Montag, 25. Januar 2021

Sleaford Mods: Beharrlichkeit vs. Veränderung [Update]

Sleaford Mods
„Spare Ribs“

(Rough Trade)

Auf Netflix gibt es gerade eine sechsteilige Dokumentation mit dem Titel „History Of Swear Words“. Die einzelnen Folgen lauten (kein Scherz!) „Fuck“, „Shit“, „Bitch“, „Dick“, „Pussy“ und „Damn“, moderiert werden die Erläuterungen honoriger Wissenschaftler und bekannter Celebrities von Schauspieler Nicholas Cage. Über den näheren Sinn einer solchen Filmreihe darf gestritten werden, gleich nachdem Cage mit einer Art Urschrei das erste Tabu gebrochen hat – man kann die zartbesaiteten Zuschauerseelchen auf der Couch richtig zusammenzucken sehen, wenn es hier angeblich mal richtig zur Sache geht. Allerdings fragt man sich spätestens nach ein paar Minuten, wo denn in dieser illustren Besetzung Jason Williamson, Frontmann der Sleaford Mods abgeblieben ist – kaum ein Künstler dieser Tage hat das Fluchen so sehr wie er zur poetischen Kunstform erhoben, keinem ist es so sehr Markenzeichen geworden und wollte man seine Songs im amerikanischen Radio spielen, sie müssten wohl als einziger, langer Piepton enden.

Doch natürlich ist das keine wirkliche Frage und schon gar kein ernsthaftes Problem. Denn wo auf der einen Seite der verlogene Grusel einer bigotten Gesellschaft steht, die sich mit solch vermeintlicher Aufklärung kurz mal mutig fühlen will, stehen die Sleaford Mods seit Jahren und immer noch für ehrliche Entrüstung, für anhaltende Wut aus tiefstem Herzen, der Williamson schonungslos grimmige Worte verleiht. Mittel zum Zweck, künstlerische Ausdrucksform also, die Songs des Duos sind nicht prinzipiell böse, sondern weil sich Williamson partu nicht mit den bedauernswerten Zuständen in seiner Heimat abfinden will und mit denen, die sie verschuldet haben. Deshalb greift der Vorwurf der Wiederholung auch für dieses, ihr offiziell sechstes gemeinsames Album zu kurz – denn an der gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Krise in England und Europa hat sich ja nichts wirklich geändert, im Gegenteil, Brexit und Pandemie wirken quasi als Brandbeschleuniger und machen die katastrophalen Mängel um so sichtbarer.



Kein Grund also für Williamson, in seinem Furor nachzulassen, seine Texte mögen weniger laut und proklamatorisch geworden sein, bissig und scharf am Rande des Zynismus sind sie geblieben. Seine Abneigung für die politischen Eliten des Landes gibt es gleich in einer Art Eingangsmonolog zu hören („And we're all so Tory tired and beaten by minds so small“) und findet im Spottgesang auf Johnsons Ex-Berater Dominic Cummings („Shortcummings“) seine treffliche Fortsetzung. Die wunderbare Single „Nudge It“ (eingespielt mit Amy Taylor) rechnet mit Posern und Mitläufern ab, „Elocution“ nimmt Kollegen auf’s Korn, die sich von Staat oder Industrie vor den pseudosozialen Karren spannen lassen. Gnadenlos, bilderreich und pointiert, Williamsons Lyrik, die ja nicht zu Unrecht auch schon diverse Male in Buchform erschienen ist, hat an Facetten eher dazugewonnen und nichts von dem Humor verloren, der auch bereit ist, sich selbst nicht so furchtbar ernst zu nehmen.

Hinzu kommt seine Fähigkeit, das eigene Tun zu hinterfragen, eine Eigenschaft, die gerade in Zeiten selbstgerechter Verurteilungen mittels sozialer Medienschelte verlorengegangen scheint und auch unter Musikern nicht eben häufig ist. Dem Netzportal The Quietus hat Williamson kürzlich ein sehr aufschlussreiches Interview gegeben, in welchem er seltenen Einblick in seine eigene Psyche zulässt, von seinen inneren Kämpfen und Anstrengungen erzählt, wenn es um sein Verständnis von Männlichkeit und das Verhalten Frauen gegenüber geht. So sagte er dort: „We're in such a backdrop of cynicism, I'm just as bad, I've made a living out of it. I'm quite clearly not looking for fucking praise. It means a lot to me to try and understand my attitude towards women and how that has changed in light of the fact that I wanted to change. I've still got a lot of work to do but I don't think I'm as heinous as I was, and I think it's important sometimes to say shit like that isn't it?“ Klare Worte, selten gehört.



Auch wenn sich inhaltlich aus den genannten Gründen nicht nennenswert viel ändern konnte, so haben die Sleaford Mods doch an ihrem Sound einiges gedreht. Der von den beiden eher als einengend empfundene, kantig-harsche Post-Punk weicht seit dem Vorgänger „Eton Alive“ zugunsten minimalistischer Dancetunes, was dort mit dem schwer groovenden „Kebab Spider“ seinen Anfang nahm, kulminiert hier gleich in vielerlei Gestalt, etwa bei „Nudge It“, „Mork N Mindy“, „All Day Ticket“ oder dem technoiden Beat von „I Don’t Rate You“. „We're musicians first and foremost, we're not just angry men, we got into this to write music“, so Williamson in besagtem Gespräch, „we love pop music and I don't see why we can't push it further.“ Das große Kompliment, den Spagat zwischen alt und neu geschafft zu haben, gebührt natürlich Andrew Fearn, der mit „Spare Ribs“ eine bemerkenswerte Arbeit abgeliefert hat. Dazu gehören auch Überraschungen wie das klug und überaus zurückhaltend arrangierte „Top Room“ und der Closer „Fishcakes“, fast ein Zwilling zu „When You Come Up To Me“ vom Vorgänger. Es ist also, in Summe, ein neuerliches Meisterstück geworden. Schon wieder. 

Update: Nachdem die phänomenale Platte auch in den deutschen Albumcharts unerwartet grandios durchgestartet ist, dürfte auch auf den gerade bekannt gegebenen Tourterminen hierzulande einiges mehr los sein - deshalb also ranhalten, am Freitag ist VVK. Here we go...

24.03.2022  Hamburg, Gruenspan
31.03.2022  Zürich, Mascotte
01.04.2022  München, Neue Theaterfabrik
02.04.2022  Berlin, Columbiahalle
03.04.2022  Köln, Live Music Hall

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