Mittwoch, 10. Oktober 2018

Deafheaven: Programmänderung

Deafheaven
Support: Inter Arma
Kranhalle, München, 9. Oktober 2018

Das ist ja gerade das Schöne an einer Band wie Deafheaven. Dass man während eines Konzertes nicht nur ordentlich den Schädel vertrimmt bekommt, sondern auch noch genügend Gelegenheit hat, Feldstudien zu ihrem außergewöhnlichen Status zu betreiben. Bekanntlich bedient die Blackgaze-Formation aus San Francisco nur wenige der gängigen Klischees der Schwermetall-Szene – angefangen bei der außergewöhnlichen Gestaltung ihrer Tourposter, Plattenhüllen und Merch-Shirts (sogar eines mit Sonnenblumen ist jetzt im Sortiment) bis hin zum markantesten Unterschied, der Vermischung infernalischen Krachs mit zarten Shoegazing-Melodien. Und so finden sich im Publikum auch an diesem Abend neben den üblichen Morgoth- und Cannibal-Corpse-Hoodies erstaunlich viele Hipsterbärte und Basecaps, selbst Barbour- und Steppjacken werden gesichtet, deren Träger im Normalfall vom ultraorthodoxen Puristen anssatzlos aus dem Saal geschmissen würde. Nicht so hier, dafür ist der Sound dann doch zu ungewöhnlich. Nach der Tour zum doch recht düsteren „New Bermuda“ vor zwei Jahren, auf der sie noch im etwas größeren Nachbarsaal des Münchner Feierwerks auftraten, durfte man gespannt sein, wie die aktuelle Platte „Ordinary Corrupt Human Love“ live funktionieren würde.



Neben dem fast schon balladesken Duett zusammen mit Chelsea Wolfe („Night People“) finden sich dort erstaunlich viele Gitarrenriffs konventioneller Machart, alles wirkt etwas lichter und kontrastreicher. Die beiden Gitarristen Kerry McCoy und Shiv Mehra haben augenscheinlich viel Spaß an den neuen Texturen und haben für die acht Stücke des Abends so etwas wie eine Bühnenchoreo erarbeitet. Was soviel heißt, als daß sie sich etwas bewegen können und zwischendurch sogar als Backgroundchor Dienst tun – keine ganz gewöhnliche Sache. Unverändert dagegen Sänger George Clarke – die Gesten sind sparsam, das jetzt längere Haupthaar wirbelt verschwitzt durch die Gegend und sein weidwundes Gebrüll geht einem noch immer durch Mark und Bein. Ein paar Worte nur ans begeisterte Publikum (von dort reckt jemand zur handelsüblichen Pommesgabel tatsächlich ein halbvolles Weinglas (!) in die Höhe), wobei die Grußadresse an München recht emotionsarm ausfällt und der Hinweis, das gut zehnminütige „Glint“ vom neuen Album spiele man hier zum ersten Mal auf der Tour, schlicht gelogen ist. Egal, Ausnahmestellung bestätigt, Ohren taub – Abend gelungen.


Freitag, 5. Oktober 2018

Eminem: Freaky

Schon jemand gefragt, warum hier nichts zu "Kamikaze" stand, dem neuen Album von Eminem? Berechtigte Meldung. Einfach verpasst? Vielleicht. Others peoples business. Auch. Fest steht jedenfalls, daß nicht das geklaute Beastie-Boys-Cover das Spannendste an der Platte ist, sondern tatsächlich die Musik. Denn Marshall Mathers aka. Slim Shady ist mit der Platte ein ganz und gar beeindruckendes (ähh) Revival gelungen, packend, hart, politisch, ja virtuos. Allein die drei Singleauskopplungen, die hier anstelle von mehr Text stehen, sprechen für sich - also "Fall", "Lucky You (Feat. Joyner Lucas)" und gerade taufrisch geteilt der Titelsong zur Marvel-Verfilmung von "Venom". Allesamt ziemlich freaky, aber wir haben von ihm ja gottlob nichts anderes erwartet.





Donnerstag, 4. Oktober 2018

Kagoule: Die Stadt der Stunde

Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass Nottingham in diesem Blog unterrepräsentiert wäre. Was zu einem nicht ganz unwichtigen Teil an unserer schier grenzenlosen Verehrung für die Sleaford Mods liegt, die sich nun schon über erstaunlich viele Jahre hält und nicht einen Jota abgenommen hat. Zudem haben wir vor kurzem mit John Paul einen weiteren Sohn der Stadt ins Herz geschlossen, der ähnliche Felder wie die Mods beackert und deshalb unbedingt mit seinem Album "No Filter" erwähnt gehört. Bei all der Freude über rappende Grantler wollen wir allerdings nicht unterschlagen, daß auch in Sachen Grunge und Indierock gute Arbeit am Sherwood Forest geleistet wird - womit wir unweigerlich bei Kagoule landen. Die haben 2015 mit "Urth" noch immer eines der überraschendsten Debütalben hingelegt und seit Ankündigung des Nachfolgers "Strange Entertaiment" für den 26. Oktober eine Reihe weiterer famoser Songs folgen lassen. Heute ist das "It's Not My Day" (was wir aus ebenjenem Grund nun wieder nicht behaupten können) - sie kann also gern kommen, die zweite Platte.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

The Breeders: Zeitsprung

Man kann nur hoffen dass das kein Sinnbild und das letzte Wort noch nicht gesprochen ist: Im Video zu "Spacewoman", der aktuellen Single der Breeders, läßt Regisseur Richard Ayoade zunächst die Deal-Schwestern in Kostümen durch die Gegend wandeln, die wahlweise an die Netflix-Serie "The Rain", "Outbreak" oder die hiesige Imkerzunft erinnern. Am Ende stehen beide Damen dann vor einem brennenden time leap und entsorgen dorthin zuerst ihre Instrumente, bevor sie danach selbst ins Ungewisse treten. Keine Breeders mehr, keine nächste Platte?! Nachdem wir uns doch gerade erst so über das mehr als gelungene Comeback-Album "All Nerve" gefreut hatten. Es wäre nur allzu schade ...

Eliza Shaddad: Damenwahl

Bei Damenwahl wäre das sicher schneller gegangen: Man fragt sich tatsächlich, wann denn eigentlich einer von den Stieseln im Hintergrund mal auf die Idee kommt, die Dame im rosa Tüll zum Tanz aufzufordern. Schließlich ist das nicht irgendwer, sondern Eliza Shaddad und diese singt einen weiteren bezaubernden Song aus ihrem am 28. Oktober bei Beatnik Creative erscheinenden Album "Future". "Just Goes To Show" ist einer von mehreren Songs, den die junge Londoner Debütantin bislang aus der Platte ausgekoppelt hat und auch der klingt, keine große Überraschung, so wunderbar wie der Rest.

10.12.  Hamburg, Nochtwache
11.12.  Berlin, Privatclub
13.12.  Baden, Zum Alten Hasen

Dienstag, 2. Oktober 2018

Art Brut: Mach's noch einmal, Eddie! [Update]

Lang, lang ist's her. Da galten Art Brut mal als das ganz große Ding der Stunde. "Modern Art makes me want to rock out!" - Zeilen wie diese waren wie Gebete und die Konzerte dazu heilige Messen mit ganz viel Communio. Sie haben lange Zeit versucht, das Feuer am brennen zu halten, doch irgendwann war die Luft raus und Eddie Argos der Anstrengungen müde. Dann kamen die Idles und "Brutalism" und da war selbst für diese Kunst eine neue Leinwand gefunden. Aber irgendwie wollen sie keine Ruhe geben, es wurde reichlich umbesetzt und nun kommt tatsächlich eine neue Platte in Umlauf. "Wham! Bang! Pow! Let's Rock Out" klingt wie die Beschwörung der guten, alten Zeiten und hört man sich den Titelsong an, möchte man auch gleich daran glauben. Einem Eddie ist schließlich alles zuzutrauen...

Update: Nach dem possierlichen Tiervideo ganz im Sinne von Bernhard Grzimek (Do you remember the Steinlaus?!) gibt es jetzt zur zweiten Single "Hospital!" ein paar lustige Eierköppe zu bestaunen - es bleibt also höchst unterhaltsam.



Montag, 1. Oktober 2018

Peter Bjorn And John: Fragende Blicke

Etwas muss passiert sein in den Stockholmer Atlantis-Studios. Das letzte Album des schwedischen Poptrios Peter Björn And John klang noch nach ausgelassenem Kindergeburtstag, auch das Artwork sah noch gewohnt spaßig aus. Doch nun - zerbröselte Knochen und die drei Herren mit fragendem Blick unter einer glimmenden Neonröhre? "Darker Days"? So nämlich nennt sich ihre neue Platte, die am 19. Oktober erscheinen soll. Doch weil wir noch keine Originaltöne haben, bleiben uns vorerst nur Vermutungen und ein paar Takte vom letzten Wurf "Breakin' Point" und der Single "Dominos".

18.10.  Wien, Flex
20.10.  Berlin, Scope Festival


Update: Und weil eine richtig gute Band alles gemeinsam macht, gibt es nun von unserem Trio gleich drei Songs auf einen Schlag, jeder von einem anderen Mitglied intoniert. Auf der Website der Jungs kann man die Clips per Tastendruck interaktiv auswählen, wer es lieber auf die konventionelle Art mag, der darf gleich hier weiterschauen - nacheinander also "Every Other Night", "Gut Feeling" und "One For The Team".





Sisteray: So muss das [Update]

So, einen kleinen Wachmacher kann dieser träge Sonntag ruhig vertragen. Was würde da besser passen als die neue Single "Wannabes" von der Londoner 4-Mann-Kapelle Sisteray. Der Song stammt von ihrer neuen EP "Sisteray Said", die am 7. September bei Vallance Records veröffentlicht wird. Und er klingt so selbstbewußt und rotzig, wie das britischer Rock nun mal eben muß.

Update: Die machen halt nicht nur coole Musik, sondern sehen auch so aus - Beweis ist das neue Video zur Single "Wannabes", gerade von Zuzana Dahamshy abgedreht.



Sonntag, 30. September 2018

John Paul: Klare Worte

John Paul
„No Filter“
(Harbinger Sound)

Klar kann das nur als Witz gemeint sein, wenn Steve Underwood, Manager des Labels Harbinger Sound, zum besseren Verständnis auf seiner Seite vermerkt „no relation to the former Pope“. Denn die Verwechslungsgefahr zwischen dem Musiker aus Nottingham und einem der Päpste, ob nun I, II oder XXIII, ist denkbar gering – obschon man den alten Kirchenmännern manchmal eine ähnlich klare und aufrüttelnde Sprache gewünscht hätte. Dieser Johannes jedenfalls ist weniger Schlichter und Seelsorger, er befasst sich eher mit dem Benennen von Missständen, dem Anprangern des erbarmungswürdigen Zustandes der britischen Gesellschaft und der Sozialsysteme nach acht Jahren Tory-Regentschaft, den Folgen des verdammten Brexits. Natürlich kommt man nicht umhin, hier auf die Sleaford Mods zu verweisen, die Paul sowohl in thematischer als auch musikalischer Hinsicht sehr nahe stehen und deren Frontmann Jason Williamson des Lobes dieser Platte nicht müde wird. Besagtem Steve Underwood gebührt das Verdienst, sie auch im Studio zusammengebracht zu haben, 2015 erschien die gemeinsame Single „I’m Shit At It“.



Der Unterschied heute? Nun, wo die Mods meistenteils auf repetitive LoFi-Beats und düstere Basslines setzen, arbeitet Paul gern im erweitertem Spektrum – Dubsound, Trip-Hop, Techno und Breakbeats sind ebenso erlaubt wie Bläsersätze (gleich ein paar bedrohliche Jericho-Fanfaren zu Beginn) und vorsichtige Andeutungen beschwingter Dance-Rhythmen. Textlich allerdings sind sich beide Parteien sehr ähnlich. „Another day, another disease“, Paul schimpft kräftig über die Versäumnisse und falschen Versprechungen der politisch Verantwortlichen und in „This Is England“ gibt er auch dem englischen Nationalstolz (unterstrichen von den schnell geschnittenen Videosequenzen der Regisseurin Katy Bauer) kräftig eine mit. Dem bildhaften Motto des Albumcovers – nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – setzt er seine giftigen Brandreden entgegen, einer mehr, der den Mund aufmacht, einer mehr, der nicht schweigen will, wenn andere sich ducken. Wie wichtig diese Platte gerade jetzt in Europa, in England ist, kann man täglich in den Nachrichten sehen.

At Pavillion: Der nächste Schritt

Eine Notiz, die wir in den letzten Wochen unbedingt bringen wollten, ist leider etwas in Vergessenheit geraten - wir holen sie jetzt gern und pflichtschuldig nach: Die Wiener Kapelle At Pavillion wird einigen Besuchern des Hamburger Reeperbahn-Festivals wohl noch in guter Erinnerung sein, dort nämlich sind sie gerade erstmals aufgetreten und wir verraten kein Geheimnis - sie waren sehr aufgeregt. Kunststück, so viele Songs gibt es offiziell noch nicht zu hören von dem Quartett. Dabei sind Mwita Mataro, Bernhard Melchart, Paul Majdzadeh und Tobia Kobl mit ihrem soulig-funkigen Indierock in ihrer Heimat schon zu einiger Bekanntheit gelangt, der Sprung nach Deutschland und in die Schweiz ist aber schon noch mal eine andere Nummer. Bange muß ihnen davor allerdings nicht sein, nimmt man die aktuellen drei Stücke "All Eyes On", "Stop This War" und "Lions", dann ist der Erfolg des Albums "Believe Us" (bald via Las Vegas Records) ein Selbstläufer.





Samstag, 29. September 2018

Estrons: Wichtiger denn je

Estrons
„You Say I’m To Much, I Say You’re Not Enough“
(Gofod Records)

Tali Källström ist eine dieser zornigen jungen Frauen, die man jetzt immer häufiger hört und sollte jetzt jemand auf die Idee kommen, so langsam reiche es aber mal mit diesem ganzen Feminismus- und #MeToo-Kram, dann möchte man ihm gleich noch mal „Make A Man“ und „Body“ vorspielen. Zwei der mutmaßlich besten Songs also vom neuen Album der walisischen Estrons, die sich genau an solche Leute richten, die meinen, die Diskussionen um Gleichberechtigung, Geschlechterrollen und sexuelle Freiheit seien viel zu überzogen und würden dem doch schon recht aufgeklärten und toleranten Zustand unserer westeuropäischen Gesellschaft überhaupt nicht gerecht. Bullshit! Sagt sinngemäß auch Källström, oder besser schreit es in den zehn Stücken einem jeden, der es besser wissen will, regelrecht ins Gesicht. Schroffe Gitarren und hohes Tempo als Begleitung gleich vom Start weg – hier hat jemand keine Zeit zu verschenken, Dringlichkeit ist angesagt und durchaus hörbar.



„Lilac“ und „Killing Your Love“ kommen mit der vollen Breitseite Alternativrock daher, danach besagte Adresse an die Männerwelt, aus der klar hervorgeht, dass Källström nicht im Entferntesten gewillt ist, sich mit dem zufrieden zu geben, was sie kriegt. Sondern lieber selbst die Ansagen macht, wie sie sich den Gegenüber vorstellt, wie sie ihn zu dem Mann macht, den sie braucht. Die Musik von Estron ist körperlich, hart, kompromißlos wie die Sängerin selbst, gerade „Body“ mit dem dazugehöringen Video unterstreicht das: „Das Video für Body zu drehen war eine der erschreckendsten und befreiendsten Erfahrungen meines bisherigen Lebens. Seit Jahrtausenden wird Kunst verwendet, um ein Paradigma dafür zu schaffen, wie unser Körper aussehen sollte. Es unterdrückt uns, es schafft das Unerreichbare, das die Menschheit an den Punkt der Verurteilung, der Selbstverleugnung und der Depression führt. In diesem Video geht es darum, das Reale zu studieren. Feier dich selbst. Sexualisiere dich selbst und sieh statt der Fehler viel mehr den, der du wirklich bist." Soll noch einer kommen und behaupten, das sei nicht von Bedeutung. https://www.estrons.com/

Freitag, 28. September 2018

Christine And The Queens: Ihr Weg

Christine And The Queens
„CHRIS“
(Because Music/Universal)

Schon klar, am Ende muß jeder selbst entscheiden, ob und wie sehr er sich darauf einlässt. Aber was kann es denn in Zeiten, wo man das Gefühl hat, von lauter Schrumpfhirnen umgeben zu sein, die nichts mehr und höher schätzen als das ewig gleiche „Weiter so!“, schöneres geben, als auf diese Art irritiert, verunsichert, vielleicht provoziert zu werden? Schon als die ersten Bilder der „neuen“ Héloïse Letissier im Netz auftauchten, fragte man sich gespannt, wie weit sie damit gehen, wie konsequent Christine (der neue Name Chris so kurz wie ihre Haare) dieses Spiel wohl treiben würde. Oder ist es am Ende gar kein Spiel? Ist diese Transformation ihr Ernst und nicht nur professionelles Medienspektakel? Nun, die Konsequenz jedenfalls manifestiert sich in der Weigerung zur endgültigen Entscheidung – keine Festlegung von ihr zu haben, wer und wie sie ist, zu wem sie sich hingezogen fühlt, wen sie liebt. Keine Qual der Wahl, sondern absolute Freiheit einzufordern und auch zu bekommen. Und mit der öffentlichen Wahrnehmung zu leben – im Spiegel war sie vor Jahren noch “Der Popstar aus der Transenbar”, die ZEIT ruft sie nun zur gegenwärtigsten aller Popkünstlerinnen auf. The times they are a changin…



Lustigerweise ist die konservativste Seite der Musikerin Letissier ihre Musik selbst. Stilistisch führt sie der Weg weit zurück in die verspielten, künstlich-kühlen Synthpop-Welten der 90er. Und es bliebe frostig, würde sie nicht wieder all ihre Leidenschaft, ihre Stimme, ihren Körper, den Gestus, den Tanz hinzufügen. Kaum jemand gibt sich, und da ist man tatsächlich schnell bei der vielzitierten Nähe zu Madonna, so mehrdimensional, vielschichtig, niemandem sonst gelingt es derzeit, die Reichhaltigkeit der eingesetzten Elemente in solch perfektes Zusammenspiel zu inszenieren wie Christine And The Queens. Die Bewegungen, ob trotzig, lässig, wild oder geschmeidig fließend, bringt sie stets in Einklang mit dem Sound, wahlweise zackig und funky, schwelgerisch chansonhaft oder auch mal von reduzierter Zartheit. Und eben auch schonungslos ehrlich, wenn es um Äußerlichkeiten geht. All die Rollenspiele in ihrem Videoclips sprechen die gleiche Sprache von der Sehnsucht nach Vielfalt und Imperfektion, nichts zu sehen von der weichgezeichneten Welt der Hochglanzprofile, keine Angst vorm Scheitern, Letissier trägt die Narben, Flecke, Schrammen und Unebenheiten ihrer Haut wie Auszeichnungen.



Es gibt von diesem Album wie auch beim vielbejubelten Debüt „Chaleur humaine” eine französische und eine englische Version – nun gut, letztere hilft vielleicht zum besseren Verständnis der Texte und ist im Sinne des Dienstleistungsgedankens sicher zu begrüßen. Wirklich getragen werden die Stücke aber nur von der Muttersprache. Das herzzerreißende „La Marcheuse“ (mit dem traurigen Blick auf den Stier), ein nicht minder berührendes „5 Dols“, „L’Etranger“ zuckt und flimmert in abgebremstem Midtempo, der Höhepunkt zuvor mit „Machin-chose“, dieser wunderbar traurigen Vergegenwärtigung von Vergänglichkeit und dem unabänderlichen Lauf der Dinge. Es sind wohl eher die langsamen Songs, die von „CHRIS“ in Erinnerungen bleiben (auch wenn „Damn, Dis-Moi“ und „Doesn’t Matter“ wirklich beeindruckende Tänze hinlegen können), wohl weil Letissier ihnen ein Maximum an Gefühl, an Intensität mitgeben kann. Ihre Entschlossenheit, ihre Verletzlichkeit und Hingabe sind Ausweise einer bemerkenswerten Entwicklung, die von jeder Menge Mut zeugen. Für den sie allen Respekt verdient, denn ein besseres Beispiel für jugendliche Selbstbestimmtheit wird sich nicht so schnell finden lassen. http://www.christineandthequeens.com/

15.10.  Berlin, Columbiahalle

Donnerstag, 27. September 2018

LCD Soundsystem: No Future [Update]

LCD Soundsystem
„American Dream“

(DFA)

Hatte wirklich jemand angenommen, dieser Mann würde die Sache mit der Rückkehr ohne die nötige Ernsthaftigkeit, also mit einem irgendwie halbherzig zurechtgeschusterten Album angehen? Nun, James Murphy läßt sich vielleicht gern mit weit aufgerissenem Mund beim Gähnen ablichten und die Eingangssequenz seiner herrlichen Konzertdoku „Shut Up And Play The Hits!“ zeigt ihn ja auch, wie er sich mit Mühe aus dem Bett seines Appartements wälzt. Aber der Kreativkopf der New Yorker Elektropunk-Kolchose LCD Soundsystem, da sollte man sich nicht täuschen lassen, ist ansonsten ein überaus ausgeschlafenes Kerlchen, der genau weiß, welches Risiko er mit diesem Vorhaben eingegangen ist und daß dieser Schritt in der Branche eigentlich als unverzeihlicher Kardinalfehler gilt und jedem anderen als Geltungssucht, Verbohrtheit, Altersstarrsinn, Geldgier (oder im schlimmsten Falle gleich alles zusammen) ausgelegt worden wäre. Er hat schließlich seiner Zeit nicht nur ein seitenlanges Erklärungsschreiben zur anstehenden Reunion seiner Band verfasst (bevor Medien erst sozial, später asozial wurden, nannte man so etwas einen „Offenen Brief“), sondern mit „Change Yr Mind“, ebenso ungewöhnlich, seine Gedankenwelt dazu auch noch in einen seiner neuen Songs verpackt.

Natürlich ist es eine ganz und gar vorzügliche Platte geworden. Und auch wenn mancher Track auf dem monumentalen Doppeldings vielleicht eine Spur zu lang geraten ist (was im Übrigen auch auf den vorangegangenen Werken der Band üblich und sogar gewünscht war), entspricht das ja eher dem ureigenen Stil des Kollektivs, welches seit jeher funkige und punkige Loops zum Zwecke der Masseneuphorisierung endlos aneinander koppelte – get to trance, Baby! Und damit nicht genug: Denn wir reden hier vom wahrscheinlich besten David-Bowie-Album nach dem viel zu frühen Ableben des Meisters selbst. Nicht erst jetzt, aber besonders nach dem Tod des dünnen weißen Magiers zeigt sich gerade im aktuellen Geschäftsjahr, von welche essentieller Bedeutung Leben und Werk des musikalischen Chamäleons für viele Künstler war, James Murphy ist da nicht allein. Er hat schon früher oft und gern mit Bowie kollaboriert und zeigt auch jetzt auf „American Dream“, wie nahe er ihm in vielerlei Hinsicht steht. Viele der Stücke, stellvertretend könnte man vielleicht „I Used To“ nennen, erweisen sich als ähnlich wandelbar, vielgestaltig und stilübergreifend und machen so den schmerzlichen Verlust vielleicht ein wenig erträglicher.



Wie tief dieser bei Murphy selbst noch sitzt, davon singt er in epischer Breite bei „Black Screen“, dem letzten Song des Albums – ganz der „Space Oditty“ verpflichtet, spürt er seinem Idol sowohl im weiten Raum des Hier und Jetzt als auch im Kosmos überhaupt nach, zwölf Minuten traurige Besinnlichkeit zum Fade Out. Generell aber, zumindest musikalisch, ein unendlicher Spaß: stampfende, schnalzende, pochende Beats überall, die Drums mal blechern, mal synthetisch maximal gepitcht, jeder Track ein signature move für dankbare Fans und auch die Reminiszenzen an die eigentlichen Gründerväter, also Joy Division und New Order, werden keinesfalls vergessen („Call The Police“/„Emotional Haircut“). Zu guter Letzt, das läßt sich nicht verkennen, steckt dem Longplayer natürlich auch der Trump mächtig in den Knochen: Politische Bewußtseinsbildung, also Enttäuschung, Wut, Unsicherheit im Großen wie im Privaten spiegeln sich hier wider, die Umarmung der grauen, gestrigen, aber eben auch vertrauten Zeiten („Call The Police“) kommt auf’s Tablett sowie der Unbill zunehmenden Alterns („American Dream“) oder der Verlust enger Freunde („How Do You Sleep“). Der Punk in Murphy sagt „No Future“, wird melancholisch und bereitet doch sehr viel Freude. Gut gemacht! https://lcdsoundsystem.com/

Update: Der aktuelle Clip zu "oh baby" wurde von keinem Geringeren als Rian Johnson (Regie zu "Star Wars - Der letzte Jedi") gedreht, in den Hauptrollen des beeindruckenden Kurzdramas Sissi Spacek und David Strathaim.

J Mascis: Gute Nachricht, billiger Witz [Update]

Und da ist sie wieder - diese Gitarre! Der Mann dahinter heißt natürlich J Mascis und auch wenn diese Nachricht nicht mehr ganz taufrisch ist, gehört sie doch aufgeschrieben und auch mit dem hintersten Winkel geteilt: Der graue Star (ganz schlimmer Witz, schon klar) wird am 9. November nach "Several Shades Of Why" und "Tied To A Star" sein nächstes Soloalbum namens "Elastic Days" (sehr feiner Titel wiederum) via Sub Pop veröffentlichen, mit "See You At The Movies" gibt es auch schon einen ersten Song davon zu hören, elf weitere werden folgen.

Update: Mit "Everything She Said" gibt es hier auch schon Song Nummer zwei vom neuen Album zu hören.



Spiritual Cramp: Into the groove

Was sonst, wenn nicht mal wieder Post-Punk? Dieser hier stammt von der sechsköpfigen Formation Spiritual Cramp aus San Francisco - ihre Stärke ist nicht die Düsternis, sondern eher Härte gepaart mit funkigem Groove. Zumindest, was die neue Single "The Erasure" angeht, die sich etwas vom Sound der ersten beiden EP "Police State" und "Mass Hysteria" unterscheidet. Frontmann Michael Binghams Stimme eiert schön und der Bass treibt die Szenerie ordentlich an. Infektiös, das. Der Track ist einer von vier neuen und gehört auf die 12" "Television", die im nächsten Monat bei Deranged erscheint.

Mittwoch, 26. September 2018

Dilly Dally: Urgewaltig

Dilly Dally
„Heaven“
(Partisan Records)

Ganz klar, mit einem Begriff wie USP muß man Katie Monks nun nicht kommen. Die Sängerin hat mit marktwirtschaftlichem Kauderwelsch vermutlich weniger als nichts am Hut. Und doch brauchen wir für die neue, zweite Platte ihrer Band Dilly Dally aus dem kanadischen Toronto eine solche Beschreibung, wenn wir begründen wollen, warum gerade diese Formation so erfolgreich ist. Nutzen wir der Verständlichkeit halber also besser das Wort „Erkennungsmerkmal“ – und meinen damit natürlich nichts anderes als Monks markante Stimme. Schon auf „Sore“, dem Debüt der vier, mit dem sie vor drei Jahren erste Erfolge feierten, war diese beeindruckend, unvergesslich. Und ist es noch immer. Wie eine offene Wunde klingt dieser Gesang zumeist. Eröffnet weich, zart verführerisch und wird dann zu einem Schreien und Krächzen, das man so eher dem Metal zuordnet als dem Grungepop. Zusammen mit Gitarristin Liz Ball, Bassist Jimmy Tony und Benjamin Reinhartz an den Drums spielen Dilly Dally noch immer einen herrlich rohen und dennoch hochmelodischen Sound, mehrheitlich schwer und ausufernd. Unter den neun aktuellen Songs sind so wunderbare wie „Doom“, „Pretty Cold“, „Marijuana“ oder auch „Bad Biology“, es geht wild und ungezügelt zur Sache und kracht gar mächtig im Gebälk. Die Themen sind vielleicht das konventionellste an der Platte – sexuelle Orientierung, kaputte Beziehungen, Liebeswirren, Lebenslust. Höchst gelungen, viel mehr gibt’s nicht zu sagen – man muss „Heaven“ besser fühlen! http://www.dillydallyband.com/

03.10.  Berlin, Maze Club

The Prodigy: Freigedreht [Update]

Hui, das sind dann so die Momente, wo man in de Mitte treten und ausrufen will: Hey, Jungs, jetzt kommt mal wieder runter! Nicht? Nee, ist vielleicht besser so. The Prodigy haben gerade  für den 2. November ihr neues Album "No Tourists" angekündigt, es ist das siebte nach "The Day Is My Enemy", bei dem ja unter anderem auch die Sleaford Mods zu Gast waren. Die erste Single zur Platte "Need Some1" haben sie gemeinsam mit Regisseur Paco Raterta in Manila aufgenommen, wo die Dichte an durchgeknallten Typen überdurchschnittlich groß ist, das also mithin genau der richtige Ort ist für Liam Howlett und Kollegen.

Update: Neuer Song und ein paar mehr Termine - mit "Light Up The Sky" bringen The Prodigy wieder etwas Wumms! in den tristen Herbst.

11.08.  Hildesheim, Mera Luna Festival
27.11.  Berlin, Max-Schmeling-Halle
28.11.  München, Zenith
04.12.  Frankfurt, Festhalle
05.12.  Düsseldorf, Mitsubishi Electric Hall



Spirit Award: Oberste Wahrheit [Update]

Über nichts wird ja in letzter Zeit so leidenschaftlich gestritten wie über die Wahrheit und die Frage, wer denn nun die ultimative besitzt und was mit denen ist, die meinen, sie nach ihren Zwecken umbiegen zu können. Man muß deshalb nicht gleich mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Großmeister in Sachen Fake-News und alternative Fakten drüben in den USA deuten, schon in der nächsten Umgebung spielt sich oftmals ähnliches ab. Die dreiköpfige Psychpop-Band Spirit Award aus Seattle beschäftigt sich ebenfalls mit solchen Themen, gerade haben sie ihre neue Single "Supreme Truth" veröffentlicht - diese handelt von Shoko Asahara und seiner ziemlich üblen Bewegung “Aum Shinrikyo”, die 1995 den Sarin-Anschlag auf die U-Bahn von Tokio verübte und von der Frage, wie sich aufgeklärte Menschen von Religion und Todeskult faszinieren und verführen lassen. Das Stück folgt dem letztjährigen Debütalbum "Neverending" der Formation, bald soll mit "Muted Crowd" die nächste Platte folgen.

Update: Mit "Dark Night Of The Soul" begrüßen wir nun den zweiten Song vom neuen Album - auch das bestechender Psychedelic-Rock.

Dienstag, 25. September 2018

Jeff Tweedy: Mann mit Stil

Er ist keiner, der so schnell die Lust verliert: Von jemandem, der so viele Platten, Songs geschrieben und veröffentlicht hat wie Jeff Tweedy, möchte man annehmen, irgendwann kehre Ruhe ein, irgendwann würde auch er es langsamer angehen lassen. Das letzte Wilco-Album "Schmilco" stammt aus dem Jahr 2016, im vergangenen ist sein erstes Solowerk "Together At Last" erschienen. Zwischendrin musizierte der Tweedy noch mit seinem Sohn Spencer - a lot of work done also. Nun hat der Mann für den 30. November einen weiteren Alleingang angekündigt, "Warm", so der Titel, wird elf neue Stücke enthalten und mit "Some Birds" schickt er einen ersten Vorgeschmack samt Video ins Rennen. Der Clip stammt übrigens von Seth Henrikson, dieser schwärmte gerade von des Künstlers sensationellem Songwriting, wollte aber auch erwähnt wissen, dass der Clip ebenso Tweedys sicheres Gespür für stilvolle Herrenmode und schicke Frisuren honoriere. Und wo der Mann recht hat ...

Montag, 24. September 2018

Scarves: Am Ende des Tages [Update]

Dringend erwähnenswert scheint uns heute diese Band aus Seattle: Die Scarves haben sich vor einiger Zeit dem Label Good Eye Records angeschlossen, dort werden sie am 28. September ihr neues Album "Dinner Dates For The End Of Days" veröffentlichen. Das Trio besteht aus dem Bandgründer Niko Stathakopoulos, Drummer Coel Watts und Gitarrristin Nessa Grassing, dem Papier nach spielen sie "math-rock emo-punk". Die aktuelle Vorabsingle "Arrow" jedenfalls flirrt ziemlich hektisch, das gilt im Übrigen auch für die beiden zuvor erschienenen Stücke "Collapse" und "Crushed Ice". Alles schön schief hier, das sollte ein feines Album werden.

Update: Wenn's so gut ist, darf man auch mal so schnell nachlegen wie hier - Song Nummer vier vom künftigen Album, "Sweet Tooth".