von den Plänen, eine 12" mit Remixen ihres letzten (großartigen) Studioalbums "Just Look At That Sky" zu veröffentlichen, hatten wir hier ja schon berichtet. Begonnen hatten Ganser das Ganze mit einer Art Rätsel und der erste Kandidat - es war Ride-Gitarrist Andy Bell unter seinem Moniker GLOK - wurde Ende des letzten Jahres vorgestellt, seine Version von "Bags For Life" im gut siebenminütigen Rework war denn auch schon mal ein mächtiges Pfund. Auf die nächste Nennung wären wir jetzt so schnell nicht gekommen, mit dem heutigen Tag erscheint das Stück "Bad Form" in der Neubearbeitung von Sad13. Hinter dem eigenwilligen Namenskürzel verbirgt sich natürlich Sadie Dupuis, Leadsängerin der amerikanischen Indierock-Truppe Speedy Ortiz, die unter dem Alias auch schon die beiden Soloalben "Slugger" (2016) und "Haunted Painting" (2020) eingespielt hat, für Aufsehen sorgte vor allem ihr Einstieg "Basement Queens" zusammen mit Lizzo. Ein Buch, so ist zu erfahren, hat Dupuis mittlerweile auch geschrieben, nur als Remixerin ist sie bislang mehr als spärlich in Erscheinung getreten - möglicherweise ändert sich das jetzt.



Mittwoch, 27. Januar 2021

FKA twigs: Kunstaktion


Natürlich kann dieser Tag nicht zu Ende gehen ohne den neuen Song und das neue Video von FKA twigs. Das Herzklopfen war ja schon die letzten Tage zu spüren, denn ein neuer Track der Künstlerin kommt ja nie allein, sondern immer mit reichlich Content - zum Glück. "Don't Judge Me" also und ein Film von Emmanuel Adjei, dem Mann also, der gerade für Beyoncé "Black Is King" gedreht und auch mit seinen Arbeiten für Sevdaliza und Madonna für Furore gesorgt hat. Die Skulptur, die in seinem aktuellen Werk eine zentrale Rolle spielt, stammt von Kara Walker, nennt sich Fons Americanus und steht in der Tate Modern London. Mit dabei auf der neuen Single im Übrigen auch Headie One und Produzent Fred Again, weiterführende Infos zu einem etwaigen Album als Nachfolger von "Magdalene" (2019) gibt es bislang noch nicht.




Do Nothing: Sorgsamkeit

Erst kürzlich hatten wir uns ja über die prosperierende Musikszene im britischen Nottingham ausgelassen - Anlass war die neue Single der Tindersticks - und dabei ganz vergessen, dass auch Do Nothing aus dem Städtchen in den East Midlands kommen. Die vierköpfige Post-Punk-Formation war ja im vergangenen Jahr mit ihrer EP "Zero Dollar Bill" am Start, nun kündigen sie mit "Glueland" eine weitere 12" an - neben dem Titelsong gehört auch "Uber Alles" zu den vorab veröffentlichten Hörproben. Mit der kämpferischen Diktion der Dead Kennedys oder dem bekannten Taxiunternehmen hat der Song allerdings nichts zu tun, es geht laut Sänger Chris Bailey eher um den pfleglichen Umgang mit der eigenen Psyche - die restlichen drei Tracks dann am 12. März via Exact Truth.






Xiu Xiu: Menschenkenner

Na gut, wir geben zu, dass wir ganz kurz zusammengezuckt sind, als wir den Namen der neuen Single von Xiu Xiu gelesen haben: "A Bottle Of Rum". Jamie Stewart jetzt bei Tik Tok? Shanty Trend, echt!? War natürlich Quatsch, der Mann ist jedwedem Netzhype völlig unverdächtig und das bleibt zum Glück auch so. Denn der Song ist eben einer von fünfzehn des neuen Albums "OH NO", dass der Amerikaner heute via Polyvinyl für 26. März ankündigte. Aufgenommen hat er ihn zusammen mit Liz Harris, womit wir bei einer tatsächlichen Besonderheit der Platte wären, die als eine Ansammlung von Duetten daherkommt. Und so finden sich dort u.a. Gäste wie Sharon Van Etten, Alice Bag, Owen Pallett und Chelsea Wolfe, dazu Twin Shadow, Liars, Sheawater und einzelne Teile von Deerhoof. Klingt prächtig, klingt spannend. Und weil von Stewart immer auch Zumutungen zu erwarten sind, weil er bekanntermaßen ein (vorsichtig formuliert) sehr eigenwilliger Mensch ist, lesen wir folgenden Satz von ihm mit Erstaunen: "The guest stars of OH NO reflect the types of people, and many of the very same, who helped remind me that the ratio of beautiful humans to shitty humans is more like 60/40 rather than what I have always assumed was 1/99. Although there is an ‘I HATE PEOPLE’ pin on my guitar strap, I hate them less now."



Dienstag, 26. Januar 2021

Melby: Anhaltender Bedarf

Als im Frühjahr 2019 das Debüt der schwedischen Band Melby erschien, wußte noch kein Mensch von den Gefahren und Auswirkungen der Pandemie, dennoch ruft man sich den Titel gern ins Gedächtnis, einfach weil er wie ein Mantra wiederholt gehört: "None Of This Makes Me Worry". Dass sie im März des Folgejahres eine Single veröffentlichten, die "Things I Do When I'm Alone" hieß, bedeute nicht unbedingt, dass das Quartett leider doch in der Realität angekommen war, man konnte es aber vermuten. Dass Wiezell, Are Engen Steinsholm (Backing Vocals, Gitarre), David Jehrlander (Bass) und Teo Jernkvist (Schlagzeug) dennoch die wunderbar entspannte Grundstimmung ihrer Songs nicht verändert haben, macht sie gleich noch sympathischer, Schweres leicht nehmen ist eben nicht ganz so einfach und selten obendrein. Dem nächsten Song "Common Sense" folgte heute nun das Stück "Old Life" und es bleibt zu hoffen, dass Melby schnellstmöglich genug für ein weiteres Album zusammenbekommen - die Welt kann's gerade ganz gut brauchen.





Teenage Fanclub: Scottish Harmonists [Update]

Sie waren in den 90ern wohl die mit den schönsten Harmonien: Die schottische Band Teenage Fanclub um Bandgründer Norman Blake hatte bekanntlich ihre Glanzjahre deutlich vor der Jahrtausendwende, es gab einige schöne Alben und viele Hitsingles. Doch obwohl sie sich offiziell nie aufgelöst hatten, wurde es in den letzten Jahren seltsam still, die Alben nach dem 2000er "Howdy" konnten an den Erfolg der Vorwerke nicht mehr ganz anküpfen. Nun schickt sich das Quintett an, mit "Endless Arcade" im März kommenden Jahres ein neues Album zu veröffentlichen und die erste Single "Home" lässt vermuten, dass sie wohl die alten Zeiten wieder aufleben lassen wollen - nun, wir haben nichts dagegen einzuwenden. 

Update: Okay, das mit dem Album dauert nun noch etwas, "Endless Arcade" wurde gerade auf den 30. April geschoben. Dafür gibt es aber mit "I'm More Inclined" eine weitere Auskopplung zu hören und für 2022 (!) ein paar Konzerttermine.

27.04.2022  Hamburg, Knust
28.04.2022  Berlin, Columbiatheater
29.04.2022  Düsseldorf, Zakk
01.05.2022  München, Strom
02.05.2022  Mannheim, Alte Feuerwache







King Krule: Das richtige Gespür

Es gibt Songs, an denen haben sich alle Großen und natürlich auch die vermeintlich Großen schon probiert, sie kommen nicht daran vorbei und egal wie gut oder schlecht sie es machen, es musste halt sein. "Imagine" von John Lennon ist so ein Stück. Im vergangenen Dezember jährte sich bekanntlich (neben dem achtzigsten Geburtstag auch) zum vierzigsten Mal der Tag des Attentats und entgegen aller Versuche, das Stück zu Tode zu nudeln oder gar zu verunglimpfen (2001 wurde es in den USA sogar für kurze Zeit von einem US-amerikanischen Radiokonzern gesperrt) und seine Fans als blauäuige Gutmenschen ebenso - es ist ein Song für die Ewigkeit geblieben. Madonna hat ihn nicht kaputt bekommen, auch Bono hat er überlebt und wenn jetzt Archy Marshall aka. King Krule Hand an ihn legt, haben wir gleich gar keine Bedenken. Der Junge hat einfach ein so ungemein feines Gespür für das richtige Arrangement, dass das Lied bleibt, was es ist: Eine Vision und eine Verbeugung gleichermaßen.

Montag, 25. Januar 2021

Permo: Perspektivwechsel

Hier ist dann allerdings Schluss mit Beschaulichkeit: Diese drei Herren wollen offensichtlich nicht groß debattieren, sondern lieber vorwärts machen. Und vorwärts heißt bei Ross Ferguson (Gesang/Gitarre), Hamish Georgeson (Bass) und Ross Malcolm (Drums) aus dem britischen Falkirk einfach mal Punk. Ihre Band Permo hat im Januar 2020 die erste Single "Bloodlust" veröffentlicht, im Dezember des gleichen Jahres folgte "Ultraviolence" und jetzt "Heroin". Zu letzterer sagt Georgeson: "It’s written from the perspective of someone looking at their friend's relationship and seeing they’re trapped and can’t seem to stop going back to this girl who treats them like shit." Als Vorbilder geben die drei übrigens - leicht nachvollziehbar - die Idles und die Heavy Lungs zu Protokoll, erschienen sind die drei Stücke allesamt auf dem Label Disobedient Records.