Donnerstag, 10. Januar 2019

SOAK: Entschieden eigenwillig

Bekanntgeworden ist die junge Irin ja eigentlich über ein paar Schotten. 2014 nämlich hatten die Chvrches nämlich einen Hit namens "The Mother We Share" und Bridier Monds-Watson alias SOAK hatte, noch relativ unbekannt, davon ein so schönes Cover abgeliefert, dass sofort alle Welt Feuer und Flamme war. Es folgten weitere Achtungszeichen, im letzten Jahr schließlich die Single "Everybody Loves You" und damit auch der offizielle Dreh zum Pop. Jetzt kam die Ankündigung für ein neues Album, das den Titel "Grim Town" tragen wird und für den 26. April bei Rough Trade terminiert ist - die erste Single "Knock Me Off My Feet" setzt den eingeschlagenen Weg konsequent fort, ohne etwas von der androgynen Eigenwilligkeit einzubüßen.



Westkust: Bester Beweis

Vor ihnen waren einige, nach ihnen kamen viele: Als die schwedische Shoegazing-Band Westkust 2015 mit ihrem Debüt "Last Forever" die Aufwartung machte, war noch nicht zu ahnen, dass daraus ein wahrer Hype werden sollte - Schweden konnte sich einmal mehr als Musiknation feiern lassen und mußte sich nicht immer mit ABBA für Verirrungen wie Ace Of Base entschuldigen. Es ging schließlich auch anders. Die Kapelle aus Göteborg jedenfalls zieht nun mit dem Folgealbum nach - im März wird das gleichnamige "Westkust" bei Luxury Records erscheinen und die erste Single nennt sich lustigerweise "Swebeach", ein Kunstwort, bei dem sich jeder selbst seinen Teil denken kann.

Mittwoch, 9. Januar 2019

Billie Eilish: Ununterschlagbar

Einen Song gilt es diese Woche auf alle Fälle noch zu vermelden und zwar von einer Dame, die seit dem vergangenen Jahr kontinuierlich als die ganz große, neue Pophoffnung aufgebaut wird. Billie Eilish ist ein gerade mal achtzehnjähriger New-Goth-Teenager aus Los Angeles, die seit 2016 eine beachtliche Zahl viraler Internet-Hits losgetreten hat, zuletzt ein Duett mit dem Sänger Khalid ("Lovely") und ein ziemlich befremdliches Video zum Stück "When The Party's Over". Zu ihrer aktuellen Single "When I Was Older" wurde sie von der vielgerühmten Netflix-Serie "Roma" inspiriert, wie in großen Buchstaben zu lesen ist - der Sound ist mit seiner reduzierten und dunklen Elektronik, den soften Beats und ihrer zarten Stimme einigermaßen beindruckend. Könnte also sein, dass doch etwas dran ist an dem ganzen Hype.



UNKLE: Verlängerung

Was da so bleischwer und trotzdem lässig hereinwabert, ist unschwer als Stil des legendären Londoner Trip-Hop-Kollektivs UNKLE zu erkennen. James Lavelle und Freunde haben gerade die Fortsetzung ihres letzten Albums "The Road: Part I" angekündigt, diese hört auf den schlüssigen Namen "The Road: Part II (Lost Highway)" und hat mit dem relativ kurzen Track "Ar.Mour" eine erste Kostprobe im Gepäck, mit an Bord Elliott und Miink - veröffentlicht wird am 29. März.

Dienstag, 8. Januar 2019

Fat White Family: Mühsam aufwärts [Update]

Wir sind doch alle Kinder unserer Zeit: Wo die einen im nachfolgenden Albumteaser von Regisseur Niall Trask Parallelen zu Game Of Thrones sehen, hat mancher vielleicht auch Dave Gahan mit  Klappstuhl und Pappkrone vor Augen, wie er für "Enjoy The Silence" durch die Gegend wandert. Lias Saudi, Frontmann der Fat White Family, hat es da allerdings etwas schwerer, schleppt er doch ein deutlich klobigeres Sitzmöbel auf einen ziemlich steilen Berg hinauf, und das alles, um die neue Platte seiner Band anzukündigen. Viel mehr als den Titel "Serfs Up!" ist allerdings nach dem mühsamen Aufstieg nicht zu bekommen, wir werden also weiterhin die Augen offen halten müssen, wann den mit dem Nachfolger zu "Songs Of Mothers", der letzten Platte der Londoner Post-Punks zu rechnen ist. Von der stammt im Übrigen auch die Single "Whitest Boy On The Beach" (ganz unten).

Update: Und schon gibt es Nachschub - die erste Single nennt sich "Feet" und das Album mit zehn neuen Songs soll am 19. April bei Domino Records erscheinen - Videoclip von CC Wade.





Slowthai: Ritterschlag

"Who's this on the radio who sounds like us?" fragte gerade Jason Williamson von den Sleaford Mods in die Twitter-Runde und neben ein paar spaßigen und ein paar albernen Antworten gab's natürlich auch die einzige richtige: Es kann sich hierbei nur um den aktuellen Song "Doorman" des Rappers Slowthai aus Northhampton handeln, den er im vergangenen Jahr mit Alex Crossan aka. Mura Masa eingespielt und nun mit einem ziemlich abgefahrenen Video versehen hat. Dunkler Basslauf, rüde Rhymes, das pumpt gewaltig und macht richtig Laune, auch wenn die Bilder dazu ziemlich düster sind (inklusive Trainspotting-Zitat). Mister Williamson übrigens findet den Track "not bad", was aus seinem Munde schon mal eine Art Ritterschlag ist.

21.03.  Berlin, Prinz Charles
19.07.  Gräfenhainichen, Melt Festival

Montag, 7. Januar 2019

Nord Nord Muzikk feat. K.I.Z.: Rippin' in Neuruppin

Wer noch nicht dort war und deshalb bislang darauf angewiesen war, sich seine Meinung über das ferne, sagenumwobene Brandenburg aus der Dumpfpresse dieses Landes respektive den einschlägigen Dumpfsendern zu bilden, für den wurde vom Städtchen Neuruppin ein ziemlich tristes, manchmal sogar überaus düsteres Bild gemalt. Ob es in diesen Vorstellungen gleich so blutrünstig zugehen muss wie in der neuen Gemeinschaftsproduktion von Nord Nord Muzikk und K.I.Z. sei dahingestellt, der Clip zum Track ist jedenfalls seit ein paar Tagen der Renner im Netz und weil das Remake gar so viel Spaß macht, muss es natürlich auch hier auftauchen. Also - Film ab und nicht vergessen, ab und an die Linse zu putzen. Der Song stammt übrigens vom Album "HEXEH", das NNM am 22. März veröffentlichen werden. Und ja, der Teaser zum Stück ist auch schon irre komisch...



Slaves: Die besseren Tage

"What shall we do today?" Einfache Frage, oder? Trampolin springen, kicken, rumsitzen, Löcher in die Luft starren - die Welt kann so schön und so einfach sein. Wenn man jung ist. Das haben sich wohl auch Laurie Vincent und Isaac Holman gedacht. Das vergangene Jahr war für die Slaves, das Punkduo aus Kent, durchaus ein erfolgreiches, tolle Platte, tolle Tour. Da denkt man auch schon mal mit Wehmut daran, wie schnell die Zeit so läuft und sich die Dinge ändern können. Dabei ist das ziemlich eindrückliche Video von Keane Shaw entstanden, das die beiden Musiker in einer Art Frühversion zeigt. Es könnte nicht schaden, sich beim Anhören/-sehen von "Photo Opportunity" gleich noch mal das komplette Album "Acts Of Fear And Love" rauszukramen, so lang ist 2018 ja nun auch noch nicht her.

Sleaford Mods: Aufschlag [Update]

Was kann es Schöneres für einen Blog wie diesen geben, das neue Jahr mit ein paar zornigen Tunes von unser aller Lieblingskombo Sleaford Mods zu beginnen? Gerade hat ihr zuverlässiger Fürsprecher Iggy Pop in seiner BBC-Radioshow Confidential ein kleines Special für die Briten ausgerollt, mit seiner herrlichen Grabesstimme erzählt er dort natürlich auch vom neuen Album "Eton Alive", das am 22. Februar bei Extremly Eating erscheinen wird, spielt altbekannte Kracher von den vorangegangenen Platten und eben auch zwei neue Stücke. Wer nicht so viel Geduld oder Zeit für den ganzen Beitrag hat, darf sich hier bei 50:55 in den Stream einklinken und die neue Single "Kebab Spider" hören und dann zu 1:19:10 springen - dort gibt's dann mit "Subtraction" einen richtigen Breakbeatshammer.

Update: The Return of the "Dönerspinne" - seit heute on air das Video zu "Kebab Spider".

Sonntag, 6. Januar 2019

Das war vor Jahren: Die AMIGA Story

"Wir wußten gar nicht, was wir anders machen sollten, 
weil wir ja gar nicht wußten, wie man's richtig macht." 
(Christian "Flake" Lorenz)

Jede und jeder, der wachen Geistes die DDR erlebt hat und einen Bezug zur Musik (welcher Couleur auch immer) hatte, kann heute seine problemlos seine ganz persönliche AMIGA-Story erzählen. Ob es der pochende Herzschlag bei den Moment war, wo der Verkäufer nach Nennung des Namens auf der Suche nach der beiseitegelegten Lizenzplatte unter den Ladentisch langte, das Zittern der Hand, die mit Ehrfurcht daheim die Nadel auf die gerade erworbene Vinylplatte legte und schon das vorangehende Knistern einen Sturzbach von Endorphinen auslöste. Bis hinein in die heutige Zeit, wo man auf einem Tauschportal noch eine Erstpressung in tadellosem Zustand für schlappe 10 Euro entdeckt. So viele Geschichten, so viele Erinnerungen. Nostalgie pur, na klar. Beim MDR gibt es nun seit ein paar Tagen eine zweistündige Doku, die ausführlich und mit dem nötigen Abstand die Geschichte des ostdeutschen Allround- und Monopol-Labels erzählt. Dabei geht es nicht um gute oder schlechte Musik, denn die existiert schließlich nur im Ohr des Hörers und läßt sich vom historischen Kontext kaum entkoppeln.



Das erklärt zum Beispiel, warum einer der hinzugezogenen Zeitzeugen, Rammstein- bzw. Feeling-B-Keyboarder Christian "Flake" Lorenz, jetzt reumütig zugibt, dass ihm aus heutiger Sicht die Alben von Staatskapellen wie Karat und den Pudhys einigen Respekt abnötigen - ein Satz, für den man ihn früher unter übelsten Beschimpfungen sofort aus dem Proberaum gejagt hätte. Losgelöst von allen Vorurteilen sieht man also den Aufstieg und Fall des sogenannten Arbeiter- und Bauernstaates im Spiegel seiner Musikszene und somit auch die Geschichte der eigenen Jugend. Allwissende Tontechniker, nachdenkliche, auch mal arrogante Kulturfunktionäre, gealterte Musiker, die einen voller Wehmut, Sehnsucht und gekränktem Stolz, andere mit verschmitztem Lächeln und glänzenden Augen, ganz ohne Groll. Natürlich sind die 120 Minuten auch ein Panoptikum des schlechten Geschmacks, der modischen Verirrungen und verunglückten Frisuren. Aber die Lieder, die guten wie die weniger guten, sind immer noch present, sind die eigenen oder die fremden geblieben, gehören zum Soundtrack des Lebens vergangener Tage. Und sind in der Gesamtheit doch zu schön, um einfach vergessen zu werden.

Samstag, 5. Januar 2019

Florian Paul: Parallelwelt

Die stark verkürzte Variante lautet: Nun hat also auch Deutschland seinen Faber. Unserer heißt nicht Julian Pollina, sondern Florian Paul, stammt aus München statt Zürich und seine Band nennt sich nicht Vocalist Orkestar, sondern ganz schnöde Die Kapelle der letzten Hoffnung. Soweit die wichtigsten Unterschiede. Was die Musik betrifft, sind sich beide Herren erstaunlich ähnlich, auch Paul spielt genreübergreifend mit den verschiedensten Stilen - Chanson, Pop, Punkrock, intoniert von Alexander Maschke (Keyboard), Nils Wrasse (Saxophon), Flurin Mück (Drums) und Robin Jermer am Bass. Dass das alles mit einer Extraportion Melancholie versehen ist, liegt natürlich an den Themen und auch hier kommen sich Paul und Pollina erstaunlich nahe, singen beide doch zuvorderst von Einsamkeit, tröstlichen Erinnerungen, beißender Eifersucht und der ganz großen Liebe. Wie schön das klingen kann, darf man sich schon mal auf der ersten Single des Quintetts anhören, "Alles wie immer" wird zudem mit einem sehr stimmigen Zusammenschnitt von mutmaßlichen Sehnsuchtsorten und provinzieller Tristesse (gederht wurde im Ruhrpott), man blickt in leere Gesichter und lauscht der Bitternis und Traurigkeit aus Pauls Worten. Im März wird er beim Label Millaphon, wo auch schon seine EP "Die Blaue Katze" erschienen ist, sein erstes Album veröffentlichen, etwas Zeit also noch, um das eigene Profil zu schärfen.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Spielbergs: Das Ende kann warten [Update]

Trost war tatsächlich bitter nötig: Die norwegischen Spielbergs hatten im Frühjahr dieses Jahres auf ihrer aktuellen EP "Distant Star" einen Titel im Programm, der sich "We Are All Going To Die" nannte. Und auch wenn man sich dieses Umstandes leidlich bewusst war und ist - man eigentlich nicht daran erinnert werden. Mit By The Time It Gets Dark dazu noch das passende Label ausgesucht - uff! Dennoch war diese EP im Grunde eine große Freude, denn wie die Crew aus Oslo mit Gitarren hantierte, ließ einen innerlich jubeln, hier wurde herzhaft zugegriffen und gnadenlos runtergerockt, gut so. Nun kündigt das Trio für den 1. Februar also ein Debütalbum an und der Titel klingt fast wie eine kleine Entschuldigung "This Is Not The End" - haben wir's doch gewusst. Was sich nicht geändert hat: Es kracht ganz wunderbar im Gebälk und wenn alle Stücke der Platte nur annähernd so gut werden wie der erste Vorbote "4AM", dann ist das Ende hoffentlich noch weit, weit weg.

Update: Eine neue Single eröffnet das neue Jahr - hier kommt "Five On It".



Mittwoch, 2. Januar 2019

Screaming Females: Von Haus aus passend

Coverversionen, wer weiß das nicht, können Segen und Fluch zugleich sein. Es gibt wundervolle, grausame, nervtötende, respektable, anmaßende, alberne, experimentelle, erstaunliche, überraschende, langweilige, seltener die, welche das Original übertreffen und viele mehr. Über die meist gecoverten Stücke ist sich nicht mal das Netz gänzlich einig, ganz vorn dran sind jedenfalls, wie sollte es anders sein, die Beatles, dicht gefolgt von George Gershwin (oder umgekehrt). Irgendwo mittendrin, auch schon unhörbar abgenudelt, "Love Will Tear Us Apart" und "Personal Jesus", quasi die Geißeln der Neuzeit im Metier. Von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" sind einem vielleicht gerade mal Tori Amos, Paul Anka und Patti Smith im Gedächtnis, irgendwie meint man, da hätten sich noch nicht so viele rangewagt - eine Auskennerseite im Netz zählt aber auch schon an die 85 Bearbeitungen. Nun ja. Diese brandaktuelle hier jedenfalls ist erstens gelungen und zweitens sehr passend, denn die fabelhaften Screaming Females machen von Haus aus wunderbaren Lärm und sind demnach bestens autorisiert (auch wenn das die olle Witwe vielleicht anders sieht). Und wenn wir Glück haben, spielen sie den Song ja nicht nur am Neujahrstag in Chicago, sondern auch bald auf ihrer Kurztour durch Deutschland.

Montag, 31. Dezember 2018

Bruce Springsteen: Glaubensbekenntnis

Was haben wir nicht auch in diesem Jahr über Amerika geschimpft. Manchmal zu Recht. Doch öfters auch, weil wir von unseren eigenen Unzulänglichkeiten ablenken wollten, weil es die Europäer ja selbst nicht viel besser hingebracht haben, wir uns auf unsere ganz eigene Art blamiert und uns so unseren eigenen Spott redlich verdient haben. Und natürlich waren wir eigentlich nicht auf das Land, sondern nur auf dessen Präsidenten sauer, unter anderem weil er uns dazu nötigte, Zitaten seiner Vorgänger Reagan und Bush beizupflichten, die im Schatten des wildgewordenen Potentaten plötzlich in milderem Licht dastanden, obwohl sie doch selbst Kriegstreiber und -gewinnler waren. Es ist und bleibt eine komplizierte, eine verrückte Welt. Es gibt deshalb keinen besseren Weg, dieses Jahr versöhnlich zu beenden, als den schönen Worten von Christian Zaschke in der Süddeutschen Zeitung zu folgen und sich die grandiose Show von Bruce Springsteen (oder wie er jetzt auch heißt: The Man from Jerserkhistan) am Broaday auf Netflix anzusehen und ein "America The Beautiful", eben ein anderes Amerika zu entdecken, eines mit Witz, großen Träumen, herzerwärmenden Gewissheiten und ganz, ganz viel Rock'n Roll.

Wie schon früher im Jahr die großartige Hannah Gadsby sorgt auch Springsteen für feuchte Augen, sei es aus Freude oder großer Traurigkeit, weil er allein mit seiner Gitarre (okay, für zwei Songs ist auch seine Frau Patti Scialfa zugegen), seinen Songs und seiner Wahrhaftigheit und Herzensbildung auf der Bühne das Innerste anrührt und das alles tatsächlich im Stile eines Entertainers. Und manchmal auch Predigers - nicht umsonst endet der Abend mit dem Segen des Mannes, den alle den Boss nennen und einem Vaterunser. Man muss beileibe kein Kenner oder Liebhaber des Springsteen'schen Werkes sein (der Schreiber kennt ihn auch nur von einer lumpigen AMIGA-Pressung und den Worten einer anderen Band "Ich habe 190.000 Menschen gesehen, sie sangen so schön, sie sangen so schön - "Born in the GDR!"), diese zweieinhalb Stunden, so verdammt pathetisch das klingen mag, treffen jeden, der an die gute, schöpferische Kraft und Mitmenschlichkeit des amerikanischen Volkes glaubt und eben glauben will. Ganz genau in diesem Sinne: Auf ein gutes, neues Jahr!

Sonntag, 30. Dezember 2018

Familienalbum # 32: Robert Forster

Das ist jetzt fast ein bisschen unfair, weil das eigentliche Ereignis etwas in den Hintergrund rückt, also die für den März geplante Veröffentlichung des neuen Albums von Robert Forster, Ex-Go-Betweens und Grand Seigneur des australischen Gitarrenpops (hier mit Tourdaten und Infofilmchen via Tapete Records). Aber so hilfsbedürftig wie der Mann vom Cover der künftigen Platte "Inferno" schaut, ruft das dringend nach Stöberei in der Verpackungsbranche und so haben wir aus aktuellem Anlass schnell ein neues Familienalbum zum sehr weit gefassten Thema "Männer, die von Liegemöbeln starren" zusammengesammelt (nicht zu verwechseln im Übrigen mit dem Stuhl-Dingens). Und da ist klar zu erkennen, dass Forster beileibe nicht der einzige Musiker ist, der mit müdem, lässigem oder gar abgewandtem Blick der Kamera entgegendämmert - schon vor ihm gab es eine Reihe von Exemplaren seiner Zunft, die das Fläzen zum Stilmittel erhoben haben. Nicht vorenthalten, obwohl kein Plattencover, wollten wir die wunderbare Aufnahme des britischen Künstlerkollektivs Hipgnosis von The-Who-Drummer Keith Moon, der das Couchsurfing zur wahren Perfektion gebracht hat. Alle Cover wie immer von links nach rechts und oben nach unten.

Robert Forster "Inferno", Gavin Friday "Catholic", Gil Scott-Heron "The Revolution Will Not Be Televised", Jake Shears "Creep City", Crosby, Stills And Nash "Crosby, Stills And Nash", Spoon "Transference", Martin Kerr "Better Than Brand New", John Lee Hooker "Chill Out", Tony Allen "The Source", Bleachers "Strange Desire", Charlie Puth "Voicenotes", George Michael "Patience", Morrissey "Spent The Day In Bed", Will Smith "Born To Reign", Lil Peep "Come Over When You're Sober Pt.1", Rödelheim Hartheim Projekt "Direkt aus Rödelheim", Farin Urlaub Racing Team "Herz verloren", The Drums "Enzyclopedia", Vic Chesnutt "Watching The Sleeping Man", Smile And Burn "Action Action", Twin Shadow "Saturdays feat. Haim", Keith Moon 1970 by Hipgnosis (unten)

30.04.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
01.05.  Hamburg, Knust
03.05.  Münster, Gleis 22
04.05.  Bielefeld, Forum
05.05.  Bonn, Harmonie
07.05.  Frankfurt, Zoom Club
08.05.  Schorndorf, Manufaktur
09.05.  München, Feierwerk
10.05.  Wien, Theater Akzent
11.05.  Linz, Posthof

Freitag, 28. Dezember 2018

International Music: Grauzone

International Music
„Die besten Jahre“
(Staatsakt)

Die eigentliche Sensation dieses Jahres, zumindest aus deutscher Sicht, kam in diesmal nicht aus den Metropolen Berlin, Köln oder Hamburg, sondern aus der Provinz und wurde schon im April ausgerufen. Warum sie auf diesem Blog dann erst so spät, quasi kurz vor Toresschluss Gehör fand, wissen wir nicht seriös zu begründen. Vielleicht lag die CD einfach zu lange weit unten im niemals kleiner werdenden Stapel der Neuigkeiten und viele davon haben sich, obschon nicht halb so gut wie diese hier, mit spitzen Ellenbogen und ohne große Bescheidenheit nach vorn gedrängelt. Dicke Hose scheint die Sache von Pedro Goncalves Crescenti (Bass), Peter Rubel (Gitarre, Keyboards, Gesang) und Joel Roters (Drums) jedenfalls nicht zu sein, der Sound ihrer Band International Music frisst sich eher langsam in den Gehörgang, hakt sich fest, macht sich breit ohne großes Aufheben.



Die drei Herren aus Essen, darüber ist im laufenden Jahr schon viel geredet worden, bemühen nur die auserlesensten FFOs und Querverweise, unter Velvet Underground und John Cale läuft da nix und auch die einheimischen Grußadressen (meist in Versalien) bürgen für Qualität aus besseren Tagen: FSK, CAN, Foyer des Arts, TRIO auch und natürlich Tocotronic. Nicht von ungefähr veröffentlichen International Music ihr Debüt auf Staatsakt, dem Feinkostbiotop für alles, was Diskurs, Metaebenen und Assoziationstheater nicht scheut und trotzdem ordentlich rocken kann. Und das tun sie zweifellos, wenn auch auf subtilere, gebremste Art. Psychedelische Klänge mit sparsamen, oft auch dadaistischen Texten hört man hierzulande nicht allzu oft, zuletzt waren es die Friends Of Gas aus München (ebenfalls bei Staatsakt zu Hause), die den Lärm auf ähnliche Weise zu ordnen wussten, auch Messer und Candelilla wählen einen ähnlichen Ansatz.



Untergründig kommen sie daher, aus der düsteren Kulisse, bei der man sich oft an die klischeehafte, dumpfe Ruhrpott-Tristesse der 80er erinnert fühlt, schälen sich bruchstückhafte Texte: „Knie kaputt, Frisur ist Scheiße, Mont St. Michel“ heißt es da – wer könnte die Frustration, die Tragik der verblichenen Jugend nicht mitfühlen. Grauzone überall, die verrauchte Ödnis der Trinkhallen, kaum schönzusaufen, Liebesfrust, fast schon egal, ein Anruf vom Rektor – soll der sich doch verpissen. Gebrochen wird das ganze wunderbar trostlose Spektakel, das ja dann doch erschreckend jetztzeitig ist, von farbigen Lichtfetzen, poppigen Countrymelodien, beschwingten Chorgesängen und herrlich albernen Wortspielereien.



 „Es zieht mich dahin, wo der Pfeffer wächst, in die Gebiete, die nur Du entdeckst“ – man muss sich Zeit nehmen für „Die besten Jahre“ (dazu gibt es bei der zwanzigminütigen Variation von "Kopf der Band" am Ende nochmals reichlich Gelegenheit) und wird, das ist versprochen, viel Freude haben an dem Raunen, Knirschen, Rumpeln und sich des Öfteren selbst mit einem breiten Grinsen überraschen. So gut, so zeitlos, das läßt sich locker auch noch ein paar Monate nach Erscheinen loben, weil es länger da sein wird als viele Sachen, die wir vorher begeistert durchgewunken haben. Das Jahr allerdings ohne den unbedingten Verweis auf diese Platte abzuschließen, hätte dem Blog nicht gut zu Gesicht gestanden. Und dem Jahr irgendwie auch nicht.

19.01.  St. Gallen, Palace
25.02.  Dortmund, FZW
02.05.  Hamburg, Molotow
03.05.  Berlin, Lido

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Lindemann vs. Haftbefehl: Dreisatz

Ach Gottchen - er provoziert mal wieder. Liest man sich durch die einschlägigen Skandalmeldungen dieser Tage, dann steht da auf Platz eins nicht unbedingt der Name Relotius, sondern eben Lindemann. Der Till nämlich, also der böse Gruselrocker von Rammstein, hat zusammen mit Aykut Anhan, den man eher unter seinem Pseudonym Haftbefehl kennt, einen Song mit dem hübschen Titel "Mathematik" aufgenommen. Und ganz so wie erwartet geht es dabei keinesfalls um die unendliche Liebe zu Algorithmen, Dreisatz und Pythagoras, sondern eher darum, dass einen wie Lindemann die Algebra mal da besuchen kann, wo die Sonne sehr selten scheint. Alles ziemlich erwartbar, aber dennoch ebenso spaßig, noch spaßiger aber ist naturgemäß der erregte Aufschrei, was denn das wohl unseren Kindern antut, wenn sie es denn zu sehen bekommen. Frage: Seit wann interessieren sich die für alte, weiße Männer?!

MaidaVale: Fast überhört

Es gehört zu den negativen Begleiterscheinungen eines Blogs mit sehr dünner Personaldecke, dass manche Sachen ungerechtfertigterweise manchmal auf der Strecke bleiben müssen. Und meistens merkt man das am Jahresende. Sträflich übersehen wurde beispielsweise heuer die schwedische Psychrock-Kombo MaidaVale, eine All-Girl-Formation, die im März ihr zweites Album "Madness Is Too Pure" veröffentlicht hat. Es ist dabei nicht untertrieben zu behaupten, dass Mathilda Roth (Gesang), Linn Johannesson (Bass), Sofia Ström (Gitarre) und Johanna Hansson das krachende Gegenteil von First Aid Kit, einer anderen schwedischen Erfolgsgeschichte, abliefern. Und weil unsere Leser ja nicht den gleichen Fehler wie wir machen müssen, präsentieren die vier Damen passenderweise gerade die Termine für ihre kommende Tour - hin dort!

03.03.  Hamburg, Hafenklang
04.03.  Göttingen, Dots
05.03.  Mannheim, 7er-Club
07.03.  Köln, Sonic Ballroom
18.03.  Freiburg, Slow Club
19.03.  Stuttgart, Keller Club
20.03.  Karlsruhe, Alte Hackerei
28.03.  Bremen, Zollkantine



Sonntag, 16. Dezember 2018

Oberpollinger 2018: Die MPMBL Alben des Jahres




20
Amen Dunes
"Freedom"

Gerade im urlaubsfaulen Sommer treffen häufig zwei Weisheiten aufeinander: “Besser spät als nie” und “Gut Ding will Weile haben”. Denn wann sonst kommt man mal dazu, ein paar schon länger zurückgelegte Sachen durchzustöbern, um ihnen endlich den Platz einzuräumen, den sie verdient haben. Sachen, die im markschreierischen Neuheitengetöse regelmäßig untergehen – unverdientermaßen. Damon McMahon alias Amen Dunes ist einer davon. Das tatsächlich ziemlich wunderbare Album “Freedom” ist ja sein mittlerweile fünftes und, das läßt sich schnell heraushören, sein mit Abstand eingängigstes. Und vielleicht, fügen wir vorsichtig hinzu, deshalb auch sein bestes ... [mehr]

19
Lily Allen
"No Shame"

Es ist ja beileibe nicht das erste Mal, dass Künstler ihre privaten Schicksalsschläge, insbesondere Trennungen, als Quell für Inspiration und Kreativität nutzen. Gerade weil das Leben prominenter Zeitgenossen mehr und mehr in der Öffentlichkeit und unter den wachen, nicht selten gierigen Augen sozialer Netzwerke stattfindet, ist der Grad zwischen bereitwilliger und erzwungener Teilhabe ein sehr schmaler. Grabenkämpfe, Rosenkriege, Scheidungsdramen, ein oder zwei Songs fallen immer dabei ab. Wohl dem, der ohne auskommt oder zumindest das Heft des Handelns noch in eigenen Händen hält. Insofern ist Lily Allen keine Ausnahme, sondern eher ein mahnendes Beispiel dafür, wie unbarmherzig und gefräßig der Boulevard ist, hat man ihn einmal angefüttert ... [mehr]

18
Shame
"Songs Of Praise"

An dem Umstand, dass jede Gesellschaft die Musik bekommt, die sie verdient, ist nun wirklich nichts Neues. Und so schlecht, wie das jetzt klingt, muss das dann gar nicht sein. Weil es nämlich auf der Insel noch immer drunter und drüber geht, das Land zwischen sozialpolitischem Desaster, wirtschaftlicher Hilflosigkeit und antieuropäischer Isolation gerade seine Coolness und auch ein Stück seines vielgelobten Humors zu verlieren droht, finden sich immer mehr junge Menschen, die aus ihrer Wut und Frustration kein Hehl machen. Und darüber singen – loud und auch mächtig proud, so wie früher schon. Deshalb die Sleaford Mods, die Idles, The Fat White Family, deshalb auch Jungspunde wie SONNDR und eben Shame ... [mehr]

17
Bodega
"Endless Scroll"

Wie nach jedem großen Fußballturnier (hatten wir ja gerade erst) die neuesten Trends im Ballsport zusammengetragen werden, läßt sich auch ein Musikjahr bewerten, lassen sich Entwicklungen erkennen und benennen. Und selbst der leidenschaftliche Laie (in der Rollen sehen wir uns jetzt mal) darf nach einer Halbsaison eine erste Bilanz ziehen: 1. Auch dieses Jahr wird weiblich 2. Der Hip Hop tritt auf der Stelle (auch weil er sich von seinem frauenverachtenden Image, siehe 1, nicht zu lösen vermag) 3. Der Jazz ist endgültig zurück 4. Der Post-Punk erlebt eine weitere Blüte. Natürlich folgt noch eine Reihe weiterer wichtiger Punkte, wir bleiben aber mal bei 4 stehen und behaupten, daß diese These mit dem Hinweis auf die Formation Bodega aus Brooklyn bestens untermauert werden kann ... [mehr]

16
Parquet Courts
"Wide Awake"

Würde man einen Europäer fragen, wer ihm in der Not denn näher stände – der verpeilte Brexit-Brite oder der fehlgeleitete Amok-Amerikaner, er würde wohl doch zum zwar bemitleidenswerten, aber doch humor- und kulturvollen Inselbewohner tendieren. Lustigerweise tut das der Amerikaner manchmal auch, denn ab und an kommt einem eine Band in die Quere, die zwar aus Übersee stammt, aber englischer nicht klingen könnte. So auch Parquet Courts. Schon das letzte Album des Quartetts aus Texas, das unter dem schönen Namen „Human Performance“ 2016 erschien, mischte auf unterhaltsame Weise schmissigen Punk, psychedelischen Spätsechziger-Rock und feine Popideen und auch jetzt sind es vornehmlich die Stranglers und vor allem The Clash, an die einen Andrew Savage und Kollegen erinnern ... [mehr]

15
Young Fathers
"Cocoa Sugar"

Mit den drei Herren müsste dringend mal jemand reden: Es ist doch nun mal so, daß in solch schnelllebigen Zeiten wie heute den meisten Musikern nach einem meisterlichen Debüt in Folge gestiegener Ansprüche der eigene Erfolg zu Kopfe steigt und/oder die Quelle der Kreativität so schnell versiegt wie sie angezapft wurde. Ergebnis: Man müht sich redlich, jedoch ohne den erwarteten Erfolg wiederholen zu können, das Mittelmaß schleicht sich ein und irgendwann, wenn man eben dort angekommen ist, interessiert es auch keinen mehr so richtig, alle schon auf dem Weg zur nächsten Blume ... [mehr]

14
Miya Folick
"Premonitions"

Es ist erstaunlich und ebenso erfreulich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich junge Künstlerinnen im Musikbusiness mittlerweile zu bewegen wissen, ohne es an Glamour und inhaltlicher Relevanz fehlen zu lassen, zwei Dingen, die sich vor Jahren noch kategorisch ausgeschlossen haben. Generierten sich zu früheren Zeiten weibliche Popstars eher als hübsch dekorierte Blaupausen, handwerklich solide talentiert, sonst aber eher harmlos bis nichtssagend, bringt die Emanzipation und die (leider schmerzliche, aber dringend notwendige) #metoo-Debatte eine neue, starke Generation des female rock und pop in die Studios, auf die Bühnen und generell in die öffentliche Wahrnehmung ... [mehr]

13
Steiner und Madlaina
"Cheers"

Wenn es darum geht, den Schlager mit bösen Kommentaren zu bedenken, sind wir ja immer schnell und mit großem Spaß bei der Sache, denn nichts ist einfacher, als Geringschätzigkeit und Überlegenheit zu zeigen. Dabei steckt hinter den Simplifizierungen, Fantastereien, Schönfärbereien ja immer eine auch eine tiefe, nur allzu menschliche Sehnsucht nach dem einfachen Leben, das gut zu einem sein will und nicht mit Widersprüchen, Ungewissheiten und Niederschlägen anstrengt. Die Sehnsucht, dass sich jemand kümmert, Sorgen teilt und man nicht ständig selbst in die Verantwortung gezogen wird. Allzu menschlich, wie gesagt. Oder anders: Es ist komplizierter, leider ... [mehr]

12
Haiyti
"Montenegro Zero"

Darüber sollte es keine zwei Meinungen geben: Der Weg zur Göre aus Hamburg Langenhorn führt nur über ihre Stimme. Oder eben nicht. Denn das grelle, hochgepitchte Organ von Ronja Zschoche alias Haiyti teilt die Zuhörerschaft mit allerschärfster Klinge in bedingungslose Lover und unversöhnliche Hater. Und macht nahezu jeden der zwölf Tracks dieses Albums zum flackernden Fiebertraum. Ein Debüt soll es nach offizieller Zählung sein, obwohl das Girl schon einen weniger beachteten Starter (Havarie, 2015) und drei Mixtapes (City Tarif, Toxic, Nightliner) von vorzüglicher Qualität abgeliefert hat, zusammen mit KitschKrieg, Trettmann, etc. ... [mehr]

11
Eliza Shaddad
"Future"

Es wird ja viel gelobt, wir nehmen uns da nicht aus, einfach weil es weit mehr Befriedigung verschafft, etwas zu finden, das einem gut gefällt und weil auch mehr dazugehört, als dieses oder jenes in der Öffentlichkeit (und sei es auch nur eine kleine) zu zerreißen. Das nun folgende Lob ist nun aber kein überraschtes, kein vorschnelles, unüberlegtes. Denn die Songs der jungen Britin Eliza Shaddad begleiten uns schon seit Jahren und sie sind, das darf man ohne jeden Zweifel behaupten, bei allen Wandlungen, die sie stilistisch genommen haben, immer von bestechender Qualität gewesen sind ... [mehr]

10
Florence And The Machine
"High As Hope"

Vielleicht ist es nicht sonderlich originell, andauernd und überall die Geschlechterkeule auszupacken, in diesem Falle kommt man aber nicht umhin festzustellen: Schon im vergangenen Jahr kamen die wichtigen, die relevanten, die kraftvollsten Alben von Frauen, denken wir an St. Vincent, Fever Ray, Björk, Feist und Charlotte Gainsbourg. Und auch die aktuelle Saison läuft auf ein ähnlich deutliches Ergebnis hinaus – erst Janelle Monáe, dann Lily Allen und nun, tja nun kommt Florence Welch mit dieser Platte. Und zeigt damit, dass nicht nur die Zukunft, sondern schon die Gegenwart weiblich ist ... [mehr]

9
Eminem
"Kamikaze"

Schon jemand gefragt, warum hier nichts zu "Kamikaze" stand, dem neuen Album von Eminem? Berechtigte Meldung. Einfach verpasst? Vielleicht. Others peoples business. Auch. Fest steht jedenfalls, daß nicht das geklaute Beastie-Boys-Cover das Spannendste an der Platte ist, sondern tatsächlich die Musik. Denn Marshall Mathers aka. Slim Shady ist mit der Platte ein ganz und gar beeindruckendes (ähh) Revival gelungen, packend, hart, politisch, ja virtuos. Allein die drei Singleauskopplungen, die hier anstelle von mehr Text stehen, sprechen für sich - also "Fall", "Lucky You (Feat. Joyner Lucas)" und gerade taufrisch geteilt der Titelsong zur Marvel-Verfilmung von "Venom" ... [mehr]

8
St. Vincent
"Masseduction"

Natürlich sagt man so etwas nur hinter vorgehaltener Hand und auch dann noch ganz, ganz leise, denn hier sind Missverständnisse vorprogrammiert: Aber ist es nicht so, daß Männer, die sich selbst medienwirksam zu erbitterten Kämpfern für die Rechte der Frau, gar zu entschlossenen Feministen ausrufen, immer ein wenig suspekt, wenn nicht sogar etwas albern wirken? Denn auch wenn Intention klar und das Ansinnen ehrbar ist, wirkt es doch manchmal so, als wolle der Herr im Haus zeigen, wie man einen ordentlichen Feldzug führt, um am Ende des hoffentlich siegreichen Gefechts freudestrahlend prahlen zu können, ohne ihn, den Mann also, wäre das alles nicht so toll gelaufen? Nun gut, ganz so steil ist diese These auch wieder nicht, ... [mehr]

7
Ganser
"Odd Talk"

Spätestens mit der Single „Pyrrhic Victory“, erschienen im September 2016, war klar: Das hier könnte eine neue Lieblingsband werden. Allein der Name: Hergeleitet aus einem psychischen Krankheitsbild, das man auch unter der Umschreibung „hysterischer Dämmerzustand“ findet – gar nicht lustig, aber angemessen schräg und natürlich maximal befremdlich. Dann der Song selbst: Flatternder Bass, Gitarre und Gesang wiegen sich in bester Post-Punk-Manier, verschroben und eingängig zugleich, Volltreffer. Später die dazugehörige EP „This Feels Like Living“, gefolgt von einer Geduldsprobe – warten. Bis jetzt. Und schlußendlich Erleichterung. Und zwar über einen Entscheidung, die nur auf den ersten Blick widersinnig erscheint ... [mehr]

6
Isolation Berlin
"Vergifte dich"

Wirklich tröstlich ist das nicht: Vor ziemlich genau zwei Jahren, das Debütalbum von Tobias Bamborschke und Isolation Berlin war gerade erschienen, galt Flucht noch als Option. „Fahr weg“, hieß es da, „so weit weg wie es geht, wenn dich doch hier nur alles deprimiert…“ – aus dem Staub machen, entkommen. Ein Jahr darauf folgten fünfzig böse Verse (*), brach sich die Wut, die auf „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ noch aus der Ferne ätzte, endgültig Bahn. Bamborschke platze buchstäblich der „Kotzkragen“, eines der Gedichte hieß „S-Bahn“ und kam mit acht Worten aus: „Leckt mich doch Alle, am Arsch! AM ARSCH!“ Dem war für den Moment nichts hinzuzufügen, jetzt erscheint das zweite Album und die Flucht ist vom Tisch ... [mehr]

5
Janelle Monáe
"Dirty Computer"

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ – meistgehörter Satz der letzten Monate. „Man wird sich ja wohl mal irren dürfen!“ – nicht ganz so oft gehörter Satz in den letzten Monaten, deshalb wollen wir hier mal mit gutem Beispiel vorangehen und einen dicken Irrtum eingestehen, der schon ganze acht Jahre her ist und im schnelldrehenden Musikbusiness eigentlich schon als verjährt gelten sollte. Gleichwohl ist der Missgriff noch immer nachzulesen, deshalb die fällige Entschuldigung: Als wir an gleicher Stelle das Debütalbum von Janelle Monáe namens „Archandroid“ als quietschbunte Wundertüte bezeichnet und in gleichem Atemzug mit dem Argument „viel gewollt – nichts richtig gekonnt“ verrissen haben, lagen wir, das sollte man ruhig zugeben, mal sauber daneben ... [mehr]

4
The Breeders
"All Nerve"

Echt jetzt? Das soll’s gewesen sein? Klingt wie früher und kein Hit dabei? Da hätte man sich von der größten deutschen Tageszeitung doch etwas mehr Wertschätzung erwartet, wenn sich die Geschwister Kelley und Kim Deal nach zehn Jahren wieder zusammenfinden und tatsächlich noch mal eine gemeinsame Platte aufnehmen. Dann lieber hundert Zeilen Hass von Maxim Biller als dreißig gelangweilte von einem Autor, der zu cool für seine eigene Jugend ist und deshalb alles doof findet, was nicht irgendwie abgefahren und hip genug klingt. Ein Trauerspiel, fürwahr. Nicht so diese Platte. The Breeders waren nie eine Singles-Band, Hits wie das tatsächlich grandiose „Cannonball“ entstanden eher im Vorbeigehen, man findet auf den bisherigen vier Alben keine Handvoll davon ... [mehr]

3
Pusha T
"Daytona"

So manch eine/r mag sich gewundert haben, dass sich diesmal kein Album der über alles verehrten Sleaford Mods im Ranking findet - nun, das hat einen einfachen Grund: Sie haben keins gemacht. Sondern eine EP, die selbstredend ausgezeichnet ist, aber eben nicht in diese Aufzählung passt. Was aber nicht heißt, dass Jason Williamson hier nicht seinen Senf dazugeben darf. Die Empfehlung für Pusha T und dieses zwar ebenfalls sehr kurze, aber wunderbare Album stammt nämlich von ihm. Rezensiert haben wir es nicht (waren zu spät), reinhören, kaufen, das alles lohnt sich aber unbedingt ... [mehr]

2
Idles
"Joy As An Act Of Resistance"

Es ist nicht ganz so einfach zu sagen, was die Idles besser machen als andere. Wütende Bands gibt es hier und heute viele, die Zeiten, ob im Provinzkaff nebenan, weit drüben in Amerika oder im einst so stolzen Königreich, sie sind danach. Aber Wut braucht nicht nur Lautstärke. Sie braucht auch Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit, Auswege, sonst bleibt sie blind und zerstörerisch, sonst nutzt sie niemandem. Joe Talbot, Sänger des Quintetts aus Bristol, hat aus seinem gerechten Zorn nie ein Hehl gemacht. Schon auf dem fulminanten Debüt „Brutalism“ hat er gegen verstockte Traditionen, Denkmuster und Vorurteile angebrüllt, hat Porzellan zerschlagen. Und tut es wieder, so roh, pur und ungekünstelt, dass man ihn dafür lieben muss ... [mehr]

1
Christine And The Queens
"CHRIS"

Schon klar, am Ende muß jeder selbst entscheiden, ob und wie sehr er sich darauf einlässt. Aber was kann es denn in Zeiten, wo man das Gefühl hat, von lauter Schrumpfhirnen umgeben zu sein, die nichts mehr und höher schätzen als das ewig gleiche „Weiter so!“, schöneres geben, als auf diese Art irritiert, verunsichert, vielleicht provoziert zu werden? Schon als die ersten Bilder der „neuen“ Héloïse Letissier im Netz auftauchten, fragte man sich gespannt, wie weit sie damit gehen, wie konsequent Christine (der neue Name Chris so kurz wie ihre Haare) dieses Spiel wohl treiben würde. Oder ist es am Ende gar kein Spiel? Ist diese Transformation ihr Ernst und nicht nur professionelles Medienspektakel? Nun, die Konsequenz jedenfalls manifestiert sich in der Weigerung zur endgültigen Entscheidung – keine Festlegung von ihr zu haben, wer und wie sie ist, zu wem sie sich hingezogen fühlt, wen sie liebt ... [mehr]

Samstag, 15. Dezember 2018

Pink Turns Blue: Wieder zurück

Selbst deutscher Post-Punk hat draußen noch einen guten Namen, auch wenn es hier um einen doch schon sehr alten geht: Die Online-Seite Brooklyn Vegan hat nämlich gerade vermeldet, dass Pink Turns Blue aus Köln eine ausgedehnte Tour planen. Eine Band also, von der man gar nicht so genau wußte, ob und in welcher Besetzung sie überhaupt noch aktive waren. Ihre Wikiseite vermeldet das offizielle Aus zwar 1995, danach haben sie aber weiterhin auf kleineren Indielabels veröffentlicht, zuletzt 2016 das Album "The AERDT - Untold Stories". Welches Material sich auf der Setlist wiederfindet, wird der 9. Februar zeigen, dann nämlich startet der erste Gig auf dem Grauzone Festival PAARD im holländischen Den Haag.

08.03.  München, Feierwerk
09.03.  Freiburg, Crash
18.05.  Oberhausen, New Waves Day Festival
20.07.  Köln, Amph Festival
07.09.  Deutzen, NCN Festival
18.10.  Hameln, Autumn Moon Festival