Mittwoch, 3. Mai 2017

Slowdive: Keine Zweifel

Slowdive
„Slowdive“

(Dead Oceans)

Da schimpfen wir immer über all jene, die nicht aufhören, nicht loslassen können und die Gründe, die dafür ins Feld geführt werden, sind mal abenteuerlich, mal profan. Die einen brauchen schlicht das Geld, andere wie beispielsweise erst kürzlich The Jesus And Mary Chain wollten den Nachahmern nicht die Urheberrechte überlassen für etwas, was sie selbst doch weitaus überzeugender beherrschen. Eigentlich ist es ganz einfach: Denn tragen nicht die Bands selbst das Risiko, Namen und Ruf für einen möglichen Fehlversuch auf’s Spiel zu setzen? Und ist es nicht allzu verständlich, immer noch und immer wieder das machen zu wollen, was man über die Jahre doch am besten konnte und was seit jeher für viele von ihnen die einzig ernsthafte Berufung war? Das einzige, was einen Sinn ergab? Der Fluch der Leidenschaft also? Die Gebrüder Reid haben es jedenfalls versucht, Lush ebenso, Kevin Shields ist mit My Bloody Valentine noch am Drücker und auch Ride werden Mitte des Jahres wohl ihr Bestes geben.



Daß die Sache bei Slowdive ein wenig anders liegt, läßt sich ganz gut an den von ihnen geäußerten Beweggründen für das Comeback nach 22 Jahren Studioabstinenz ablesen. Neil Halstead und Rachel Goswell hatten ja seinerzeit keinen ganz unumstrittenen Ruf in der Shoegazing-Szene, galten als die reichen Mittelstands-Kids ohne wahre Credibility. Der englische Guardian hat gerade wieder das Zitat von Richey Edwards, dem mittlerweile verstorbenen Gitarristen der Manic Street Preachers, ausgegraben, der vor Jahrzehnten lautstark mobbte: „I hate Slowdive more than Hitler!” Und irgendwie steckt das alles noch drinnen, wollten die fünf Musiker der aktuellen Besetzung lange Zeit nicht glauben, daß es sehr viel mehr Menschen als angenommen gab, denen die bisherigen drei Alben der Kapelle aus Reading Lebenselixier waren und sind. 2014 fanden sie sich dann doch für die ersten Liveauftritte zusammen und schon damals war schnell klar, daß sie nicht als Coverband ihrer selbst in Erscheinung treten wollten, sondern unbedingt auch neue, frische Songs hermußten. Und spätestens mit dem Stücken zwei und drei des neuen Albums verfliegt der letzte Zweifel daran, ob es sich hierbei um eine lohnendes Unterfangen handeln könnte.

Die mächtigen, so wunderbar wohlklingenden Gitarren von “Star Roving” und die polternden Drums bei "Don't Know Why" schicken einen im Handumdrehen zurück in die Zeit, da sich die Pedalkünstler Ende der Achtziger das Beste aus Post-Punk, Ambient, Goth und Psychedelic krallten und darauf ihre monumentalen Soundwälle errichteten. Anlaß zum Schwelgen also geben die acht Stücke der Platte genug, Halsteads und Goswells Gesang schimmert noch immer als irisierendes Etwas zwischen all den Schichten hervor und bringt die Songs bei aller Mächtigkeit einmal mehr zum Schweben. Allen Spätgeborenen, die dieser Musik lauschen, wird zudem schnell klarwerden, wo sich zum Beispiel The XX ihre Inspiration geholt haben, die Anklänge bei „Sugar For The Pill“ und „No Longer Making Time“ sind unüberhörbar und buchstabieren den Subtext: Wir waren zuerst da. Beeindruckend auch das achtminütige Fadeout von „Falling Ashes“ – hypnotische Piano-Loops mal ganz ohne Getöse, geradeso als ob sie zeigen wollten, daß sie mühelos beides können, laut und leise. Wenn dies das Album ist, was sie jahrelang in sich getragen haben, dann kommt es keine Sekunde zu früh. http://www.slowdiveofficial.com/

16. bis 18.06.  Mannheim, Maifeld Derby

1 Kommentar:

ruegi8 hat gesagt…

Album des Jahres...!!! Genial