Donnerstag, 4. Mai 2017

Kendrick Lamar: Wahl der Waffen

Kendrick Lamar
„DAMN.“

(Aftermath/Interscope)

Die Zeit der Gladiatorenkämpfe und Duellanten ist ja gottlob seit langem vorbei – obwohl: Manchmal wünscht man sich diesen zwar sehr brutalen, aber ehrlichen Kampf face to face wieder zurück, wo es kein Auskommen, kein Hintertürchen, keine Zweideutigkeiten gab. Wahl der Waffen, Kurzschwert, Dreizack oder Vorderlader, in den Clinch oder hundert Schritt Abstand – Entscheidung, aus. Kein anonymer Dolchstoß via Hassmail, keine gefakten News, keine Social Bots, sondern nur entweder/oder. Mit solcherlei Gegenüberstellungen ist also in nächster Zeit nicht zu rechnen, insofern war es schon von Interesse, wie schnell und auf welche Weise sich denn der Widerstand gegen den neu gewählten Präsidenten und seine Form der politischen Führung und Auseinandersetzung in den USA formieren würde. Und weil Kendrick Lamar (und eben nicht Kanye West) neuerdings und mit aller Berechtigung als eine der klügsten, kreativsten und prominentesten Stimmen des schwarzen Amerika wahrgenommen wird, war es auch nicht unwichtig zu hören, wie er denn mit der Situation nach dem neuerlichen Black Friday im Januar diesen Jahres auf seinem aktuellen Album umgeht.



Und überraschenderweise gleichen sich hier die Reaktionen. Die intellektuelle Elite scheint, nach anfänglichem Jammergesang und Wutgeheul darauf geeinigt zu haben, zunächst einmal die Reihen zu schließen und besser wohlüberlegt und konstruktiv an der Gegenwehr zu arbeiten. Und auch Lamar greift nicht vorschnell zur groben Keule (die seine Sache ohnehin noch nie war) – wie schon die Geschwister Knowles und die wiedererstarkten Helden von A Tribe Called Quest besinnt er sich auf die Stärken der eigenen Community und führt gegen Dummheit, Angst und Ausgrenzung besser die Vielfalt ins Feld. Musikalisch ist das ungemein spannend, treffen sich doch weißes Establishment der ganz alten Schule (U2), hippe Szenelieblinge (BadBadNotGood, Kaytranada), der dreckige Pop von Rihanna, Saxguru Kamasi Washington und Jungstar Zacari, wechseln HipHop, Reggae, Drone-Beats, Jazz und ganz viel Soul unter der meisterlichen Ägide von Soundbastlern wie Daniel Tannenbaum aka. Bekon, Mark Spears (Sounwave) und Anthony Tiffith (Top Dawg).

Namentlich hervorzuheben: „Element.“, das Lamar gemeinsam mit James Blake geschrieben hat und sein Selbstverständnis, seinen Stolz in Großbuchstaben proklamiert, natürlich der fette Doom der ersten Single „Humble.“, die mit markigen Raps in dieselbe Kerbe schlägt. Unbedingt die rumpelnden Beatschleifen von „Lust.“, angereichert mit trockenen Drums und diversen Jazz-Anleihen, „XXX.“ mit deutlichen Worten zu Gewalt, Patriotismus und Doppelmoral, verbunden mit einem Seitenhieb an all jene, die sich gern über Obama mokiert haben und nun mit der denkbar schlechtesten Alternative klarkommen müssen. Es steckt viel Wut in den Texten, was Wunder, aber sie ist nicht blind, sondern weiß zu differenzieren, kann kunst- und kraftvoll sein, voller Sarkasmus. Stücke wie „DNA.“, „Pride.“ und „Fear.“ arbeiten in selten gehörter Klarheit das komplette schwarze Lebensgefühl dieser Zeit auf, stecken voller Bitternis und Verzweiflung, Selbstkritik und Häme, aber genauso Stolz, Zuversicht und unbedingtem Lebenswillen. In dieser Konsequenz gab es so etwas selten zu hören, so scharf und bissig haben es wenige vor Lamar gebracht. Die Wahl der Waffen hat er also schon mal gewonnen, wie’s weitergeht, wird sich bald zeigen. http://www.kendricklamar.com/

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