Freitag, 6. März 2020

The Whitest Boy Alive: Weiterfrickeln?

Okay, der Preis für den Titel des Tages ist nun schon weg, dann vergeben wir wenigstens den Spitzenplatz für Überraschungen an The Whitest Boy Alive. Laut gleichlautenden Meldungen verschiedener Auskennerportale haben sich die Herren - eigentlich seit 2014 getrennt - während eines Besuches in Buenos Aires für einen Studioaufenthalt zusammengefunden und zwar ausdrücklich mit Erlend Oye, dem Kopf der funkigen Frickeltruppe. Herausgekommen ist ein Song namens "Serious" und ein Foto aus dem Proberaum, der die Hoffnungen auf ein baldiges neues Album beflügelt. Vorerst wollen sie aber erst einmal ein paar Sommerkonzerte spielen, so hört man.



Viagra Boys: First Aid Kit

Viagra Boys
"Common Sense"

(Year 0001/Rough Trade)

Nein, davon kann man nicht genug bekommen. In Zeiten der Übercorrectness, wo man sich jeden Pups dreimal überlegen muß (bitte nicht zu verwechseln mit "das wird man ja wohl noch sagen dürfen!") ist eine Truppe wie die herrlich verstörenden Viagra Boys aus Schweden eine Art Überlebenselixier. Das war schon im vergangenen Frühjahr so, als ihr Debüt "Street Worms" erschien und für reichlich skeptische Blicke hier und deshalb berechtigte Furore dort sorgte. Und ändert sich nicht mit dem heutigen Tag, da in Vorbereitung ihrer anstehenden Tour eine neue EP erscheint. Die enthält zwar nur vier Stücke - aber was für welche! Das geht gleich los mit dem erstaunlich eingängigen Titelsong, der sich eines dieser Tage berechtigten Themas annimmt: Des gesunden Menschenverstandes. Dass dieser in Zeiten um sich greifender Panik vor messerbewährten, marodierenden Flüchtlingshorden, vor todbringenden Seuchen biblischen Ausmaßes und vielem mehr zusehends abhanden kommt, ist mehr als auffällig. Die Schuld bei der eigenen Beschränktheit suchen die Beschränkten selten bei sich selbst, Dummheit scheint plötzlich erblich zu sein, es ist zum Verzweifeln.



Da hilft ein wenig von dem Humor, den die Viagra Boys auch in den Videos zu ihren Songs transportieren (vom Album Teaser gar nicht zu reden), machen ein paar Minuten das Leben erträglicher. Das trifft natürlich auch auf die anderen drei Stücke zu, "Lick The Bag" haut mächtig in die Saiten und glänzt wie der Rest mit fabelhaft wilden Saxophon-Passagen, bei "Sentinel Island" taumelt und leiert des Sängers Stimme (Sebastian Murphy) auf ganz und gar wunderbare Weise, bevor er dann abschließend bei "Blue" versoffen und selbstmitleidig das Blaue vom Himmel verspricht. Irgendwann bricht der Song unvermittelt ab, so daß man glaubt, Murphy wäre entweder dem Rausch erlegen oder würde sich anderen Dingen widmen, er bringt es aber doch noch halbwegs ordentlich zu Ende. Wie so oft bei solcherlei Kurzformaten: Mit dem Allernötigsten auf den Punkt, gelingt den Herren hier ein kleines Meisterwerk. Wen es jetzt reut, keine Karten für die (größtenteils ausverkauften) Konzerte im Frühjahr gekauft zu haben, den tröstet die Band mit ein paar Nachholterminen im Spätherbst, ein bisschen Warterei muss zur Strafe dann aber schon sein.

26.03.  Wien, Flex Cafe
27.03.  München, Feierwerk
28.03.  Zürich, Mascotte
02.04.  Köln, Gebäude 9 (ausverkauft)
03.04.  Hamburg, Molotow (ausverkauft)
04.04.  Berlin, Lido (ausverkauft)
Neu:
28.11.  Köln, Kantine
30.11.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
01.12.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
02.12.  Leipzig, Conne Island 







CupcakKe: Feuer frei!

Wenn nicht noch mehr passiert, dann räumt der Titel mit Sicherheit die Tageswertung ab: Elizabeth Eden Harris, besser bekannt unter ihrem Pseudonym CupcakKe, hat ihr letztes offizielles Album "Eden" im November 2018 veröffentlicht, danach gab es einige Single-Releases und eine längere Arbeitspause wegen des vielen Rummels. Nun scheint die toughe Rapperin aus Chicago wieder da zu sein, gerade kam ihr neuester Track "Lawd Jesus" um die Ecke - ein gut zweimonütiges Wort- und Wutgewitter über schwarzes Selbstverständnis, männlichen Übermut und jede Menge Money plus Bitches. Mehr dazu wenn vorhanden, jetzt erst mal Feuer frei.

Donnerstag, 5. März 2020

Jan Delay vs. Trettmann: Der Don und der Funk

Es war also nicht nur unser Lieblingslied: Ganz offensichtlich hat auch Jan Delay sehr genau hingehört, als Trettmann letztes Jahr sein neues Album veröffentlicht hat und gleich beim ersten Track, dem "Intro" also, ist ihm wohl aufgefallen, wie gut sich der Song als Funkversion ausnehmen würde. Gesagt, getan, den Tretti ins Studio geholt und zusammen mit der Rhythmusgruppe Disko No.1 das Stück noch mal eingespielt. Läuft unter Diskotheque - was genau daraus wird, ist noch nicht klar, eine Tour soll aber schon in Planung sein.

SHEAFS: Meinungsmache [Update]

Ein paar neue und laute Töne zum Wochenbeginn - hier kommen die SHEAFS aus Sheffield. Die Garagenband hat in den vergangenen zwei Jahren eine Reihe von Singles veröffentlicht, nun steht für den 4. März endlich ihre Debüt-EP "Vox Pop" an. Vor einiger Zeit gab es davon vorab schon den Song "Care Less" zu hören (und mit hübschem Clowns-Video auch zu sehen), nun kommt der nächste Appetizer "Total Vanity!", die restlichen drei Stücke dann termingerecht via Blood Records.

Update: Einen spendieren sie noch vorab - hier kommt "Thinking Out Loud".


Austra: Anderer Blickwinkel [Update]

Das klingt plötzlich gar nicht mehr so dunkel: Austra, also das kanadische Synthpop-Projekt von Katie Stelmanis, hat gerade einen neue Song veröffentlicht und "Risk It" schwingt sich überraschend locker durch die knapp vier Minuten Sendezeit. Das letzte Album der Band "Future Politics" war 2017, wie der Name schon vorgab, ein recht engagiertes, kämpferisches, was diesem neuen Song (thematisch geht es eher um Persönliches) nun folgt, wissen wir noch nicht, dürfte aber nicht weniger spannend werden. Die Wave-Zeiten scheinen jedenfalls vorbei zu sein.

18.05.  Berlin, Theater im Delphi
21.05.  Wien, WUK

Update: Da können wir heute gleich in mehrerlei Hinsicht ergänzen, denn am 1. Mai erscheint nun Stelmanis' nächstes Album mit dem Titel "HiRUDiN" (Cover oben), das sich dem Vernehmen nach hauptsächlich mit der Selbstfindung der Künstlerin beschäftigt. In der gleichen Richtung ist dann natürlich auch die erste offizielle Auskopplung "Anywayz" unterwegs, das Video dazu wurde von Jasmin Mozaffari (Firecrackers) gedreht. Und das im Gegensatz zur anfänglichen Vermutung dann doch ziemlich dramatisch geraten ist.



Malena Zavala: Zurückbeißen

Wir biegen mal ab in andere Gefilde, in diesem Falle ein Stück weit in Richtung Lateinamerika. Malena Zavala ist gebürtige Argentinierin, ihre Eltern stammen aus Italien, aufgewachsen aber ist sie im englischen Herfordshire. Erste und größere Aufmerksamkeit erlangte sie mit ihrem Debütalbum "Aliso", das 2018 erschienen ist, jetzt hat sie den Nachfolger "La Yarará" angekündigt und dafür erstmals auch spanischsprachige Stücke eingesungen. Stilistisch ist die neue Platte eine überreiche Mixtur aus Cumbia, Afropop, Funk, Folk und selbst Rap-Einlagen sind dort zu finden, die ersten drei Songs geben einen guten Überblick über die Experimentierlust der Künstlerin. Deshalb hier also neben dem aktuellen Titelsong noch "En La Noche" und "I'm Leaving Home". Zum Titel steuert sie übrigens folgenden Hinweis bei: "Eine Yarará ist in Argentinien eine Giftschlange, eine Viper, der Begriff wird auch als Zurechtweisung für eine junge, freche Frau verstanden - da meine Eltern mich oft so genannt haben, habe ich es scherzhaft gleich als Albumtitel verwendet." Am 17. April folgt dann der Rest via Yucatan Records.





Pottery: In lautem Gedenken [Update]

Für Freunde des gepflegten Post-Punk waren die letzten Tage ziemlich traurig. Andy Gill, stilbildender Gitarrist der englischen Gang Of Four, war am 1. Februar an einer Lungenentzündung gestorben und hinterläßt tatsächlich eine ziemlich große Leerstelle und haufenweise Hooks und Erinnerungen. Grund genug, sein Erbe zu befeuern und dem Nachwuchs einmal mehr eine Chance zu geben, schließlich hatte auch seine Karriere mit gerade mal zwanzig Jahren begonnen. Pottery aus Montreal zum Beispiel wären durchaus einen Versuch wert, schon im Mai vergangenen Jahres konnten sie uns mit ihrer Debüt-EP "No.1" und dem Video zur Single "The Craft" überzeugen. Nun haben die fünf Herren ihr erstes Album namens "Welcome To Bobby's Motel" via Partisan Records angekündigt, flankiert von einem zweigeteilten Song mit dem Titel "Texas Drums Pt. I/II".

Update: Hier kommt mal wieder was zum Tanzen - Pottery präsentieren ihre zweite Single "Take Your Time".

28.05.  Basel, Sommercasino





Dienstag, 3. März 2020

Gotts Street Park: Mit ganz viel Seele

Gerade noch mal nachgeschaut - nein, seit Mitte vergangenen Jahres haben wir hier von Gotts Street Park nichts mehr berichtet. Was schade ist, denn das hieße, dass wir ihre zwischenzeitliche Wortmeldung in Form der feinen Single "Where You Goin feat. Marco McKinnis" unterschlagen hätten. Dumm gelaufen, kann aber wieder gutgemacht werden. Denn just heute schickt die Band aus Leeds einen weiteren Knaller in die Runde, einen formidablen Tracks namens "Favourite Kind Of Girl", den sie zusammen mit der schwedischen Sängerin Flikka eingespielt haben - soulful, warm, ein Grower halt. Wir werden also die Augen offen halten müssen...

Sonntag, 1. März 2020

Jessie Ware: Gelungene Überraschung

Der Rundumschlag am Sonntag kommt heute mal als ziemlich wilde Wundertüte daher. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es in dieser Woche so eine Menge an Nachrichten und Neuveröffentlichungen gab, bei denen es die Spreu vom Weizen zu trennen gilt. Und deshalb finden sich hier eben nicht Justin Timberlake, Lady Gaga oder The National, die uns allesamt etwas zu vorhersehbar, etwas unspannend erschienen. Sondern beispielsweise die neue Single "Spotlight" von Jessie Ware. Ungewöhnlich daran nicht nur das Video, sondern vor allem der Sound, denn klassischen Dance hätte man nun von der Londonerin, die sich bislang vornehmlich um alle Spielarten von RnB und Soul gekümmert hat, eher weniger erwartet. Obwohl - nach den beiden ersten Hörproben "Overtime" und "Adore You", die wir hier ja auch schon im Programm hatten, war Veränderung ja doch schon zu erwarten gewesen, auch der Umstand, das sowohl Joseph Mount von Metronomy als auch James Ford (Simian Mobile Disco) mit an der Platte schrauben durften, trug wohl zu den überraschenden Klängen bei. Hier nun also der aktuelle Track und ein paar Daten für die Buchhaltung: Das vierte Album wird "What's Your Pleasure?" heißen, am 5. Juni bei PMR/Friends Keep Secrets/Interscope erscheinen und zwölf neue Stücke enthalten, auf der Gästeliste finden sich neben den genannten Personen auch noch Kindness, Danny Parker, Shungudzo Kuyimba, Clarence Coffee Jr., Benji B, Midland, Morgan Geist und Matthew Tavares.




Autre Monde: Stimmen aus dem Museum

Tanzmusik im weitesten Sinne machen auch diese vier Herren aus Dublin. Nur dass ihre Wurzeln gänzlich woanders verortet sind, kommen sie doch eher vom Post-Punk und Art-Pop, von einer Schnittmenge aus Human League, Grace Jones und David Bowie. Was Paddy Hanna, Mark Chester, Padraig Cooney und Eoghan O'Brien mit Autre Monde auf ihrem gerade veröffentlichten Debütalbum an Verschiedenartigkeiten anbieten, ist jedenfalls aller Ehren wert, große, melodische Soundgewölbe wechseln mit vertrackt und kantig verschränkten Beats. "The Imaginary Museum" erschien am Freitag bei Strange Brew Records, der Titel der Platte bezieht sich übrigens auf Frederic Jamesons Manifest "Postmoderne - zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus", wo es heißt: "In einer Welt, in der stilistische Innovationen nicht mehr möglich sind, bleibt uns nurmehr, tote Stile zu imitieren, sprechen wir bloß noch durch Masken und mit den Stimmen dieser Stile in einem imaginären Museum." Mit ihrer Musik sind die Herren im März auch für das berühmte SXSW in Texas geladen, keine geringe Wertschätzung, möchte man meinen.





THICK: Keine Lust auf Erklärungen

Und dann haben wir da noch THICK, ebenfalls New York, ebenfalls Brooklyn, seit längerem auf dem Zettel zu stehen: Vor Wochen lieferten Nikki Sisti, Shari Page und Kate Black mit den Videos zu ihren Singles "5 Years Behind" und "Bumming Me Out" großartige Unterhaltung, dass neben dieser auch Programmatisches keineswegs fehlt, wissen wir spätestens mit der dritten Auskopplung "Mansplain". Ein Wort, das man heutzutage wohl kaum noch übersetzen muss, der Clip zum Song zeigt dann auch recht deutlich, wieviel Spaß die drei an männlichen Belehrungen haben. Für den 6. März ist via Epitaph Records also die Veröffentlichung ihres Debüts "5 Years Behind" geplant, spätestens bis dahin sollte jeder begriffen haben, dass die drei sehr gut allein klarkommen.







Freitag, 28. Februar 2020

Megaloh: Berechtigte Frage [Update]

Eine neue Single gibt es seit heute vom Berliner Rapper Megaloh. Ganze vier Jahre mußten wir auf neues Solomaterial des Künstlers warten, sein letztes Album "Regenmacher" datiert auf 2016, im vergangenen Jahr trat er gemeinsam mit dem Kollegen Musa und Produzent Ghanaian Stallion unter dem Projektnamen BSMG in Erscheinung (siehe unten "Brillant"). Nun also ein erster frischer Track, "Was ist das?" lautet die Frage und rein soundtechnisch könnte man zunächst einmal antworten: Alman Grime, produziert wiederum von Ghanaion Stallion. Weitere Antworten auf naheliegende Zukunftsfragen gibt es wohl in den nächsten Tagen und Wochen, die Termine für die sogenannte Tour 21 stehen jedenfalls schon mal im Netz.

10.09. Duisburg, Grammatikoff
11.09. Hannover, Musikzentrum
12.09. Münster, Skaters Palace
13.09. Hamburg, Mojo
16.09. München, Strom
17.09. Zürich, Dynamo
18.09. Stuttgart, Im Wizemann
19.09. Wiesbaden, Schlachthof
20.09. Köln, Gloria
23.09. Heidelberg, Karlstorbahnhof
24.09. Nürnberg, Hirsch
25.09. Leipzig, Naumanns
26.09. Berlin, Festsaal Kreuzberg
03.10. Wien, Grelle Forelle

Update: Dass die anstehende Tour mit Sicherheit eine geile wird, dafür steht auch die neue Single - hier kommt "Hotbox"...









Art Brut: Einfach etwas lässiger

Ach, was war das für ein Hallo, als Eddie Argos und Art Brut im November 2018 mit einem neuen Album vor der Tür standen - oder besser noch, diese eintraten. Mit "Wham! Bang! Pow! Let's Rock Out!" ging es schnurstracks zurück zu den alten Tagen von "Bang Bang Rock'n Roll", den durchgeknallten Bühnenshows und ganz viel Spaß. Dass Argos, mittlerweile sorgsam gealterter Wahlberliner, trotzdem nicht im Gestern hängen geblieben ist, sondern den liebenswürdig chaotischen Burschen ohne viel Schauspielerei auch heute noch hinbekommt, macht ihn und seine Truppe nur noch sympathischer. Da paßt es ganz gut, dass sie das Fünfzehnjährige ihres besagten Debüts mit einer neu eingesungenen, deutschen Version von "My Little Brother" feiern, die der Sänger folgendermaßen kommentiert: "My little brother is no longer 22 and out of control. He's 37 and in control of a classroom full of kids as a teaching assistant. I'm glad he's doing so well but that's not such an interesting thing to sing about in this context. So instead I've learnt how to 'sing' the song in German. Something I've always wanted to do. It's only taken me 15 years. You have a very hard language to learn." Recht hat er. Und: Irgendwie werden wir alle älter, nur manchen gelingt das eben etwas lässiger.

15.04.  Hamburg, Molotow
16.04.  Berlin, Lido

Der Assistent: Ganz ohne schlechtes Gewissen

Okay, Song des Tages - Stichwort KOJ - hatten wir schon, widmen wir uns also der Kategorie Video und da fällt die Wahl heute denkbar einfach. Denn Tom Hessler, manchem als Kopf der Kapelle FOTOS ein Begriff, hat uns unter dem Pseudonym Der Assistent ein Filmchen zu seiner Single "Neue Lunge" geteilt, das man schwer ohne die Begriffe "putzig", "allerliebst" oder "sooo süß" beschreiben kann (machen wir natürlich trotzdem nicht, wäre ja allzu peinlich...) Wer also mal ganz straffrei und ohne jegliches schlechte Gewissen niedlichen Igel-Content anschauen möchte, darf sich dazu hier niederlassen und ganz nebenbei auch noch feinen Dubsound zu sich nehmen - Staatsakt sei Dank.

KOJ: Schwer und schön

Der Münsteraner Band KOJ zu unterstellen, sie führe eine ziemlich große Portion schwerer, deutscher Melancholie im Gepäck, ist vielleicht etwas anmaßend. Dennoch klingen die aktuellen Stücke, mit denen die Band ihr im April via Long Branch Records erscheinendes Album "HOME" bewirbt, schon ziemlich heavy, dunkel und soghaft sowieso. Aber eben auch wahnsinnig schön. Das gilt besonders für die aktuelle, dritte Single "Thunder" - thematisiert werden hier die Stürme des Lebens, die einem ab und an den Boden unter den Füßen wegreißen, in denen man verloren zu gehen droht. Der Hilferuf ist es dann, der uns vielleicht am Leben hält, der mit Glück eine helfende Hand bringt, die uns aufzurichten vermag. Der Vollständigkeit halber hier auch noch die beiden anderen, bislang bekannten Stücke "Jenny" und "Home" selbst als Titelsong. Dass KOJ allesamt Kinder der 90er sind, hört man ihren voluminösen Songs deutlich an, eine EP steht für sie seit 2016 zu Buche. Mit dem Debüt werden sie in den nächsten Monaten auch auf Tour gehen.

04.05.  Berlin, Kantie Berghain
05.05.  Hamburg, Freundlich und Kompetent
09.05.  Moers, Bollwerk 107
14.05.  Köln, Stereo Wonderland
16.05.  Münster, Gleis 22
17.05.  Hannover, Lux







Donnerstag, 27. Februar 2020

Christine And The Queens: Tanz der Dämonen

Ziemlich überraschend flatterte heute die Nachricht herein, dass Heloise Letissier, besser bekannt als Christine And The Queens, just in diesen Stunden eine neue Platte veröffentlichen wird. Zwar folgt dem letzten Album "CHRIS" aus dem Jahr 2018 kein kompletter Longplayer, sondern eine 12" mit dem Titel "La Vita Nuova", diese aber kommt mitsamt einem rund vierzehnminütigen Kurzfilm gleichen Namens, der es ebenfalls in sich hat. Gleich zum Start mit der kürzlich vorgestellten Single "People, I've Been Sad" begibt sich Letissier in die luftigen Höhen des Daches der Pariser Opera Garnier und trifft dort eine gehörnten Widersacher und mutmaßlichen Dämonen, mit dem sie sich einen dramatischen Schaukampf liefert, der im Inneren des Opernhauses seine Fortsetzung und auch sein blutiges Ende findet. Die beeindruckende, hochenergetische Choreografie (Ryan Heffington) erinnert sehr an die Tänze von Michael Jackson, dessen Musik und Performances ja bekanntermaßen zu den unbedingten Vorbildern der Ausnahmekünstlerin zählen. Für das Finale stand ihr dann, soviel sei verraten, Caroline Polachek (Chairlift) zur Seite, neben englischen, spanischen und natürlich französischen Texten hören wir hier, beim abschließenden fünften Song, sogar italienische Verse. Überraschung also vollumfänglich gelungen, wir sind hin und weg - die EP ist ab sofort digital auf den bekannten Kanälen zu beziehen, der physische Release folgt dann am 10. April.





Sleaford Mods: Wut im Zeitraffer

Für jeden was dabei? Möchte man meinen, wenn sich zwei der wütendsten Briten, also die Sleaford Mods aus Nottingham, im Rahmen ihrer bevorstehenden Autralien- und USA-Tournee anschicken, "fans and the curious" (Labelinfo) mit einem prall gefüllten Doppelalbum zu beglücken. Bei Rough Trade also erscheint demnach am 15. Mai unter dem Titel "All That Glue" eine Sammlung von zweiundzwanzig Tracks aus der Zeit von 2013 bis 2019, laut Label eine Mischung aus bekannten Hits, Raritäten und B-Seiten. Der luxuriösen, goldgefärbten Doppel-Vinyl-Version liegen außerdem noch eine Flexi-Disc mit dem bislang unveröffentlichten Song "All That Glue", mehrere Sticker und ein sechszehnseitiges Büchlein von Jason Williamson bei - so gesehen bleiben keine Wünsche offen. Nun ja, außer dem einen, dass die Jungs baldmöglichst wieder durch Europa tingeln.

Tracklisting:
McFlurry, Snake It, Fizzy, Rich List, Jobseeker, Jolly Fucker, Routine Dean, Tied Up In Nottz, Big Dream, Blog Maggot, Tweet Tweet Tweet, Tarantula Deadly Cargo, Fat Tax, Slow One’s Bothered, Revenue, Rochester, TCR, Reef of Grief, B.H.S., Second, OBCT, When You, Come Up To Me





Mittwoch, 26. Februar 2020

Kim Gordon: Schlußpunkt und Aufbruch [Update]

Kim Gordon
„No Home Record“
(Matador)

Beweisen muß diese Frau eigentlich niemandem mehr etwas. Gut, anders als in ihrem Heimatland wird Kim Gordon in Europa und hierzulande noch immer hauptsächlich über ihre frühere Band Sonic Youth wahrgenommen, sie war dort bis zum Split im Jahre 2011 als Sängerin, Songschreiberin und Bassistin mehr als eine feste Größe. Wer ihre Memoiren „Girl In A Band“ gelesen hat, weiß aber nicht nur um die Trennungsgründe und aufreibenden Schwierigkeiten, die zu großen Teilen im Privaten lagen, sondern ahnte auch bald, dass Gordon ihre Kreativität in einem solch festgefügten, hierarchischen (und auch sehr patriarchalischen) Ensemble bei weitem nicht ausgeschöpft sah. Und dies nicht erst zu dem Zeitpunkt, als die Band zu Bruch ging. Spätestens dann aber wurde der Abnabelungsprozeß überdeutlich: Mode, Malerei, Film und immer wieder Musik – die gebürtige New Yorkerin zog es zurück nach Los Angeles, an den Ursprungsort ihrer künstlerischen Emanzipation, und setzte von dort ein Ausrufezeichen nach dem anderen, jedes als bewußter Bruch mit der öffentlichen Wahrnehmung als Ex-Bandgirl zu verstehen.



Insofern muß auch dieses Soloalbum einmal mehr als logische Konsequenz ihrer Vita, die immer auch ein Kampf um die eigene Freiheit war, begriffen werden – und zwar sowohl im Hinblick auf das „wie“ als auch das „warum“. Denn natürlich hatte Gordon sich schon in verschiedenen Kombination an ihrer hauptsächlichen Berufung, der kunstvoll übersteuerten Noiseattacke, abgearbeitet – Bill Nace (Body/Head), Peaches, J Mascis, Steve Gunn, Stephen Malkmus oder Alex Knost (Glitterbust), um nur ein paar von der nicht eben kurzen Liste zu nennen. Starke, bemerkenswerte und teils sehr innovative Sachen das alles, nur eben alles unter dem Topic „Kim Gordon und …“ vermerkt. Deshalb wohl brauchte es endlich ein eigenständiges, ein eigenverantwortliches Werk. Ein Solo. Und zwar eines, das mit Vorangegangenem nicht verwechselt werden kann und dennoch mit seiner Schöpferin nicht fremdelt.



„No Home Record“, entstanden mit dem Produzenten Justin Raisen, muß sich in dieser Hinsicht nichts vorwerfen lassen. Es ist spannendes, experimentelles und durchaus mutiges Werk geworden, das zwar Bezug zu Gordons Vergangenenheit nimmt (wie könnte es auch anders sein) und doch in Sachen Sound zu überraschen weiß. Der überwiegende Teil der neun Stücke fußt auf elektronischen Klangmustern, verschränkt synthetische Melodien, Loops und Drumparts mit analogem Feedback, variiert, verschleppt gekonnt die Tempi und erzeugt so eine unglaublich dichte Kulisse, über die Gordon dann ihren brüchigen Sprechgesang legt. Der Krach kommt also aus der Dose, das paßt in die Zeit und ist zudem gut gemacht. Schon der Opener „Sketch Artist“ ist voller knirschender Störgeräusche, die auf’s Beste mit den befremdlich zuckenden Bildern des Videoclips von Loretta Fahrenholz zusammengehen.



Noch krasser, noch wirkungsvoller wird dieses Prinzip wenig später für das Doppel „Don’t Play It“ und “Cookie Butter“ ausgespielt – dumpf dröhnendes Technobiest das eine, lärmender Industrialgroove das andere. Wie sie in letzterem den stakkatoartigen Stichwort-Text vom Selbst zum Gegenüber verschiebt, sich erst eine Gitarrenspur und kurz darauf ein blecherner Marschrhythmus aus dem Konstrukt schälen, das ist schon bemerkenswert. Und steht in Kontrast zu Rocknummern wie „Air BnB“, der Vorabsingle „Murdered Out“ (Update: jetzt auch mit Video von Loretta Fahrenholz) oder dem Gitarrenbrett „Hungry Baby“, den sie selbst bei den Stooges ansiedelt. Die auffälligste Annäherung an die Vergangenheit vielleicht im herrlich dahinwabernden „Earthquake“, begonnen als düstere Velvet-Underground-Reminiszenz, endend im dronigen Soundgewitter im Gedenken an – vielleicht. Ein toller Wurf jedenfalls. Schon nach der Lektüre ihres Buches war klar, dass es ein Zurück zu Sonic Youth nicht geben würde, dieses Album ist dafür die Bestätigung. Für Kim Gordon aber auch ein weiterer Aufbruch. https://www.kimaltheagordon.com/

Update:
02.06.  Zürich, Rote Fabrik
08.06.  Berlin, Astra Kulturhaus
09.06.  Köln, Gloria Theater

Montag, 24. Februar 2020

Leonie singt: Aus der Balance [Update]

Vor fünf Jahren waren wir also noch auf unsicherem Gewässer, heute ist das Wasser weg, die Unwägbarkeit, das Schwanken sind geblieben. Leonie Felle, bildende Künstlerin und Musikerin aus München, hatte im Januar 2015 ein beachtliches Debütalbum vorgelegt, gemeinsam mit Hagen Keller, Sascha Schwegeler (G.Rag Y Los Hermanos Patchekos) und Jakob Egenrieder brachte sie unter dem Namen Leonie singt zwölf melancholisch bis traurige Lieder zwischen Folk, Chanson und klassischem Indierock auf Bühne und Konserve. Schwere Gedanken, die sich auch in dem Covermotiv von der ebenso schweren See wiederfinden ließen, aufgewühlt, unruhig, immer auch gefährlich. Jetzt schickt sie sich also an, bei den Buddies von Gutfeeling Records und unter Regie von Labelmate Fred Raspail eine weitere Sammlung zu veröffentlichen, wieder zwölf teils deutsche, teils englische Stücke. "Horizont" wird es heißen und ein Blick auf die Plattenhülle verrät, dass es hier nicht weniger nachdenklich zugehen wird. "Der Titelsong", so Felle, "handelt vom Verlust des Gleichgewichts und dem Versuch, es wieder zu erlangen. Der Horizont ist für mich die Balance. Im Lied ist die Balance gekippt. Der Schwerpunkt und die Mitte sind verloren gegangen." Mit dem Gefühl steht sie in diesen Zeiten wohl nicht allein da, vielen von uns kommen die sichergeglaubten Bezugs- und Ankerpunkte abhanden, alte Gewißheiten geraten ins Wanken, Abschiede, Unsicherheiten, Neuorientierungen sind die Folge. Und auch wenn wir (dank eines gewissen Herrn Lindenberg) ahnen, dass es hinter dem Horizont immer weitergeht, bleibt doch ein eigenartiges, nicht selten bedrohliches Gefühl. Ob sie's denn trifft - wir werden es spätestens am 20. März genauer wissen.

Update: Und hier kommt nun endlich die erste Single zum neuen Album - "Deine Reise" überrascht mit angenehm schroffen Gitarren, der Text ist eine Grußadresse der Künstlerin an uns alle, die wir nach Verläßlichkeit, Orientierung und Sinn im Leben suchen. Haben wir Antworten für sie?

20.03.  München, Heppel & Ettlich
21.03.  Wasserburg, Kino Utopia Headquarter
22.03.  Bergen am Chiemsee, LadenBergen
01.04.  München, Glockenbachwerkstatt/Fish ’n‘ Blues
18.04.  Rosenheim, Bebop Schallplatten
02.07.  Olching, Haus am See