Dienstag, 15. Oktober 2019

On Video: Laute Jungs [Update]

Den Rundumschlag am Sonntag beginnen wir wie so oft in London. Aus dem Osten der Metropole stammt die Vier-Mann-Kombo On Video. Okay, reden wir erst mal nicht von Männern, sondern von Jungs als da wären Hassan Anderson (Gesang/Gitarre), George Williams (Bass), Neil Goody (Gitarre) und Yuli Levtov (Drums). Vor ein paar Wochen kam ihre Debütsingle "Ghee" heraus, nun schicken sie "Past Tense" hinterher - beide Songs stammen von ihrer ersten 12" namens "Clap Trap", die im Laufe des Jahres bei AWAL/Rex River Bay erscheinen soll.

Update: Das Brautpaar im Infight, der Priester als Ringrichter - so manche Ehe würde besser laufen, wenn zuvor ein paar Dinge auf diese Art geklärt wären. Die neue Single "Adversary" mit Prügelclip ... Und ganz frisch die neue Single "Clap Trap".





Sonntag, 13. Oktober 2019

Therese Lithner: Abgesang

Und auch bei diesen zugegeben recht düsteren Tönen müssen wir nicht allzutief im Gedächtnis graben: Therese Lithner, geboren im Schwedische Umea, hat schon den Sommer des vergangenen Jahres mit einer selbstbetitelten, ziemlich dunklen EP versehen, nun bringt sie sich via Lazy Octopus Records mit einem Vorgriff auf eine weitere 12" namens "Prints" (VÖ 25. Oktober) in Erinnerung - dem Song "Our Summer". Der ist selbstredend Melancholie pur, dem Netzportal The Line Of Best Fit sagte sie, es handle sich hierbei um eine Art "herbstlichen Kontrapunkt", der sich eher mit dem Verlust des Sommergefühls befasse als mit der warmen Jahreszeit selbst. Nun, sie bleibt wohl der Schwermut erhalten.

Heavy Lungs: Selbstwertgefühl

Die Sonntagsrunde ist heute auch ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Da haben wir beispielsweise die Heavy Lungs aus Bristol, die wir vor einem Jahr wegen der Idles am Wegesrand aufgegabelt und schnell ins Herz geschlossen hatten - Stichwort "Danny Nedelko" vs. "Blood Brother", "Abstract Thoughts"-EP, deshalb. Nun haben die vier ihre neue EP "Measure" veröffentlicht, von den fünf neuen Stücken bringen wir hier den Song "Self Worth". Bandleader Nedelko gibt Folgendes dazu in den Linernotes zu Protokoll:

"'Measure' dreht sich um die unbestreitbare Bedeutung des Selbstwertgefühls. Durch die Beobachtung meiner selbst und der Menschen um mich herum im Laufe des vergangenen Jahres habe ich festgestellt, dass dies manchmal doch sehr vernachlässigt wird. Der Zweck dieser EP ist es, uns daran zu erinnern, uns selbst zu schätzen und uns somit in unserer Haut wohler zu fühlen, an uns selbst zu glauben. Unsere tatsächliche innere Stärke und Leistungsfähigkeit ist der eigenen Wahrnehmung davon meist weit überlegen."

23.10.  Berlin, Cassiopeia



EUT: Nachdrückliche Erinnerung

Die nächsten Bekannten sind EUT aus Amsterdam, die hier im Mai ebenfalls bei einer Sonntagsrunde aufgetaucht sind. Damals erwähnten wir mit einem Video-RoundUp ihr feines Debütalbum "Fool For The Vibes", mit dem sie in den nächsten Tagen durch Deutschland touren werden. Und aus diesem Anlass spendieren die fünf jetzt auch noch mal einen neuen Song mit dem Titel "It's Love (But It's Not Mine)", mit dabei wieder die wunderbare Stimme von Sängerin Megan de Clerk und eine ganz Menge geschmeidiger Gitarrenakkorde.

Bishop Briggs: Sensible Naturgewalt

Okay, die lustigen Knubbel rechts und links sind weg, überhaupt - der ganze Schädel geschoren, komplett, das kann wohl nicht anders als programmatisch nehmen: Bishop Briggs, also eigentlich Sarah Grace McLaughlin, die sich nach ihrem schottischen Geburtsort nahe Glasgow benannt hat, hat sich rein äußerlich eine Zäsur verordnet, nachdem ihr Debütalbum "Church Of Scars" im letzten Jahr doch für ziemlich viel Aufsehen gesorgt hatte. Abgesehen vom martialischen Erscheinungsbild hat es in Sachen Musik keine Änderung gegeben - warum auch, hatte sich ihr souliger Steampop doch ausgesprochen gut bewährt. Bislang erschienen sind vom angekündigten Nachfolger "Champion" der Titelsong und das Stück "Tattooed On My Heart". Die neue Single "Jekyll And Hide" (kein Rechtschreibfehler) meint im Übrigen nicht die Künstlerin selbst, sondern die Schwierigkeit, Leute zu daten, die zwei Gesichter, zwei unterschiedliche Wesenszüge haben. Im Online-Magazin CoS richtete sie übrigens aus, sie hoffe, ihren Fans gefalle die neue Single - wenn nicht, dann solle man das besser für sich behalten, sie wäre zu empfindlich, um die Ablehnung zu ertragen. Wer's glaubt...

12.12.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
13.12.  Berlin, Metropol Theater
15.12.  Köln, Die Kantine
16.12.  Zürich, Mascotte





Freitag, 11. Oktober 2019

Bilderbuch: Für nichts zu schade

Bilderbuch, our favorite famous Lieblingsband aus Ibiz - äh, Österreich, sind ja um kein noch so albernes Fotoshooting verlegen, von Maurice Ernst gibt es dieses wunderbare Bild in den Schuhen (und Kleidern) einer Kaiserin, die Freiheitsstatue, na klar und dann noch dieses feuchte Sommerbild mit Regenwaldshirt - leiwand! Jetzt ist der Junge mit dem Automobil durch Dubai gebraust und hat dazu das neue Liedchen "Kitsch" geträllert, eine Schau. Angeblich hat sich auch Lindsay Lohan am Set blicken lassen (Traumcollabo!), der Song jedenfalls ist wie erwartet Spitzenklasse.

Gaddafi Gals: Kaum auszurechnen

Gaddafi Gals
„Temple“
(3-Headed Monster Posse)

Die Zeit der Eindeutigkeit ist längst vorbei, die schubladengerechte Sortierung, Etikettierung kaum mehr möglich. Das gilt für die Gesellschaft allgemein, wo links und rechts als verlässliche Standortkriterien mehr und mehr zu verschwinden bzw. zu verschwimmen scheinen (weil sich der Populismus überall gleichermaßen breitmacht und Linksfaschisten und Ökonationalisten wie selbstverständlich in gegnerischen Biotopen wildern. Das gilt für die Geschlechtertrennung, Stichwort Genderdebatte, LGBTQIA und natürlich auch für die Kunst, meint hier speziell die Musik. Wo früher der Rock eben nur Rock war und auch bei Metal, Rap oder Soul klare Grenzen gezogen wurden, werden heute alle erdenklichen Stilrichtungen nach Herzenslust miteinander vermischt. Das Nachsehen hat, wer die Scheuklappen nicht rechtzeitig vom Kopf bekommt – gut so. Je vielfältiger, facettenreicher es wird, um so mehr hakt es naturgemäß bei der Umschreibung, man braucht ein paar Vokabeln mehr, um eine Vorstellung zu vermitteln resp. zu bekommen, was genau einen hier erwartet.

Für die Gaddafi Gals beispielsweise schickt das Label folgende ins Rennen: divers, queer, migrantisch, antipatriarchal, esoterisch, futuristisch, soft, hybrid, internetaffin und global, eine jede ist man breit zu glauben, eine jede davon kann man unterstreichen und mindestens die gleiche Menge zusätzlicher fügt jede*r hinzu, der die erste EP „The Death Of Papi“ und nun das fabelhafte Albumdebüt „Temple“ hört und mag. Eine Wundertüte an Querverweisen: Der Eingang in den Tempel erfolgt durch eine der 36 Kammern des Wu-Tang, schlierige Loops, tonnenschwere Beats, garstige Rhymes, in der Folge richten Portishead, Massive Attack, FKA twigs das Koordinatensystem immer wieder neu aus, RnB, Jazz, all das klingt an und noch viel mehr. blaqtea (alias Ebow), slimgirl fat (ehemals Nalan381) und walter p99 arke$tra vermeiden also den eindimensionalen Bezug



Und verwahren sich ebenso strikt der politischen Vereinnahmung, so jedenfalls war es in einem Gespräch mit „Das Wetter“ zu lesen. Natürlich hat jede*r von ihnen eine klare, eigene Meinung, die er oder sie aber nicht wie eine Monstranz in den Songs vor sich hertragen möchte. Der Fokus liegt, musikalisch wie auch textlich klar im Assoziativen, zu Sätzen wie „Be my applepie until the day I die“ und wiegenden Hüften im „Temple Of Love“ darf man sich selbst ein passendes Bild machen. Ebenso geheimnisvoll und ungefähr bleibt es in den Videoclips der drei, „Skimask“ und „Mitsubishi“, Masken und Posen hier, entspanntes Cruisen dort, kein Ferrari, kein Maserati, nonono – „that’s us“. Soweit, so unklar. Selbst bei Themen Mysoginie und Homophobie gibt es keine plakativen Statements, der „Papi“ soll sterben, endgültig, aber wer oder was ins Gras beißen muß, bleibt offen. Schwer auszurechnen, schwer einzuordnen wollen sie sein, das hält die Spannung und macht sie mithin zu einem der interessantesten Acts dieses Jahres.

28.10.  Wien, Das Werk
02.11.  München, Folks! Club
03.11.  Stuttgart, Schräglage
04.11.  Köln, Yuka
05.11.  Leipzig, Institut für Zukunft
07.11.  Hamburg, Uebel und Gefährlich
08.11.  Berlin, Badehaus 

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Public Practice: Keine Angst vorm Tanzen

Dass wir uns hier mitten in den wohlbekannten und geliebten Achtzigern bewegen, ist ziemlich schnell klar: Public Practice kommen mitten aus der City von New York und spielen einen Post-Punk, der keine Angst hat vor wippenden, funkigen Grooves. Hört man sich die Single "Disposable" an, entdeckt man zunächst dunkle Drums und amtlich verzerrte Stromgitarren, bei der Rückseite "Extra-Ordinary" wird aber schnell klar, dass Sam York (Vocals), Vince McCelland (Gitarre), Drew Citron (Bass/Synth/Vocals) und Scott Rosenthal (Drums) auch Spaß haben wollen, denn das hier tanzt und hüpft ordentlich. Derzeit, so sagt ihr Label Wharf Cat Records, basteln sie in Brooklyn am Debütalbum, das der EP "Distance Is A Mirror" (2018) nachfolgen soll.



Diving Station: Bienen und Harfen

Ganz ehrlich - Bands, die eine Harfe zu ihren Instrumenten zählen und noch dazu über Honigbienen singen, die würde man sonst geflissentlich weiterskippen. Bei Diving Station aus Manchester könnte es sein, dass man dies bereut. Denn wer den flirrenden Gitarrensound des Quartetts und die zauberhafte Stimme von Leadsängerin Anna McLuckie (die spielt auch Clàrsach, was eben eine keltische Harfe ist) einmal gehört hat, möchte so schnell nicht mehr davon lassen. Zwei EP sind von den vieren bislang erschienen, mit "Alice" haben sie 2017 debütiert und dann im Folgejahr "Feather Mouth" nachgeschoben. Nun also "Honey Bees", ein Song, der von der indisch-kanadischen Schriftstellerin Rupi Kaur und ihrem Buch "Milk And Honey" inspiriert ist - gleiches gilt für den Chorus: "She was a rose in the hands of those, who had no intention of keeping her". Dazu gibt es hier noch die etwas ältere Single "Film".

The Wha: Geradewegs in die Hölle [Update]

Naja, das mit der Hölle könnte schneller passieren als gedacht. "Don't wanna go to heaven, I'll go to hell instead", mit diesen Worten endet "Innocents", der Song der irischen Band The Wha und dieser Text zusammen mit dem Photo oben dürfte im erzkonservativen Irland Eintrittskarte genug sein. Dennoch sieht es nicht so aus, als würden sich Finn Cusack, Sam Cullen, Marek The Lech und Abe G Harris einen Teufel darum scheren, was wer an diesem Stück auszusetzen hat. Die Schulfreunde aus dem Städtchen Kilkenny machen schließlich Rock'n Roll und da gehören rotzige Attitüde und Rebellion mit dazu. Und die katholische Kirche hat nun mal wegen der skandalösen Mißbrauchsvorwürfe keinen so sauberen Ruf im Moment, warum also übervorsichtig sein? Die erste Single der Band jedenfalls ist gerade bei Chess Club erschienen, sie werden einige größere Gigs spielen und man wird sehen, wie weit sie's wohl bringen.

Update: Und weil zu jeder A- auch eine B-Seite gehört, kommt hier "40 Odd Years".



DJ Shadow: Full package [Update]

Ursprünglich hatten wir ja "nur" einen einzigen Song, den wir nicht genau zuzuordnen wußten, das ist mittlerweile anders: Im Juli noch jubelten wir über die Kollaboration "Rocket Fuel" von DJ Shadow und De La Soul, nun ist die Komplettprogramm bekannt - am 15. November nämlich soll ein Doppelalbum mit dem Titel "Our Pathetic Age" von dem kalifornischen Soundwizzard erscheinen, eine Hälfte mit Instrumentals, die andere mit Gastkünstlern vollgepackt. Und neben den Hip-Hop-Legenden finden sich dort noch Paul Banks (Interpol), Run The Jewels, Nas und Samuel T. Herring von den Future Islands. Hier mit "Rosie" ein erster Leckerbissen aus dem ersten Teil.

Update: Und hier kommt auch schon der nächste Track zum Vorhören, “Urgent, Important, Please Read” (Feat. Rockwell Knuckles, Tef Poe, & Daemon) frisch aus der Dose.



Dienstag, 8. Oktober 2019

Seeed: Aus eigener Kraft mit neuem Dreh

Seeed
„Bam Bam“

(BMG/Warner)

Ganz so easy, ganz so simpel wird es nicht gegangen sein, wie uns das der gute Pierre Baigorry alias Peter Fox gern glauben machen will: „Die Sonne kommt, es geht von vorne los – einfach so“ heißt es in den ersten Zeilen von „Ticket“, dem Opener und Mutmacher des Neulings. Es ist ja nach der letzten Platte plötzlich ziemlich still um die Berliner Dancehall-Kolchose geworden, totenstill muß man leider sagen, denn im Mai vergangenen Jahres starb überraschend mit Demba Nabé eines der tonangebenden Gründungsmitglieder von Seeed und danach war erst mal Schicht. Zunächst wurde gecancelt, dann verschoben, der Rest der Mannschaft entschied sich nach längerem Ringen für’s Weitermachen. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung. Denn sie hätten sonst mit einem Album („Seeed“, 2012) aufgehört, das aus kommerzieller Sicht zwar ihr erfolgreichstes, aus künstlerischer allerdings das schwächste geworden war – trotz voller Mannschaft schien die Luft raus, mehr als ein „Augenbling“ an Spannung und Inspiration war kaum zu bekommen. Das Erstaunliche ist, dass es nun nicht irgendwie weitergeht, weil es, wie man so platt sagt, eben muss. Sondern mit voller Kraft und neuen Ideen.



Und die holen sie sich auch, neuer Dreh, per Input von außen. Ganz wie die Schwestern und Brüder vom Hip-Hop wurde die Gästeliste ordentlich vollgepackt: Collabo-King Trettmann darf mit Fox gemeinsam die ewige und unbedingte Liebe beschwören („Immer bei dir“), Salsa 359 feiern standesgemäß mit ein paar Schlückchen Courvoisier und weil die Herren von Deichkind beim Sex immer gern das Licht anlassen, gibt’s von Nura (SXTN) hintendrein gleich ordentlich eine vor die Plautze („Sie ist geladen“). Alles in allem herrlich unkorrekt die ganze Party, Booties, Teile, Dinger, Kisten, man kennt es ja nicht anders und Anstoß muss man trotzdem keinen finden – sie lieben das Leben und preisen die Körper. War noch nie anders. Etwas Lobpreis geht allerdings auch an das money, auch wenn Seeed natürlich wissen, dass sich damit love nicht kaufen lässt. Zeitgleich mit Ernst-Wilhelm Händler (haha, Feullietonisten-Idee!) spricht hier der Mammon mit dem User: „Hab keine Angst vor mir!“



„Geld“ gehört zur Reihe der Tracks, die ohne fremde Hilfe auskommen und genauso gut funktionieren, die den Biss und den Riddim haben und kräftig Staub aufwirbeln. „Lass sie gehn“ ist die große, lässige Abschiedsrede mit den ganz fetten Vibes, „Komm in mein Haus“ dann das, was wohl am Ehesten als politisches Statement verstanden werden kann, als Aufruf, sich zu entscheiden („Geb' ich die Hand, heb' ich die Faust, geb' ich alles oder auf, ewiger Rausch und Medizin, steh' ich auf oder bleibe liegen?“). Jammern ist bei dem wiedererstarkten Tanzkollektiv mit den drei „e“ und dem dicken „B“ nicht zu haben, den einzigen Emotionsschub gibt es nicht in „No More Drama“ (klar), den haben sie sich für das Ende aufgehoben. Dort schwelgen dann gnadenlos die Streicher und das Piano um die Wette, „What A Day“ als aufwühlender Tearjerker aus der Feder vom verblichenen Demba Nabé. Passt. Man kann jetzt nach der langen Pause viel reinreden und rauslesen, Seeed gar wie die SZ mit dem wahlweise geliebten oder verhassten FC Bayern vergleichen, nun denn. Man kann „Bam Bam“ aber auch einfach mal so stehen (oder schwingen) lassen. Für den Moment, und für die Vorfreude auf Kommendes.

Russian Baths: Ungewöhnliche Methoden [Update]

Schon im vergangenen Jahr war die Formation aus Brooklyn mit dem eigenwilligen Namen, der bei der Google-Suche durchaus zu Missverständnissen führen kann, hier präsent, damals erschien von Russian Baths bei Good Eye Records die EP "Penance", gefüllt mit ordentlich krachigen Songs ziemlich dunkler Prägung. Auch Monate später scheint sich an dieser Grundausrichtung nicht viel geändert zu haben, die aktuelle Single "Parasite", die ein Vorbote des künftigen Debütalbums sein soll, scheppert ebenfalls gewaltig und soll, so Sänger Luke Koz, von dem Verlangen handeln, einen rumordenden Schädel mittels Ertränken oder gleich der Verwendung einer Handgranate zu "kurieren". Eigenwillige Methode, müssen wir uns Sorgen machen?

Update: Von den New Yorkern gibt es nun die Ankündigung eines Debüt-Albums, heißen wird es "Deepfake" und erscheinen soll es am 8. November bei Good Eye Records. Der bislang geteilten Single "Parasite" stellen wir hier noch den nicht ganz so alten Song "Tracks" und das aktuelle Stück "Responder" zur Seite.

Nilüfer Yanya: Realness gesucht [Update]

Nilüfer Yanya
„Miss Universe“
(PIAS)

Der Beginn: Befremdlich. Eine künstliche Stimme – Alexa, Siri, whatever – bedankt sich für das Interesse, begrüßt die Teilnahme, die gleichbedeutend ist mit der Übergabe persönlicher Daten und stellt eine Verbesserung, gar eine Verlängerung der Lebensumstände in Aussicht. WWAY Health (We Worry About Your Health) heißt das Programm, mit dem die junge Londonerin Nilüfer Yanya ihr Debütalbum eröffnet, es steht für die Inanspruchnahme unseres sozialen Umfelds durch einen vernetzten, künstlich generierten Rundumservice, der uns glauben machen soll, alles sei in Ordnung, alles sei in guten Händen. Doch gleich darauf, in ihrer ersten Hitsingle „In Your Head“, folgt er auch schon, der Hilferuf einer Generation, die sich zunehmend in Abhängigkeit der sozialen Medien sieht, einer Generation, der Schritt für Schritt die Realität abhandenkommt: „Some validation is all I need!“



Ist denn niemand da draußen, so fragt Yanya, der einem Orientierung gibt in dieser verrückten Welt, wo die Insta-Story, auf Hochglanz poliert und aller Ecken und Kanten beraubt, mehr gilt als eine Haltung, eine gute Geschichte, wo jeder nur noch Avatar sein will, weil das wirkliche Lebensgefühl von der Unsicherheit, von der Angst überlagert wird, ob man überhaupt noch man selbst sein darf. Thematisch also eine spannende Sache, die Yanya hier für ihre Altersgenossen aufrollt und dem steht ihre Musik in keinster Weise nach. Auch wenn der Titel des Albums eher auf das allgegenwärtige Bodyshaming unserer Tage hinweist, so ist „Miss Universe“ tatsächlich ein sehr universelles, überaus vielfältiges Album geworden.



Die Unentschiedenheit, die es auszeichnet, ist zugleich seine Stärke. Wenn am Anfang die Gitarren dominieren und knarzige Riffs wie bei „Paralyzed“ von Yanyas Verehrung für die Strokes und Pixies künden, so bekommen wir mit längerer Spieldauer immer wieder neue Facetten von ihr zu hören. Da wird dem Jazz ebensoviel Platz eingeräumt wie lässigen Dancerhythmen (zwischen „Baby Blu“ und „Heat Rises“ fühlt sich selbst die Dauerüberwachung des WWAY (s.o.) bemüßigt, eine dezente Warnung auszusprechen), smoothe Saxophonparts wechseln mit treibenden Beats und funkigen Breaks. Ebenso variabel zeigt sich die Britin stimmlich, anfangs noch mit dunklem Timbre unterwegs, das gut mit dem roughen Sound harmoniert, wird der Gesang später mal spitzer und höher, dann wieder weicher, nahbarer. Kluger Stilmix in Überlänge und mit Sicherheit eine der interessantesten Platten dieses Jahres.

Update: Einen Ausflug nach Istanbul, die Geburtsstadt ihres Vaters, spediert uns die Künstlerin im aktuellen Video zu "Paradise", bei "H34T Rises" (das eigentlich "Heat Rises" heißen sollte) gibt es einen Motoradausflug.

17.04.  Hamburg, Nochtwache
18.04.  Berlin, Berghain Kantine
21.04.  Wien, Chelsea Club
22.04.  München, Ampere
24.04.  Zürich, Exil
25.04.  Köln, Blue Shell
neu:
24.10.  Hamburg, Bahnhof Pauli (Klubhaus St. Pauli)
27.10.  Berlin, Festsaal Kreuzberg
30.10.  Köln, Luxor



Cartel Madras: Willkommen in der Mosh Pit [Update]

Frisch auf die Omme (wir bleiben, sorry, queer) gibt's jetzt mal von diesen beiden hier: Schon im vergangenen Jahr teilten Cartel Madras mit ihrem Track "Pork And Leek" kräftig Schläge aus, das gleiche erwartet uns nun mit ihrer neuen Single "Lil Pump Type Beat". Das Video vermittelt etwas von der Live-Power, die bei Priya "Contra" und Bhagya "Eboshi" Ramesh, Schwestern aus dem kanadischen Calgary, unschwer zu bekommen ist. Nach einer ersten EP namens "Project Goonda Part 1: Trapistan" (2018) steht nun für den 1. November Teil zwei mit dem Titel "Age Of Goonda" bei Sub Pop an und wer sich die zwei Clips anschaut, wird sich wünschen, die beiden auch mal hierzulande in der Mosh Pit zu treffen. Ausgesprochen werden sie übrigens in etwa wie [kär'tel me'dräs] - aber das nur am Rande.

Update: Gleich noch eins auf die Mütze? Aber gern doch - hier kommt das Video zu "Goonda Gold".





Sonntag, 6. Oktober 2019

Michael Stipe: Rebel Yell

Das läßt sich wohl unwidersprochen behaupten: Auf fast keine Rückkehr hat man so gehofft, auf fast keine war man so gespannt wie auf die des R.E.M.-Masterminds Michael Stipe. Denn wie sagt man so schön - diese Geschichte war und ist beileibe noch nicht zu Ende erzählt. Einen so klugen, empathischen und sympathischen Kopf mochte man einfach noch nicht abschreiben, nicht in diesen Zeiten. Und natürlich hat er sich zur Veröffentlichung seiner neuen Single "Your Capricious Soul" über die Seite der Klima-Aktivisten Extinction Rebellion so seine Gedanken gemacht: "I took a long break from music, and I wanted to jump back in. I love ‘Your Capricious Soul’ – it’s my first solo work. I want to add my voice to this exciting shift in consciousness. Extinction Rebellion gave me the incentive to push the release and not wait. Our relationship to the environment has been a lifelong concern, and I now feel hopeful—optimistic, even. I believe we can bring the kind of change needed to improve our beautiful planet earth, our standing and our place on it." Der Sound dazu ist übrigens für Stipes Verhältnisse recht ungewohnt - unbedingt anhören!

Talk Show: High Noon mal anders

Ebenso schön ist dieses Stück samt visueller Umsetzung: Die Londoner Kapelle Talk Show war hier im Frühjahr schon mit zwei wunderbaren Tracks zu Gast, nun kommen sie mit ihrer neuen Single "Ankle Deep (In A Warm Glass Of Water)" wieder zum Zug. Der Song beginnt mit ein paar Westerngitarren und wandelt sich später mehr und mehr zu dunklem Post-Punk, Sänger Harrison Swann zieht denn auch Parallelen sowohl zu Ennio Morricone als auch Roxy Music und Echo And The Bunnymen. Eine sehr eigenwillige Mischung, möchte man meinen, funktioniert aber prächtig - unbedingt die beiden Termine des Quartetts als Support der irischen Just Mustard vormerken!

17.01.  Berlin, Cassiopeia
18.01.  Hamburg, Mucke bei die Fische



Lilla Parasit: Hinaus in die Welt damit

Wo wir gerade in Schweden sind, da kommen einem die hier gerade recht: Are Engen Steinsholm tut normalerweise Dienst als Gitarrist bei der Stockholmer Band Melby, nun stellt er die erste Single seines neuen Side-Projektes Lilla Parasit vor. Um sich versammelt hat der Junge noch Amanda Lindgren, David Svedmyr und Jessica Klingsell, der Song "Gaslights" befindet sich auf einem Minialbum, das in nächster Zeit via Rama Lama der Welt zu Gehör gebracht werden soll. Und wenn wir ehrlich sind, dann darf von dem psychedelischen Popsound ruhig gern mehr kommen.

Pallas Athene: Virtuelle Welt, reale Ängste [Update]

Kompletter Stilwechsel, anderer Kontinent: Dieser Song heißt "The Wall" und stammt von der kanadischen Künstlerin Pallas Athene. Hinter diesem sagenhaften Pseudonym verbirgt sich Breanna Johnston, eine junge Dame aus Toronto, die seit 2014 in kompletter Eigenregie einige dieser elektronischen Stücke aufgenommen hat. Der neue Track wird sich auf einer selbstbetitelten EP befinden, die für die nächste Zeit geplant ist, zum Stück selbst gibt sie zu Protokoll: "Ich habe mein das Lied aus meiner Sicht als Beobachterin einer virtuellen Welt geschrieben. Ich empfinde mich selbst und andere eher als Außenstehende, überwältigt vom bedrohlichen Zustand unsrer Umwelt und der ständigen Informationsüberflutung durch Nachrichten, Anzeigen, Mails und Messages. Dieser Track handelt von Einschränkung, Einsamkeit und Entmachtung, die ich als Teil dieser Welt empfinde, und auch von meiner Angst vor Isolation."

Update: Ein weiterer Track vom Minialbum kommt hier mit "Through Hell".

Samstag, 5. Oktober 2019

Pale Honey: Keine Verwechslung

Nein, mit den schwedischen Schwestern von First Aid Kit sollte man diese beiden hier nicht verwechseln: Nelly Daltrey und Tuva Lotmark haben, Unterschied Nummer eins, keinerlei verwandschaftliche Beziehung, auch ihre Musik ist nicht ansatzweise so lieblich und zart wie die des Duos aus Stockholm. Pale Honey kommen aus Göteborg und orientieren sich eher an Bands wie Hater, Melby oder  Westkust. Nach ihrem gleichnamigen Debüt (2015) und dem Nachfolger "Devotion" soll nun wiederum bei Bolero Recordings ein drittes Album erscheinen, als Vorauskopplung geht zunächst die Single "Set Me Free" ins Rennen.

26.10.  Hamburg, Female Future Festival
27.10.  Darmstadt, 086
28.10.  Köln, Blue Shell
30.10.  Berlin, Urban Spree