Samstag, 3. Oktober 2020

Porridge Radio: Auf dem Seziertisch

Porridge Radio
„Every Bad“

(Secretly Canadian)

Spätestens Ende des Jahres hätte es sich ohnehin gerächt. Deshalb ist das gar nicht so schlimm (oder das kleinere Übel), sich vergleichsweise spät zu diesem Album zu Wort zu melden. Denn, um eine bekannte Phrase etwas abgewandelt anzuführen: Eine Jahresrevision zu den besten Platten 2020 ohne Porridge Radio ist zwar möglich, aber unsinnig. Gelegenheit, die Qualität der Songs von Dana Margolin, der Sängerin der Band, zu entdecken, hatte es reichlich gegeben – schon im Dezember vergangenen Jahres erschien mit „Lilac“ die erste Single, einen Monat später dann „Sweet“, weitere folgten. Doch selbst wer diese (was so unverzeihlich wie unmöglich ist) überhört haben sollte, den/die erinnerte das Quartett aus Brighton mit dem wunderbaren „7 Seconds“ als Non-Album-Track gerade wieder daran, was für tolle Songs sie zu schreiben in der Lage sind. Dabei machen sie es einem denkbar einfach, Zugang zu finden, denn Margolin gehört wie beispielsweise auch Adrianne Lenker (Big Thief) oder Romy Vager (RVG) zu der Sorte Künstlerinnen, die bereitwillig das Wagnis eingehen, Herz, Hirn und meinetwegen auch Seele uns Zuhörer*innen buchstäblich auf dem Seziertisch bloßzulegen.

Wie sie in besagtem neuen Stück von der unerwiderter Liebe singt, weil außer ihr niemand davon weiß, wie sie ihr Innerstes nach Außen kehrt und die Qual in jedem Wort und jeder Note für uns nachklingen läßt, das ist – ja, doch: überwältigend. Und solche Lieder nun sind auf „Every Bad“ viele zu finden. Man nimmt Anteil am Leben dieser nachdenklichen, von Liebe und Schmerz gleichermaßen erfüllten jungen Frau, die mit der Unverstandenheit, der Einsamkeit und den Selbstzweifeln ihrer Jugend ringt. „My mum says that I look like a nervous wreck, because I bite my nails right?down?to the flesh. And?sometimes, I am just a child,?writing letters to myself, wishing out loud you were dead, and then taking it back“, singt sie bei „Sweet“ und auch wenn das nicht zwingend autobiografisch sein muß – nichts davon wirkt irgendwie verkünstelt, alles vibriert aus Leidenschaft und schonungsloser Wahrhaftigkeit.


Margolin schenkt sich nichts und uns entsprechend viele ehrliche, zuweilen verstörende Momente. „Long“ ist ein weiteres Beispiel dieser Entäußerung, Margolin zeigt hier ihre Verzweiflung auf, wenn sie singt: „I'm not in charge of everything, I'm not in charge of anything and I'm glad it's not me“ und endet später bitter: „I'm wasting your time, I'm wasting everything“. Trost und Versöhnung sind nur selten zu finden, selbst im „Homecoming Song“ hat der kleine Schimmer Hoffung noch einen traurigen Beigeschmack. Hieß es im „Pop Song“ noch: „I'm rotten at my core, I'm ugly deep inside, my bitterness subsides sometimes for a while. But I'm jealous to my core, so I'm never coming back, the waves keep rolling in, I'm never coming back“, so antwortet sie hier zwar mit der Zeile „I’m coming home“, nicht aber ohne hinzuzufügen „I’m a sinking ship, there’s nothing inside“. Unbeteiligt kann hier niemand bleiben, der Schmerz macht betroffen, der Wirrwarr der Gefühle manchmal ratlos. Und dennoch oder gerade deshalb ist dies wohl eines der beeindruckendsten Alben, die dieses komische, durcheinandergeratene Jahr uns zu bieten hat.

02.04.  Schorndorf, Manufaktur
03.04.  Berlin, Badehaus
04.04.  Hamburg, Hafenklang
27.08.  Darmstadt, Gold Leaves Festival



Donnerstag, 1. Oktober 2020

Future Utopia: Zwölf Fragen an die Zukunft

Zwölf Fragen, einundzwanzig Tracks - der Mann hat sich richtig reingehängt: Fraser T. Smith, bekannt durch seine Arbeit für Künstler*innen wie Adele, Kano oder Craig David, hat unter dem Pseudonym Future Utopia eine Reihe bekannter oder aufstrebender Musikerinnen und Musiker ins Studio gebeten und mit ihnen gemeinsam das Album "12 Questions" aufgenommen - mit dabei waren unter anderem Dave, Stormzy, Arlo Parks, Easy Life und einige mehr. Die Fragen befassen sich mit Smith's Grundängsten, mit den hervorstechendsten Problemen unserer westlichen Gesellschaft wie Umweltzerstörung, Rassismus, fehlender Gleichberechtigung der Geschlechter oder Glaubenskrisen. Er selbst führt dazu aus: "I made this record not because I could but because I had to - there was no other way to progress. It´s the most ambitious, exciting and terrifying thing I´ve ever done. Creatively, it´s a colourful musical playground - the culmination of everything I´ve learned over my career, from 70´s progressive rock to hip hop. Culturally, it´s a celebration of humanity, whilst shining a light on some of the cruel injustices in the world. I´m so proud and humbled by the hugely diverse group of collaborators who have spoken their truths on the album. I hope the answers will enlighten the listeners and stir debate." Zwei Stücke der Platte können wir hier schon vorstellen - vor einiger Zeit erschien die Single "Do We Really Care Pt.1 And 2" mit Tom Grennan, Tia Carys und Simon Armitage und natürlich einem knackigen Sample von The Lovin' Spoonful. Heute dann kam der nächste Song um die Ecke, für "Children Of The Internet" gesellten sich Dave und Es Devlin zu Smith. Das komplette Album wird dann am 23. Oktober bei 70Hz/Platoon erscheinen.






IDER: Ernste Sache [Update]

Die beiden haben das mit dem Virus mal wirklich ernst genommen: Lily Somerville und Megan Markwick, seit 2016 unter dem Namen IDER unterwegs und im Sommer 2019 mit ihrem Debüt "Emotional Education" bei Kritikern und Fans gleichermaßen erfolgreich, waren, so ist zu lesen, während des Lockdowns in Berlin und sind dort beide an Corona erkrankt. In dieser Zeit haben sie, halb im Fieber, wie sie sagen, den nachfolgenden Song "Saturday," aufgenommen - entsprechend reduziert und spooky ist er geworden (Update: Video von Lewis Knaggs). Das Statement dazu: "We wrote and produced 'Saturday,' in our flat whilst we were living in Berlin during lockdown in April. We both got pretty sick with the virus and the song was written when we were feverish and almost hallucinating. We turned Megan's cough into the kick drum and sampled some other stuff from around the flat we were staying in at the time. We wanted to capture the surreal couple of weeks we were having." Ob in der nächsten Zeit mit mehr Material des Duos zu rechnen ist, war bis jetzt nicht zu erfahren. Gesund sind die beiden jedenfalls wieder und das ist schon mal eine sehr gute Nachricht.




Mittwoch, 30. September 2020

Kruder und Dorfmeister: Vielversprechend [Update]

Da müssen wir ehrlich sein: Zur unbestritten stilbildenden Arbeit der beiden Herren Peter Kruder und Richard Dorfmeister herrschte knappe fünfundzwanzig Jahre eine Art Kontaktsperre, nach "Conversions", der Platte, die der grandiosen K7!-Compilation "DJ-Kicks" folgte, war eigentlich Sendepause. Was eigentlich weniger am Wiener Duo selbst lag, sondern eher an der Schnelllebigkeit unserer Zeit und dem Umstand, dass der Musikzirkus damals eine Blume weiterzog und das Genie der beiden etwas in Vergessenheit geriet. Und den nachfolgenden Projekten nicht ganz so viel Erfolg beschieden war wie Kruder und Dorfmeister zu Beginn ihrer Karriere. Könnte sein, dass sich das Blatt jetzt bald wieder wendet, denn gerade ist ihre neuen Single "Johnson" ans Netz gegangen (Video Oscar und Stefan Pecher) und am 30. Oktober soll beim Heimatlabel G-Stone Recordings das Album "1995" erscheinen. Klarer Bezug also zum erfolgreichsten Jahr ihres gemeinsamen Lebensweges, der Anfang jedenfalls klingt schon mal äußerst vielversprechend.

Update: Was sollen wir sagen, der zweite Vorabsong macht noch mehr Lust auf das künftige Komplettwerk, hier kommt "King Size" und weckt eine Menge alter Erinnerungen.



Kitschkrieg: ... geht weiter [Update]

Das Post-it hatte tatsächlich schon etwas an Farbe und Klebkraft verloren, wie es über die Monate so an der Pinnwand verkümmerte. Zu lesen war darauf nur ein einziges Wort: Kitschkrieg, ergänzt um ein dickes Fragezeichen. Seit über zwei Jahren hing das Blättchen dort rum, sehnsüchtig angestarrt, immer wenn ein neuer Song aus dem Hause des Berliner Labels erschien. "Standard", "5 Minuten", "Aua, Oh Oh..." und stets die Frage, wann denn das längst versprochenene Album endlich erscheinen würde. Okay, das blöde Virus tat sicher ein Übriges zur Verzögerung dazu, doch nun ist der Zettel im Schredder, denn ein VÖ-Termin ist benannt: Am 7. August wird die Platte als Doppelvinyl mitsamt edlem Coffee-Table-Book zur Entstehungsgeschichte erscheinen, der Einfachheit halber schreiben wir einfach mal die Tracklist vom Waschzettel ab.

1. "Standard" feat. Gringo, Ufo361, Trettmann + Gzuz
2. "Unterwegs" feat. Jamule
3. "5 Minuten" feat. Cro, AnnenMayKantereit + Trettmann
4. "Titanik" feat. Ms. Platnum + Marteria
5. "Sonora" feat. Max Herre + Skinnyblackboy
6. "International Criminal" feat. Bonez Mc + Vybz Kartel
7. "Lambo Lambo" feat. Peter Fox + Trettmann
8. "17.30 Uhr" feat. Jan Delay
9. "Nein du liebst mich nicht" feat. Modelselektor + Crack Ignaz
10. "Keine Angst" feat. Alli Neumann + Trettmann
11. "Oh Junge" feat. Rin + Kool Savas
12. "Irgendwo" feat. Nena + Trettmann

Zu bestellen natürlich nur über die Labelsite direkt - her damit!

Update: Wenn der Janni schon um "17:30 Uhr" flüssige und andere Substanzen zu sich nimmt, dann ist es nicht gut um die Welt bestellt. Da hilft oft nur - Kitschkrieg hören ... Oder schauen, zum Beispiel das aktuelle Video zu "Keine Angst feat. Alli Neumann".











Dienstag, 29. September 2020

Goat Girl: Gern verrückt

Unsere letzte Meldung über die Londoner Post-Punk-Kapelle Goat Girl stammt noch aus dem Jahr 2017. Was sehr lange her ist - man erkennt das schon daran, dass die vier damals noch nicht einmal ihr gleichnamiges Debütalbum draußen hatten und gerade für das Vorprogramm von The Fall (!) angekündigt waren. Nun, Mark E. Smith ist leider ein Jahr später gestorben, das Quartett aus dem Londoner Stadtteil Peckham dagegen erfreut sich zunehmender Beliebtheit, was auch daran liegen kann, dass die Damen gerade via Rough Trade ihren zweiten Longplayer "On All Fours" für Ende Januar 2021 angekündigt haben. Und zwar mit dem Video zur Single "Sad Cowboy". Dass das Filmchen von Jocelyn Anquetil ziemlich strange daherkommt, ist bei Goat Girl gesetzt, schließlich haben sie in dieser Hinsicht fast einen Ruf zu verlieren. 




Montag, 28. September 2020

Das Body: LoFi-Coolness

Einer der vielversprechendsten Popacts dieses Jahres sind mit Sicherheit diese vier jungen Menschen aus Oslo. Ellie Linden, Kim Granholt, Patrik Alm und Didrik Karsrud tauchten erstmals 2018 als Das Body mit ihrer bei Luminelle Records veröffentlichten, selbstbetitelten Debüt-EP (mit dem Song "Graceland") auf dem öffentlichen Radar auf. Vier Tracks, frostiger LoFi-Pop, tanzbar, eingängig, maximal elektrisch. Und natürlich als Markenzeichen nicht Lindens markante Stimme nicht zu vergessen, die dem Ganzen die nötige Unverwechselbarkeit verleiht. Ende 2019 dann das nächste Achtungszeichen, "Against The Glass", durchaus dunkel, der Titel wird sich, das steht nun fest, auch auf dem ersten Album der vier befinden - "Peregrine" soll am 20. November erscheinen und als Produzent fungierte Jorge Elbrecht, der auch schon mit Ariel Pink und Sky Ferreira zusammenarbeitete. Ebenfalls mit dabei "On Request" und die gerade geteilte Single "Scared", die nicht nur, aber eben auch wegen ihres befremdlichen Covers im Gedächtnis bleibt. Das bleibt spannend, garantiert.










Sonntag, 27. September 2020

Tunng: Die Sache mit dem Sex und dem Tod

Von der Londoner Band gibt es natürlich nicht nur ein einziges Album, der Titel ihres zweiten allerdings ist wahrlich philosophisch und deshalb wohl auch ihr berühmtestes: "Birth School Work Death" aus dem Jahr 1988 umreißt in nur vier Worten, was wir (grob verkürzt) vom Leben zu erwarten haben. Ernüchternde Bilanz, könnte man sagen. Wollte man nicht ganz so pessimistisch auf die Welt schauen, dann sollte man jedoch in jedem Falle noch die drei Buchstaben für "Sex" hinzufügen, schließlich macht der den Rest etwas erträglicher und sorgt zudem dazu, dass die von den Godfathers skizzierte Timeline nicht irgendwann abbricht. Ebenfalls aus London stammt die Formation Tunng. Nach der Jahrtausendwende von Mike Lindsay und Sam Genders gegründet, haben sie sich dem elektrischen Folk verschrieben und so auch schon ein halbes Dutzend Alben veröffentlicht. Ihr neuestes nun wird den schönen Namen "DEAD CLUB" tragen und am 6. November bei Full Time Hobby Records erscheinen. Und weil die neue Single "Death Is The New Sex" heißt, ahnen wir schon, dass es hier um Größeres (s.o.) geht. Sam Genders äußert sich dann auch entsprechend in den Linernotes. Auf der einen Seite hebt er hervor, wie sehr sich in den letzten Jahrzehnten unser Umgang mit der Sexualität geändert und wieviel Gutes das der Menschheit gebracht hat. Anders ist es dagegen mit dem Tod, hier halten wir aufgeklärten Westeuropäer Abstand, hier spielen eher Angst, Verdrängung und Schweigen die Hauptrollen. Das zu ändern ist Genders ein großes Anliegen, eines, dem er eine ähnlich hohe Bedeutung beimißt wie vormals der sexuellen Revolution. Und ein Thema, dass sicherlich auch in dem Podcast zur Sprache kommt, der unter gleichem Namen wie die Platte ins Leben gerufen wurde. Zur besagten neuen Single gibt es hier übrigens noch Vorabtrack Nummer eins "A Million Colours" zu hören/sehen.





Bruce Springsteen: Was wir hören wollen [Update]

So viele Neuigkeiten jeden Tag und trotzdem wollen wir uns den Alten nicht verschließen. Klar, warum auch, werden wir ja selber nach und nach - alt. Und manchmal machen auch die Alten Neues, dass man sich heute noch gut anhören kann. Olle Bruce Springsteen beispielsweise geht immer. Gerade wieder mal hat er mit der Nachricht überrascht, dass er mit seinen Uraltkumpanen von der E-Street-Band ein neues Album veröffentlichen wird, am 23. Oktober soll "Letter To You" erscheinen und der Titeltrack mitsamt einer kleinen Bildershow von den Aufnahmesessions geht schon heute online. Gefühlige, lebensweise Zeilen über das Leben mit Höhen und Tiefen, nichts Sensationelles, aber eben auch das, was man von diesem Mann hören will.

Update: Und hier folgt die zweite Single "Ghosts", Springsteen selbst über den Song: "'Ghosts' is about the beauty and joy of being in a band, and the pain of losing one another to illness and time,” says Springsteen in a press release. "'Ghosts' tries to speak to the spirit of the music itself, something none of us owns but can only discover and share together. In the E Street Band, it resides in our collective soul, powered by the heart."



Freitag, 25. September 2020

Travis Scott: Tatort vs. Tenet

Die Nachricht muss man auch erst mal verdauen: Der Nachrichtenkanal ntv hat gerade geschlagzeilt, dass eine Filmminute des futuristischen Thrillers "Tenet" von Christopher Nolan annähernd so viel kostet wie ein ganzer Tatort. Na gut, abgesehen davon, dass man für einen dieser biederen Sonntagabendstreifen ganz gewiß nicht ins Kino gehen würde (abgesehen von ein paar unerschrockenen Til-Schweiger-Fans), unterscheiden sich wohl auch die Drehbücher ein wenig voneinander - bei den einen liegt bei der Tätersuche so gut wie nie daneben, wer den bekanntesten Nebendarsteller tippt (natürlich nur, wenn man vorher noch nicht sanft entschlummert ist), bei den anderen rächt sich eine Milisekunde Abwesenheit sofort, die Chance auf die Lösung des Rätsels sinkt danach exponentiell. Wer aber bei Nolans Rückwärts-Krimi trotzdem den Anschluss verpasst hatte, konnte sich immer noch von dem großartigen Sound trösten lassen, womit wir dann tatsächlich bei Travis Scott angelangt sind. Der nämlich hat zum Soundtrack des Blockbusters den Track "The Plan" beigesteuert und kommt jetzt mit einem weiteren Song um die Ecke, das Video zu "Franchise" hat Scott selbst verantwortet, zusätzliche Tonspuren und Auftritte gab es zudem von Young Thug und M.I.A. Von den dreien ist übrigens nicht bekannt, ob sie demnächst am Tatort-Score mitzuschreiben gedenken ...


Pixies: Noch nicht Schluß

2019 haben sie eine weitere, mehr als okaye Platte ("Beneath The Eyrie") veröffentlicht, sind grandios damit getourt - Schluß ist deshalb noch lange nicht: Gerade kommt die Kunde, dass die Pixies am 16. Oktober eine neue 7" verteilen werden, zwei Songs befinden sich darauf - "Hear Me Out", gesungen von Bassistin Paz Lenchantin, und die Flipside "Mambo Sun". Für ersteren gibt es nun auch einen Videoclip, Regie führte Maximilla Lukacs und neben der Leadsängerin selbst hat u.a. auch Henry Hopper, Sohn von Dennis Hopper, seinen Auftritt. Bei der B-Seite wird es sich im Übrigen um ein Cover des gleichnamigen Stückes von T. Rex handeln.

Smashing Pumpkins: Prinzip Hoffnung [Update]


Okay, wir geben zu, dass sich unser Optimismus im Hinblick auf das neue Album der Smashing Pumpkins bis jetzt in sehr engen Grenzen hielt - die beiden Vorabsongs "CYR" und "The Colour Of Love" waren einfach zu schwach, um große Erwartungen wecken zu können. Da wir heute aber alle nötigen Informationen zur Platte bekommen haben, wissen wir auch, dass die Tracklist ganze zwanzig Stücke umfasst und als Berufsoptimisten hoffen wir mal, dass sich Corgan noch ein paar Höhepunkte aufgehoben hat. Schließlich war ja auch das letzte Werk "Shiny And Oh So Bride" dann gar nicht so übel geworden. Also: "CYR" wird das Ding auch heißen und am 27. November erscheinen, mehr dazu wenn vorhanden. Begleitet wird die Promotion im Übrigen auch von einer fünfteiligen Animationsserie, erdacht und gezeichnet von Corgan selbst, in welcher einige Songs von "CYR" zur Aufführung kommen - Trailer siehe unten.

Update: Und zwei Songs kommen noch dazu - "Confessions Of A Dopamine Addict" und "Wrath".











Donnerstag, 24. September 2020

Idles: Jedem seine Chance

Idles
„Ultra Mono“

(Partisan Records)

Nein, um die Musik geht es schon länger nicht mehr. Weil ein Künstler, eine Künstlerin oder eben eine Band immer mehr ist als Musik, mehr als ein paar Songs, ein neues Album, wird gerade in den Netzwerken und Magazinen ein Streit ausgefochten, der von selten erlebter Intensität und Schärfe ist. Manch eine/r fühlt sich an die längst vergangenen Jahre der Herren Gallagher, Williams und Albarn erinnert, doch da ging es nur um vergleichsweise lächerliche Hahnenkämpfe und die Frage, wer wohl den Größten, den Längsten habe (sie wussten es nicht besser, es waren andere Zeiten) – pubertärer Kinderkram also. Joe Talbot, Frontmann der Idles, wird da gerade mit weitaus schwerwiegenderen Vorwürfen konfrontiert, muss Stellung beziehen, seine Band nehme es nicht ernst genug mit den Parolen, die er ihnen selber textet. Zuviel vom falschen Marketing, zu wenig Unterstützung für Frauen, fehlende oder späte Wortmeldungen der Solidarität an gebotener Stelle – Talbot sieht sich in eine Position gedrängt, die ihm sichtlich Unbehagen bereitet. Und weil man in der Defensive leichter Fehler macht, agiert er ein ums andere Mal recht unglücklich.


Irgendwas gelernt daraus? Nun, es gibt wohl unter der angeblich so weltoffenen und toleranten Künstlerschaft doch noch deutlich Luft nach oben in Sachen respektvollen Umgangs miteinander, im Haifischbecken sind viele, zumeist männliche, Exemplare mit knüppeldicken Egos unterwegs, zudem bewaffnet mit steinharter Moral und unfehlbaren Urteilen, Fehler werden kaum gestattet, Meinungen weggewischt, der Diss regiert. Es zeigt sich aber auch, dass die Diskussionen, die Talbot führen muss (weil er sie sich zum Teil selbst eingebrockt hatte), sehr wohl dringend notwendig waren und sind, dass es zur Gleichberechtigung aller Geschlechter auch unter Musiker*innen noch ein viel weiterer Weg ist als angenommen. Dass es nicht reicht, Slogans auf bunte Shirts zu drucken und sich der eigenen Überzeugungen zu rühmen, wenn die Taten nicht folgen. Gleichwohl scheint die Bereitschaft, Fehler nicht nur zu erkennen, sondern auch mal zuzulassen, wenn denn ein Lernprozess folgt, nicht sonderlich ausgeprägt.


Denn natürlich sind die Idles weder mysogyn noch rassistisch, natürlich stellen sie sich auch mit dem neuen Album auf die Seite derer, die den Brexit energisch ablehnen, die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten der herrschenden Eliten in ihrer Heimat anprangern, sich jeder Art von Homophobie, weißer Überheblichkeit und Frauenfeindlichkeit entgegenstellen. Ihre Texte, eben auch die neuen, geben ein deutliches Bild davon, sind Kampfansagen, klar, energisch, leidenschaftlich. „Our government hates the poor, cold leaders, cold class war, given drugs you can't afford, so the poor can't buy the cure“, heißt es in „Anxiety“, bei „Grounds“ wiederum „Saying my race and class ain't suitable, so I raise my pink fist and say black is beautiful“ und im Duett „Ne Touches Pas Moi“ mit Jehnny Beth von den Savages gibt es wenig später wiederholt klare Ansagen zu toxischer Männlichkeit und dem „No Means No“ der #MeToo-Bewegung. Meinen sie es, leben sie es so, wer wollte ihnen dann etwas vorwerfen?!


Musikalisch ist dieses dritte Album vielleicht nicht gerade ihr bestes geworden. Klar, die Drums werden verprügelt, als gäbe es kein Morgen, auch Gitarre und Bass legen sich gewohnt mächtig ins Zeug, allein, es kommt nichts wesentlich Neues hinzu. Zehn Stücke hindurch schreit sich Talbot mit seiner Wut, seinem Frust und seiner Anklage die Seele aus dem Leib – selbst für den hartgesottensten Idles-Fan dürfte dieser Lärmpegel auf Daueranschlag etwas ermüdend sein. Zumal sich die Lyrics nicht selten in gebellten erschöpfen Wortfetzen – das ist manchmal etwas dürftig. Bezeichnend also, dass neben tatsächlich grandiosen Stücken wie „Model Village“ und „Reign“ ein Song wie „A Hymn“ am längsten in Erinnerung bleibt, am tiefsten geht: „I want to be loved, everybody does“ gesteht Talbot hier freimütig und hat uns sofort auf seiner Seite.

Noch einmal also: Man darf die neue Platte der Band aus Bristol gut finden oder nicht (wir für unseren Teil tun ersteres mit einigen Abstrichen), man kann die Band in ihrem manchmal etwas unglücklichen Tun kritisieren, man sollt es sogar. Selbstgerechtigkeit, überzogene Moral oder verletztende Häme sind dennoch fehl am Platz. Aber die Nebengeräusche dieser Veröffentlichung vorschnell zu verbannen, hieße sie als Teil einer sehr notwendigen Debatte kleinzureden, ihre mögliche Wirkung zu schmälern. Wo uns heute doch vieles unabänderlich, aussichtslos scheint, wo wir uns ohnmächtig fühlen, da gilt in diesen Fall sicher, dass ein/e jede/r die Chance dazu hat, die Dinge um sich herum und auch sich selbst zu ändern, dazuzulernen. Und wenn ebenjene Diskussion das anzuschieben vermag, ist das beileibe kein geringer Verdienst.

Loma: Lernen mit Pflanzen [Update]

So viel Content wünschte man sich für jeden Text: Die texanische Band Loma war eigentlich schon Geschichte, Emily Cross, Dan Duszynski und Jonathan Meiburg (Shearwater) schienen ihre Egos schlecht über- bzw. nebeneinander zu bekommen. Was sehr schade war, hatten sie doch 2018 ein beeindruckendes Debütalbum vorgelegt, das - so hört man - auch Brian Eno sehr gefallen haben soll. Nun, wie es scheint, haben die drei sich aber wieder zusammengerauft und so soll nun am 23. Oktober via Sub Pop das neue Album "Don't Shy Away" erscheinen. Das Cover zeigt eine phantasievolle, vielleicht sogar etwas esotherische Malerei mit sich windenen Pflanzen - da kommt es nicht von ungefähr, dass auch die erste Single des Trios nach langer Zeit einen floralen Namen trägt. "Ocotillo" nämlich bezeichnet eine Pflanze, die auch in den heimatlichen Steppen von Loma zu finden ist. Und wenn man den Beschreibungen aus dem Netz glauben darf, dann ist dieses Gewächs ein höchst eigenartiges - es mutet wie ein abgestorbenes Gehölz an und besitzt zudem auch recht lange Dornen, bei Regen allerdings bildet der Strauch (Fouquieria splendens) ziemlich schnell kleine Blätter und Blüten, die wochenlang bestehen bleiben und das ursprünglich abstoßende Aussehen schnell vergessen lassen. Wäre doch komisch, wenn das nur zufällig eine treffende Metapher für so ziemlich Vieles im Leben ist ... Das Video zum Song hat übringens Emily Cross selbst gedreht - die Reise durch karge Landschaften kontrastieren auf das Trefflichste mit ihrer sanften Stimme und dem dronigen, dunklen Electro-Folk.

Update: Zwei weitere, wunderbare Songs vom kommenden Album - "I Fix My Gaze" und "Don't Shy Away" geizen weder mit bezaubernden Klängen noch mit eindrücklichen Bildern.






Mittwoch, 23. September 2020

Sault: Das Manifest

Sault
„Untitled (Rise)“

(Forever Living Originals)

Wie sollen wir sie nennen? Die Unermüdlichen? Die Unbeugsamen? Die Unergründlichen? Oder vielleicht doch die Unfehlbaren? So rätselhaft sich das Londoner Künstler*innen-Kollektiv Sault gibt, so schwer ist auch ihr Output mit den gängigen Superlativen zu fassen: Bemerkenswert, was sie hier, nachdem ja im vergangenen Jahr derer zwei Alben erschienen sind und im Sommer 2020 schon das nächste folgte, erneut vorlegen. Eindrucksvoll, weil Quantität und Qualität auf sehr seltene Weise Hand in Hand gehen und Sault das Kunststück fertigbringen, mit jedem ihrer Werke noch ein Level draufzusetzen. Und das sowohl in thematischer als auch musikalischer Hinsicht. Wurde "Untitled (Black Is)" noch das Versprechen nachgeschickt, konzentriert bei der Sache bleiben zu wollen, nimmt ihnen das beim nun folgenden „Untitled (Rise)“ angesichts der eindeutigen inhaltlichen Ausrichtung ohnehin jede/r ab. Self empowerment rules also, es geht um das Wiedererstarken des Gemeinschaftsgefühls aller persons of color (POC), um Erwachen, um Stärke, um den Kampf und das Überleben. Und zwar in jedem einzelnen Track des Albums. Bei aller möglichen Verkürzung könnte man vielleicht von einer Art schwarzem Manifest sprechen. Ähnlich wie beim Vorgänger „Black Is“ gibt es bei Sault kaum Sprachbilder, Zwischenebenen, Metaphern, alles wird hier klar und direkt angesprochen, Missverständnisse sind ausgeschlossen.

Jedes der fünfzehn Stücke transportiert so einen Teil der übergeordneten Message, die hier vermittelt werden soll, funktioniert mal als Mutmacher, Trostspender, Antreiber, mal geht es gegen Lügen und Vorurteile, dann wieder darum, sich auf Gemeinsamkeiten und Stärken zu besinnen, auch um religiöse Quellen und Wurzeln, die ins Bewusstsein rücken. Sault proklamieren mit einfachen, verständlichen Worten, sie wollen also nicht nur gehört, sie wollen auch verstanden werden. (Und das nicht nur mittels Gesang, sondern wie bei „Rise“, „You Know It Ain’t“ und „No Black Violins In London“ auch mal in Form eindringlicher Monologe oder wie bei „The Black And Gold“ als reines Instrumental, das Stimmung statt Stimme transportiert). Wenn Sault textlich im besten Sinne monothematisch agieren, lassen sie sich bei Sound des Albums in keinster Weise festlegen und packen erneut eine Klangvielfalt in die Arrangements, die nur schwer ihresgleichen findet. Hier wird dem Soul gehuldigt, werden Jazz und Funk gefeiert, wechseln smoothe Streicher und leises Piano mit wilden Percussion-Jams – allein der Song „I Just Want To Dance“ fegt mit seiner sagenhaften Energie jede vornehme Zurückhaltung in viereinhalb Minuten rückstandslos weg. Die trippigen, klackernden Beats hört man auf „Rise“ weniger oft als noch auf „Black Is“, es geht hier deutlich analoger zu, der Lust beim Zuhören tut das keinen Abbruch. Ein ganz großer Wurf, schon wieder.

Dienstag, 22. September 2020

The Bats: Perfektes Beispiel

Gerade hatten wir's davon, dass sich die kanadische Punkband METZ für das Video ihrer neuen Single von der Landschaft und also von einem Regisseur Neuseelands haben inspirieren lassen, da fällt uns ein, dass wir doch unbedingt noch auf folgendes hinweisen wollten: The Bats, eine der verdienstvollsten Indiepop-Kapellen aus Neuseeland, genauer Christchurch, hatten schon im August ein weiteres Album namens "Foothills" bei Flying Nun Records angekündigt. Damals gab es zur Nachricht die erste Auskopplung "Warwick" dazu und nun folgte dans wunderbare Stück "Another Door". Das Schöne an der Musik der vier ist ja, dass trotz aller Eingängigkeit die Gitarren immer ein klein wenig rauer, ein bisschen weniger glatt als erwartet aufspielen, die neue Single ist dafür das perfekte Beispiel.






METZ: Perfekte Mischung [Update]

Das die kanadische Band METZ sich anschickt, ein neues (und ihr viertes) Album zu veröffentlichen, sollte sich ja langsam herumgesprochen haben - nach den Werken "METZ", "II" und "Strange Peace" soll am 9. Oktober der Longplayer "Atlas Vending" bei Sub Pop erscheinen. Vor ein paar Wochen ist die erste Single "A Boat To Drown In" erschienen, in deren Video zwar ein knuffiges Kuscheltier mitspielt, das aber durchaus auch zum Problembär taugen könnte. Nun geht mit "Hail Taxi" Vorabsong Nummer zwei ans Netz, diesmal mit monochromer, eindringlicher Bildersprache von Regisseur A.F. Cortés (Idles, Daughters, Lee Ranaldo, Iggy Pop) ausgestattet. Das Trio aus Toronto hat, so ist zu hören, seine explosive Mischung aus krachenden Gitarren und eingängigen Melodien weiter perfektioniert, wann Alex Edkins, Hayden Menzies und Chris Slorach damit wieder auf Tour gehen, wird nach Erscheinen der Platte die nächste dringliche Frage.

Update: Mit "Blind Youth Industrial Park" geht heute die dritte Single vom neuen Album ins Rennen, das episch-futuristsiche Video dazu stammt vom neuseeländischen Regisseur Dylan Pharazyn (Wax Chattels, Yukon Era, Die! Die! Die!).






Sonntag, 20. September 2020

Bartees Strange: Überraschend vielgestaltig [Update]

Dieser junge, etwas ratlos dreinblickende Mann aus Washington D.C. passt perfekt als Anschlußempfehlung: Bartees Strange, eigentlich Bartees Cox Jr., nimmt einen mit seinem neuen Song "Boomer" sofort mit auf die Tanzfläche, das Stück klingt gerade so, als hätten es die sagenhaften TV On The Radio in ihren Anfangstagen zusammengezimmert. Die elf Songs, die sich auf seinem Debütalbum "Live Forever" befinden, sollen eine Schnittmenge aus Moses Sumney, Death Grips, Kings Of Leon, Algier und Justin Vernon ausmachen (schreibt zumindest Under The Radar) und das klingt ja nun schon mal sehr interessant. Schon im Juli kam Auskopplung Nummer eins "Mustang" in Umlauf und auch dieses Stück besaß einige schöne Widerhaken. Könnte also gut sein, dass hier die nächste Überraschung auf uns wartet, am 2. Oktober (via Memory Music) sind wir dann schlauer.

Update: Keine zwei Minuten lang und doch ins sich perfekt - die neue Single "Kelly Rowland" mit Video von Britain Weyant.







Future Islands: Zurück auf Start [Update]

Vor fünf Jahren ungefähr wäre die Freude noch eine uneingeschränkte gewesen - die Future Islands hatten damals ihre Platte "Singles" schon längere Zeit draußen und man erwartete von der Band um Samuel T. Herring nicht weniger als das nächste kleine Wunder. Nun, das kam dann in Form des Nachfolgers "The Far Field" 2017 leider nicht, die Platte geriet etwas zu harmlos und war somit eher eine Enttäuschung. Jetzt also, weitere drei Jahre später, geht es zurück auf Anfang und zwar mit dem dem neuen Song "For Sure". Der steht (trotz des Videos) und des Features von Jenn Wasner (Wye Oak) vorerst nur für sich selbst, von einem ganzen Album kann also noch keine Rede sein - wir werden das also weiter beobachten.

Update: Jetzt also doch - "As Long As You Are" heißt der neueste Wurf, am 9. Oktober soll das Album bei 4AD erscheinen. Und weiteres Singles sind auch schon im Umlauf, "Thrill" präsentiert ausnahmsweise nicht die Band, sondern Herring als Solisten und für "Moonlight" gibt's ein Video von Will Mayer mit Cill Hernandez und Matthew Gray Gubler.







Samstag, 19. September 2020

Girls In Synthesis: Laut gegen die Angst

Girls In Synthesis
„Now Here’s An Echo From Your Future“

(Harbinger Sound)

An dem Spruch, dass nicht der Lauteste gehört wird, sondern der Klügste, gibt es eigentlich nichts zu rütteln, allein in den letzten Monaten und Jahren scheint die Politik den unbedingten Gegenbeweis antreten zu wollen. Überall plärren die Angstmacher ihre Parolen, Einschüchterung macht sich bezahlt, Besonnenheit und gegenseitiger Respekt haben als Maxime offenbar ausgedient und verlieren an Boden. Dem Schreihals mit wildem, widerspenstigem Lärm zu begegnen scheint da ein probates Mittel zu sein und die Girls In Synthesis aus London in dieser Hinsicht erstklassige Protagonisten. John Linger, Nicole Pinto und Jim Cubitt sind seit 2016 als Band zusammen, erste Veröffentlichungen erfolgten im Selbstverlag oder bei kleinen Indielabels, bevor sie nun für ihr vorliegendes Debüt beim renomierten Harbinger Sound landeten. Mit einer Klassifizierung tut man sich schwer, die Schublade Post-Punk wäre zwar die gräumigste, aber nur passend, wenn man dort noch Punk, Jazz und Noise mit unterbringen dürfte.


Zehn Stücke in einer guten halben Stunde und dabei keinerlei Atempause – GIS halten mit dem Unmut über die Zustände in ihrem Heimatland nicht hinterm Berg. Schiefe, dreckige Gitarrenakkorde treiben die Stücke wütend voran, flankiert von einem nicht minder wuchtigen Bass und unermüdlichen Drums, bei Stücken wie „Human Frailty“ und vor allem dem überwältigenden „Set Up To Fail“ irrlichtert zudem noch das Bläserblech im Hintergrund. Bedrohlich klingt das, düster und stellenweise sehr aggressiv, die drei wollen sich und den Zuhörer*innen offenbar nichts schuldig bleiben. Wer will, kann sich den Sound als Mischung aus Bauhaus und The Clash vorstellen, quasi the best of both worlds.


Thematisch stellen sich GIS ganz auf die Seite derer, die an den Rand gedrängt wurden in einem England der Eliten. Eliten, die sich an den Wohlstand der wenigen klammern, die Veränderung verweigern und denen das Wort der einst so starke und stolzen Arbeiterklasse egal ist. Aber auch die working class bekommt ihren Teil, denn vielen von ihnen erscheint Boris Johnson als gleichgesinnter Verbündeter, in ihrer Gutgläubigkeit und Verblendung merken sie nicht, dass er sie und ihre Familien immer tiefer in den Abgrund reißt. „You can make all the noise you want“, heißt es dazu in einem Song, „they’re not listening.“ Der Frust sitzt tief, Angst ist berechtigt, Sorge auch: „Cause For Concern“. Der schleichende Abschied von der Mitmenschlichkeit („Arterial Movements“), mediale Manipulation („The Images Agree“) und der stumpfe Hass der Masse („Tirades Of Hate And Fear“) – es gibt momentan wirklich nicht viel Grund zur Hoffnung. Um so wichtiger ist es, laut dagegen anzuspielen.