Montag, 6. April 2015

Young Fathers: Deadbeats aus der Rumpelkammer

Young Fathers
“White Men Are Black Men Too”
(Big Dada)

Natürlich geht es hier in erster Linie darum, das grandiose zweite Album der schottischen Crossover-Formation Young Fathers zu loben und zu preisen. Weil es fast noch besser geworden ist als ihr erstes. Und weil sie damit jedweden Zweifel aus der Welt geschafft haben, die Verleihung des Mercury-Prizes im vergangenen Jahr für ebenjenes Debüt könnte zu früh gekommen sein. Es geht hier aber auch um die notwendige Ehrenrettung für einen Begriff, der hierzulande über Jahrzehnte ein beschauliches und unbescholtenes Dasein führen durfte, bis ihn das (wenn auch nicht persönliche) Wirken eines gewissen Rudi V. in schändlichen Misskredit brachte: Das Rumpeln. Keine Ahnung, woher der schlechte Leumund kommt, schließlich gab es dafür in grauer Vorzeit sogar spezielle Kammern (Hashtag: Willi Schwabe), in denen nach Herzenslust dem ungeordneten Chaos fröhnen konnte, wer keine Lust auf Geradlinigkeit, Klarheit und Perfektion hatte. Und dabei Erstaunliches zu Tage fördern konnte.

Die Young Fathers haben es mit „White Men Are Black Men Too“ zur wahren Meisterschaft im Rumpeln gebracht, die zwölf Stücke sind so vielgestaltig, roh und ungestühm, wie es von einem Zweitling kaum zu erwarten war – eine Nummer Sicher jedenfalls klingt entschieden anders. Jeder der Songs ein tiefdunkles Wummern von ganz weit unten her, spannungsgeladene Deadbeats, mal als schiefes Electrospiritual („Feasting“), mal als fiebrig klackernder Sound mit halblaut genuschelten Lyrics („Rain Or Shine“)  – wild, archaisch, bedrohlich. Da, wo TV On The Radio die Rhythmuskomponente im Laufe der Zeit für den großen Pop etwas vernachlässigt haben, hauen die drei Kerle aus Edinburgh mächtig auf die Felle. Bei „Shame“ hämmern die Loops zu garstigen Gitarren, in „27“ hüpfen überdrehte Afrobeats in der Runde, als gäbe es keine Sperrstunde.

„Old Rock’n Roll“ kommt wie ein altes, knarzendes Dampfschiff daher, auf dem man sich zu einem beschwörenden Totentanz getroffen hat und an passenden Stimulanzien kein Mangel war. Was ja irgendwie auch hinhaut, denn hier wird er ja auch gerade beerdigt, der gute, der brave schwarze Mann: „I’m tired of playing the good black, I said I’m tired of playing the good black, I’m tired of having to hold back … Some white men are black men too, niggah to them, a gentleman to you.” Das ganze herrliche Geschrei, Georgel und Gezerre ist nicht weit weg von einem David Lynch und seinem albtraumhaften, surrealen Bilderkosmos, in welchem die abgedrehtesten Gestalten zugleich immer auch die faszinierendsten sind. Die Art und Weise, wie die Young Fathers Bezüge aus Soul, Big Beat, Traditional, Blues und HipHop miteinander vermengen, ist somit nicht weniger als ein hochenergetisches und unterhaltsames Lehrstück in Sachen Musikgeschichte. http://www.young-fathers.com/

Morrissey: Puppet on a string

Vor ein paar Tagen machten ja die offiziellen Tourdaten von Morrissey für die USA die Runde und, warum auch immer, irgendwie kamen alle auf die gleiche dumme Idee, die Ankündigungen mit einem traurigen Schwarzweißbild des Mozzers zu schmücken. Mit dem Erfolg, dass einem jedes Mal der Schreck in die Glieder fuhr, ob es nicht doch um eine weitaus betrüblichere Nachricht ginge als die besagte Konzertreise. Nun, glücklicherweise scheint sich Morrissey ja noch unter den Lebenden zu befinden, auch wenn das aktuelle Video zu "Kiss Me A Lot" leichte Zweifel zuläßt - selbst die Mitglieder der Augsburger Puppenkiste haben mehr Verve in den Bewegungen als der Meister bei seiner stocksteifen Bühnenpräse. Dagegen wirken ja die Grüße der beiden Herzchen am Anfang des Films regelrecht explosiv...

Sonntag, 5. April 2015

The Maccabees: Fast verpasst

Das ist doch tatsächlich irgendwie untergegangen - Fluch des 1. April, an dem die Nachricht ins Netz ging? Dabei war der erste neue Song von den Maccabees seit mehreren Jahren beileibe kein Scherz, ein schlechter schon gleich gar nicht. "Marks To Prove It" deutet eine kleine Abkehr vom Breitwandstil des letzten Albums "Given To The Wild" (2012) an und läßt mit ungehobelten Gitarrenklängen aufhorchen - voilá.

21.08.  Berlin, Heimathafen

Tame Impala: Frohe Botschaft

Was sich vor einiger Zeit schon so himmlisch ankündigte, konnte nur der Vorbote einer verheißungsvollen Botschaft sein: Nun, diese ist jetzt draußen und besagt, dass die australische Psychrockformation Tame Impala den Nachfolger für sein letztes Album "Lonerism" fertig hat und im Laufe des Jahres unter dem Titel "Currents" veröffentlichen wird. Hier noch einmal der wunderbare Vorbote "Let It Happen" in Überlänge und das neue Stück "'Cause I'm A Man".



Samstag, 4. April 2015

Deine Freunde: Auskenner der Herzen

Deine Freunde
„Live von der Reeperbahn“

(Universal/noch mal!)

Also gut, ein letztes Mal von ganz vorn – auch wenn man eigentlich annehmen dürfte, dass mittlerweile ein/e jede/r Bescheid weiß, wer Deine Freunde sind und was sie machen (und was – genauso wichtig – eben gerade nicht). Ein paar Sätze also für die Newbees unter den Eltern, die nicht vertraut sind mit Schlüsselworten wie „Mudder“, „Schokolade“, „Ferdinand“, „Rakede“ oder „Eierloch“ (denn alle anderen haben das Ding hier ohnehin schon ohne großes Überlegen im Warenkorb platziert). In aller Kürze: Lukas, Pauli und Flo kommen aus Hamburg und machen seit drei Jahren Rapmusik für Kinder und zwar – und das ist noch immer ihr unbedingtes Alleinstellungsmerkmal – von der ganz und gar unpeinlichen Sorte. Gerade weil sie ihr junges Publikum auf kindliche (und nicht kindische) Weise versuchen ernst zu nehmen, ist es auch so verdammt einfach für Erwachsene, mit ihnen klarzukommen.

Denn – hallo!? – wann kam es denn bis dahin vor, dass der oder die Erziehungsberechtigte selbst (!) und unbemault (!!) einen Tonträger für die Autofahrt auswählen durfte? Oder umgekehrt: Wann endete der laut proklamierte Ruf der Kids im Fond der Familienkutsche vorher nicht in Zank und Streit (und insgeheim im dringenden Wunsch seitens der Eltern, die Verniedlichungsfantasien der Kinderbespaßungs-Industrie kommentarlos und umgehend durchs geöffnete Wagenfenster zu pfeffern)!? Beide CDs, die Deine Freunde bislang eingespielt haben, lassen sich daheim, bei Besuchen oder unterwegs bedenkenlos und ohne nennenswerte Abnutzungserscheinungen abspielen – besser noch, sie machen aus quälenden Überlandpartien (und unvermeidbaren Stauphasen) gutgelaunte Musikhappenings und versöhnen (wenigstens auf eine Spieldauer) die junge resp. unverspannte und die gestresste resp. auf ewig uncoole Generation miteinander.

Und das klappt so auch auf den Konzerten der drei: Wer das unkontrollierte, selige Gehüpfe der eigenen Kids zur Ansprache der Jungs selbst schon gesehen hat, wer bemerkt, wie der anfangs obligatorische Sicherheitsrückblick zum in der letzten Reihe postierten, verstohlen mitwippenden Begleitschutz immer seltener wird, wie Deine Freunde sich gekonnt mal mit dem jungen, mal mit dem gealterten Publikum verschwören und den Kindern das unbedingte Gefühl vermitteln, jetzt und hier sei Zügellosigkeit und Ausgelassenheit genau die richtige Wahl – der kann nicht anders, als sie dafür und ein für allemal ins Herz zu schließen. Sie lassen den Nachwuchs erleben, dass trockene, satte Beats und gescheite Texte ohne jedes Herangewanze in gleichgesinnter Gemeinschaft jede Menge körperliche Glücksgefühle hervorrufen können. Genau die eben, die man selbst von eigenen Konzertbesuchen kennt und von denen man sich immer wünscht, der Nachwuchs möge es ähnlich empfinden.

Was man noch erfährt? Nun, dass Hamburg die schönste Stadt der Welt ist – naja, da können wir ja noch mal drüber reden. Dass Florian Sump HSV-Fan ist (okay, die Chancen standen 50/50, dass er zu den Guten gehört, aber vielleicht braucht jeder, auch ein Kindergärtner, eine dunkle Seite…). Dieses Katzending ist ein wenig gruselig, es treibt vermeintlich erwachsene Männer zu verstörenden Geräuschen und Bewegungen, über deren Herkunft man Näheres wohl nicht wissen mag. Die Schoko-Oma ist dabei, der begnadigte Rolf Z., ohne den es – dickes sorry! – die Band als solche gar nicht gäbe, Crowdsurfing, ein paar ganz und gar nervige Flötentöne und Videos satt natürlich. In einem besinnlichen Moment wird einem bewusst, dass die eigenen Kinder auch dieser Mucke wieder entwachsen werden (was danach kommt, liegt im furchtbar Ungewissen) und man fragt sich, wer einen dann wohl mitnehmen mag, wenn Deine Freunde wieder mal in der Stadt zu Gast sind. Besser, man hat dann die DVD zur Hand…

Freitag, 3. April 2015

Jeanne Added: Für den zweiten Blick

Jeanne Added
"War Is Coming"

(Naive)

Vielleicht ist es ja ganz gut, wenn man ab und an mal seine Vorbehalte in der Ecke abstellt: Diese nämlich könnten besagen, dass eine junge Dame mit derart markant aufgestyltem Haupthaar den Großteil der Arbeit vor dem Spiegel und nicht im Tonstudio verrichtet, für den Rest wird sich schon ein halbwegs talentierter Produzent finden lassen. In diesem Falle: Kokolores. Denn wer ein Blick ins Netz riskiert, der wird schnell feststellen können, dass Jeanne Added ihren Kopf ganz sicher nicht in erster Linie zum Frisieren benutzt. Sondern ganz im Gegenteil schon eine ganz Reihe Meriten vorzuweisen hat. Abgesehen von ihrer Ausbildung zum klassischen Gesang, zu Cello und Jazz in Paris hat die junge Französin neben Festivalgastspielen auch mit Marielle Chatain (Musikerin bei The Dø) zahlreiche Auftritte absolviert - ein Grund, warum Dany Levy auch die vorliegenden EP betreut hat. Minimaler, abgedunkelter Elektropop, der seine Zeit braucht, intensiv nicht vordergründig durch Lautstärke oder BPM, sondern eher unterschwellig, mithilfe klarer Strukturen und eindringlichen Gesangs. Alle drei Stücke lassen sich im Übrigen nicht nur auf Konserve, sondern auch im Rahmen der äußerst gelungenen Deezer-Live-Sessions hören und sehen. http://jeanneadded.com/

The National: Rückgriff

Schon klar, noch ausgelassener wäre der Jubel gewesen, wenn es gleich ein neues Album gegeben hätte - aber ein neuer Song ist auch nicht schlecht für's Erste: The National veröffentlichen aus den Sessions zu ihrer letzten Platte "Trouble Will Find Me" das Stück "Sunshine On My Back", wenn man genau hinhört, sollte man auch noch die Begleitstimme von Sharon Van Etten erkennen. Sagt Pitchfork.

Donnerstag, 2. April 2015

Laura Marling: Hausbesuch

Na da ist aber jemand gutgelaunt: Laura Marling macht jetzt Hausbesuche. Schaut ein bisschen aus wie die Urliedtherapie oder folgt der Regel, dass eine feste Umarmung auch mal helfen kann. Die Umarmten jedenfalls nehmen es gelassen, die Kinder freuts und der Zuschauer hört nebenbei den schönsten Song des Albums "Short Movie", nämlich "Gurdjieff's Daughter".


Hot Chip: Selbstfindung

Tja, sieht ganz so aus, als hätte Alexis Taylor, die singende Brille von Hot Chip, da ein gewaltiges Problem am Hacken. Und das meint nicht die grausige Wohnung in einer grausigen Gegend oder die Frau, die gerade ihre Sachen gepackt hat. Der Mann leidet offenbar an einer Art Persönlichkeitsstörung und findet sich entschieden zu oft selbst. Zu sehen im Video zur neuen Single "Need You Now" vom kommenden Album "Why Make Sense?".


Kendrick Lamar: Straight outta Compton

Wirklich noch jemand da draußen, der nicht davon überzeugt ist, dass Kendrick Lamar mit seinem aktuellen Album "To Pimp A Butterfly" ein wirklich großen Wurf gelandet hat? Na, vielleicht überzeugt dann ja das Video zu "King Kunta", einem der besten Tracks der Platte.


Kim Gordon: Vom Suchen und Finden seiner selbst

Kim Gordon
„Girl In A Band“

(KiWi)

“Was ist erschreckender als ein Paar, dass – nach 30 Jahren in einer eigenen Band, nach 27 Jahren Ehe, nachdem sie 17 Jahre gemeinsam ein Kind großgezogen haben – beschließt, die Nase voll zu haben? Während sie Erfolg hatten, waren auch wir erfolgreich.“

Was macht das mit einem, wenn man solche Zeilen über sich lesen muss? Zeilen, geschrieben von einer Online-Journalistin, die implizieren, nun, da man sich getrennt habe, sei man ebenso Schuld am Misserfolg aller anderen? Wie geht man damit um, gefangen in einem Mythos, von dem man nur zu gut weiß, dass er nicht funktioniert hat? Es ist ein altbekanntes Phänomen, dass nicht wenige zu Ikonen stilisierte Menschen, Künstler zumeist, bereitwillig ihren eigenen Ruf auf’s Spiel setzten, um Erwartungen und falsche Bilder zu brechen. Kim Gordon, Mitbegründerin und Bassistin der amerikanischen Noiseband Sonic Youth, mithin gern aufgerufenes und verehrtes Role-Modell für so vieles, Kim Gordon also schreibt ein Buch. Ein Buch, wie es widersprüchlicher nicht sein könnte, so dissonant wie ihre Musik, so umstritten, so ambivalent. Ein Buch, das mit dem Ende beginnt – ohne die Trennung von Thurston Moore, Vater ihrer gemeinsamen Tochter und kreativer Partner, ohne das darauf folgende Ende von Sonic Youth hätte es wohl kein Buch gegeben. Und das mit dem Beginn endet, ihrem Neuanfang, ihrem Re-Start, ihrem Versuch, sich neu zu orientieren nach dem Zerfall so vieler Sicherheiten.



Das Eingangszitat stammt aus dem ersten Kapitel, eines von später folgenden, die schwer zu ertragen sind, wenn man Kim Gordon nicht wirklich näher kennt, sondern ihre Person aus Videos, von Plattencovern und Interviews imaginiert und sie so zum kühlen, in sich gekehrten Rockgirl stilisiert, die alles fest im Griff hat, die nichts erschüttern kann. Über weite Strecken des Textes macht sie einen zum Voyeur wider Willen, zum Mitwisser, dann, wenn sie detailgetreu und mit viel Bitternis die Geschichte ihrer Trennung schildert. Intimste Szenen einer Ehe, die man so genau gar nicht lesen wollte, die ein erschrecken lassen ob der Bereitschaft, all dies dem Boulevard, der gefräßigen Presse auf dem berühmten Silbertablett zu servieren. Die Breite des verlassenen häuslichen Bettes, die verräterischen Mails und Textnachrichten, alle Kümmernisse und Verletzungen werden haarklein beschrieben und so der medialen Nachnutzung anempfohlen – schon suchen Scharen von Paparazzi nach der geheimnisvollen Person, die beider Beziehung zerstört hat. Sie braucht ihren Groll und ihre Enttäuschung ganz gewiss nicht hinterfragen, aber musste sie es aller Welt zu lesen geben?



Und doch: Viele andere Kapitel zeichnen einen beeindruckenden Bogen vom unfertigen, verunsicherten Mädchen, gestartet in der totenbleichen und lähmenden Sonne Kaliforniens, über die inspirierenden Auslandsaufenthalte mit den Eltern, die Hassliebe zum Moloch New York mit seiner schier unfassbaren Kunst- und Musikszene bis hin zur Familienkommune in Northhampton. Ein Bogen, der vor dem Bildschirm des heimischen Fernsehapparates endet und ein Konzert der eigenen Tochter zeigt, wie diese mit sparsamer, selbstbewusster Gestik ihre Mutter rührt. Wie an einer Perlenkette aufgereiht trifft man die Mitspieler dieser Sinnsuche, Dan Graham, Cindy Sherman, Tony Oursler, Greil Marcus, Lydia Lunch, Henry Rollins und Kurt Kobain. Menschen, die ihr neue Anstöße gaben, die sie die Anonymität New Yorks ertragen ließen oder einfach nur für ein Dach über dem Kopf sorgten. Man erfährt allerlei Erstaunliches über liebgewonnene Alben und Songs, begleitet die Entstehungsgeschichte bahnbrechender Werke wie „Daydream Nation“ oder „Goo“ von der Aufnahme bis zum Coverentwurf.



Auch, dass ihr die Widersprüchlichkeit quasi in die Wiege gelegt wurde, erfährt man. Zärtliche Zeilen über den Professorenvater, dem sie so vieles recht machen wollte und bei dessen Tod sie nicht zugegen sein konnte. Distanziertes über ihre Mutter, die schroff und wenig vertraulich geschildert wird und zu der Gordon erst ganz spät eine tröstende Nähe entwickeln kann. Schmerzvoll und prägend das Verhältnis zum schizophrenen Bruder Keller, den die Familie in den Focus der Aufmerksamkeit stellt, woran die Schwester Zeit ihres gemeinsamen Lebens leidet. Und letztendlich ein unentschiedenes, selten klares Bild ihres Mannes Thurston Moore, liebevoll als Vater, unendlicher Egomane, genial in seinem Tun und doch mit seiner steten Ruhelosigkeit nicht fähig, sich auf die Familie, auf die neue Umgebung fern ab vom quirligen New York einzulassen. So sehr diese Schilderungen versöhnen, so sehr verstören einen später die hinrichtungsartigen Ausfälle gegen Lana Del Rey und Billy Corgan. Eigentlich sollte sie, die sie den täglichen Beschuss der Senstationspresse kennt, die Folge solcher Äußerungen besser kennen.

Vielleicht beherzigt sie aber auch nur den Rat ihrer Eltern, die ihr für den Streit mit dem herausfordernden Bruder empfahlen: „Ach, schlag einfach zurück!“ Zurückschlagen, laut werden, auch mal gemein, das vertrug sich bislang nicht mit dieser Frau, der ein halblautes „Fuck!“ auf einem Benefizkonzert von Freund Neil Young schon unendlich peinlich war, einer Frau, die sich in der direkten Linie der Frauen ihrer Familie aufwachsen sah – „stoisch, duldsam, keine Fragen, keine Klagen.“ Und so bleibt am Schluss das Bild der zeitlebens Suchenden, nach ihrer Rolle als Tochter, Schwester, Frau, Mutter, Bandgirl und Künstlerin. Und die Vermutung, dass Kim Gordon genau dort, auf der Bühne, den Bass in der Hand, den gesenkten, rhythmisch wiegenden Kopf inmitten eines Orkans an Verzerrungen und Wortfetzen der selbstbestimmten Identität, die sie so dringend zu finden wünscht, am Nächsten kommt. Und das ist dann doch, Gottlob, irgendwie wieder Rock’n Roll.

„Wenn ich auf der Bühne absolut konzentriert bin, empfinde ich mich als eine Art Raum mit einem Rand drum herum, einem Schimmer selbstbewusster, freudiger Sinnlichkeit. … Ich wollte nie etwas anderes sein als das, was ich war.“

Mittwoch, 1. April 2015

Adam Horovitz: Want some advice?

"Girls - to do the dishes
Girls - to clean up my room
Girls - to do the laundry
Girls - and in the bathroom
Girls - that's all I really want is girls
Two at a time - I want girls
With new wave hairdos - I want girls
I ought to whip out my - girls, girls, girls, girls, girls!"

Ähem - Ratschläge von jemandem, der solche Texte gerappt hat? Allen Ernstes? Für Euch, Mädchen!? Aber sicher doch! Adam Horovitz aka. Ad-Rock, einer der drei Beastie Boys, hat sich für Rookie, eine Videoplattform, vor die Kamera seines Notebooks gesetzt, um im Rahmen der Reihe "Ask A Grown Man" Ratschläge an Heranwachsende zu geben. Ein Dr. Sommer mit Coolness-Faktor also. Auch wenn sich der Mann augenscheinlich etwas unsicher ist, ob er die richtigen Tipps gibt. Aber hey, Horovitz ist schließlich mit Riot-Grrrl Kathleen Hanna verbandelt. Wenn der das nicht kann...

Azealia Banks: She's got the look

Das ist dann tatsächlich etwas abgefahren: Azealia Banks ist bekanntlich stets für eine Überraschung gut - letztens kam sie mit der Nachricht, sich für den amerikanischen Playboy ausziehen zu wollen, das Ergebnis war dann eher ein ironisch-glamouröses als etwas für Spanner. Im Video zur aktuellen Single ihres Albums "Broke With Expensive Taste" gibt sie die stahlkalte "Ice Princess" - auch schön anzuschauen.


Franz Ferdinand vs. Sparks: Verpiß dich!

Die Kollaboration war ja schon einige Zeit Thema, jetzt gibt es auch ganz offiziell Töne zum Spektakel: Franz Ferdinand und die Sparks machen für ein Album unter dem Namen FFS gemeinsame Sache, hier ist der Schlußtrack der Platte "Piss Off" und noch einmal die Erinnerung an alle Kölner, das Privileg des "einzigen Indoor-Konzertes in Deutschland" nicht leichtfertig sausen zu lassen, Berlin ist natürlich später auch noch dran.

01.07.  Köln, Gloria
12.09.  Berlin, Lollapalooza

Montag, 30. März 2015

Paul Weller: Sternenkunde zweiter Teil

Einen neuen Song gibt es vom Anfang Mai erscheinenden Album "Saturns Pattern" von Paul Weller - das Titelstück folgt auf "White Sky", das vor einem Monat schon die Runde machte.

Samstag, 28. März 2015

Prag: Der Regen bleibt aus

Prag
Strom, München, 27. März 2015

Gerade erst gelesen: „Das Flüstern des Kein-Ohr-Hasen“ – keine Ahnung, wie man auf so eine Überschrift kommt. Denn Prag haben mit dem Blockbuster von Knautschgesicht Til Schweiger so gar nichts zu tun und sie sind auch weit davon entfernt, eine Nora-Tschirner-Band zu sein. Live noch weniger als auf den zwei Alben, die sie bislang eingespielt haben. Ganze neun Leute nämlich versuchen sich den spärlichen Platz auf der Bühne des Strom zu teilen, neben Erik Lautenschläger und Tom Krimi auch noch Geige, Cello, Trompete, Keyboard, Bass und Schlagzeug – ein stattliches Ensemble. Ja, und eben auch Nora Tschirner. Entertainerin, Schauspielerin, Sängerin und Musikerin, all das ist sie und zwar genau in dieser Reihenfolge. Man möchte ihr nicht unrecht tun, aber am sichersten und entspanntesten wirkt sie tatsächlich, wenn sie zwischen den Liedern mit launigen Ansagen die melancholische Stimmung brechen kann, wenn sie als begnadete Ulknudel, die sie nun mal ist, über Menschenpyramiden, Linedance und die unvermuteten Qualitäten des Wuppertalers quasselt. Ihren zurückhaltenden, manchmal etwas linkisch wirkenden Bandkollegen tut sie damit einen großen Gefallen, dem Publikum, das auch deshalb gekommen ist, sowieso.

Am Instrument fehlt es ihr offensichtlich etwas an Vielseitigkeit und Professionalität, man sieht ihr an, wie sehr sie sich konzentrieren muss, um mitzuhalten und wie gern sie mal richtig in die Saiten hauen würde, wo sie doch die Mimik eines verruchten Gitarrengirls locker draufhätte. Auch stimmlich sind die Grenzen eher eng gesteckt, so richtig in den Vordergrund gelangt sie weder solo und noch in Begleitung, dafür fehlt es am nötigen Volumen. Genug davon, all das ist erfreulicherweise gar nicht so wichtig, die Stücke der drei (bis neun) funktionieren in diesem Rahmen ganz wunderbar, die Band wirkt eingespielt und schafft es so, jedem Song eine schöne, eine eigene Klangfarbe zu verpassen, der das Publikum bereitwillig und phasenweise begeistert folgt. Man hatte ja befürchtet, die mehrheitlich doch recht grüblerische, traurige Grundstimmung des zweiten Albums würde sich nachteilig auf den Abend auswirken, sicherheitshalber wollte man schon einen Indoor-Regenschirm einpacken. Aber der Niederschlag blieb aus, kein bedröppeltes Rumstehen, keine in sich gekehrten Klageweisen, sondern kraftvolles Zusammenspiel.

Schon auf den Platten kann man hören, wieviel Mühe und Sorgfalt die drei in die Texte gesteckt haben, wahrscheinlich würden sie auch als bloße Gedichte funktionieren. Die schwelgerische, raumgreifende Instrumentierung (auf der Konserve wird aus Geige und Cello ein ganzes Orchester) bringen sie aber noch besser zur Geltung, hier bekommen sie die Leidenschaft, die dem bloßen Wortlaut noch fehlt. Auch Leichtigkeit – Stücke wie „Sophie Marceau“ und „Einfach“ sind ja fast schon Klassiker und dürfen natürlich nicht fehlen. Aber auch „Morgentau“, bislang nur auf der Deluxe-Version des neuen Albums zu haben, kann schnell überzeugen und mitreißen. Erstaunlich genug, aber für eine Band, die sich auf die Schwermut eines Leonard Cohen beruft, können sich Prag doch oft ziemlich locker machen. Tee trinken, ein Späßchen hier und da, ein bisschen an sich selbst berauschen und nebenher auch noch gut unterhalten, viel mehr kann man von/an einem Abend nicht erwarten. Prag sind sicher nicht die angesagteste Berliner Band der Stunde, wohl aber eine der am meisten unterschätzten.

Freitag, 27. März 2015

Earl Sweatshirt: Schwarzmaler

Earl Sweatshirt
„I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“

(SmiCol/Sony)

Also dann, nach Kendrick Lamar – the next Wunderkind: Der gleiche Hype, ein paar Gemeinsamkeiten, aber: Same, same, but different. Für Earl Sweatshirts drittes Album zählen im Vergleich zur Schmetterlingsplatte weder Opulenz noch Kunstfertigkeit, selbst das politische Statement ist zweitrangig. Hier geht es vielmehr um Verweigerung, Negation, um die Fortführung eines Gegenentwurfs, den Buddie Tyler mit seiner Odd Future Wolf Gang Kill Them All vor fünf Jahren lostrat und der all jene verunsichern sollte, die sich gerade an die Rückkehr des sehr stylischen, aber auch sehr braven HipHops von Jay-Z, Kanye West und Kid Cudi gewöhnt hatten. Was jetzt kam, war rude, silly, dirty, war provokant und puristisch und irgendwie ziemlich faszinierend, die Soundtracks dazu hießen „Goblin“, „Doris“ und „Wolf“, die Ästhetik war monochrom, die Stimmung reichte von bedrohlich bis zappenduster.

Das ändert sich auch mit dem schwarzen Album von Earl Sweatshirt nicht – es ist nur halb so lang wie das parallel veröffentlichte Geniestück von Lamar und auch nur halb so langsam. Der Name der Platte also Programm – alles reduziert, abgebremst, heruntergedimmt und verhangen, man sieht Thebe Neruda Kgositsile, so sein Klarname, förmlich, wie er sich in seinem Zimmer und Studio vergraben hat, um Albträume und Angstgestalten zu beschwören. Ihm dabei zuzuhören ist nicht immer einfach, das somnambule Raunen und die quietschende, scheppernde Geräuschkulisse, begleitet von dumpfem Gewummer, läßt den Zuhörer desöfteren frösteln. Und doch bleibt man dabei, weil die düstere Kälte einen irgendwie am Haken hat und nicht mehr freigeben will.

Die technoiden Backing Tracks lassen einen zuweilen an Spezialisten für Tiefgefrorenes wie ARCA oder Haxan Cloak denken, wohl wissend, dass Sweatshirt selbst als randomblackdude hinter den Reglern stand. Selbst wenn sich wie bei „AM//Radio“ ein souliger Loop in die Klangkulisse verirrt, auch wenn die Kollegen Vince Staples und Darien Dash auf ein paar Raps vorbeischauen – die betäubte und betäubende Atmosphäre ändert sich dadurch kaum, ebensowenig die Anziehungskraft, die „I Don’t Like…“ auszuüben vermag. Das ist zwar nicht die hohe Schule der populären Unterhaltung, aber beeindruckend konsequent am Massengeschmack vorbei produziert. Und verdient genau deshalb ebensoviel Respekt wie das eingangs erwähnte Meisterstück von Kendrick Lamar.


Martin Gore: Knopfparade

Sehr sparsam war er da, der Martin Gore, als er das Video zur ersten Single "Europa Hymn" für sein neues Album "MG" hat machen lassen. Produziert hat den Clip das Studio M-I-E, wo auch schon Arbeiten für Faithless, George Michael, die Olympischen Spiele in London, Beyoncé oder Joey Bada$$ über die Schneidetische liefen.

Jamie xx: Alles so schön bunt hier

Na, da war die Warterei doch für 'was gut: Jamie xx hat ja für Anfang Juni sein Soloalbum "In Colour" angekündigt - ein Blick auf das Cover der Platte zeigt, dass er es damit ernst meint. Auf dem Debüt befinden sich, wie sollte es anders sein, auch gemeinsame Arbeiten mit seinen Kollegen von The XX, zwei Stücke mit Romy Madley Croft, eines mit Oliver Sim, auch Four Tet und Young Thug sind mit dabei. Die Single "Loud Places" gibt's hier schon mal als Clip zu sehen.


Donnerstag, 26. März 2015

Ceremony: Edle Kühle

Kürzlich schon im Gespräch - jetzt mit ein paar Daten mehr unterfüttert: Ceremony haben für Mitte Mai ihr neues Album "The L-Shaped Man" angekündigt. Die erste Single wird "The Seperation And The Understanding" heißen und dafür gibt es auch schon paar Bilder. Das Stück ist für ihre Verhältnisse ungewohnt kühl und zahm, Vergleiche mit Joy Division, die ja sonst so locker sitzen, drängen sich hier auf.