Mittwoch, 4. Januar 2012

Entkerntes Pathos

Milagres „Glowing Mouth“ (Kill Rock Stars)
Im Grunde braucht es nur die ersten zehn Takte von “Halfway” um zu wissen, wohin bei Milagres (portug. zu dt.: das Wunder) der Hase läuft – schaden kann es natürlich nicht, sich das komplette Album der fünfköpfigen Band aus Brooklyn anzuhören, mehr noch, man kann es geradezu empfehlen. Zehn Takte also, bis die Stimme von Kyle Wilson wie warmer Regen aus den Boxen tropft, zehn Takte bis zur Erkenntnis, die Paul Lester vom Guardian so treffend formuliert: “A band that sounds like Coldplay yet doesn't suck … It's a Milagres!“

Coldplay also. Bevor jetzt mancher angewidert zurückspringt – gemeint sind hier natürlich nicht die überproduzierten, grenzenlos pathetischen Zuckerpuppen von heute, die einem nicht selten die Fremdschamesröte ins Gesicht treiben. Nein, auch Coldplay hatten einst mit „Parachutes“ ein durchaus ernstzunehmendes Album im Programm, und genau aus dieser Zeit, aus „Spies“, „Yellow“ oder „Sparks“ beziehen die Milagres einen Großteil ihrer Inspiration. Angereichert mit einigem elektrischen Gerät und diesem tatsächlich portugiesisch anmutenden Gitarrenfado, gelingen der Band einige wirklich schöne Momente.

Das ganze Konzept wirkt im Vergleich zu ihren mutmaßlichen Vorbildern deutlich entschlackt, entkernt und bleibt trotzdem gefühlsbetonter Breitwandpop. Wenn sich Wilson im Titelstück in höchste Höhen falsettiert, in “Gentle Beast” verlorenen Zeiten nachtrauert (“Loved a girl, when I was twelve, … but I never feel the way that I felt”) - allen Songs haftet eine gewisse Grundtraurigkeit an (“Lost In the Dark”/“Gone”, etc.), die sie, vom Midtempo getragen, im schlechtesten Fall etwas vorhersehbar, im besten herzerwärmend machen.

Wie oft bei gleichgelagerten Alben wünscht man sich ab und an den einen, den schrägen, den verqueren Ton in die alles umhüllende Schwermut, Elbow haben das früher gut verstanden (heute gelingt das Guy Garvey auch nicht mehr), vielleicht ist das der Vorwurf, den man den Milagres und “Glowing Mouth” machen kann, daß sie dieser selbst befohlenen Traurigkeit allzu streng die Treue halten. Abschließend noch einmal Paul Lester: “They're not quite worth breaking your back or climbing a mountain for, but they do have a certain charm.” In der Tat. http://milagresmusic.com/

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