Donnerstag, 18. November 2021

Eades: Lässig in Leeds

Frischer Wind aus Leeds, jetzt bald auch in Albumlänge: Die Indierocker Eades haben nach der Veröffentlichung mehrerer EP nun endlich einen Termin für den Verkaufsstart ihres Debüts "Delusion Spree" auf Heist Or Hit bekanntgegeben. Nachdem vor einigen Wochen schon die Single "Reno" mit lässigen Franz-Ferdinand-Hearalike-Beats erschienen ist, kommt nun das ebenfalls ziemlich direkte "Ever Changing" ins Netz. Songschreiber Tom O'Reilley hat dazu folgendes notiert: "At that time I was finding myself in a lot of situations with self-involved characters that I had no interest in, purely because they’re an easy distraction from everything I didn’t want to think about. I kept jumping from toxic relationships to chaotic friendships without thinking I could take a step back and centre myself to actually tackle real problems. ‘Ever Changing’ is about burying my head in the sand and avoiding real issues in my life. It’s about finding new ways to procrastinate and change to make each day feel more exciting than it really is."




Let's Eat Grandma: Gerne Gegensätzliches

Da sind sie also wieder, die beiden Damen mit dem herrlich verrückten Bandnamen: Rosa Walton und Jenny Hollingworth, die gemeinsam unter Let's Eat Grandma firmieren, haben gerade ein neues Album angekündigt. "Two Ribbons", datiert auf den 8. April bei Transgressive Records, folgt auf "I'm All Ears" aus dem Jahr 2018, das gefüllt war mit wunderbarem Synthpopgewummer. An dieses schloss die erste Auskopplung "Hall Of Mirrors" nahtlos an, der Titelsong dagegen ist eine zart gezupfte Folkballade über Einsamkeit und Tod. Wir mögen beides.





Mittwoch, 17. November 2021

LIFE: Freudlose Zeiten

Wie sehr man in Zeiten wie diesen Freunde braucht, muss an dieser Stelle wohl nicht erklärt weren. Selbst Menschen, die gemeinhin als sehr geduldig und vernünftig gelten, sind den Umständen der Pandemie überdrüssig, zeigen sich genervt und/oder einigermaßen hoffnungslos. Da spielt es dann auch keine Rolle, ob wo genau man in Europa oder anderswo zu Hause ist. Auch im britischen Hull könnte die Stimmung besser sein - obwohl: LIFE, das Post-Punk-Quartett um Sänger Mez Green, haben gerade bei The Liquid Label ihre neue Single "Friends Without Names" veröffentlicht und zwar mit dem Hinweis, dass diese als Blaupause für das nächste Album gelten kann. Was ja mal eine gute Nachricht ist. Denn wir erinnern uns daran, dass schon die letzte Platte namens "A Picture Of Good Health" sehr gelungen war, es darf also gern so weitergehen.



Silverbacks: Reich an Facetten [Update]

Und noch eine Rückmeldung der erfreulichen Art - die Silverbacks aus Dublin sind ebenfalls mit neuem Material back in business. 2020 mit ihrem Debüt "Fad" nach einer Reihe erfolgreicher Singles endgültig durchgestartet, schicken sie heute anlässlich des Wechsels zum Label Full Time Hobby den Song "Wear My Medal" an den Start, ein durchaus vertrackter und interessanter Song mit vielen Facetten - flirrenden Gitarren, zarten Bläsern, dazu die schöne Stimme von Emma Hanlon und ein wirklich sehr extravagantes Animationsvideo von Lauren Gregory, es gibt hier wirklich gar nichts auszusetzen. Außer vielleicht dem Umstand, dass sie bislang nur Konzerttermine auf Inseln gebucht haben. Aber was nicht ist kann ja noch werden, wir würden es jedenfalls mehr als begrüßen.

Update: Nun also ein paar mehr Daten aus Dublin - das neue Album wird "Archive Material" heißen und am 21. Januar 2022 erscheinen, Titelsong und Video gibt es hier und heute vorab ... und gleich auch noch "Rolodex City" hinterher.






Freitag, 12. November 2021

Nation Of Language: Blick zurück nach vorn

Nation Of Language
„A Way Forward“

(Play It Again Sam)

Es ist ja leider ein weit verbreiteter Irrglaube, wenn einige Mitmenschen denken, sie müssten sich die albernen Auftritte der vergreisten Stars ihrer Jugendtage auch heute noch anschauen, wenn sie auf deren Musik partu nicht verzichten wollen. Nein, das müssen sie nicht. Es gibt tatsächlich Unmengen wunderbar gelungener Popmusik, die der aus früheren Tagen in nichts nachsteht. Und nur wer wirklich meint, auf die ranzigen Altherrenwitze ergrauter Showmaster und Bilder von in wunderliche Neoprenanzüge gequetschten Senioren, noch dazu weit über dem Verfallsdatum, nicht verzichten zu können, sollte das tun. Wer aber beispielsweise ein Faible für die elektronische Musik der Endsiebziger und deren dunkle Verfeinerung aus den Achtzigern hat, also Bands wie Kraftwerk, OMD und Ultravox verehrt und wem zudem deren geniale Wiedergänger Jason Lytle (Grandaddy) und die Herren Gibbard und Tamborello (The Postal Service) nicht unbekannt sind, für den hat sich schon vor fünf Jahren eine sehr lohnende Alternative aufgetan.



Da nämlich gründete sich im New Yorker Stadtteil Brooklyn die Synthpop-Formation Nation Of Language, ausgestattet mit feinstem Gespür für geschmeidige, melancholische Melodien und der flauschig weichen Stimme von Ian Devaney. Das Trio legte dann auch mit „Introduction, Presence“ ein derart bezauberndes Debütalbum vor, dass manche der besagten Originale, ganz ohne bösen Willen, erstaunlich schnell vergessen waren. Ja, und nun gibt es also einen zweiten Schwung Nostalgieware. Diesmal ein wenig krautrockiger – Devaney nimmt zusammen mit Aidan Noell und Michael Sui-Poi nach eigener Auskunft sogar Bezug zur synthetischen Avantgarde der Gründerjahre, namentlich auf die Amerikanerin Laurie Spiegel, die seit den 70ern als Pionierin in Sachen Maschinenmusik gilt (und die wir ohne diese Erwähnung wohl niemals kennengelernt hätten).



Das wichtigste Erkennungsmerkmal der Band – die erhabenen, auserlesenen Melodien also – bleibt natürlich weiterhin gewahrt, auch auf „A Way Forward“ finden sich reichlich Songs zum Tanzen und/oder Schwelgen. So zum Beispiel das wunderbare Doppel „Across That Fine Line“/„Wounds Of Love“, ersteres markiert zu munter pluckernden Beats den zarten Moment, wo aus Freundschaft Liebe wird, letzteres beklagt zu getrageneren Klängen die Unauslöschbarkeit des Verlustschmerzes nach Beendigung derselben. Bei „The Grey Commute“ zeigt sich Devaney erstmals vorsichtig politisch, indem er mit den Nachwirkungen der Trump-Ära abrechnet, „This Fractured Mind“ und „Former Self“ wiederum thematisieren die Veränderung des Selbst durch die Widrigkeit der äußeren Umstände, der Sound mal lässig, mal mit cineastischem Drama. Ein Album, auf dem man nichts vermisst, der viel zitierte Blick zurück nach vorn, ganz ohne jede Peinlichkeit.



Donnerstag, 11. November 2021

Rosalía: Ziemlich dringend [Update]

Viel ist es noch nicht, was wir an Neuigkeiten haben, aber die Schlagzeile steht soweit schon mal und das ist ja jetzt auch nicht wenig: Rosalía hat ein neues Album angekündigt, 2022 soll es kommen und auf den Namen "Motomami" hören. Der dringlich erwartete Nachfolger für das vor vier Jahren veröffentlichte "El Mal Querer" erscheint auch nach einer Reihe von eigenständigen Kollaborationen, so zum Beispiel mit James Blake, Billie Eilish, Oneohtrix Point Never, Tokischa, Travis Scott und und und ...

Update: Und da ist sie, die erste neue Single - "La Fama" featuring The Weeknd und dem Machetenmann Danny Trejo.





Jasmyn: Genauso weiter

Schon lustig, manche Stücke bleiben in Erinnerung, auch wenn man sie gar nicht so häufig gehört hat. Die kanadischen Weaves zum Beispiel haben nie mit knackigen Hooks gegeizt, die Stücke ihrer bisherigen Platten gingen immer ziemlich ordentlich nach vorn. Dafür war, das ist kein Geheimnis, vor allem auch deren Sängerin Jasmyn Burke verantwortlich, die Frau ist pure Energie. Und weil Energie transformierbar ist, schafft sie es auch unter ihrem Solonamen Jasmyn zu begeistern. Burke hat gerade beim Label ANTI- Records unterschrieben und dort auch gleich die wunderbare Single "Find The Light" veröffentlicht - für das Video haben Peter Dreimanis und Leah Fay von der Band July Talk, ebenfalls aus Toronto, Regie geführt. Und wir warten ungeduldig ab, was da so noch Feines nachkommt.


Dienstag, 9. November 2021

Charly Hübner: Teufelsritt

Charly Hübner
"Motörhead"

(KiWi Musikbibliothek)

Jetzt also noch mal zum Mitlesen: Ein kleines Bändchen, keine 200 Seiten, und trotzdem eine dringende Empfehlung. Alex Bukow – äh, falsch – Charly Hübner schreibt über sein Idol Lemmy Kilmister und Motörhead, und das, obwohl er lange Zeit aus Gründen gar nicht wusste, wie die wohl aussehen und er sie (Achtung: Spoiler!) gar nicht mal live gesehen hat. Kann, nein, muss man natürlich trotzdem lesen. Warum? Nun, Hübner ist eben nicht nur Hübner, sondern eben auch Bukow und das kommt, vermuten wir mal, nicht zufällig von Bukowski, seiner zweiten großen Liebe. Wer besagten Bukow im Polizeiruf neben der König (also genauer Sarnau, ebenso grandios) mit entrückt teuflischem Blick hat wüten sehen, der weiß, dass nur brachialer und turboschneller Lärm ihm die nötige Entspannung verschaffen kann. Einziger Endgegner also. Und natürlich will man wissen, wie der Hübner, bevor er zum Bukow wurde, an die irren Rock’n Roller aus London kam. Er bedient sich dazu eines tatsächlich sehr feinen Kniffes, einer Art literarischen Delirium Tremens‘ und weil der Verfasser dieser Zeilen mit Hübner nicht nur das Alter, sondern auch die ostdeutsche Herkunft teilt, gerät der wilde Ritt mit dem Luzi (Verzeihung: Memphis) zu einer überaus nostalgischen Reise in die eigene Jugend. Und zwar einer erfreulich deckungsgleichen und detailgetreuen. Begriffe wie Dorfdisko mit Tonbandkassette, Rockerrunden plus reichlich Bier und Rausch und Prügelei und ein paar röhrenden Hirschen – als Außenseiter bei diesen denkwürdigen Abenden musste man nicht unbedingt auf der gleichen Seite stehen, um ähnliche Erfahrungen zu sammeln. Sie prägten das Leben, gaben die Richtung vor, härteten ab. Hübner gerät diese Rückschau mal mit wehmütigem Ernst und meistens in liebevoller Komik, das eingestreute Platt macht die Sache nicht ernster, als sie sein muss. Und ein paar Runden mit dem krächzenden Lemmy in den Ohren können sowieso nicht schaden, diese Empfehlung nimmt man vom Autor gerne entgegen …

Mastodon: Triumph folgt Tragik

Mastodon
"Hushed And Grim"

(Reprise Records)

Erst das Bild, dann der Ton: Da stehen dann also die vier Männer in blaugefärbter Kälte – gefurchte, tiefernste Gesichter, die nicht nur vorgeben, einiges gesehen zu haben im Leben, sie haben ja tatsächlich allen Grund zu mäßiger Laune. Metalbands geben sich ja seit jeher gern als Kämpfer an der Seite des Teufels, die von Berufs wegen dem Tod unablässig auf Augenhöhe entgegentreten müssen, meistens jedoch sind die Schlachten, die sie schlagen und die Wunden, die sie einstecken müssen eher Metaphern aus dem Widerstreit mit den eigenen Dämonen. Auch die sind nicht ohne, aber Mastodon haben nun leider wirklich ein sehr intensives Verhältnis zu Leid und Vergänglichkeit, im Umfeld der vier gab es in den letzten Jahren doch recht viele Verluste zu beklagen. Peter Richter schrieb gerade recht treffend in der SZ, die Band habe wohl inzwischen „mehr Passionszyklen vertont als Bach“ und gäbe es nicht die Familie Ramone als unfreiwilligen Gradmesser, sie würden wohl den Spitzenplatz in dieser bizarren Statistik belegen.

Im Jahr 2018 nun ist ihr Freund und Manager Nick John an den Folgen einer Krebserkrankung verstorben, ein Einschnitt, der maßgeblich zur Ausrichtung dieses Albums und zur nachhaltigen Gemütslage der Musiker generell beigetragen hat. Zwar stammt der Titel der Platte aus der Romanvorlage des Erfolgsfilms „Vom Winde verweht“, für Mastodon erschienen diese drei Worte aber vor allem als die passendsten, die traurigen Momente am Sterbebett des Gefährten zu umschreiben: „Zum Schweigen gebracht und düster“. Dass John zudem auf dem Cover der Platte eine zentrale Würdigung erfahren hat, erscheint da fast selbstverständlich. Sterblichkeit, Verlust, Trauer und Wut spielen denn auch und gerade auf diesem (sorry, plattes Wortspiel) Mammutwerk eine zentrale Rolle, den direktesten Bezug stellen die vier später im fast balladesken Stück „Had It All“ her, wo der Abschied von John nochmals durchlitten wird – dankenswerterweise für uns Zuhörer mit einem phänomenalen Gastsolo des Soundgarden-Gitarristen Kim Thayil.



Mastodon waren und sind bekanntlich nie eine Band für die Puristen und Ultraorthodoxen unter den Schwermetallern, ob nun Progressive, Sludge, Stoner- oder Mathrock, sie wollen nie nur einem Subgenre genügen und finden so auch abseits der eingetretenen Pfade viele Anhänger. Und weil sie an diesem Credo zu Glück nicht rütteln lassen und zudem der Weisheit „Gut Ding will Weile haben“ huldigen, ist dieses achte Album nicht nur ihr monumentalstes, sondern zugleich wohl auch vielschichtigstes und bestes geworden. Troy Sanders, Brent Hinds und Brann Dailor wechseln sich in gewohnter und immer wieder erstaunlich stimmiger Manier am Mikrophon ab, die Tempi variieren ebenso klug wie die Charaktere der Stücke und trotz aller überraschenden Effekte und Umschwünge bleiben Mastodon von angenehmer Härte und Konsequenz.



Einzelne Titel aus einem Album herauszuheben, dass so gut wie keine Schwachstellen kennt, ist da fast unmöglich, Favoriten kann man dann aber doch ausmachen: Die Hinwendung der Amerikaner zu den ausufernden Instrumentalparts im Geiste David Gilmours und Pink Floyds beispielsweise ist uneingeschränkt zu begrüßen – gleich mehrmals („The Crux“, „Skeleton Of Splendor“, „Eyes Of Serpents“ und „Gigantium“) lassen sie die Gitarren derart von der Leine und tun sehr gut daran. Der Einsatz verzerrter Orgeltöne (wie u.a. im fabelhaften, gut achtminütigen „Gobblers Of Dregs“), fernöstlicher Melodien, das Verbauen von Unmengen an bleischwerer Riffmasse, aber auch die derbe Direktheit von „Pushing The Tides“ und der lässig treibende Groove eines „Sickle And Peace“ – all das ist kunstvollster, betörender Lärm und in der Summe schlicht umwerfend. Entstanden ist hier ein aus der Tragik persönlicher Erfahrungen geschöpftes Meisterwerk, von dem es in einer Dekade wohl nur sehr wenige gibt und geben wird.

Montag, 8. November 2021

Sunn O))): Für den Heimgebrauch

Gerade erst war von einem mutigen, wenn nicht sogar übermütigen Charly Hübner zu lesen, der in seinem gerade erschienenen Büchlein über seine Liebe zu den britischen Motörhead unter anderem schreibt, er habe im Berliner Berghain allen Ernstes versucht, am Ordner ohne die Mitnahme von bereitliegenden Ohrstöpseln vorbeizukommen - auf einem Konzert von Sunn O)))! Haha, das haben an gleicher oder anderer Stelle schon viele vor ihm versucht und sind kläglich gescheitert. Was den Jungen gleich noch eine Ecke sympathischer macht. Für die heimische Stereoanlage sind solche Hilfsmittel bekanntlich nicht von Nöten, ein Grund mehr, sich frohgemut die für Januar angekündigte Liveplatte der Drone-Metaller "Metta, Benevolence BBC 6Music: Live On The Invitation Of Mary Anne Hobbs" zuzulegen. Bestellbar ist diese u.a. auf dem hauseigenen Southern-Lord-Label, zu hören sind die drei Stücke "Pyroclasts F", "Pyroclasts C#" und "Troubled Air", bei den beiden ersten Tracks stand im Übrigen auch Anna von Hausswolff mit auf der Bühne.



Sonntag, 7. November 2021

Warm Graves: Verdunklung

Das betonen sie dann aber schon sehr deutlich: Warm Graves is a band. So steht es auf der Website, so steht es auch in der Bio des Netzarchivs Discogs. Aber sonst sucht man die Mehrzahl eher vergebens, denn eigentlich wird immer vom Projekt des Leipzigers Jonas Wehner gesprochen, seine beiden Mitstreiter Jared Wyatt und Zar Monta Cola bleiben in der Regel unerwähnt. Nun, sie werden das wohl intern regeln können, kann ja auch sein, dass keiner der drei eitel genug für Missstimmigkeiten ist. 2014 hat die Band jedenfalls ihr Debütalbum "Ships Will Come" abgeliefert, dunkle, aber eher weiche Synthmelodien, dazu chorale Gesänge - sehr eigen, das alles. Jetzt steht ganze sieben Jahre später der Nachfolger an, "Ease" soll er heißen und wenn die Platte dann am 25. Februar 2022 bei Fuzz Club erscheint, werden alle feststellen können, dass sich einiges geändert hat. Noch dunkler, härter auch klingen nun die Tracks, es geht ein Stück weit in Richtung Cold Wave und auch die Chöre sind verschwunden, man hört nur noch Wehners Gesang. Der erste Vorabsong "Neon" dauert gleich mal knapp neuneinhalb Minuten, das kunstvolle Video stammt von Samuel Quinn.

20.11.  Mannheim, Maifeld Derby
25.11.  Berlin, Monarch




Mandy, Indiana: Kaum zu fassen

Es hat ein wenig gedauert, aber so ist es nun mal mit manchen Dingen - man schiebt angeblich Dringenderes vor, und doch hat sich ein Beat, eine Stimme, ein Song in's Hirn eingegraben und lässt nicht mehr locker. Bis er eben hier, mehr zur Selbstbestätigung, doch noch vermerkt wird. "Bottle Episode" heißt er also der Track und beginnt mit reichlich Trommelwirbel und geheimnisvollen französischen Versen, die sich dazuschleichen, bis der Beat einsetzt und alles wieder ganz anders wird. Das Stück stammt von Mandy, Indiana, einem schwer zu fassenden Trio aus Manchester, das vormals Gary, Indiana hieß und gerade seine neue EP veröffentlicht. Was das also ist? Nun, Industrial, Post-Punk, Rave, such dir was aus - es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass dich die düsteren Rhythmen packen und nicht mehr loslassen, egal ob nun bei besagter Single oder den früheren Stücken "Alien 3" (auch als Remix von Daniel Avery) und "Nike Of Samothrace". Den Nukleus der Band bilden Valentine Caulfield, in Paris geboren und somit für die französischen Lyrics verantwortlich, und Gitarrist Scott Fair, später kam Liam Stewart an den Drums hinzu und gemeinsam werkeln sie nun an einem seltsam faszinierenden Gemisch aus britischer Ravekultur und französischem Extremkino von Leos Carax und Gaspar Noe. Letzteres lässt sich in den spektakulären Videos der Band bestaunen, die komplette 12" erscheint am 19. November u.a. beim Label Fire Talk.









Samstag, 6. November 2021

Jennylee: Doppelte Vorfreude [Update]

In der vergangenen Tagen gab es zumindest in Hamburg, Berlin und Köln einige Jubelschreie zu vernehmen - verständlich, schließlich kommen im Mai nächsten Jahres die Damen von Warpaint in den besagten Städten auf ein Konzert vorbei. Nachdem im April mit "Lilys" ja schon der erste neue Song der Band erschienen war, nährt das natürlich die Hoffnung auf ein weiteres Album des kalifornischen All-Girl-Quartetts. Nun könnte es allerdings durchaus sein, dass Bassistin Jenny Lee Lindberg sogar etwas schneller im Regal ist, schließlich veröffentlichte sie gerade ihre eigene aktuelle Solosingle "Newtopia", die ihrerseits wieder auf einen Nachfolger des Debüts "Right On!" aus dem Jahr 2015 spekulieren lässt. Aber ob nun Warpaint oder Jennylee, die Vorfreude ist dann halt einfach doppelt so groß, egal wer am Ende die Nase vorn hat.

Update: Für die dazugehörige Flipside "Clinique" hat, so ist zu lesen, die komplette Band mit angepackt. Wozu hat man denn sonst seine Freundinnen?



Gewalt: Im Fegefeuer

Gewalt
„Paradies“

(Clouds Hill Records)

Lustig? Nein, lustig ist hier mal gar nichts. Obwohl – Patrick Wagner, dem zornigen, aber grundsympathischen Schreihals und Frontmann der Band Gewalt, wäre auch das noch zuzutrauen. Schließlich ist ihm nichts mehr zuwider als Langeweile und Stumpfsinn, Hauptsache es bewegt sich was, in welche Richtung auch immer. Doch wenn schon nicht lustig, dann ist das zumindest unfreiwillig komisch, dass also eine Band, die das Deutsche so ostentativ verabscheut wie das Berliner Quartett, deutscher nicht klingen könnte. Also nach zackigem Stechschritt, nach Drill, mit Worten, gebrüllt wie Kasernenkommandos, schmerzhaft wie Peitschenhiebe. Überhaupt: Schmerz. Um den geht’s bei Gewalt, bei Wagner vordringlich. Wer Schmerz spürt, ist am Leben, bewegt sich, instinktiv. Alles andere zählt nicht. Das mag jetzt vielleicht kein originärer Ansatz sein, vor Gewalt gab es schließlich schon viele, die sich an der Körperlichkeit und Unbedingtheit menschlicher Existenz abarbeiteten –und doch ist es neu, ist es hierzulande einzigartig, was Wagner zusammen mit Helen Henfling an der Gitarre, der wunderbaren Jasmin Rilke am Bass und Schlagzeuger LMMS da veranstaltet.

Suicide also, D.A.F., Atari Teenage Riot vielleicht und auch die allzeit sträflich unterschätzten Public Image Ltd., all diese Querverweise lassen sich aus den zehn neuen und den elf nicht mehr ganz so aktuellen Songs, die zu diesem herrliche Doppelalbum gehören, herleiten. Die Zusammensetzung aber, die Verkantung der Zutaten zu diesem furchterregenden, überwältigenden Sound lässt einem, hört man ihn in dieser Massierung, den Atem stocken. Die bösen Maschinenbeats von „Gier“, das mächtige stampfende Intro der Single „Es funktioniert“ (das man so ähnlich vielleicht schon mal bei The Art Of Noise gehört haben will), die wild kreischenden Gitarren von „Stirb es gleich“ oder der Bass, der bei „Stumpfer werden“ direkt in die Magengrube zielt. Gewalt kennen keine Gnade – dieses Album kommt als eine Art musikalisches Ultimate Fighting daher und gibt erst Ruhe, wenn der Gegner erschöpft am Boden liegt - Kapitulation.

Gegner ist genaugenommen natürlich schwierig, denn es ist nicht anzunehmen, dass die Adressaten von Wagners verbaler Wut jemals eine Zeile davon zu hören bekommen: Die öden Spießer also, die Kontrollfreaks, Wohlstandsbewahrer und Änderungsverweigerer. Draußen ist immer noch feindlich, da ist er ganz in den 80ern bei Blixa Bargeld und dem infernalischen Gesplitter der Einstürzenden Neubauten. Draußen sind die anderen Menschen, da will er nicht hin, denn die tun ihm nicht gut. Die verstecken die Abweichler in geschlossenen Zellen und erklären sie zu hoffnungslosen Fällen, zu Irren. Doch wer gehört dazu? Wer ist normal und wer verrückt? Und wo ist es, das versprochene „Paradies“ – ist es außerhalb der Mauern oder doch hier drinnen? Unerbittlich ist er, der Wagner, Selbsthass ist ihm vertraut. Denn er weiß, dass er und wir alle, die wir gern mit dem Finger auf andere zeigen, ebenso schuldig sind, dass wir mit dazu gehören zum ganzen Schlamassel. Einzig diese Erkenntnis verspricht, wenn schon keine Rettung, so doch wenigstens die Linderung der Schmerzen. Eine Platte wie ein Fegefeuer – wildes Geheul, weiße Glut, keinerlei Hoffnung. Und doch, ganz zum Schluss, in der Stille zwischen Nacht und Tag, um „3:35“, da entdeckt Wagner die Liebe. Und erzählt uns von ihr, zum Trost.

Donnerstag, 4. November 2021

The Ninth Wave: Wut im Bauch

Über die Bedeutung und Wirkung von Bildern müssen wir hier sicher niemanden mehr aufklären, auch eine Band wie The Ninth Wave aus Glasgow weiß Bescheid, welchen Effekt sie mit dem Video zu ihrer neuen Single "What Makes You A Man" erzielt. Kontrastreiche, monochrome Bilder, hart geschnitten, abgefuckte Location, dazu die geschredderten Gitarren und das frostige Gesicht von Millie Kidd - hier ist etwas nicht in Ordnung, sagt uns der Clip von Rianne Withe. "‘What Makes You A Man’ is as claustrophobic as it is cathartic. It’s a journey of self deprecation, and how one event can be such a throwaway meaningless action for one half but be life changing for the other. I don’t want to blame myself for the degrading actions of others anymore - I want to stand up to this shame I hold with me, and recognise that it is not mine, I’m just the one carrying it", so die Sängerin. Und weiter: "It’s a hard one to swallow, but it’s a situation most of the women I know have been in. To be a ‘man’, do you have to dominate? To face your own mistakes, to look at yourself and admit that you were wrong - does that make you more of a man? So what does that make me?" Fünfzehn Stücke wird das zweite Album der Formation, das unter dem Titel "Heavy Like A Headache" am 11. März bei Distiller Records erscheinen wird, enthalten und es ist anzunehmen, dass der vorliegende Song nicht der einzige mit Wut im Bauch sein wird. Nach dem Debüt "Infancy" hatten die vier 2020 die EP "Happy Days!" veröffentlicht.

Mittwoch, 3. November 2021

Alt-J: Andere Prioritäten [Update]

Die Zeit ändert die Menschen, wer wüßte das nicht. Manchmal sind es nur Äußerlichkeiten, manchmal das ganze Leben. Beim britischen Trio Alt-J sind es zunächst einmal die Frisuren. Noch im Frühjahr waren die Joe Newman, Gus Unger-Hamilton und Thom Green auf Promobildern im trendigen Kurzhaarlook zu sehen, nun scheinen sie etwas verwildert. Müsste man eine Pointe daraus spinnen, dann haben sie wohl all ihr Wollen und Können auf das neue, vierte Album "The Dream" gerichtet, das am 11. Februar 2022 bei Infectious Music erscheinen soll - da waren dann andere Dinge eben sekundär. Und geht es nach der aktuellen Single "U+ME", dann hat sich diese Art von Priorisierung durchaus gelohnt. Denn das psychedelisch angehauchte Stück groovt schwer zu den verrückten Bildern von Prosper Unger-Hamilton, dem Bruder des Keyboarders. Soll heißen: Alles ruft hier Erwartung und Spannung, wir werden sie auf alle Fälle im Blick behalten. Das hatten wir beim Vorgängeralbum "Relaxer" auch nicht anders gehalten und sehr gut daran getan.

Update: Für die zweite Single "Get Better" gibt es zarte Gitarren und eine fest schon antike Pixelparade der Regisseurin Stefanie Grunwald (Moertel).



Idles: Energischer Kriechgang [Update]


Es muss tatsächlich für eine/n Musiker*in ein komisches Gefühl sein, eine Platte im Kasten zu haben, aber sie nicht auf die Bühne bringen zu können/dürfen. Die Idles aus Bristol sind beileibe nicht die einziegn, die mit solchen Problemen zu kämpfen hatten - im vergangenen Jahr ist ihre dritte Studioplatte "Ultra Mono" erschienen, Pandemie und Lockdown hinderten die Band allerdings daran, die Stücke in aller Ausführlichkeit auch live zu präsentieren. Was, nebenbei bemerkt, für Joe Talbot und Kollegen vielleicht noch etwas schwerer war, denn die Auftritte vor Publikum sind nun mal ihrer wahre Währung. Um so überraschender jedenfalls, dass die Band heute mit der Nachricht aufschlug, am 12. November via Partisan Records schon den nächsten Longplayer ins Regal stellen zu wollen - "Crawler" (Coverart unten), so der Titel, kommt mit der Single "The Beachland Ballroom" im Schlepptau, einem langsamen, tatsächlich fast kriechenden, Grower. Songschreiber Mark Bowen, gerade bei Steve Lamacq am Mikrophon, meinte, das Stück stände für essentiell das, was die Idles ausmachen würde, einen Soul- oder Elektroniksong würden sie ohnehin nicht hinbekommen. Gibt es nichts gegen einzuwenden - wir bleiben einfach dran.

Update: Wie von der Band angekündigt, gibt es für die neue Single nun auch ein weiteres Video - hier kommt "The Beachland Ballroom, Part 2" und auch gleich noch den nächsten Song "Car Crash".




Spiritualized: Raumdeutungen

Schon komisch, dass bei allem Gewunder und Gebrabbel über den Segen der nunmehr auch privaten Reisen ins Orbit neben den gottgleich gehandelten Herren Bezos, Musk und Branson nie der Name Pierce fiel. Und dabei hat sich Jason Pierce, von dem wir hier reden, als Gründer der Band Spiritualized durchaus verdient gemacht um die Raumfahrt, zumindest im musikalischen Sinne. Denken wir nur an so ein wundervolles Album wie das 1997 erschienene "Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space" oder die Compilation "The Space Project" aus dem Jahr 2014. Auf dieser fand sich unter anderem auch ein Song namens "Always Forgetting With You (The Bridge Song)", den Pierce just dieser Tage zum Aufhänger für seine gerade angekündigte neue Platte "Everything Was Beautiful" nimmt. Dort nämlich findet sich als Eröffnung das Stück "Always Together With You" und das ist nichts weniger als ein Wiedergänger des Liedes von besagtem Sampler. Aber keine Sorge, wenn wir richtig gelesen haben, dann finden sich auf dem neuen Werk auch noch sechs taufrische Kompositionen, mit "Let It Bleed" auch eine mutmaßliche Hommage an Iggy Pop und die Stooges. Pierce selbst übrigens hat mit dem neuen Titel jenes berühmte Zitat des Autors Kurt Vonnegut vervollständigt, das er für seine letzte Platte "And Nothing Hurt" schon angerissen hatte.



Laura Lee And The Jettes: Kein Aufschub mehr [Update]

Da mussten selbst wir kurz mal nachschauen, damit bei allem Überschwang nicht doch noch ein falscher Zungenschlag reinkommt: Heute ist nämlich eine neue Single von Gurr-Mitbegründerin Laura Lee und ihrer neuen Band, The Jettes, erschienen und weil in Zeiten wie diesen nichts ohne erklärendes Statement geht und ja auch bald das Album "Wasteland" ansteht, gab Lee Folgendes zu Protokoll: "Die Situation in den letzten 1,5 Jahren war fürchterlich. Aber ich glaube, ohne diesen Lockdown und die damit einhergehende komplette Stille des öffentlichen Lebens hätten wir das Album nicht auf diese Weise machen können. Wir waren so konzentriert, durch nichts abgelenkt oder irgendwie in Versuchung, zu prokrastinieren. Ich glaube, diese Aufmerksamkeit hört man den Songs auch an. Alles ist sehr ausgetüftelt, sowohl von Arrangement Seite als auch von den Sounds." Nun also, 'Prokrastinieren' hat nichts mit gesundheitlichen Problemen alter Männer zu tun, sondern meint das mögliche Aufschieben von notwendigem Tun. Haben sie demnach nicht gemacht, sondern tatsächlich alles eingetütet und so erscheint dann am 26. November unter Mithilfe von Die-Nerven-Mastermind Max Rieger bei Duchess Box Records das Studiodebüt. Im September vergangenen Jahres haben wir hier ja schon einige Songs präsentieren können, (ob) welche davon auf der Platte landen, wird man sehen. Hier jedenfalls erst mal der Neuling "Absolut".

Update: Krautrock können sie also auch - hier kommt mit "Caterpillar" die zweite Single ... gleich noch gefolgt von Single Nummer drei "Craigslist Boy". 

22. bis 25.09. Hamburg, Reeperbahn Festival
19.11. Berlin, Synasthesie Festival





Pauls Jets: Jets ist anders [Update]

War's das jetzt? Also mit dem Austropop-Hype 2.0? Wanda verlieren sich bei allem Respekt im Beliebigen und Schlagerhaften, Bilderbuch geizen mit neuem Material, Voodoo, Nino, Granada, nun ja. Die erste Reihe ist also etwas aus dem Takt, Grund genug für den Nachwuchs, eine kleine Meuterei anzuzetteln. Und wer wäre dafür besser geeignet als Paul Buschnegg und seine Kombo. Nach "Alle Songs bisher" und "Highlights zum Einschlafen" hat das Quartett nämlich gerade die lange geplante Übernahme einer wertvollen Fan-Klientel angekündigt - der Jazz-Fans. Diese nämlich sind intelligent, belesen, finanziell in der Regel bestens ausgestattet und verfügen über einen erlesenen Geschmack. Von der Neo-Spießigkeit des Genres bzw. seines Anhangs wollen wir jetzt mal schweigen, Fakt ist, dass Pauls Jets beim ausgewiesenen Jazz-Label Staatsakt aus Berlin einen Plattenvertrag unterzeichnet haben und dort am 18. Februar 2022 ihr neues Album "Jazzfest" herausbringen werden - das Video zum Titelsong schicken sie schon mal voraus. Und weil die einschlägigen Jazzfestivals im kommenden Jahr schon ausgebucht waren, spielen sie halt einfach eine stinknormale Tour als Support von Isolation Berlin mit den nachfolgenden Terminen:

01.03.  Augsburg, Kantine
02.03.  Freiburg, Jazzhaus
04.03.  München, Technikum
05.03.  Zürich, Bogen F
06.03.  Stuttgart, Im Wizemann
08.03.  Frankfurt am Main, ZOOM
09.03.  Düsseldorf, Zakk
10.03.  Bochum, Rotunde
11.03.  Münster, Gleis 22
12.03.  Köln, Gebäude 9
14.03.  Hannover, Béi Chéz Heinz
16.03.  Leipzig, Conne Island
17.03.  Kiel, Die Pumpe
18.03.  Hamburg, Mojo Club
19.03.  Rostock, Peter Weiss Haus
24.03.  Dresden, Beatpol
25.03.  Berlin, Festsaal Kreuzberg

Update: Und hier kommt ein weiterer Song zum Warmwerden - "So richtig in Love".